08 - AprilKink 2023 - Block (Marim 1)

Content Notes

  • Misgendern.
  • Bedrängen.
  • Abgrenzung.
  • Emocean.

Geschichte

Nach einer Lektion zum Thema Neurodiversität bei Psychotherapierenden und Einfluss davon auf Herangehensweisen an Kink und BDSM setzte sich Freden wieder in den Dating-Gemeinschaftsraum, um zur Verfügung zu stehen. Vii hoffte auf irgendein interessantes Spiel, dass viiv den Kopf frei fegen würde, – oder anders auslasten würde.

Vii hatte sich nicht einmal auf ein Buch als Wartelektüre festgelegt, als eine Person sich vis Tisch näherte. Sie berührte die Lehne des Sessels gegenüber und wartete fragenden Blickes auf ein Nicken viserseits, dem Freden auch nachkam. Erst dann setzte sich die Person, ein Mensch mit streng nach hinten gebundenen, schwarzen Haaren. Er trug einen sehr klassischen, schwarzen Anzug mit Fliege und legte den Zylinder auf dem Tisch ab.

“Geht es um mein Angebot?”, fragte Freden.

Der Mensch nickte. “Ich bin Marim. Ich hätte ein Anliegen und bin nicht so sicher, ob das tatsächlich in deinem Angebotsbereich liegt.”

“Das lässt sich ja hoffentlich klären.” Freden lächelte, versuchte, es einladend wirken zu lassen, obwohl vii sich spontan in Gegenwart jener Person überraschend unwohl fühlte. “Hast du Pronomen? Ist es okay, danach zu fragen?” Vii war mal einer gleichnamigen Person begegnet, eine die vii gern mal wieder gesehen hätte, aber war sich recht sicher, dass diese Marim-Person leider eine andere war.

“Ach richtig, ‘er’, ich nutze ‘er’.” Marim strich mit seiner Hand über die glatten Haare.

“Freden Tumull. Freden reicht. Vii/vis/viiv/vii. Möchtest du Beispielsätze?” Irgendwas gab Freden das Gefühl, dass Marim vielleicht noch nicht so viel Übung mit den selteneren Pronomen hatte.

Marim schüttelte den Kopf. “Vielleicht geht es darum sogar”, sagte er. “Ich möchte gern mal einen Mann küssen und wissen, wie sich das anfühlt. Und dabei mag ich gern etwas brutal sein.”

“Ich bin kein Mann”, sagte Freden bloß.

“Ich weiß.” Marim lächelte, als ob er Fredens plötzliche Distanz nicht wahrnähme, – was ja auch völlig okay wäre. Niemand musste diese Wahrnehmungsfähigkeit haben. “Aber wir spielen in BDSM ja Rollenspiele, wenn ich das richtig verstehe. Würdest du einen spielen?”

“Nein.” Freden bewunderte sich selbst dafür, wie sachlich vii dabei war. “Klares Tabu.”

“Das stand nicht in der Liste der Tabus in deinem Angebotsprofil. Ich habe es gründlich gelesen”, verteidigte Marim sich.

“Ich kommuniziere es jetzt.” Warum diskutierte Freden hier noch? “Das muss genauso viel wert sein.”

“Klar!” Marim lehnte sich im Sessel zurück und sprach nicht direkt weiter. Und dann fuhr er doch fort mit Argumenten: “Was ist eigentlich, so rein interessehalber, so schlimm daran, einen Mann zu spielen?”

“Ich möchte meine Grenzen nicht diskutieren.” Freden fühlte innerlich ein Lodern, aber ließ nicht zu, dass es in vis völlig ruhige Stimme geriet. “Ich werde dich jetzt blockieren. Das ist eine Information, damit du Bescheid weißt, was gleich passiert. Ich möchte keinen Antwortversuch.”

Freden konnte sehen, wie Marim zu einem weiteren Einwand ansetzte, und wünschte sich, die Blockiergesten würden bei viiv besser sitzen. Aber es ging recht zügig. Vii verstand nicht einmal das erste Wort von Marims Einwand, als die Person vom Sessel aus vis Sicht verschwand. (Und vii aus seinem, wie vii wusste.)

Einmal atmete Freden noch tief ein und aus, dann rannen Tränen über vis Gesicht. Wow, das hatte abgelenkt, aber nicht auf eine gute Weise. Freden wechselte mit Gesten die Kleidung in irgendwas sehr Weiches, Kuscheliges. Erst Momente später realisierte vii, dass es sich um einen rosa, weiß und blau gestreiften Bademantel handelte. Ausgerechnet ein Bademantel! In einem Dating-Raum war das wohl okay. Der Gedanke, dass Freden sich ausversehen während einer Tagung oder so in diesen Mantel gekleidet hätte, brachte vii kurz zum Schmunzeln, aber dann schnürte viiv die Wut und die Verletzung von eben wieder die Kehle zu. Vielleicht sollte vii die Virtualität verlassen und Tee trinken.

Vii verwarf den Gedanken, als sich ein Ork näherte und mit einer erstaunlich ähnlichen Geste wie die von Marim erfragte, ob er sich viiv gegenüber niederlassen dürfte. Freden zögerte, zu nicken. Vii hätte keine Kraft für noch so eine Interaktion, aber solche waren auch selten und der Ork machte einen sehr anderen Eindruck, einen, der weniger um ihn ging als um Freden.

“Ich bin Rosa Pride-Away, Pronomen sie/ihr/ihr/sie, aber alle außer ‘er’ sind auch okay”, stellte sich der Ork vor. Sie hatte lange rosa Locs, die Freden sehr gefielen.

“Rosa Pride-Away?” Der Name war Freden ein Begriff und vis Angst, jetzt irgendeine schlechte Erfahrung zu machen, löste sich komplett auf. “Welch Ehre!” Sie war eine schwer behinderte, trans demi-weibliche Bekanntheit in Maerdha, die regelmäßig bildende, aufklärende Artikel in die Welt entließ, sowie Veranstaltungen auf Barrierarmut testete, bewertete und beriet. Vielleicht etwas aggressiv für Fredens Geschmack, aber safe und mit viiv definitiv konform, was eine Menge politischer Meinungen anging.

Rosa nickte. “Du hast, als du dir deinen Account eingerichtet hast, die Einstellung vorgenommen, dass das Awareness-Team davon erfahren darf, wenn du Leute blockst.”

“Ach richtig!” Es war eine Weile her. Nun fiel es viiv wieder ein. Wieder schossen Tränen in vis Augen und vii ließ zu, dass es in der Virtualität sichtbar war. “Du bist im Awareness-Team? Von so einer kleinen Sache wie diesem Dating-Gemeinschaftsraum?”

“Du bist hier ja auch nicht einfach, weil es ein Dating-Gemeinschaftsraum ist, sondern auch, weil er versucht, besonders einladend gegenüber Behinderten zu sein”, mutmaßte Rosa richtig.

Freden nickte. “Absolut. Er ist trotzdem klein. Deine Kaliber sind doch sonst eher so Veranstaltungen wie das Funkenfest.”

Rosa kicherte. “Mach dir mal jetzt keine Gedanken darüber, ob ich zu berühmt für diese Absteige bin. Ich bin hier, weil du eine Person geblockt hast. Und ich würde gern zwei Dinge von dir wissen. Erstens: Brauchst du gerade emotionalen Support? Denn dafür bin ich da, wenn ich kann. Und zweitens: War es ein Grund, aus dem wir mit der Person ein Gespräch führen sollten, sie verwarnen sollten oder sie vielleicht komplett aus diesem Dating-Raum blocken sollten, oder siehst du es eher als etwas Persönliches zwischen euch?”

“Allein, dass gerade eine Person da ist, einfach nur da ist, hilft mir.” Freden atmete tief durch und berichtete, was passiert war.

Rosa reagierte mit Wut, mit angenehmer Wut. Freden wurde recht zügig klar, dass Rosa die Person ohne weitere Diskussion aus dem Raum blockieren würde.

Freden selbst hätte das wohl nicht getan, aber war gerade ganz froh, dass viiv das aus der Hand genommen wurde.

“Sowas geht einfach gar nicht”, erklärte Rosa, inzwischen etwas ruhiger. “Ich meine, selbst wenn wir da irgendwie diskutieren könnten, dass Marim vielleicht doch einfach nur noch ein klares ‘nein’ gebraucht hätte, – ich sehe es dir an, dass du dir diese Gedanken machst, gibt es zu!”

Freden nickte zögernd.

“Selbst dann ergibt es anders keinen Sinn. Marim wird hier kaum verletzt. Er hat doch gar kein Interesse, was zu lernen, wenn er nicht unbedingt muss. Leute wie du werden aber verletzt und dass die sich hier wohlfühlen, ist doch viel wichtiger. Marim und die üblichen Besuchenden hier werden nicht miteinander glücklich werden.” Rosa seufzte und lächelte dann ein aufmunterndes Lächeln. “Danke, dass du davon berichtet hast. Vielleicht bin ich etwas rigoros. Und dann wiederum: Wenn die Seite der Marginalisierten nicht rigeros ist, ist das Machtungleichgewicht stärker, denn die andere Seite ist’s eh.”