Wunschkind

Salın

“Du, ich kann nächste Woche nach der Show nicht bei dir übernachten”, sagte Zwin. “Ich muss bei einem Umzug helfen und nehme den Nachtzug.”

Salın rang die Panik nieder, die in ihr aufstieg. Sie wäre fast gestolpert, weil die Angst drohte, ihren Körper so sehr zu lähmen, dass sie ihr Bein fast nicht zum Weitergehen vom Boden gepflückt bekommen hätte. Es dauerte nur den Bruchteil eines Moments an, der sich in ihr wie Stunden anfühlte, oder komplett zeitlos. Zwin hatte vermutlich nichts bemerkt. Gut so. “Das verstehe ich! Wer zieht denn um?”

“Mein Bruder.”

Sie spazierten nachts durch Minzter. Zwin hatte sie nach der BDSM-Party, wie verabredet, abgeholt. Der Weg vom Antikuarium zum Ferienhaus ihrer Eltern führte am Nachtmeer vorbei. Das Meer trug den Namen, weil Leuchtquallen unter der Wasseroberfläche ihm den Eindruck eines Sternenhimmels aus dunklem Wasser gaben. Salın liebte den Anblick, – eigentlich. Aber seit sicher drei Jahren hatte sie es an kaum einem Tag geschafft, dieses Gefühl zu fühlen, dass sie damit eigentlich verband. Atem. Eine tiefe Entspannung. Ein Zuhausegefühl. Irgendwo war es vielleicht in ihr drin, aber sie konnte es nicht erreichen.

Ihre nackten Füße fühlten den nassen Sand. Die kalte Dünung rauschte ab und zu darüber, und ihr Füße wurden allmählich taub, aber es war ein gutes Taub, ein Reales. Früher hatten ihre Füße schon in den ersten Frühlingstagen nicht im Wasser gefroren. Nun war ihr Kälteempfinden ein anderes. Ihr war ständig kalt. Aber gerade mochte sie die Kälte, die ihre Beine hinaufkroch. Sie mochte, wie der Wind an ihrem mehrlagigen Kostüm zerrte, in dem sie so zierlich und zerbrechlich wirkte, wie sie sich oft fühlte. Und darüber schützte sie Zwins Jacke. Jurins Jacke mochte sie lieber, was ihr ein Grinsen aufs Gesicht zauberte. Aber Zwins weiche, grüne Jacke tat es auch.

Salın hätte eine eigene Jacke eingepackt haben wollen, aber bereute nicht, es vergessen zu haben. Es passierte ihr nicht absichtlich, aber erstaunlich oft, dass sie Jacken daheim vergaß, wenn sie zur Mittagszeit schon das Haus für den ganzen Abend verließ. Sie mochte fremde Oberteile tragen. Manchmal wünschte sie sich einen Schrank voll mit Oberteilen und Jacken von Leuten, die sie mochte, um sich auszusuchen, wer sie in ihrer Abwesenheit wärmte. (Und berührte. (Unaufdringlich.)) Aber dann wiederum tauschte sie Freundschaften ebenso aus wie Jacken. Es bestand einfach fast keine Beziehung mit ihr über zwei Jahre hinaus. Nur mit ihrer Schwester brach sie nie.

“Willst du noch am Strand bleiben?”, fragte Zwin, als sie den Pfad erreichten, der sich zwischen den Dünen hindurch hinaufschlängelte bis in eine kleine Siedlung am Rande Minzters, wo das Ferienhaus am Waldrand stand.

Salın haderte kurz mit sich, aber schüttelte dann den Kopf. “Du?”

“Ich kann auch morgen noch einen Strandtag machen.” Zwin lächelte.

Salın versuchte nicht, aus Zwin rauszukitzeln, ob Zwin die Entscheidung nur für sie traf.

Es war angenehmer, nicht allzu spät zu Hause zu sein, weil Deira, ihre eine Mutter, wachbleiben würde, bis sie daheim wäre, und sie Salın spüren lassen würde, wie sehr sie sich sorgte, wenn ihr Kind nachts allein noch so lange unterwegs war. Ihr 41-jähriges Kind. Sie würde sagen, dass sie froh wäre, dass Salın immerhin nicht allein draußen wäre, aber auch zu zweit könne ja so viel passieren. Die Treppen im Dunkeln, sie könnten stolpern, die geringe, aber doch nicht völlig unexistente Kriminalrate, oder Salın könnte einen ihrer Anfälle kriegen. So viele Sorgen, die Salın ihr ihrer Meinung nach nehmen könnte, wenn sie aus Rücksicht auf ihre alte Mutter einfach nicht so spät wegbleiben würde.

Salın atmete tief durch, um nicht in eine negative Gedankenspirale abzudriften. Es gab so einiges, was sie Deira gern an den Kopf werfen würde, aber nicht konnte. Deira war leider überhaupt kein Stück kritikfähig, außer gelegentlich bei einigen Dingen, die ihr nicht so wichtig waren, so alibi-mäßig, um Beispiele rauszuhauen, wenn ihr vorgeworfen wurde, nicht kritikfähig zu sein. Wenn Salın mit starker Kritik angefangen hätte, gäbe es am Ende nur die Möglichkeiten, es entweder alles später wieder zurückzunehmen, oder fortlaufende Schimpf- und Heul-Tiraden über sich ergehen zu lassen, sowie subtilere Formen von Gewalt, oder zu gehen. Und gehen konnte sie nicht, weil hier ihre beiden Pferde lebten. Piannas und Klavin waren Atla-Pferde, die als junge Fohlen, als sie noch so klein wie ausgewachsene Katzen gewesen waren, ihr Elter verloren hatten. Salın hatte sie als Kind gefunden und ernährt, nicht wissend, dass sie die Pferde dadurch auf eine andere Lebensweise umgewöhnen würde. Nun lebten sie hier in ihrem Garten und in dem der Benachbarten, die ihren dafür freundlicherweise mit dem von Salıns Familie verbunden hatten und sich auch gelegentlich um die Pferde kümmerten. Piannas und Klavin waren pflegeleicht und kamen auch gut eine Woche mit ihrer Futterration zurecht, aber brauchten es schon, dass immer wieder jemand nach ihnen sah, sie striegelte und Nachschub gab.

Deira behauptete, dass sie an den Wohnort gebunden wären und an einem anderen Ort wohnend für immer unglücklich sein würden. Salın glaubte das eigentlich nicht, aber hatte doch Angst davor, dass es eintreten könnte, sollte sie es probierten. Außerdem meinte Deira, dass es hier mit den Leuten von nebenan eine Pflegegemeinschaft gäbe, die so kaum auf der Welt zu finden wäre. Leider war sie außerdem offiziell eine Verantwortungsübernahme über die Pferde eingegangen, als Salın noch klein gewesen war. Der Gemeinderat hatte ein Auge darauf, dass sich in Fällen wie diesen, in denen Wesen nicht mehr allein gelassen werden konnten, jemand offiziell kümmerte. Auch dagegen war es für Salın schwer, sich gegenzustellen.

Salın liebte Piannas und Klavin, die inzwischen längst ausgewachsen waren und etwa die Größe von Ziegen hatten. Sie hatte zu ihnen eine Bindung wie zu keiner anderen Person auf dieser Welt, außer vielleicht zu ihrer Schwester. Sie konnte ihretwegen diesen Ort nicht für immer verlassen. Und irgendwo in ihr drin fragte sie sich doch, ob sie die Beziehung zu ihren Eltern auch der Beziehung willen nicht kappen wollte. Sie hatte sie mal geliebt. Aber sie erinnerte sich nicht mehr an dieses Gefühl.

Marişa, Salıns andere Mutter, öffnete ihnen, als sie klopften. “Deira hat Migräne”, teilte sie mit. “Bitte seid leise.”

Zwin legte einen Finger auf die Lippen, als Zwins aufmerksamer Blick Marişas traf, und nickte. “Wird getan!”, flüsterte er. “Gutes Genesen!”

Zwin zog sich leise die sandigen Sandalen aus, und Salın riss sich zusammen, Zwin nicht zu sagen, Zwin möge sie draußen abklopfen. ‘Gehst du bitte kurz raus und klopfst deine Schuhe draußen ab? Sonst verteilt sich der Sand im ganzen Haus. Und wer muss das dann wieder wischen?’, klang Deiras Stimme in ihrem Ohr, leise und geduldig, als wäre ihr das halt noch nicht so klar in ihrem zarten Alter von 41 Jahren. Es implizierte außerdem, dass Deira das besagte Wischen übernähme, aber das war fast nie der Fall. Salın machte ihren Dreck fast immer selber wieder weg, außer ein paar ausnahmige Male, wenn es ihr selbst zu dreckig ging, und das waren die Male, die Deira immer als Beispiel heranzog und als immer hinstellte.

Salın zog sich die Jacke aus, obwohl ihr ohne arschkalt war. Sie hatte aber keine Lust, auf ihr sich veränderndes Kälteempfinden angesprochen zu werden. Es würde hineininterpretiert werden, dass mit ihr irgendwas nicht stimmte, und wenn sie nicht geschickt antwortete, würde die Interpretation irgendwann irgendwie darauf hinauslaufen, dass sie ihre Eltern nicht mehr mögen würde.

Kaum hatte auch Zwin die eigene Jacke aufgehängt, erschien Deira in der Tür zum Flur. “Willkommen ihr beiden!”, rief sie. “Lasst euch begrüßen!” Sie ging mit herzlich ausgebreiteten Armen auf Zwin zu und zog Zwin kurz an sich. Anschließend schritt sie auf Salın zu.

Salın machte erst keine Anstalten, irgendwas zu erwidern, aber als Deira ebenso keine Anstalten machte, Salıns Salzsäulenzustand als Abwehr zu interpretieren, machte Salın doch einen Schritt auf sie zu, um die Umarmung zu ertragen. Sie hatte keine Lust, morgen angerufen und gefragt zu werden, was denn los gewesen wäre. “Mein liebstes Wunschkind1! Ich habe dich vermisst”, begrüßte Deira auch sie.

Es stach, wie sie ‘liebstes’ sagte, als gäbe es noch ein anderes. Und genauso stach immer noch, wie Deira vor fünf Jahren beschlossen hatte, dass Kenna nicht mehr ihr Kind wäre. Salın atmete langsam ein, als könnte sie die zwei Tränen damit wieder in ihre Augen zurücksaugen. “Ich muss nießen.”

Deira ließ sie los, damit Salın sich umwenden und nießen konnte. Als Salın in ihrer Kindheit herausgefunden hatte, dass sie bewusst entscheiden konnte, zu nießen, hatte sie gedacht, es wäre eine unsinnige Fähigkeit. Wie sehr sie sich geirrt hatte.

Deira zuckte bei dem lauten Geräusch zusammen. “Die Migräne”, flüsterte sie extra leise. “Ich weiß, du kannst da nichts für, und was raus muss, muss raus.”

Salın hatte gemischte Gefühle zu dieser Migräne. Sie wollte anderen Leuten, selbst Deira, ihre Gefühle und Einordnungen nicht aberkennen. Aber wenn Salın Migräne hatte, konnte – konnte – sie das Bett nicht verlassen, und Deira warf ihr dann stets vor, sich anzustellen. Dieser Kontext machte es ihr schwer, Mitleid zu haben oder auch nur geradeauszufühlen.

Salın folgte den Eltern mit Zwin ins Wohnzimmer, wo sie noch eine ‘Kleinigkeit’ zu essen bekamen. Räucherstäbchen brannten, deren Geruch Salın nicht leiden konnte. Sie überlegte, es zu sagen. Mit Zwin am Tisch hätte es Chancen, dass es nicht zu Drama führen würde. Deshalb war Zwin dabei: Damit Deira nur in Grenzen über Salıns Grenzen ginge, in Grenzen, von denen Deira vermutete, dass Zwin es als ‘ist eben Deira, ist doch nicht so schlimm’ abtun würde. Es funktionierte. Zwin wusste von den Nuancen nur, weil Salın manchmal davon erzählte, wenn sie so sehr brauchte, dass es jemand sah, dass es die Hemmungen zerbrach, darüber zu reden.

Sie beschloss, die Räucherstäbchen räuchern zu lassen. Zu riskieren, ob Zwins Schutz reichte oder nicht, lohnte nicht, weil es wirklich schon spät war und es in sicher spätestens einer halben Stunde ausreichend höflich war, die Abendrunde mit Zwin zu verlassen.


Beim Zähneputzen war sie noch nervös, aber als sie endlich mit Zwin im Doppelbett lag, atmete sie auf. Sie waren aneinandergekuschelt, weil das Bett nicht so furchtbar breit war und weil Salın so fror. Letzteres lag sicher auch daran, dass sie es gerade brauchte, dass das Fenster schräg über dem Bett weit offen stand. Es war ein fast bett-breites Fenster, das nach oben hin aufkippbar war, und es befand sich in einer steilen Dachschräge, sodass es zwar auch ein wenig über dem Bett war, Salın von hier aus aber trotzdem den Wald sehen konnte. Salın liebte diese Schlafnische so sehr. Auch die würde sie vermissen, sollte sie es schaffen, das Haus zu verlassen.

“Ich bin dir so dankbar, dass du da bist”, flüsterte Salın.

“Gerne doch”, hauchte Zwin ihr ins Ohr.

Salın schob besagtes Ohr gegen Zwins Mund und Zwin nahm es zwischen die Lippen. “Ich bin erregt”, flüsterte Salın.

Sie war selten erregt, wenn sie mit Zwin zusammen in einem Bett lag. Sie hatten schon zweimal Sex gehabt, ja. Das eine Mal war es neu gewesen, da hatte Salın sich zwar eigentlich denken können, dass es nicht der Traum eines Sex-Erlebnisses werden würde, weil sie nicht auf Zwin stand, aber sie hatte es nicht gewusst. Andersherum stand Zwin sehr auf sie und Salın fiel es schwer, zu widerstehen, wenn jemand sie verführen wollte. Sie fühlte sich dann so wertvoll, so gewollt.

Das zweite Mal war eine ähnliche Situation wie jetzt gewesen: Sie war durch eine andere Person im Vorfeld in ein erregtes Mindest übergegangen, in diesem Fall durch Jurin, und anschließend war sie mit Zwin genau hier gelandet und brauchte Ablenkung. Und außerdem, außerdem war sie Zwin so fürchterlich dankbar. Sie wollte Zwin auch etwas bieten. Sie wusste, dass Zwin auch so irgendwas aus der Beziehung zog, aber Salın verstand das nicht. Es fühlte sich nie genug an.

Zwin fasste ihre Feststellung als Einladung auf, zog sie mit einem wohligen Brummen mehr in die Arme und leckte an ihrer Ohrspitze. “War dein Abend schön?”

“Ich habe sehr gut geküsst”, flüsterte Salın. Sie atmete flach und schnell. Sie hatte Zwin die Sache mit ihren Ohren einst sehr genau erklärt und sie funktionierte. Mitten in die Erregung kam ihr, weil sie über das Küssen sprach, die Erinnerung an Jurins Lippen.

“Hattest du heute schon Sex?” In Zwins raunender Stimme war ein warmes Grinsen zu hören.

“Wenn heißes Küssen bereits Sex ist, dann ja.” Salın kicherte. “Sie hätte gewollt, soweit ich das verstanden habe, aber ich habe mich getraut ‘nein’ zu sagen. Und zwar lange, bevor mir irgendwas unangenehm geworden wäre.”

“Kannst du das bei mir?”, fragte Zwin.

Was für eine beschissene Frage. Was für eine beschissene, fürchterliche Frage in diesem Moment. Und Salın hasste sich fast dafür, nicht lügen zu können. “Nein. Nicht immer.”

Nicht unerwartet nahm Zwins Kopf von ihrem Ohr Abstand. “Willst du jetzt überhaupt Sex mit mir haben?”

“Ja”, flüsterte Salın. Die Antwort war wahr genug dafür, dass sie sie rasch aussprechen konnte. ‘Zumindest, wenn du willst’, fügte sie in Gedanken hinzu. Sie musste nicht fragen, ob Zwin wollte. Sie wusste es.

Im Gegensatz zu andersherum wusste sie ziemlich genau, was Zwin wollte. Im Gegensatz zu ihr hatte Zwin nämlich gewisse Probleme einfach nicht, die Zwin gehemmt hätten, ‘nein’ zu sagen. Zwin wusste, was Zwin wollte und was nicht, und sprach beides auch stets sehr direkt aus.

Zwin wusste auch, dass Salın nicht auf Zwin stand. Salın versuchte, ehrlich zu sein und Zwin nicht das Bild einer Zukunft oder einer Liebe oder Beidseitigkeit vorzumachen, die so nie existieren würde. Aber manchmal wünschte sie sich, wo doch Zwin in so vielen Situationen ihr einziges Schutzschild zwischen sich und ihren Eltern gewesen war, mehr für Zwin sein zu können als bloß ein unerfüllter Traum und eine halbe Freundschaft. Manchmal wollte sie diesen Traum erfüllen, zumindest für eine Nacht. Und manchmal, so wie heute, würde es ihr sogar auf gewisse Art gefallen.

Sie war erregt. Sie brauchte den Abstand. Es war eine Win-Win-Situation.

Sie drehte sich zu Zwin um und küsste Zwin auf den Mund. Es war nicht im Entferntesten so schön wie mit Jurin. Eigentlich gar nicht. Eigentlich war nur der Nebeneffekt schon, dass Zwin dadurch schneller atmete und eine Spur Gier in Zwin weckte.

Zwin hatte kein Feuer. Wie auch immer Zwin ihren Sex mit Leidenschaft verband, Salın spürte keine solche. Zwin legte ihr keine Hände in den Nacken, presste sie nicht an sich, machte immer nur eine Sache gleichzeitig. Zwin küsste ihr Ohr oder drang mit einem Finger in sie ein. Sie war nie ausreichend überfordert, um loszulassen.

Es war trotzdem schön. Ein bisschen frustrierend, aber ablenkend und schön.


Irgendwann schnarchte Zwin leise neben ihr und sie konnte nicht schlafen. Sie hatte gehofft, der Sex würde müde machen, aber stattdessen war sie wacher als die meiste Zeit des Tages. Zwin hatte irgendwann das Fenster geschlossen. Es war auch kalt draußen, sie verstand das, aber wenigstens ein Spalt hätte ihr geholfen.

Sie stand auf, als sie es nicht mehr aushielt, zunächst, um zu den Pferden in den Garten zu schleichen und einen Moment mit ihnen nur für sich zu haben. Sie schliefen friedlich, halb auf der Seite liegend, die Hufe angewinkelt. Aber dann entschied sie sich, einen Mantel überzuwerfen und mit Kamera und Stativ zum Strand runterzugehen.

Es war kalt und still, abgesehen von Meeresrauschen und Wind. Letzerer wehte um ihre nackten Fußgelenke, machte sie frösteln, aber oben herum wärmte Marişas Mantel sehr gut. Die Wärme reichte.

Als sie das Stativ im Sand feststeckte, dachte sie wieder an Jurin. Einen Moment dachte sie, dass sie nicht an sie denken sollte, weil es doch ein Zeichen wäre, dass sie mehr von dieser fabulösen Person wollte. Sie hatte Jurin so klar vor Augen. Die schwarzen Stiefel mit der Schnürung und den Schnallen und den Plateausohlen, deren Anblick Salın allein schon in eine kinky Stimmung versetzte. Sie mochte ihre Gegensätzlichkeit, ihr Engelkostüm und Jurins darken Goth-Stil. Und was sie vor allem mochte, war Jurins Gelassenheit und dieses Selbstbewusstsein. Es fühlte sich an, als könnte Jurin niemand etwas wegnehmen. Wenn Salın an sie dachte, fühlte sie doch dieses rauschende Gefühl von Hitze in sich aufsteigen, die sie das Frösteln in ihren Beinen kurz vergessen ließ. Aber es war nichts Tiefes. Es würde wegflattern wie Schmetterlinge, wenn sie nichts mehr hielte. Vielleicht war auf so eine Art, wie sie Zwins nie erfüllter aber angeteaserter Traum war, Jurin derzeit ihr Platzhalter für ihren Traum. Sie würden sich wiedertreffen und herausfinden, wie lange es frisch, neu und schön war, und dann, wenn es anfangen würde, sich nach Bindung anzufühlen, würde eine von ihnen zuerst weglaufen. Es war überraschend schön, dass es hier schon von vornherein abgesprochen war. Salın lächelte bei diesem Gedanken. Es machte diese Beziehung für sie sicherer. Jurin würde sie dann nicht halten wollen, wenn sie ginge. Es würde keine Sehnsucht von Jurins Seite geben, der sie widerstehen müsste, wenn sie eigentlich nicht mehr wollte. Solche Sehnsüchte brachten sie sonst so oft dazu, fürs Gefühl, irgendwie doch genug oder wenigstens für andere brauchbar zu sein, zu bleiben.

Salın justierte die Kamera auf dem Stativ. Sie war sich nicht sicher, ob die Kamera etwa hundertfünfzig Jahre alt war oder eine gute Immitation einer solch alten Kamera. Sie war überwiegend mechanisch, außer einem eingebauten Chip, der Sonnenlicht in Ströme umwandelte und einen Zeiger beim Durchguck ausschlagen ließ. Er zeigte dann einen Richtwert für die Belichtungszeit zur eingestellten Blende an. Gerade allerdings war es zu dunkel, als dass der Zeiger ausschlug. Salın stellte eine Belichtungszeit von vier Minuten ein. Das war das letzte Mal ganz gut gewesen, aber sie machte erst seit ein paar Wochen Erfahrungen mit Nachtfotografie.

Sie mochte das Hobby. Egal wie viel sie im Vorfeld darüber nachlas und lernte, es war doch etwas, wo sie eigene Erfahrung sammeln musste, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, und solange entwickelte sie Überraschungsbilder. Sie machte auf jedem Film nur höchstens zehn der knapp vierzig Bilder bei Nacht, weil sich fürs reine Raten ohne Ergebnisse zum Lernen der Film ansonsten verschwendet anfühlte. Unter ihren letzten fünf Nachtfotos waren drei, die ganz schwarz waren, und zwei auf denen der halbe Mond so hell alles überstrahlte, als wäre es die Sonne. Letzteres war nicht das erzielte Ergebnis, aber es waren durchaus sehr schöne Fotos.

Sie holte ihren Taschenrechner aus der Tasche, in der sie auch Stativ und Kamera transportiert hatte, und besah sich ihre Notizen der letzten Aufnahmen. Sie brauchte eine Weile, um sich ungefähr zu erinnern, was sie mit den Zahlen gemeint hatte, und beschloss, dieses Mal gründlicher zu notieren.

Es gab das Vorurteil, dass, wer die Natur ständig fotografieren wolle, ihr nicht so nah wäre wie ohne eine Kamera dazwischen. Aber für Salın war das Gegenteil der Fall. Wenn sie fotografierte, war sie bei sich und präsent in der Situation und driftete nicht halb in einen Headspace oder in ihre Sorgen ab. Sie wusste genau, wo sie war, fühlte den Wind, hörte die Fluten, roch das Salz und das angeschwemmte Seegras, und sah.

Sie fühlte und hörte genau auf das mechanische Geräusch, als sie den Auslöser betätigte und der Spiegel hochklappte. Sie löste ihre Finger so vorsichtig wie eben möglich von der Kamera, sodass das Bild nicht verwackeln würde, und schlich dann, ebenso vorsichtig, vom Stativ weg, – nur so weit, dass sie über das Rauschen hinweg das Zurückklappen des Spiegels hören würde.

Dann wartete sie, beobachtete das dunkle Meer, in dem die Leuchtquallen floreszierten. In Gedanken tauchte sie darin ab, hörte unter den Wogen das kribbelige, hellere Rauschen der Kieselsteine, die vom Wasser hin- und hergerollt wurden.


Sie hatte längst ihre Ausrüstung eingepackt, aber wollte noch nicht gehen. Sie lag im Mantel auf dem Sandboden und wurde allmählich müde. Aber sie wusste, wenn sie aufstehen und zurückgehen würde, könnte sie wieder hellwach werden.

Vielleicht sollte sie hier einfach auf dem Sandboden schlafen. Aber … Drama. Sie sollte vor Sonnenaufgang wieder im Bett sein und hoffen, dass niemand bemerkt hatte, wie lange sie weggewesen war.

Morgen Mittag würde es wieder nach Niederwiesenbrück gehen, wo sie ihre eigene Wohnung hatte. Darauf freute sie sich.

Aber vielleicht sollte sie irgendwann mal im Freien schlafen. Wieder musste sie an Jurin denken. Dieses Mal wegen des Tattoos: Es war ein Erkennungszeichen der Windschwingen. Als Windschwinge konnte sich jede Person bezeichnen, die nicht an einem Ort fest wohnte, sondern immer auf Wanderschaft war. Wobei, reisen reichte auch. Jurin hatte unzählige Male im Freien geschlafen, das wusste Salın.

Manche Windschwingen beschlossen erst irgendwann im Erwachsenenalter, einen festen Wohnsitz aufzugeben. Manche gehörten zu Traditionsgemeinschaften beziehungsweise, es gab auch Windschwingen-Völker. Zu ihrem Wandern gehörte unter anderem eine Spiritualität.

Salın setzte sich ihre weichen, schließenden Kopfhörer auf, die leider so viel mehr Platz einnahmen als irgendsoein moderner Kram, der aber nicht zu ihren Bedürfnissen passte, und forderte ihre KI auf, ihr das Interview mit Jurin noch einmal vorzuspielen.

Jurin erzählte darin, dass sie selbst zu einem alten, spirituellen Windschwingen-Volk gehörte, den Nikaſ, aber selbst nicht besonders spirituell war. Ihr war ihr Erbe wichtig, was sich auch im Namen ihrer Spiel-Persona Ærenik widerspiegelte, aber sie pflegte nicht alle Traditionen mitzumachen oder an alles so zu glauben wie ein Großteil ihrer Familie. Sie erzählte auch, dass die Familie – und damit meinte sie einfach alle Windschwingen und insbesondere die Nikaſ, nicht ihre Eltern und leiblichen Geschwister – fein damit war. Soweit Salın das richtig heraushörte, gehörte zur Kultur der Nikaſ überhaupt, eine geringere Erwartungshaltung zu haben, aber es konnte auch sein, dass die Erwartungshaltung nur eine andere war, als Salın sie kannte, und Salın die Erwartungshaltungen dort, wo sie dann stattdessen wären, mangels Erfahrung nicht sah. Und überhaupt war so etwas in einem Volk ja immer höchstens eine Tendenz und nichts, was auf Individuen zwangsläufig zutraf.

Die Nikaſ waren namensgebend für den Begriff Windschwingen, also für die ganze Bewegung oder Lebensweise, denn Nik war so etwas wie das Göttan des Windes in Jurins sowie einigen anderen alten Windschwingenvölkern. Die Nikaſ waren das größte Volk unter den traditionellen Windschwingen-Völkern, vielleicht nicht immer gewesen, aber in den letzten dreihundert Jahren schon.

Ær war ein nordisch-niederelbisches Wort für Luft oder Wind, und so ergab sich der Name Ærenik aus verschiedenen Worten für Wind.

Salın hatte früher oft davon geträumt, Ærenik, beziehungsweise Jurin, einst kennenzulernen. Nun war es also unerwarteter Weise dazu gekommen. Salın hatte vermutet, dass so ein Treffen, das dann nicht mehr in ihren Tagträumen sondern real passieren würde, sie enttäuschen würde, also, nicht schlimm enttäuschen, sondern im Wortsinne ‘enttäuschen’. Sie hätte damit gerechnet, dass sie mit der realen Ærenik, beziehungsweise Jurin, nicht viel anfangen können würde oder Jurin einfach komplett uninteressiert an ihr sein würde. Sie war fast nun wiederum enttäuscht, dass es anders war. Eigentlich begrub sie gern Träume, wenn sie Leute real kennenlernte. Sie grinste kurz und schüttelte über sich selbst den Kopf. Nein, sie war nicht enttäuscht, nicht enttäuscht worden zu sein. Sie mochte die Aussicht darauf, was auf sie zukam, und wenn es auch nur von kurzer Dauer wäre.

Salın setzte die Kopfhörer ab. Das Interview war längst beendet. Sie wäre auch gern Windschwinge, dachte sie. Aber konnte sie das? Es gab so viele Probleme an der Umsetzung. Tatsächlich war sie noch nie einfach so in den Tag gereist. Sie hatte zwei Wohnorte: Das Ferienhaus hier und ihre Wohnung in Niederwiesenbrück. Ersteres konnte sie nicht ganz loslassen wegen der Pferde, aber es fühlte sich eh nicht mehr wie ein Zuhause an. Und es gab durchaus Windschwingen, die einen Ort regelmäßig wieder aufsuchten. Er war eben nur nicht ein Zuhause, wobei vielleicht auf eine andere Art nicht ein Zuhause, wie dieses Haus kein Zuhause für Salın war, vielleicht.

Die Wohnung in Niederwiesenbrück war Salın nicht wichtig. Aber sie hatte so viel Kram dort. So viele Dinge, die für sie von emotionaler Bedeutung waren. Die konnten nicht alle mitreisen. Es war vertrackt, denn eine Wohnung nur zu haben, um Dinge zu lagern, war nicht im Sinne von Wohnraum, also fühlte sie sich auch gedrängt dazu, überwiegend dort zu wohnen. Und wenn sie wegen der Dinge immer wieder zurückkehrte, dann war es eben doch ein Zuhause.

Sie hatte überlegt, auszuprobieren, alle naselang mal ein paar Monate umherzureisen. Sie musste ja nicht Windschwinge sein, um sich Anteile aus dem Lebensstil zu nehmen, die ihr guttaten. Aber zum einen fühlte es sich irgendwie falsch an. Und zum anderen fehlte ihr dafür irgendwie der Anschluss oder der Zugang. Sie war nicht gern allein.


Salın stand auf, schüttelte den Sand vom Mantel ab, so ausgiebig und lange, dass es vielleicht nicht auffallen würde, dass sie ihn entführt hatte, und schleppte sich zum Haus zurück. Es war nicht einmal das Haus, in dem ihre Eltern eigentlich wohnten. Aber sie ließen sich nicht nehmen, fast immer herzureisen, wenn Salın hier nächtigen würde.

Sie war das Wunschkind. Sie war nicht nur das Wunschkind, weil Kenna die Familie verlassen hatte und Salın geblieben war, nicht nur, weil Deira sie überall vorzeigen konnte als ihr gelungenes Präsentierexemplar von Kind. (Ihre Worte.) Sondern auch, weil Salın ein Kind gewesen war, von dem Deira sich früher hatte alles wünschen können. Egal was.

Salın zitterte, versuchte, den Gedanken so schnell wie möglich abzubrechen, aber so richtig bekam sie den Weg ins Bett nicht mehr mit.

Zwin wachte auf, als sie sich neben Zwin legte. “Du bist ja eiskalt!”

Und das war sie. Tief, tief ausgekühlt.

Zwin nahm sie in den Arm, als gäbe es da etwas zu trösten. Und vielleicht gab es das auch und vielleicht hätte Zwin getröstet. Aber Salın konnte sich nicht anvertrauen. Es war nicht so, dass sie nicht hätte darüber reden können. Aber jedes Mal, wenn sie es auf nicht oberflächliche Art versuchte, hasste sie sich. Sie hasste sich dafür, einer anderen Person diese Last auch nur ansatzweise zuzumuten, die sie war. Sie hasste sich schonmal vorauseilend, weil sie dadurch so vulnerabel wurde, einfach falls ihr auf Basis dessen, was sie preisgab, wehgetan würde – und es passierte immer früher oder später –, weil sie sich selbst die Schuld dafür geben würde. Wer war sie auch, sich anzuvertrauen? Was hatte sie Besseres verdient?

Sie hatte Besseres verdient. Sie wusste das. Sie wusste aber leider auch, in welchen Situationen sie es zuverlässig vergessen würde.

Zwin schlief längst wieder, den Arm um sie gelegt, der so schwer wog, so falsch war, als sie sich endlich traute, sich in den Schlaf zu weinen. Leise.

  1. Es gibt ein gleichnamiges Musikstück ‘Wunschkind’ von der Band ‘Oomph!’. Es hat mir in gewisser Hinsicht gut getan, – ich schreibe nicht ohne eigene Erfahrungen über das Thema. Erfahrungen sind allerdings sehr individuell. Bitte seht davon ab, irgendwelche konkreten Schlüsse michbezüglich zu ziehen. Mir ist der Kapiteltitel sowie die Bezeichnung hier vielleicht deshalb eingefallen, weil das Lied für mich mit diesem Thema auf immer verbunden sein wird, auch wenn es im Musikstück und in dieser Geschichte um verschiedene Arten von Missbrauch geht.