Über mich+
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Kurz: Über skalabyrinth
skalabyrinth ist ein deutsches Künstlery und Autory aus Kiel. Am bekanntesten ist as für die Fantasy-SciFi-Reihe Myrie Zange, eine Coming-of-Age Geschichte mit autistischer Hauptfigur. skalabyrinth ist selbst autistisch und hat sich mit der auf sechs Bände angesetzten Utopie (SolarPunk) auf eine lange Reise begeben, bei der es um Heilung geht, – von Wunden, die die Gesellschaft autistischen Wesen antut, aber auch um das Anstreben eines Gesellschaftsbildes, in dem wir alle besser leben, aufatmen, ausruhen und genesen können.
Das fantastische Foto hat Ann Teegen gemacht.
Meine Kunst im jeweiligen Lebenskontext
Erste Dinge auf der Homepage
2014 entwickelte ich die Idee, eine eigene Homepage mit meiner Kunst zu befüllen: Mit Bildern, Geschichten, Gedichten, Comic, Fotos, Musik. Die Idee war immer, allen Inhalt frei zu lizensieren und frei zugänglich zu machen. Damals war ich schon mit neocturne befreundet, die mich bis heute bei jedem Problem mit meiner Homepage unterstützt. Auf ihrer gemieteten Hardware läuft die Homepage, sie hat mich aufgeklärt, wie das mit Domains ging, und auf diese Art konnte es zügig losgehen.
Als erstes habe ich hier Pixelart hochgeladen. Die Pixelbilder legen womöglich nahe, dass ich einen besonderen Bezug zu Fischen und der Unterwasserwelt habe.
Explosions-Wucherung
Wenn ich versuche, mehr über mich adequat zusammenzufassen, fühlt sich das immer falsch an. Ich bin eine gewucherte Explosion an Eindrücken, die nicht zusammengehören. Entsprechend ist meine Seite gewachsen und ich sortiere sie stets vorsichtig nach, damit trotzdem Struktur da ist.
Ich gehöre nirgends dazu. Ich habe nicht den Eindruck, ich könnte schreiben, ich bin teil der queeren Szene oder irgendwas, weil ich, egal wo ich hingehe, rasch feststelle, dass ich da auch nicht hingehöre. Ich habe keine einzelne gefestigte Identität oder kein Gefühl dafür, wer ich bin. Das lässt sich nicht zu einem einfachen Bild zusammenfügen. Ich bin quasi ein Wimmelbild.
Mein letzter Ansatz einer Selbstvorstellung war eine Label-Sammlung. Damit ging es auf der einen Seite relativ einfach, weil die Form schön vorgegeben war, auf der anderen Seite fühle ich mich damit nicht wohl. Daher versuche ich dieses Mal, meine Kunst in Lebenskontext einzubetten, aus denen sie entstanden ist.
Ich bin ein Fisch
Ich bin ein Fisch. So habe ich mich schon in der Kindheit bezeichnet. Manchmal werde ich gefragt, warum, und antworte verschieden ausführlich. Ich mag das Meer, schwimme gern, fühle mich im Wasser wohler als an Land. Fische lassen sich nicht so leicht erwischen und umarmen, sie flutschen weg. Aber ich denke, es hat auch was mit Autismus und Trauma zu tun: Ich habe mich spätestens seit meiner Jugend nicht so recht zugehörig zu Menschen gefühlt, weil ich so anders war, aber auch, weil ich mich nicht gefühlt habe, als könne ich da mithalten: Als fehlten mir ein paar Kompetenzen, um mich Mensch nennen zu dürfen.
Fischsein hat mir die Last abgenommen, das zu müssen. Ich habe mich darin wohl und genug gefühlt.
Heute mögen die Gründe, weshalb es sich so entwickelt hat, teilweise überwunden sein. Ich bleibe ein Fisch.
Unterwasser-Fotografie
2016 bin ich irgendwie auf die Idee gekommen, die Welten, die ich beim Schnorcheln so sehe, zu fotografieren. Ich glaube, eigentlich habe ich da erst wirklich angefangen zu schnorcheln. Ich habe mir eine wasserdichte Folie gekauft für grob 2-3€, ein gebrauchtes Smartphone für 35€ (mein erstes), und bin damit durch die Ostsee geschwommen.
Es gab mehrere Probleme:
a) Die Ostsee ist salzig. Sie hat die Touch-Folie auf das Display gedrückt, das sich infolgedessen überall angefasst gefühlt hat. Mein zusätzlicher Finger auf dem Auslöse-Button hat da nicht weiter interessiert. Ich habe das Problem gelöst, indem ich einen Rahmen geschnitzt habe, der genau in die Hülle gepasst hat. Damit habe ich ein Luftpolster über das Display gespannt und konnte auslösen. Durch die Spannung sind die Hüllen bloß so alle 1-2 Jahre dann doch undicht geworden, aber das war verkraftbar.
b) Ich kann ohne Brille gar nicht gut sehen und Kontaktlinsen funktionieren für mich nicht gut. Ich habe also nicht gesehen, was ich fotografiere.
Das Problem habe ich auch bei Vogel-Fotografie: Ich kann nicht gut Dinge sehen, die sich auf der Netzhaut bewegen (das schließt Text ein, den ich lese, und der sich infolgedessen auf der Netzhaut bewegt). Daher kann ich sehr schlecht lesen und sehe sich bewegende Objekte nicht oder kaum, wenn ich sie fotografiere.
Entsprechend gibt es für mich oft Überraschungsfotos.
Ich glaube, das ist auch ein Grund mit, warum ich erst angefangen habe zu schnorcheln, als ich fotografiert habe, weil ich dann wenigstens im Nachhinein rausfinde, was ich hätte sehen können, könnte ich gut sehen.
Ich habe seit 2019 auf eine Unterwasserkamera umgestellt und insgesamt über all die Jahre tausende Fotos gemacht. Davon befinden sich einige ausgewählte in der Kategorie Sea Life.
Leseschwierigkeiten und Hörbücher
Ich habe Legasthenie oder diesen Sehfehler, bei dem ich Dinge nicht gut sehen kann, die sich bewegen, oder beides. Vermutlich beides.
Ich habe, anders als viele andere mit Legasthenie, durch viel, viel Übung in meiner Schulzeit auswendig lernen können, wie Wörter geschrieben werden. Aber wenn ich ein neues Wort höre, das ich noch nicht kenne, habe ich üblicherweise nicht die geringste Vorstellung, wie es in Buchstaben aussehen könnte. Darüber hinaus läuft beim Schreiben immer eine Rechtschreibprüfung in meinem Kopf mit, die jedes Wort prüft, bevor ich es schreibe. Ich merke es, wenn ich ein bisschen müde werde und anfange, Wörter phonetisch zu schreiben. Mein Lieblingsbeispielwort ist “vervolkt”. Es könnte sogar Sinn ergeben, “Volk” in das Wort zu gießen.
Aber das Resultat ist: Üblicherweise ist in meinem Schrieb für andere nicht so bemerkbar, dass Rechtschreibung für mich ein Problem sein könnte. Ich bin auch relativ gut in der Lage, Rechtschreibfehler-arm zu schreiben, auch wenn es mich sehr anstrengt und ich es beizeiten nicht einsehe, weil ich alternative Schreibungen bereichernd finde.
Aber Lesen ist eines. Lesen fällt mir sehr schwer. Ich lese etwas langsamer als Sprechgeschwindigkeit. Und wenn ich lese, dann forme ich in meinem Kopf den Text erstmal in eine Audio-Spur um, die ich mir dann anhöre, um den Text daraus zu erfassen.
Das schlimmste am Lesen ist aber, glaube ich, die Unterstimulation. Ich halte es ganz schlecht aus, Input nicht in der für mich passenden Geschwindigkeit aufnehmen zu können.
Wenn ich Vlogs oder Podcasts oder Vorträge oder so etwas höre, tue ich das üblicherweise auf ungefähr doppelter Geschwindigkeit, weil das zu meiner Aufnahmefähigkeit passt. Und ich mache nebenher üblicherweise irgendwas Künstlerisches, wie Malen oder Minecraftspielen. Ansonsten driftet meine Konzentration vom Gesagten ab und meine Finger fühlen sich unruhig.
Ein sehr hilfreiches Tool für mich wurde Text-to-speech. Ich verwende es, um digitalen Text zu lesen, der Länger als ein paar Zeilen ist. Es funktioniert für mich nicht immer gut. Ich habe den Eindruck, ein Hörmedium würde einen Text anders bauen, sodass an den Stellen, an denen Information dicht ist, mehr Zeit verbracht wird. Um in meinem Text-to-speech aber je nach vorgelesenem Inhalt die Geschwindigkeit anzupassen, müsste ich aber meine Hände dafür frei haben und nicht zeitgleich irgendwas malen.
Ohnehin ist es so, dass mein Hirn gar keine Massen an Informationen aufnehmen kann. Output fällt mir viel leichter als Input. Ich kann besser ein Buch schreiben, als eines zu lesen.
Und, vielleicht bereits abschätzbar bis hierher: Ich kann besser ein Hörbuch hören als ein Buch visuell lesen. Ich habe Bücher viel lieber als Hörbuch konsumiert. An Hörbüchern mag ich neben dem Buch selbst auch das Stimmtheater. Ich höre Hörbücher nicht auf erhöhter Geschwindigkeit, ähnlich wie ich das mit Musik nicht machen würde, weil die Kunst in der Stimmmodulation und das Theater darin mir den zusätzlichen Input gibt, um nicht unterstimuliert oder unterfordert zu sein.
Ich hatte das Problem, dass ich meine liebsten Bücher am liebsten ein zweites Mal lesen wollte, aber beim besten Willen nicht konnte. Ich konnte mich kein zweites Mal durch diese Qual bringen, dieses Lesen zu bewerkstelligen, nur um am Input zu kommen, den ich aber schon kannte. Dabei hatte ich auch den Gedanken, dass mir dass ja sogar nochmal passieren könnte: ich könnte ein drittes oder viertes Mal das Bedürfnis haben, mein Lieblingsbuch zu lesen, und müsste da dann nochmal durch.
Ich bin auf die Idee gekommen, meine liebsten Bücher als Hörbuch einzulesen. Ich habe damit gerechnet, dass ich wegen meiner Leseschwäche darin sehr schlecht sein müsste, aber das war gar nicht der Fall. Ich habe meine ganzen Verleser einfach herausgeschnitten. Und so geriet ich dazu, Hörbücher zu machen. Es ist inzwischen ein großes Hobby von mir.
Durch viel Übung wurde ich mit der Zeit ziemlich gut. Neulich meinte jemand, meine Hörbuchproduktion von “Der Feuervogel von Istradar” von Ria Winter würde sehr professionell klingen.
Ich lese hauptsächlich meine eigenen Bücher ein, aber habe auch ein Interesse das ein oder andere Buch von anderen einzulesen.
Funfact: Es fällt mir leichter, einen Text beta zu lesen, als ihn einfach “nur” zu lesen. Die Gedanken, die ich mir mache, was ich an den Rand schreibe, füllen den unterstimulierten Teil meines Hirns einigermaßen aus.
Musik
Musik ist mein Atem. Ich habe schon früh in meinem Leben darauf bestanden, Musikinstrumente lernen zu wollen. Ich fing an, Blockflöten zu lieben, da war ich noch nicht in der Grundschule, und mit 10 habe ich angefangen, Klavierspielen zu lernen. Etwa auch in dem Alter habe ich einen der mir bedeutendsten Sätze in mein Geheimnisbuch geschrieben: “Mit Tönen kann man reden. Viel mehr als mit dem Mund.” Mein 11-jähriges Ich, einige Monate später hat manches in besagtem Buch mit dem Wort “Quatsch” kommentiert, aber unter diesem Satz steht ein “ja”, mit Datum. Da waren wir uns damals einig.
Musik ist für mich eine Trauma-Sprache. Es war die einzige Sprache, in der ich meine Gefühle wirklich ausdrücken konnte. Ich habe durch Klänge mit Teilen (vielleicht Personen) von mir in Kontakt treten können, wo eine Verbindung sonst unmöglich war.
Mein Traum war und ist immer noch, Musik zu schreiben und zu veröffentlichen. Einige Ergebnisse sind auf meiner Homepage zu finden, wie das Konzeptalbum Luzeva. Darin geht es um den Engel Luzeva, der anders als die anderen Engel auch hoffnungslosen Fällen hilft, und dafür aus dem Himmel geworfen wird. Luzeva fühlt sich dadurch entmachtet und möchte sich das Leben nehmen. Dabei trifft sie auf dem Tod und erfährt, dass sie gar nicht über ihr Leben entscheiden kann, weil sie ein Gedanke ist, der lebt, sobald Menschen an ihn glauben. Sie ist die Hoffnung.
Ein weiteres Konzeptalbum in Arbeit (seit 2017 oder so) nennt sich “Meerflucht” und wird ungefähr jedes Trauma anschneiden, das ich erlebt habe. Es hat eine musikalisch ganz andere Qualität als “Luzeva”. Während alle Tonspuren von “Luzeva” an einem Workshopwochenende entstanden sind, ist “Meerflucht” eine durchdacht gebaute Arbeit mit einer Band, die ich damals hatte. Die Aufnahmehardware ist auch nicht ahnungslos zusammengeliehen, sondern selbst ausgesucht und inzwischen fester Teil meines Equipments. Einen Vorgeschmack auf das Album liefert das Traumflucht-Intro.
Meine Musik ist, aus meiner Perspektive, düster und schön. Und sehr persönlich. Auf der einen Seite habe ich keine Probleme damit, meine Musik auf meine Homepage zu schieben, auf der anderen merke ich, wie ich die Nervosität nicht aushalte und aus meinem Gefühlskostüm rausdrifte, weil es so hart ist, sobald ich sie jemand anderem persönlich vorspiele.
(Der Musik-Teil ist größtenteils von felis ins Leben gerufen.)
Myrie Zange
2016 fing ich an, Myrie Zange zu konzipieren. Ich habe bis dahin viele Geschichten geschrieben, die fast niemand gelesen hat, und meine Strategie dieses Mal war, mein Umfeld zu fragen, was es gern lesen möchte, um etwas zu schreiben, bei dem das anders sein könnte.
Heraus kam etwas, was mir extrem viel bedeutet. Etwa 2018 fing ich dann, nach einer verworfenen ersten Version von Myrie im jungen Erwachsenen-Alter, die Coming-Of-Age Geschichte zu schreiben, die es heute ist. Myrie erbt dabei meine autistischen Eigenschaften und meinen Gerechtigkeitssinn von damals, als ich etwa 11 war, bevor mein Leben sich in eine traumatische Hölle aufgelöst hat. Myrie ist kein Self Insert, – sie hat auch viele andere Eigenschaften als ich. Sie kommt manchen Leuten, die meine autistischen Traits aber als kern-charakteristisch bei mir empfinden, trotzdem gelegentlich so vor.
Mit “Myrie Zange” schreibe ich eine Geschichte, die sich für mich realistisch und echt anfühlt (es gibt Bullys, aber sie haben keinen Grund, auf dem sie sich einfach hinstellen und ihr Ding machen können), und gleichzeitig auf eine Weise, die mich eben nicht traumatisiert hätte.
Das ist sehr wohltuend und heilsam.
Ich beobachte gern, nehme gern wahr. Den Wind in den Haaren an den Beinen, die Kühle, die unter der sonnenwarmen Haut fordert, dass ich mit meinem Körper connecte, wenn ich im Frühling halbnackt draußen gewesen bin. Die innere Freude, die mir die Luft nimmt, wenn jemand unerwartet für mich da ist oder mich einlädt, zu etwas zuzugehören. Ich mag es, Wahrnehmungen zu beschreiben, das Besondere darin einzufangen und in Büchern zu verarbeiten. Diese Wahrnehmung spielt besonders in Myrie Zange eine Rolle.
Ich bin links und kämpfe gegen Diskriminierung oder Ungerechtigkeiten generell, wenn ich sie wahrnehme. Auch diese Kämpfe finden sich in meinen Geschichten wieder und prägen vielleicht besonders diese.
Ich wollte ein Werk schreiben, das auf mehrere Bände angelegt ist, weil ich vermisst habe, Figuren über so lange Zeit verfolgen zu können, dass sie sich wie ein Zuhause-Gefühl anfühlen. Es funktioniert für mich und ich finde schön, dass ich es mit diesem Werk so gehalten habe, das in einer Utopie spielt.
Es stellt vielleicht den Gegenpol zu den dystopischen musikalischen Werken dar. Doch mit der Zeit wurde es schwieriger, daran weiterzuschreiben, weil das Hirn traumatisiert ist und lauter Symptome und Probleme geworfen hat.
Mein Wunsch ist seit jeher, wieder zu diesem Werk zurückkehren zu können, um es fortzuschreiben und irgendwann abzuschließen.
Lebenswende
Um 2015 herum, also ungefähr zeitgleich zu den Anfangen meiner Homepage, war ich das erste Mal in Therapie. Dazu habe ich mich entschieden, weil ich festgestellt habe, dass ich manchen Menschen gegenüber überhaupt keine emotionale Distanz habe. Und damit meine ich nicht nur, dass mir alles sehr naheging, was sie erlebt haben, sondern dass ich deren Gefühle als meine eigenen gefühlt habe, auch wenn ich eigentlich wusste, dass es gar nicht meine eigenen sind. Ich habe solche Gefühle Fremdgefühle genannt und das Phänomen, sowie auch andere im Zusammenhang mit Trauma und Bindung, ein paar Jahre später (~2020) in meiner Novelle Die Haptik der Wände verarbeitet.
Insgesamt sind viele Dinge in meinem Leben mit dieser Therapie und dem sozialen Umfeld, das ich in der Zeit aufgebaut habe, ins Rollen gekommen, die ich später in Geschichten und Artikeln festgehalten habe.
Vor dieser Wende war ich einfach der Überzeugung, dass ich ein im Wesentlichen sehr privilegiertes, gutes Leben gehabt hätte. Mir war so vieles nicht über mich bewusst.
Dieses Bewusstwerden hat mein Leben gleichzeitig bereichert und die Fragmentierung meiner Wahrnehmung immer mehr ans Licht geführt, denn erlebt habe ich diese schlimmen Dinge ja doch, und ich war ja auch all das, was ich vor der damaligen Welt verbergen musste. Oder vielmehr, wir waren es.
Minecraft
Seit dieser Wende bricht meine Leistungsfähigkeit immer weiter ein, wobei es auch kurze bessere Phasen auf dem Weg bis heute gab. Zuvor habe ich ein Doppelstudium studiert (Mathematik, Physik, Nebenfach Informatik), und nebenher wöchentlich getanzt, geschwommen, Soziales.
Aber während meines Promotions-Versuchs in der Theoretischen Informatik, während ich in einer Beziehung, die mir sehr gut getan hat, realisiert habe, dass es mir eigentlich überhaupt nicht gut ergangen ist, brach das einfach zusammen.
Mein Coping bestand damals im Minecraft spielen. Es ist ein typisches Spiel für mich: Kreativ und repetetiv (das bedeutet, Dinge wiederholen sich). Ein halbes Jahr lang habe ich täglich viele Stunden gespielt und die Stadt Möhringen gebaut, die in der Kategorie Minecraft bewundert werden kann.
Slut-Pride
Kurz vor der Wende habe ich schlimme sexuelle Gewalt erlebt, und in dem Zusammenhang habe ich aus meinem alten Umfeld statt Support erlebt, dass ich als Schlampe abgewertet worden bin. Das hat sich so grausam und schrecklich angefühlt, – ich denke, es war das erste Mal, dass ich wirklich realisiert habe, wie schlimm mein altes Umfeld manchmal für mich ist.
Das war Anfang 2013 und ich habe noch 7 weitere Jahre gebraucht, bis ich auf ein weiteres Slutshaming hin meine dann erworbene Überzeugung und meine Learnings im Artikel I Am A Slut And I Have My Pride festgehalten habe. Ich habe 2019/2020 zunehmend beschlossen, meine Learnings auch anderen zugänglich zu machen, weil ich glaube und zurückgemeldet bekomme, dass es anderen hilft, die ähnliches erlebt haben, sich darin gesehen zu fühlen, oder sich okay damit zu fühlen, auf die Art queer zu sein, die sie sind.
Queerness
Ich fühle mich zunehmend weniger wohl mit queeren Labeln. Damit will ich nicht sagen, dass sie schlecht wären oder ich sie nicht von Zeit zu Zeit benutze. Aber ich habe das Gefühl, sie machen sehr viel Queerness, die nicht gut in diese Label passt, unsichtbar. Zum Beispiel Slutpride – ich empfinde zumindest mein Slutsein als sehr queer, aber es hat kein etabliertes Label und wohl kaum jemand würde ein Buch, in dem eine Frau, auf die sonst kein queeres Label passt, als queer beschreiben, wenn es ihr Leben als sexuell sehr offene Person und ihre Highlights und Struggle damit beschreibt.
Andersherum führen queere Label, die ich habe, dazu, dass mir eine Lebensrealität regelmäßig abgesprochen wird, oder Leute wissen nicht, wie sie die denn benennen sollen, ohne mich zu misgendern: Als trans mask Person kann ich mir aussuchen, ob man mich schon irgendwie in die Ecke weiblich stellt, oder die Vorstellung für viele nicht funktioniert, ich könne die selbe bodenlos grausige Lebenserfahrung von sexueller Übergriffigkeit gemacht haben wie viele dya cis Frauen. Um diesen Konflikt drehen sich eine ganze Reihe meiner Blog-Artikel auf meiner Homepage. Es ist ein sehr böser Struggle, mit dem ich nicht allein bin.
Ein dritter Grund ist, dass ich den Eindruck habe, queere Label werden irgendwie als wichtiger oder zentraler für Identität wahrgenommen als andere Label. Aber für mich ist mein Autismus gefühlt keine andere Kathegorie als mein Queersein. Queersein stellt nur den Bruchteil meiner Identität dar, und trotzdem sind große Teile meiner Kunst auf viele Arten sehr queer – auch auf die, die ich nicht labeln kann.
Die erste Queerness, die ich über mich herausgefunden habe, war wohl, dass ich polyamor bin. Ich war, als ich so 10 war, in einer Art romantischen Beziehung. Wir haben geküsst und gekuschelt und die Beziehung nicht weiter gelabelt. Wir haben nicht einmal gesagt, wir wären zusammen, oder so ein Gedöns. Es hat sich einfach da reinentwickelt, und irgendwann wieder davon wegentwickelt. Es war wunderschön.
Wir haben uns in den Sommerferien gesehen, teils auch Herbst- und Frühlingsferien, und er hat mich gefragt, ob er in der Zeit, in der wir uns nicht sehen, auch andere küssen dürfe. Meine Haltung dazu etwa war: Hä, wieso fragst du, was geht mich das an?, ergibt doch Sinn!
Später habe ich dann eine monogame Beziehung geführt, weil mein Umfeld meinte, polyamor findest du nie jemanden. Es hat sich für mich sehr künstlich angefühlt und ich habe innerhalb der Beziehung mal angefragt, ob mein Partner sich nicht vorstellen könnte, die Beziehung zu öffnen. Konnte er nicht. Dann war das halt so.
Aber durch diese frühe Erfahrung kann ich in diesem Punkte zumindest sagen, wie das bei mir war, bevor irgendwelche Gesellschaftsnormen diesbezüglich bei mir angekommen wären.
Ich schreibe übrigens Myrie genau so: Erforschend, erkundend, ohne dass sie davon groß Notiz genommen hat, wie Dinge “gehören”.
Ich lebe Beziehungs-Anarchie, denke ich mal: Jede Beziehung ist individuell. Sie muss sich nicht in romantisch labeln lassen. Dazwischen und vielleicht drumherum ist so viel mehr.
Systemsein und Trauma
Die meiste Kunst auf dieser Seite, die nicht einfach ein kleines Side-Project war, wie zum Beispiel der Mermay 2019, sind aus meiner Reise der Selbstfindung und meiner Verarbeitung von Trauma oder gesellschaftlicher Ablehnung entstanden. Ich hoffe, damit sage ich nicht sowas aus, dass man Trauma haben müsse, um Kunst zu machen. Oder dass Trauma auch gute Seiten hätte. Oder auch nur, dass ich ohne Trauma nicht sehr künstlerisch wäre. Es ist eher: Kunst ist eine Ausdrucksform und das, womit ich im Leben gerade arbeite, hat großen Einfluss darauf, was ich gerade ausdrücken möchte.
Und ich möchte teilen. Ich möchte meine Ressourcen, in denen ich Selbstbewusstsein, Entwicklung, Kraft und Selbstfürsorge finde, teilen, sodass sie auch für andere Fürsorge und Kraftquelle oder Material zur Entwicklung oder Unterstützung beim Finden von Selbstakzeptanz sein können.
Das Feedback, das ich in dieser Richtung zurückgemeldet bekomme, motiviert mich enorm.
Über unsere Systementdeckung habe ich vor nicht allzu langer Zeit einen längeren Artikel geschrieben, daher fasse ich es hier nur sehr kurz: Wir sind plural. In diesem Kopf ist mehr als eine Person. Eine andere davon veröffentlicht lesbische Romance und Erotik unter einem anderen Pseudonym: Lunis Moon.
Es ist keine DIS diagnostiziert worden, weil keine “Vollfragmentierung” besteht, also wir nicht vollständig getrennte Personen sind. Aber wir haben ein sehr unterschiedliches emotionales Erleben, verschiedene Bindungen zu unserem Umfeld, sowie sind wir verschieden queer, also haben zum Beispiel verschiedene Geschlechter und Orientierungen.
Die Homepage ist sicher auch nicht nur von einer Person von uns gestaltet. Aber das Schreiben hier prägt hauptsächlich ska, namendgebend für die Homepage (beziehungsweise umgekehrt), und die Musik hauptsächlich felis, wobei Musik auch schon immer eine Trauma-Sprache war und irgendwie den Weg durchs System hindurchgefunden hat.
Als die Homepage entstanden ist, war hauptsächlich ska im Alltag da. Aber das hat sich mit der Zeit sehr geändert, sodass sich auch die Inhalte auf der Homepage mit der Zeit emotional ändern werden.
Vielleicht fällt es nicht so sehr auf. Nicht-Systeme (Singlets) verändern sich ja auch mit der Zeit. Vielleicht ist es spürbar. In den beiden Romanen Minzaromantik und Machtschattengewächs versuchen wir erstmals, auf sehr verschiedene Weise, bewusst Systemsein in Geschichten darzustellen, was überhaupt keine leichte Aufgabe ist. Während Minzaromantik eher ein ska-Werk ist, ist Machtschattengeächs eine Zusammenarbeit von vier anderen System-Personen.
Abschließend
Ich mag Tee. Und Wolken. Und Wind. Und Regen. Und auch Sonne, aber manchmal ist sie mir zu grell. Ich mag es, bei einem Spaziergang der Natur ausgesetzt zu sein und durchgefroren nach Hause zu kommen, aber ich mag auch, bei einem Spaziergang gerade so keinen Sonnenbrand bekommen zu haben und das leichte Glühen auf der Haut.
Ich mag es, mit Kunst etwas fühlbar zu machen, was sonst schwer zu greifen wäre. Ich mag es, sanft zu bewegen.
2026-06-03
