Wind und Wunden

Salın

Salın trug seit vier Tagen das gleiche Joggingkleid und stank bestialisch. Sie hatte es stets gerade so auf die Toilette geschafft, oder die paar Schritte zum Lebensmitteldrucker und zurück zum Bettsofa, um sich grundzuversorgen. Mehr war nicht drin gewesen. Das war manchmal so, und sie konnte damit leben, auch wenn schön etwas anderes war, aber da war nun diese neue Nachricht auf ihrem Taschenrechner: ‘Ich könnte heute Abend oder morgen vorbeikommen, ich bin in der Nähe von Niederwiesenbrück. Möchtest du Besuch von mir? – Jurin.’

Salın besuchte eher andere und ließ nur eine sehr beschränkte Auswahl an Leuten in ihre Wohnung, und wenn, dann mit mindestens einer Woche Vorlaufzeit. Wenn sie in einer Phase wie jetzt war, dann sagte sie üblicherweise alles ab. Aber sie wollte Jurin nicht absagen. Sie wollte einfach nicht.

Also lag sie hier nun seit einer Stunde in diesem unglücklichen Mindset herum, das aus der Widersprüchlichkeit bestand, sich nicht zu bewegen, aber wirklich aufhören zu müssen, hier zu vergammeln, wenn sie wollte, dass Jurin käme. Sie brach die Aufgabe runter und weiter runter, bis sie sich als allerersten Schritt mit dem einen Fuß vom anderen die Socke abstreifte. Und dann mit dem anderen vom einen Fuß die andere Socke. Das war genug getan für die nächste halbe Stunde. Oder?

Als die Decke nicht mehr auf ihrem Körper lag, um sie zu wärmen, hatte sie das Gefühl, dass nicht sie es gewesen war, die sie durch den Raum geworfen hatte. Sie hätte sich das nicht antun können. Geschweige denn die Energie gehabt, eine Decke zu werfen. Etwas verwundert, dass sie nun dahinten lag, zwang sich Salın vom Bettsofa und legte sich sofort wieder auf dem Fußboden ab. Es war vollkommen illusorisch, heute Abend in der Lage zu einem Treffen zu sein.

Aber sie wollte!

Sie hatte es immerhin bis auf den Fußboden geschafft. Also streckte sie ihren Arm nach dem Taschenrechner aus, den sie auf dem Sofatisch ertastete, und schrieb Jurin eine Uhrzeit für heute Abend. Weise, wie sie inzwischen war, eine Uhrzeit, die gerade so schon als Abend gelten konnte. Sonst würde sie denken, sie könnte sich ja schonmal fertig machen und hätte dann noch eine Stunde Zeit, während Fakt war, dass sie die Stunde jetzt möglichst nicht zu bequem und sich ärgernd auf dem Fußboden verbingen würde, wenn sie sie einplante.

Mit dem Abschicken der Nachricht fühlte sie eine enorme Überforderung, gepaart mit noch nicht existenter Freude. Irgendwie würde ihr Körper es doch fertig bringen können, mit dieser Verabredung im Nacken rechtzeitig gewaschen und bekleidet zu sein.

Sie zog sich Joggingkleid und Unterwäsche aus und ließ alles einfach auf dem Boden liegen. Während sie sich ins Bad schleppte, sah sie ihren kleinen Hausroboter Lore heranrollen, der die Kleidung aufpflücken und in die Waschanlage fahren würde. Lore war auch dafür verantwortlich, dass der Haushalt in Phasen wie diesen halbwegs aufgeräumt blieb – zumindest, wenn Salın einfiel, wo die Sachen hinsollten, die noch keinen festen Platz hatten –, und sauber. Es war ein leiser und unauffälliger Roboter. Salın hatte Lore sehr gern, vielleicht sogar genauso lieb wie die Pferdis.

Salın hatte eine von diesen moderneren Duscheinrichtungen, die ihr einige Behinderte in ihrem Umfeld empfohlen hatten: Sie konnte darin halb sitzen und musste lediglich einen Knopf drücken, um direkt mit Seifenwasser besprüht zu werden. Nur für ihr Haar hatte sie sich nicht um den Massuraufsatz gekümmert. Er wäre vielleicht praktisch, aber wenn Salın in so einer Phase wie dieser war, hasste sie jegliche Berührung, die sich auch nur entfernt anfühlte wie fremde Finger, die sie pflegten. Sie versuchte, sich gerade nicht daran zu erinnern, dass ihre Ex sich eine ganze Weile um sie gekümmert und dabei die Abhängigkeit so sehr genossen hatte.

Stattdessen massierte Salın sich selbst mit geschlossenen Augen das Seifenwasser in ihr kurzes Haar. Richtig, Jurin würde sie ja dann ohne intensiv hergerichtete Frisur sehen. Nun, Jurin würde es aushalten.

Als sie das Bad wieder verließ, war sie vollkommen erschöpft, aber irgendwie schon sehr erleichtert, sauber zu sein. Sie wählte sich eine Bluse aus, deren Spitzenbesatz ihr gerade nicht übertrieben vorkam, und einen orangenen, knielangen Rock, der ein umsticktes Lochmuster hatte, durch das die etwas dunklere Lage darunter sichtbar war. Sie entschied sich für Rockträger in grau, passend zu ihrer Hautfarbe, und zu ein paar simplen orangenen Spangen mit Schmetterlingen, zwei rechts und eine links. Sie war erstaunt, dass ihr Haar beim Trocknen doch von ihren Ohren hin abfallend einige niedliche Locken aufwies.

Als sie wieder zu ihrem Taschenrechner zurückkehrte, hoffte sie, eine Nachricht von Jurin vorzufinden, dass sie ihre vorgeschlagene Uhrzeit nicht schaffen würde, sodass sich Salın noch eine Stunde oder so an ihren sauberen Zustand gewöhnen oder sich Themen ausdenken hätte können, mit denen sie ein Gespräch eröffnen könnte. Aber Jurin hatte ihr stattdessen nur ein Wort geschrieben: ‘Passt!’

Es klingelte. Salın hatte nicht einmal Zeit gehabt, in Ruhe nervös zu werden. Stattdessen rauschte das Gefühl in ihren darauf nicht unvorbereiteten Körper. Sie stieß sich die Zehen am Schrank, als sie zur Tür eilte und den Hörer für die Gegensprechanlage in die Hand nahm. “Vierter Stock.”

“Bis gleich!”

Salın hätte nicht damit gerechnet, dass in ihr drin beim Klang dieser Stimme alles flattern würde. Sie öffnete die Wohnungstür und wartete. Sie hätte bei Jurins Kondition vermuten müssen, dass Jurin zwei, vielleicht sogar drei Stufen auf einmal nahm und um so viel schneller vor ihr stand als jeglicher Besuch sonst.

“Moin!”, sagte Jurin in ihrem breiten nordwestmaerdhischen Akzent.

Salın registrierte belustigt, dass es nur dieses eine Wort brauchte, um den Akzent sicher rauszuhören. “Moin!” Ihr Gruß kam viel zaghafter aus ihr heraus. Nun ja, sie hatte auch seit mindestens drei Tagen ihre Stimmbänder höchstens für kurze Selbstgespräche genutzt.

“Vielleicht ist das unhöflich von mir, aber ich muss ziemlich dringend aufs Klo. Darf ich dein Bad nutzen?”, bat Jurin.

Salın kicherte und zeigte ihr das Bad. Es war noch nicht einmal völlig entwasserdampft.

Nervös blieb Salın im Flur zurück. Sie hatte zwei Zimmer, und hätte sich in eines begeben, aber Jurin kannte sich doch noch nicht aus und Salın wusste auch nicht, ob sie eher auf ein gemütliches Sofa wollten oder lieber in das Zimmer mit der Küche darin zwecks Versorgung. Zum Glück musste sie sich nicht lange awkward fühlen. Jurin war schnell.

Und dann blieb diese unbeschreibliche Person einfach im Flur stehen und war mit einem Mal die Ruhe selbst.

Jurins Blick wanderte über die Wände und den Schrank, an denen selbst entwickelte Fotografien mit Stecknadeln oder Haftstreifen angeheftet waren. Sie stützte sich mit einer Hand an der Wand ab, als sie, den Blick auf eines der Bilder geheftet, auf die Salın besonders stolz war, sich ihrer Schuhe entledigte. Sie trug eine funktionierende Kreuzung aus Sportschuh, Sandale und Kurzstiefel in Schwarz mit etwas Glitzer.

Salın war hin und weg. “Schön, dass du da bist”, brachte sie hervor.

Jurin nickte abgelenkt. “Hast du da deine Kamera im Fenster gespiegelt selbst fotografiert?”

“Ja.” Es war komplizierter als das, aber Salın hatte Bedenken, dass, wenn sie mit Erklären anfinge, sie Jurin komplett zunerden würde. Auf der anderen Seite: Es war Jurin und Jurin war bekannt dafür, selbst Nerd zu sein.

“Aber da sind Sterne durchs Fenster sichtbar, die dabei ein gutes Stück gewandert sind.” Jurin fuhr, ohne das Foto anzufassen (Salın war dankbar darum), die kurzen Bögen nach. “Also eine Langzeitaufnahme.”

Salın schnaubte.

“Was? Erzähle ich Unfug?”

“Nein!” Salın näherte sich Jurin einen Schritt. “Ich hatte überlegt, dir zu erklären, wie das Foto entstanden ist, aber hatte Angst, ich könnte zu nerdig für dich werden. Aber nun findest du alles selbst raus!”

“Du, zu nerdig, für mich?” Jurin blickte sie so ungläubig an, wie Salın es erwartet hätte, – und sah sie damit überhaupt das erste Mal richtig an. “Es muss sehr dunkel gewesen sein, als du das Bild aufgenommen hast.”

“Nacht. Das Licht war aus”, bestätigte Salın.

“Selbstauslöser?”, fragte Jurin.

Salın schüttelte den Kopf. “Wollte ich eigentlich, hätte Sinn ergeben. Aber ich hab’s vergessen. Die Belichtungszeit war lang genug, dass die ersten Momente keine Rolle spielen.”

Jurin grinste. Und fragte dann in einem völlig anderen Ton als zuvor: “Wie geht es dir?” Und als Salın nicht gleich antwortete: “Wollen wir die Frage mit einem Tee angehen?”

“Muss ich überhaupt?”, fragte Salın.

“Nein, natürlich nicht!” Jurins hob für einen Moment die Braue. “Ich vergesse so oft, dass zu fragen bei vielen so einen Druck auslöst, antworten zu müssen.”

“Aber Teetrinken klingt gut. Hast du bestimmte Wünsche an Tee, oder soll ich irgendeinen zusammenmixen?”

“Zusammenmixen?” Jurins Blick wanderte die Fotos entlang und blieb an einer Jukebox haften. “Retro ist dein Thema, ja? Stellst du per Hand Teeblattmischung zusammen?”

Salın nickte. “Wenn du nicht Tee aus dem Drucker bevorzugst, würde ich welchen zusammenstellen. Nicht nur aus Teeblättern, sondern auch getrockneten Früchten oder Gewürzen, wenn du magst.”

“Mag ich”, sagte Jurin ohne weiteres Zögern. “Darf ich die Jukebox benutzen?”

“Ja, aber wenn sie hakt, geh lieb mit ihr um oder ruf mich”, erlaubte Salın.

Während Salın zur Küchenzeile ging, blieb Jurin auf dem Weg zur Jukebox wohl noch an ein paar Bildern hängen. Salın mochte schon, wenn ihre Kunst bewundert wurde, aber sie war neidisch auf eine nur in ihrer Vorstellung existierenden Entität, die dabei war und die Bewunderung beobachten konnte.

Dann aber erklang ein sanfter Walzer von Schundmund durch die Wohnung, samt dem feinen Knistern von Staub oder feinen Kratzern auf der Platte, was Salın eine Gänsehaut über den Körper rieseln ließen. Sie fühlte sich auf einmal zurückversetzt auf ein Konzert, auf dem sie mit 13 gewesen war. Sie war davongelaufen, um dieses eine letzte Konzert von Schundmund zu hören, bevor sich die Band aufgelöst und zur Ruhe gesetzt hatte. Die Mitglieder waren damals alle schon knapp zweihundert Jahre alt gewesen und nur noch jährlich aufgetreten.

Sie hatte mit ihren Eltern ein Picknick in der Nähe des Konzertgeländes gemacht. Es war Salıns Geburtstag gewesen. Sie hatte sich das Picknick mit dem Hintergedanken gewünscht, vielleicht das Konzert hören zu können, vielleicht nur aus der Ferne, aber jene Hintergedanken für sich behalten. Sie war heute fasziniert von sich, dass sie damals sich selbst vorgemacht hatte, dass sie die Hintergedanken gar nicht gehabt hätte, damit sie sie nicht verraten müsste.

Sie hatte Marişa in einem Moment, in dem Deira kurz nicht anwesend gewesen war, gefragt, ob sie einen Spaziergang machen dürfe. Und dann hatte sie sich aufs Konzertgelände gestohlen und das Konzert gehört.

Salın hatte auf dem Konzert keine Angst gehabt. Sie wusste nicht, warum, aber die Menge hatte einfach geschunkelt und lieb gewirkt. Die alten, knarzigen Stimmen, die eigentlich harten Rock gewohnt waren, hatten einfach zu Klimparre diesen Walzer gesungen, und Salın hatte vor Freude geweint. Und gleichzeitig gewusst, dass es der letzte SneakPeak in die Freiheit für ihre restliche Jugend sein würde.

Sie fühlte sich unwirklich, als Jurin den Raum mit der Küchenzeile betrat und Salıns Equipment in Augenschein nahm. Hier lagerten ihre Stative, die Kameras, die sie in ihrem Leben so benutzt hatte, ein Haufen Kuscheltiere, ein Bücherregal mit Fachliteratur und wirklich alten Schätzen, und mit sehr dicken Tüchern abgehängt die Ecke, in der sie Bilder entwickelte.

Normalerweise kam Salın damit klar, wenn eine neue Person ihre Wohnung und all ihr Gedöns bewunderte. Aber nach ihrem Zustand der Handlungsunfähigkeit, der sie mehrere Tage besuchsuntauglich gemacht hatte, und nun halb in der Erinnerung versunken, fühlte es sich so an, als würde Jurin ebenso halb mit in ihrer Vergangenheit sein und die ganze Bedeutung erfassen können, die es für sie hatte. Salın versuchte vergeblich, sich daran zu erinnern, dass Jurin keine Gedanken lesen konnte, und fühlte sich roh und offen vor ihren Stiefeln ausgebreitet.

Dabei war Real-Jurin barfüßig.

Salın hängte das befüllte Teesieb in eine Kanne und ließ heißes Wasser hinein. Jurin trat mit eben jenen baren Füßen an sie heran und betrachtete sie. Salıns Blick klebte an jenen Füßen, wie sie dort so vulnerabel auf ihrem Fußboden standen. Salın hätte bloß mit dem Tee darüber plempern müssen, dann hätte sie Jurin verbrannt.

Schnell verdrängte sie den Gedanken und blickte Jurin ins Gesicht. Ohne Schuhe waren sie etwa gleich groß. Sie streckte die Hand aus, die verwirrt war, ob sie noch kalt, oder von der Teekanne bereits ein wenig warm sein sollte, und berührte Jurin an der Wange. Sie wollte sich ihr nähern, um sie zu küssen, aber Jurin griff nach ihrer Hand und streifte sie sanft von sich.

“Ich mag gerade nicht”, sagte sie. “Später vielleicht.”

Salın nickte einfach und versuchte, nicht enttäuscht auszusehen.

Sie war nicht enttäuscht. Sie hatte Angst. Sie wusste nicht wovor, aber durch die viele Therapie, mit der sie ihre Gefühle zu benennen gelernt hatte, konnte sie erkennen, dass eine tiefe Angst sie durchflutete und fast lähmte. “Wollen wir drüben im Sofazimmer Tee trinken?”, fragte sie vorsichtig.

“Gerne.” Jurin lächelte. “Kann ich Tassen tragen oder sowas?”

“Such dir welche aus dem Schrank aus!” Sie deutete auf einen rosa lackierten Schrank, an dem bisher nur ein Foto haftete. Es zeigte ihr Geschwister und war das erste Foto, das sie je auf Film geknipst hatte.

An manchen Tagen merkte Salın gar nicht, was es alles bedeutete, was hier hing. Aber wenn sie sich vorstellte, was andere denken mochten, die es betrachteten, flutete sie die Bedeutung so sehr, dass sie sich selbst dadurch manchmal nicht ganz erfassen konnte.

Das Lied auf der Jukebox war längst verklungen, als sie das Zimmer wechselten, aber Salın stellte es im Vorbeigehen noch einmal ein. Es war eine schlechte Idee. Sie wusste nicht, was sie dazu bewegt hatte. Jurin nahm ihr die Teekanne ab, als Salın irgendwie im Zimmer stehend nicht so genau wusste, was sie musste, um sich zu sortieren.

“Brauchst du etwas?”, fragte Jurin.

Auf einmal stand sie vor ihr. Salın hatte das Gefühl, ihr fehlte ein kurzer Moment in der Wahrnehmung, denn auch die Teekanne, die gerade noch in Jurins Händen gewesen war, stand nun auf dem Sofatisch. Oder fehlte ein längerer Moment? Da war wieder die Angst. Jurin stand vor ihr, könnte sie auffangen. Oder gehen. Salın hatte Angst, dass sie ginge. Dass gleich alles vorbei wäre.

Aber Jurin würde nicht gehen. Es war nicht ihre Ex. Es war Jurin, und Jurin wusste nicht, was alles passiert war. Jurin konnte keine Gedanken lesen, und sie war zugleich eine geduldige Person. Wenn Salın einen Fehler machte oder nicht so ganz aufmerksam wäre, würde sich das mit Jurin schon klären lassen.

Sie bemerkte erst im Nachhinein und als wäre sie in einem anderen Leben, dass sie den oberen Knopf ihrer Bluse öffnete. War es Hunger in Jurins Blick? Wie mechanisch trat Salın einen Schitt auf Jurin zu.

Einen Moment gefror die Situation und die Zeit stand gefühlt still. Mit dem nächsten Einatmen trat Jurin einen Schritt zurück, kehrte auf dem Absatz um, nahm ihre Sachen und ging.

Die Tür schlug sanft ins Schloss, viel sanfter, als Salın es verdient hätte. Sie hörte es noch wie aus einem anderen Universum. Dann kippte sie in dieses zurück und brennende Feuerflammenfluten von Selbsthass und Selbstabscheu fraßen sich durch ihren ganzen Körper.

Während sich ein Teil von ihr wünschte, dass Jurin hier irgendeine Schuld trüge, wusste sie doch, eben gerade weil Jurin keine Gedanken lesen konnte, dass Jurins Gehen völlig zurecht gewesen war. Ihre Erinnerung, gerade noch ein unfreiwilliges Hirnmodul auseinandergerissen in drei Welten, spülte ihr nacheinander Jurins Sicht ins Gehirn, erst Jurins Abgrenzung, nicht zärtlich werden zu wollen, dann Salıns Aufknöpfen der Bluse auf Jurins Frage hin, ob sie etwas brauche.

Hass auf sich loderte so entsetzlich scharf in ihr, dass sie nicht wusste, wie sie das aushalten sollte.

Sie versuchte, zu sortieren, was zu tun wäre. Einen Moment schaffte sie es, die schlimmen Gefühle gegen eine Klarheit einzutauschen, die zwar bar jeder Rücksicht auf sich selbst war, aber in der sie für sich klärte, was nun von Wichtigkeit war: Brauchte Jurin akut etwas von ihr für ihre Sicherheit? Eine Versicherung, dass es in Ordnung war, dass sie gegangen war? Eine Versicherung, dass Salın ihr nicht hinterherlaufen oder hinterhertelefonieren oder sonst etwas würde? (Würde sie nicht? Also, nicht pausenlos, natürlich, aber vielleicht wäre eine Entschuldigung, wenn sie emotional soweit wäre, okay.) Aber was Salın sich auch ausmalte, es fühlte sich an, als würde es eine hohe Chance haben, Druck auf Jurin aufzubauen, Salın doch nicht fallen lassen zu dürfen. Sie formulierte ein paar Nachrichten, aber verwarf alle und ließ sich schließlich aufs Bett fallen, um zu weinen.

Es gab, stellte sie fest, nichts in ihrem Leben, wofür sie sich so sehr schämte wie für diese Sache jetzt. Nichts, was so grundlegend falsch war, und gleichzeitig diesmal gegen eine Person, die sie nie in eine Lage gebracht hatte, in der sie keine ethisch sauber vertretbare Wahl gehabt hatte.

Ein kurzer Moment, ein geöffneter Knopf, und es bedeutete so viel. Je nach Jurins Vergangenheit konnte sie damit irgendwas Schlimmes getriggert oder eben ‘einfach’ (in Gänsefüßchen, einfach war es wahrlich nicht) eine kommunizierte Grenze mit einem riesigen Schritt eingerissen haben.

Sie brauchte eine Weile, bis sie sich erlaubte, zu denken, dass sie damit auch für sich eine der besten Freundschaften ruiniert hatte, die ihr das Leben zuspielen würde. Es war ein egoistischer Gedanke und sollte eigentlich eine Nebenrolle für sie spielen. Aber sie gestand sich langsam ein, dass es mehr als das war. Sie wollte diese Freundschaft. Sie brauchte so eine. Wobei niemand das Anrecht an irgendwen hatte, Freundschaft zur Verfügung zu stellen. Jurin bot ihr etwas Wichtiges wie Umarmungen, nur in psychischer, kaum greifbarer Form, etwas, was Salın das Gefühl gab, sich ohne Rücksicht auf die Gefühle von grenzverletzenden Leuten wehren zu dürfen. Genau das, was Jurin jetzt mit ihr getan hatte. Es war gut, dass sie das getan hatte. Aber es war mies, so entsetzlich schrecklich, dass sie das hatte tun müssen, und das Salın eine Person war, bei der das notwendig gewesen war.

Sie brauchte ganze zwei Tage, um sich emotional zu sortieren, die sich wie Wochen anfühlten, und kam dabei zum Schluss, dass es auf der einen Seite Jurins Recht wäre, sich von ihr vollständig abzugrenzen, aber auf der anderen Seite sie sich auch ehrlich vorstellen konnte, dass ein klärendes Gespräch ihnen beiden mindestens Frieden bringen könnte. Also traute sie sich, die Nachricht, die schon seit einem halben Tag vorgeschrieben in einem Editor lungerte und die sie immer wieder leicht überarbeitet hatte, abzuschicken:

‘An Jurin:’

Salın überlegte, retro wie sie war, nicht diese heute übliche Botschaftseröffnung zu nutzen, sondern eine von damals wie ‘Liebe Jurin’, aber sie mochte nicht, dass ‘Liebe’ dem Namen ein Genus zuschrieb, und jeglicher andere Anredevorsatz hatte, nun ja, keine Liebe. ‘An’ hatte immer noch etwas mehr Hingabe als ‘Guten Tag’ oder ähnliches. Vielleicht war ‘An’ auch ganz gut, weil es weniger Potenzial hatte, zu vermitteln, dass Salın doch schon sehr an Jurin hing.

‘Was ich getan habe, war sehr schlimm und ich könnte absolut verstehen, wenn dir das für einen Kontaktabbruch ausreicht. Es könnte gut sein, dass ich in solch einer Situation selbst so entschieden hätte.’

Sie machte einen Absatz.

‘Es tut mir leid.’

Und noch einen.

‘Wenn du dich damit okay fühlst, und nur dann, fände ich schön, mit dir ein (gegebenenfalls abschließendes) Gespräch zu führen. Ich kann dir erzählen, wie es zu meinem Verhalten gekommen ist, oder dir zuhören, was du an mich loswerden möchtest, – was auch immer uns ein unter den Umständen möglichst gutes Closure-Gefühl geben kann. Damit meine ich nicht, dass wir den Kontakt damit beenden sollten. Von meiner Seite aus fände ich schön, wenn es sich klären ließe und wir uns weiter anfreundeten, aber wenn für dich kein Kontakt das Beste ist, verstehe ich das, werde es einfach akzeptieren und wünsche dir nur Gutes! Von Salın’

Die Antwort ließ ein paar Stunden auf sich warten, was Salın zwar schlimm lang vorkam, weil sie solche Angst hatte, aber objektiv betrachtet fand sie es eigentlich recht zügig.

‘Ich komme in elf Tagen spätestens auf Salt an, wo ich vermutlich eine Woche in der Sandburg (ein größeres Anwesen und meines Wissens gar nicht aus Sand) unterkommen werde. Wenn dir das in den Kram passt, komm vorbei. – Jurin’

Salt war eine der vier Atla-Inseln und die Heimat der Atla-Pferde. Piannas und Klavin waren wohl nie dort gewesen, aber ihre Vorfahren oder Ahnen, weit in die Vergangenheit zurückreichend. Die Atla-Inseln waren eigentlich nicht so weit von Niederwiesenbrück entfernt, zumindest verglichen mit der Distanz zu anderen Inseln. Aber Salın war nie dort gewesen. Vielleicht gerade wegen der Verbindung zu den Pferden, auch wenn sie nicht so genau verstand, warum.

Elf Tage waren jedenfalls eine ausreichende Zeit, vorher noch einmal nach Minzter zu fahren, um sich um die Pferdis zu kümmern, und anschließend mit der Flexibilität, ein paar Tage dort zu bleiben, den Atla-Inseln einen Besuch abzustatten. Salın war froh, dass sie inzwischen wieder in einer energetischeren Phase gelandet war.


Die Sandburg war tatsächlich nicht aus Sand. Aber es war eine alte Burg, die einfach in Benutzung geblieben, immer weiter gepflegt und besucht und inzwischen zu einer Ferienstätte hergerichtet worden war, und sie stand auf einer Wiese, die ohne klare Grenze in einen riesigen Sandstrand überging.

Jurin erwartete Salın auf einer Mauer sitzend. Sie hatte bis eben gelesen und mit den Beinen gebaumelt, aber stand auf, als sie Salın erblickte. “Ich würde gern mit dir auf diesen Hügel dort gehen. Da war die letzten Tage über niemand. Die Leute sind eher am Strand oder weiter oben. Aber die Aussicht ist trotzdem schön.”

Salın nickte einfach.

Sie wanderten still nebeneinander her und es war fast ein bisschen wie früher, dabei hatten sie noch gar nicht so viel Früher, auf das sie zurückblicken konnten. Der Weg war nicht sehr lang. Jurin ließ sich lässig auf eine Bank nieder als sie ankamen, den einen Fuß auf der Latte knapp unterhalb der Sitzfläche abgestellt, die genau zu diesem Zweck dort angebracht war: Beine anziehen, ohne Füße auf Sitzflächen abzustellen.

Salın setzte sich fast scheu daneben und blickte über das Meer. Es war ein eigenartiges Gefühl, sich auf einer Insel zu befinden, um die herum sich das Meer bis zum Horizont ausbreitete. In ihrem Rücken war die Sicht allerdings von mehr Hügeln verdeckt. Salt war keine besonders flache Insel.

“Ich bin nicht so der Typ für lange Einleitungen”, teilte Jurin mit. “Du wolltest erzählen, warum. Leg los, wenn du willst.”

Salın widerstand dem Drang, sich klein zusammenzufalten, weil sie das merkwürdig empfunden hätte. Aber so saß sie auch nicht gut. Zu offen. Es würde besser werden, wenn sie anfinge, also tat sie es. “Erst einmal vorweg: Was ich erzähle, soll keine Entschuldigung dafür sein, was ich getan habe. Ich kenne nur, dass mir manchmal bei so etwas hilft, zu wissen, wo es herkommt, damit ich mich weniger schlimm fühle, weil, naja …”

Jurin nutzte ihre Nachdenklücke, um sie zu unterbrechen: “Es ist mir klar, dass das keine Entschuldigung ist. Und darüber hinaus geht’s mich vielleicht nichtmal was an. Aber wenn du schon so frei anbietest, über das Warum zu reden, werd ich das annehmen. Für mich leitet sich daraus ab, ob ich weiter mit dir was zu tun haben will oder nicht.” Jurin platzierte den Salın abgewandten Ellbogen auf der Lehne und es wirkte nicht halb so lässig, wie es das in einer anderen Situation vielleicht getan hätte. “Das klingt vielleicht fies”, ergänzte sie. “Aber wenn du mir jetzt erzähltest, dass du nicht anders konntest, weil du so verliebt in mich bist, wär die Sache halt für mich gelaufen.”

Salın konnte nicht vermeiden, einen Moment zu lächeln. “Romantic repulsed”, flüsterte sie.

Jurin wandte ihr den Blick zu. Er war nicht so wutverzerrt, wie Salın ihn sich vorgestellt hätte, fast eher sachlich. “Fängst du bald an? Mache ich Druck, wenn ich das frage?”

Salın schüttelte den Kopf und versuchte, wieder ernster zu werden. Es gelang ihr mit einem Schlag, als sie sich die ersten Sätze vorformulierte. “Als ich gerade von zu Hause ausgezogen war, habe ich quasi direkt eine romantische Beziehung angefangen, die nicht gut für mich war. Deira fand sie gut und hat sie mir quasi ausgesucht, aber das war mir damals nicht klar. Wenn du in einem Elternhaus großwirst, in dem bestimmte Formen von Gewalt normal sind, dann merkst du nicht unbedingt, dass du dieser oder etwas anderer Gewalt wieder ausgesetzt bist, weil du sie ja für normal hältst, weißt du?”

Jurin schüttelte den Kopf. Aber ihr Gesichtsausdruck wurde noch weicher. “Ich habe keine Ahnung, ich habe da in meinem Leben einfach enormes Glück gehabt”, sagte sie. “Aber es klingt für mich sofort logisch, falls das hilft.”

Salın atmete erleichtert aus. “Ja, das hilft”, flüsterte sie und blickte aufs Meer hinaus, um weiterzuerzählen. “Es war eine 20/7-91 BDSM-Beziehung.” Sie merkte, wie sie zu zittern anfing. Sie wusste nicht einmal, ob sichtbar oder nur innerlich.

“Wolltest du das?”, fragte Jurin.

Salın nickte. “Ich wollte.”

“Wussten deine Eltern eigentlich davon?”, fragte Jurin. “Entschuldige, ich lenke ab. Es spielt keine Rolle, glaube ich.”

“Sie wussten nichts davon.” Statt die Beine nun anzuziehen, rieb sich Salın über den Rock. Es war derselbe, den sie angezogen hatte, als Jurin sie besucht hatte, fiel ihr auf. “Deira findet die Idee widerlich, sie könnte sich einer Person unterordnen, oder jemand würde sich ihr unterordnen.”

Jurin lachte auf, aber riss sich sofort wieder zusammen. “‘Tschuldige. Es ist bloß, ich halte Deira für kaum fähig, eine Beziehung ohne Machtgefälle zu führen. Aber es muss ein Unausgesprochenes sein, weil, sonst kann sie sich ja nicht vormachen, es wäre alles unproblematisch und normal.”

“Ja, das habe ich auch in den letzten Jahren manchmal gedacht”, gab Salın zu. “Damals noch nicht. Aber es war vielleicht trotzdem gerade deshalb aufregend, das hinter ihrem Rücken auszuleben. Ich saß manchmal mit ferngesteuertem Vibrator in der Hose am Mittagstisch meiner Eltern und habe mir nichts anmerken lassen. Und ich habe gewusst, sie fand meine Ex super, aber wenn sie das rausgefunden hätte, hätte sie meine Ex aus dem Haus verbannt und wochenlang mit mir gestritten.”

Nach einem kurzen Schweigen, vielleicht, weil es schwierig war, gut zu reagieren, sagte Jurin: “Interessant.”

“Was meinst du?” Salın wagte es, sie anzusehen. Jedesmal, wenn sie das tat, wurden all ihre Gefühle viel stärker, deshalb tat sie es nur einen Moment.

“Mein erster Gedanke war: Questionable Consent”, gab Jurin zu. “Mein zweiter: dass ich mir bei deinen Eltern dazu nicht so viele Gedanken machen würde. Und mein dritter war die Frage, ob das vielleicht gerade der Grund ist. Also, dass du zum einen vielleicht damals kein Gefühl für Questionable Consent hattest und zum anderen, dass es dich in eine weniger untergeordnete Position deinen Eltern gegenüber gebracht hat, die du eben überhaupt erreichen konntest.”

Salın brach in leicht verzweifeltes Kichern aus. “Du bist schon ganz schön erstaunlich! Ich denke, das trifft es sehr gut.”

“Das tut mir leid”, sagte Jurin.

Salın beschwerte sich nicht darüber. Sie dachte erst, Jurin sollte nicht leidtun, etwas gut erklären zu können, aber das war vermutlich nichtmal gemeint. “Jedenfalls war die Vereinbarung mit ihr, – also mit meiner Ex, meine ich –, dass ich jederzeit für sich zur Verfügung stehen musste. Wenn sie mit mir Sex wollte, zum Beispiel. Und wir hatten safe Words, aber ich habe sie nie benutzt.”

Jurin wandte ihr den Blick zu und betrachtete sie mit gerunzelter Stirn.

Mit einem Mal kam Salın der Gedanke, dass sie vielleicht vor den Inhalten ihrer Geschichte hätte warnen sollen. Das war Material, das triggern konnte. Aber Jurin hatte gemeint, dass sie keine solchen Erfahrungen hatte. Aber man konnte trotzdem entsprechende Trigger haben.

“Wolltest du das?”, fragte Jurin, bevor sie etwas formulieren konnte. “Mir fiel das schwer, zu fragen, weil du schon sagtest, dass du das wolltest. Aber irgendwie, ich weiß nicht. Ergibt Sinn, dass ich es nochmal frage?”

Salın nickte. “Ergibt es”, sagte sie. “Und die Antwort ist immer noch ‘ja, unbedingt!’. Aber das ist gleichzeitig nicht ganz richtig.” Sie seufzte. “Es macht mich immer noch an, nur darüber zu reden, einer Person einfach jederzeit sexuell zur Verfügung stehen zu müssen.”

Sie brach ab, weil dieses Aussprechen das Gefühl umso mehr verstärkte. Sie warf Jurin einen Blick zu und ein Teil in ihr, den sie niederringen wollte, wünschte sich, dass Jurin sie begierig ansehen würde. Sie hasste sich ein wenig dafür, dass der Fetisch so stark war und einfach ansprang, auch wenn sie nicht wollte. Aber Jurin betrachtete sie weiter mit gerunzelter Stirn und dieser Ruhe, die sich auf Salın übertrug.

“Und auf einer weniger bewussten Ebene wollte ich das nicht”, sagte Salın und wandte den Blick wieder ab. Dieses Mal beobachtete sie ihre Finger, wie sie auf den eingestickten Löchern im Rock entlang rieben. “Wenn sie so ein bisschen säuerlich oder knapp war, oder gestresst, oder wenn schon sexuelle Aufladung in der Luft lag, habe ich mich ihr, naja, so angenähert wie dir, als du da warst, damit ich wenigstens Kontrolle über das Wann zurückbekommen kann. Es war keine bewusste Entscheidung. Ich habe es mir quasi unterbewusst antrainiert. Besonders dann, wenn ich am liebsten die darauffolgende Nacht einfach kuschelnd und ohne Erregung für mich brauchte.” Salıns Stimme brach und sie zerfloss einfach in Tränen. Sie hatte nicht weinen gewollt. Sie hatte sich vorgestellt, gefasst zu bleiben, sich kontrollieren zu können. Es ging hier eigentlich um Jurin, nicht um sie.

Sie versuchte, durch kontrollierten Atem wieder ruhiger zu werden, aber Jurin breitete fragend einen Arm aus und sie fiel von ganz allen gegen Jurins starken Körper. Sie zitterte erbärmlich, nicht nur gefühlt, sondern sie merkte, wie er durchs Schluchzen gegen Jurins Umarmung bebte. Und Jurin hielt sie einfach.

Salın presste ihr Gesicht an Jurins Schulter, und weil die Lage so verkrampft und verbogen war, bettete Jurin sie beide in eine liegende Position auf die Bank um, als wäre das erlaubt. Salın spürte Jurins weiche Brust, die kräftigen, festen Arme, den langen Zopf, der an ihrer Schulter entlangstreichelte. “Ich wollte das nicht”, flüsterte sie. “Ich wollte für dich da sein und nicht, dass du mich auffangen musst. Ich habe nicht mit dem Ausbruch gerechnet. Ich wusste nicht, dass es nach all den Jahren auf einmal so schlimm ist.”

Jurin drückte sie fester. “Es ist schlimm!”, antwortete sie. “Da kann man auch mal den Zusammenhalt verlieren und weinen müssen.”

“Aber ich habe mit meiner sexuellen Annäherung deine Grenze verletzt!”, betonte Salın. “Ich wurde in der Situation irgendwie ins Damals zurückgeworfen, als wäre ich da, weißt du? Und habe reagiert, als wärest du meine Ex. Aber das entschuldigt nichts!”

“Ja”, gab Jurin zu und seufzte, als würde sie das gerade fast nerven. “Und es tut dir leid, und ich verzeihe es dir. Es war mies, aber es war einfach ein ganz anderes, viel kleineres Kaliber von mies, weißt du? Das ist was, was ich im Zweifel wegstecken kann. Das bei dir ist nichts zum Wegstecken. Und es ist sehr okay für mich, wenn das jetzt erstmal dran ist.”

Und so lagen sie da. Salın heulte, Jurin hielt sie. Manchmal sagte Salın so etwas wie “Ich schnoddere deine Kleidung voll!” und Jurin sagte irgendetwas Beruhigendes. Bis ihre Tränen irgendwann versiegten und sie fühlte, wie der Wind sie trocknete.

“Hast du mit Mauk eigentlich eine 20/7-9 BDSM-Beziehung?”, fragte Salın.

Jurin gluckste vorsichtig. “So oft sehen wir uns nicht, dass wesen es so nennen könnte”, erwiderte sie. “Aber ja, wenn wir uns treffen, verfallen wir irgendwie immer in ein Spiel. Hast du Bedenken, dass es Mauk so gehen könnte wie dir damals?”

“Eigentlich nicht”, überlegte Salın. “Ich habe mich wohl gefragt, warum ich da eher keine Bedenken habe. Wodurch sich das unterscheidet.”

“Am Ende können wir eine ganze Menge überspielen und es gibt keinen 100% Verlass, so sehr sich das viele wünschen. Ich finde wichtiger, sich das immer präsent zu halten, als der Illusion nachzugehen, Konsens könnte absolut sichergestellt werden”, antwortete Jurin. “Aber ich denke, ein gutes Indiz bei Mauk ist, dass Mauk in der Vergangenheit ohne irgendein Zögern oder Entschuldigen klar ‘Nein’ zu Dingen gesagt hat, die sie nicht wollte. Und bei dir wusste ich von Anfang an, ich muss in gewissen Dimensionen mit aufpassen. Du hast gleich in den ersten Momenten unserer Bekanntschaft gefeiert, dass du eine Grenze gezogen hast. Und das bedeutet doch, dass du das nicht immer gut hinkriegst, oder?”

Sie hatte doch gerade aufgehört zu weinen. “Warum hast du schon wieder recht?”, schniefte sie und vergrub ihren Kopf enger an Jurins Schulter.

Jurin zuckte mit eben jenen Schultern, was sich überraschend angenehm anfühlte. “Erfahrung, würde ich sagen. Also in diesem Fall.”

“Ich fand richtig gut, dass du gegangen bist”, flüsterte Salın. “Also, ich habe mich in dem Moment furchtbar gehasst, ja. Weil ich was gemacht habe, was mir schwerfällt, mir zu verzeihen.” Sie versuchte sich zu sortieren. “Entschuldige, ich wollte gerade das eigentlich nicht bei dir loswerden, weil es um dich und deine Gefühle dabei gehen sollte.”

“Jetzt würde ich aber schon gern wissen, warum du das richtig gut fandest”, sagte Jurin in ihr Haar.

“Es gibt mir die Versicherung, dass ich das auch darf”, flüsterte Salın. “Ich kämpfe immer noch manchmal mit meinem Gewissen, dass ich die BDSM-Beziehung mit meiner Ex gekappt habe, und ihr aber nicht vermittelt bekommen habe, was eigentlich das Problem war. Und dann ist sie gegangen und hat mich geghostet, und hat mir ein halbes Jahr später nochmal geschrieben, dass sie mir damit zeigen wollte, wie es sich anfühlt, wenn plötzlich was wegfällt, ohne dass es dafür einen wirklichen Grund gibt.”

Jurins Körper verkrampfte sich. Zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch zischte sie. “Sowas braucht nie einen Grund, ein ‘nein, ich will nicht’ reicht! Ob ich sie dafür unangespitzt in den Boden …” Sie atmete tief durch. “Ich habe Gewaltfantasien.”

Salın verfiel unpassenderweise ins Grinsen. “Du bist sadistisch, oder? Da solltest du eine gute Auswahl an Fantasien haben.”

Jurin schnaubte und schüttelte den Kopf. “Ich habe Spaß an Sadismus, wenn mein Sub dabei genießt. Das ist notwendig dafür, dass Sadismus für mich funktioniert.” Sie strich Salın eine Strähne aus dem Gesicht. “In diesem Fall fühle ich mich nur schwer in der Lage, einer Person sowas durchgehen zu lassen, ohne sie persönlich aufzusuchen und ihr Leben in ein Inferno zu verwandeln.”

Salın blickte auf in Jurins Gesicht. Sie wollte so gern küssen. Aber konnte sie das jetzt fragen? Ja, konnte sie, überlegte sie. Es war eine Frage, und Jurin könnte ‘nein’ sagten. Aber sie könnte auch, hm, eben dies fragen: “Könntest du immer einfach ‘nein’ sagen, wenn ich dich fragte, ob du mich küsst?”

Jurin nickte. “Könnte ich.”

“Würdest du es jetzt tun?”, flüsterte Salın.

Jurin haderte. Salın überlegte, ob es dann besser wäre, direkt einen Rückzieher zu machen, aber Jurin hatte doch gerade gesagt, dass sie könnte. “So albern das ist, magst du direkt fragen?”

Salın atmete tief ein und aus und spürte dabei, wie ihr Bauch sich gegen Jurins schmiegte. “Küsst du mich jetzt? Magst du?”

“Gleich”, sagte Jurin. “Ich war gerade verheddert und fand das als Antwort auf eine direkte Frage einfacher.” Sie strich Salın übers Haar und lächelte. “Ich würde gern vorher selbst noch loswerden: Ob es nun für dich okay war oder nicht, es tut mir leid, dass ich dich so unter Druck gesetzt habe, mir deine Vergangenheit anzuvertrauen. Und ich kann es dir begründen, warum ich das gemacht habe, wenn du willst, aber ich kann es auch einfach so stehen lassen.”

“Doch bitte, wenn du magst?”, bat Salın.

“Es verlieben sich sehr oft Personen in mich.” Jurin seufzte. “Und es ist in der Vergangenheit öfter vorgekommen, dass darunter welche waren, die ich mochte, und die versucht haben, mich heiß auf sie zu machen, auch wenn ich eigentlich ‘nein’ gesagt habe und nicht wollte. Manchmal hat es funktioniert. Das fühlt sich im Nachhinien mies an und ich möchte mit keiner Person näher zu tun haben, die so etwas mit mir probiert, verstehst du?”

Salın nickte sofort und breitete ihre obere Hand auf Jurins Schulter aus, in dem Versuch, sie zu halten, aber auch nicht zu sehr an sich zu ziehen. “Ich glaube, das ist gar nicht so sehr zum Wegstecken, wie du behauptet hast.”

“Kann sein”, gab Jurin zu. Sie senkte den Blick. “Danke, dass du verstehst.”

Salın hatte keine Vorstellung gehabt, dass dieser immer stabile Körper mal an Spannkraft verlieren konnte. Sie sortierte sich so um, dass Jurins Kopf an ihrer Schulter lag. Jurin weinte nicht und zitterte nicht wie Salın, aber es lag trotzdem so eine Vulnerabilität in ihrer Haltung, dass Salın wusste, dass Jurin eben auch nicht nur stark war. “Ich finde sowas ganz schlimm”, sagte sie leise in Jurins Haar. “Da spielen Leute Instinkte und körperliche Bedürfnisse von dir an, damit du deine Grenzen überschreitest und es hinterher heißt, aber du wolltest doch.”

“Ja, das”, flüsterte Jurin. “Wobei ich glaube, dass das mehr Reflexe als Kalkühle waren.”

“Ich finde nicht, dass es das besser macht”, hielt Salın fest. “Es bleibt eklig. Richtig eklig!”

Sie lagen still beieinander. Die Abenddämmerung gab erste Anzeichen, hereinbrechen zu wollen, aber noch war der Wind warm genug, dass sie nur einander und keine Decke brauchten. Salın streichelte Jurin sanft über den Rücken und dachte überhaupt nicht mehr ans Küssen, aber es war sehr in Ordnung, wie es war.

Irgendwann, da schuhute schon die erste Ule, hob Jurin den Kopf. “Ich öffne mich anderen selten auf diese Art. Wenn du möchtest, wäre ich für ein wenig Commitment zu haben, denke ich.”

“Wie meinst du das?” Und auf einmal waren all die Schmetterlinge wieder lebendig. Egal, ganz egal, was Jurin wollte, Salın fühlte sich innerlich so gestreichelt dadurch, dass diese unbeschreibliche Person sie auf irgendeine Art in ihrem Leben wollte.

“Freundschaft”, antwortete Jurin. Sie grinste etwas verlegen. “Die Zusage, dass es in Ordnung ist, dass wir uns einander so anvertrauen wie heute. Wenn du magst.” Sie kicherte auf die selbe Art verlegen wie ihr Grinsen. “Ich habe sowas noch nie abgeklärt. Fühlt sich witzig an.”

“Das klingt wunderschön.” Salın berührte Jurins Stirn mit der Nasenspitze. “Aber ich mache keine Zusagen für für immer. Ist das okay?”

“Klar ist es das!” Jurin lächelte breit. “Sowas könnte ich auch nicht zusagen. Es geht mir nicht um eine zeitliche Dauer, sondern darum, festzuhalten, dass sich im Moment die Offenheit richtig anfühlt.”

“Es fühlt sich sehr richtig an”, sagte Salın. Sie schloss die Augen. “Ich hab wirklich starke Verliebtheitsgefühle für dich, und ich weiß nicht, ob das für dich im Weg ist. Immer noch welche, die nur da sind, wenn ich dich angucke, wenn ich bei dir bin. Die wären sonst nicht da, und das bleibt auch so. Wie ist das für dich?”

Jurin strich ihr mit der Hand über die Wange. “Ungewohnt, aber ich komme immer noch drauf klar. Eben weil es Momentgefühle sind.”

“Küsst du mich jetzt?”, fragte Salın.

“Oder du mich?”, fragte Jurin, vielleicht eine Spur schelmisch. “Du liegst gerade oben!”

Salın kicherte. Normalerweise lag sie nicht gern oben. Aber gerade war das irgendwie sehr okay. Es war auch kein richtiges Obenliegen. Sie lagen eigentlich nebeneinander, nur lag ihr Kopf oberhalb von Jurins.

Sie rutschte wieder herab, damit Jurin den Kopf nicht so sehr in den Nacken legen musste, und küsste Jurin auf den Mund. Nach all der Energie die sie in Gefühlsausbrüche verbraten hatten, war Salın überrascht, wieviel Feuer sie übrig hatten. Abwechselnd fühlte sie nichts anderes als Jurins feste Umarmung, Jurins Streicheln, Jurins Lippen auf ihrem, Jurins Zunge, die zugleich sanft und drängend ihre Lippen erforschte und ihre eigene Zunge suchte, und dann im Kontrastprogramm die harte, zu schmale Bank, die sie sich magisch gegen ein Bett eingetauscht wünschte.

Sie fühlte Jurins Hände auf ihrem Rock, auf ihrer Bluse, auf ihrem Rücken und ihren inneren Rippenbögen. Sie fühlte sich gewollt und wertvoll. Salın hielt sich einige Male davon ab, Jurins Hand unter ihren Rock zu sortieren. Das war nicht die Art, wie sie dieses Mal fragen wollte, das war die Art, wie sie es früher gemacht hatte. Dieses Mal wollte sie es formulieren.

Sie küssten sich nicht mehr und Salın war fast überrascht davon. Sie hatte aufgehört und Jurin hatte sie gelassen, dabei hatte sie nicht damit gerechnet, dass sie auffällig genug aufgehört hätte, dass es registriert hätte werden können. Nun lagen sie da, atemlos, die Gesichter berührungslos, aber dicht beieinander.

“Willst du deine Hand unter meinen Rock …” – das war kein guter Satzanfang. Wie perplex war sie eigentlich?? – “… tun?” Ihr wurde heiß, als sie das fragte.

“Und dann?”, raunte Jurin, so dicht vor ihrem Mund.

“Sex?”, fragte Salın.

“Haben wir nicht schon Sex?” Jurin unterbrach ihr vollkommenes Verharren, indem sie lediglich langsam mit einer Hand Salıns Wirbelsäule herabfuhr. “Also, man kann es vielleicht so und so sehen. Vielleicht ist es auch keiner.”

“Für mich ist es noch keiner”, flüsterte Salın. “Weil es sich noch safe anfühlt.”

Jurins Hand verharrte an Ort und Stelle. Einen Moment hielt damit auch die Zeit an.

“Es ist mir so rausgerutscht”, flüsterte Salın. Sie merkte, wie die Tränen zurückkommen wollten. Sie wollte das nicht.

“Aber war es so eine Wahrheit, die dir unwillkührlich rausgerutscht ist, oder hatte es eigentlich eine ganz andere Bedeutung, und du hast dich einfach voll in den Worten verwählt?”, fragte Jurin.

Es war die richtige Frage, fand Salın. “Ich …” Sie versuchte sich zu sortieren. “Ich fühle mich oft, als müsste ich sexuell zur Verfügung stehen, damit ich wertvoll bin.” Die Tränen flossen doch wieder aus ihr heraus. “Damit ich irgendwie ausgleichen kann, was für eine Last ich bin, damit es sich für andere lohnt mit mir.”

Jurin nahm sie einfach wieder in den Arm, wie vorhin. “Salın, ich mag dich und du bist wertvoll für mich. Und das hat überhaupt nichts mit einer Option auf Sex zu tun. Wirklich gar nichts!” Sie lehnte ihre Wange an Salıns Stirn und hielt sie einfach. “Ich find Sex meistens nichtmal für sich genommen interessant. Ich verwöhne ganz gern mal eine Person, oder binde es in ein kinky Spiel ein, aber ich brauche das nicht für mich. Manchmal denke ich, ich bin übersättigt davon. Entspann dich einfach bei mir, wenn du kannst, ja?”

Salın nickte einfach. Die Erleichterung schwoll ihren Hals zu, sodass sie einen Moment nicht sprechen konnte.

“Sollen wir ausmachen, dass wir niemals Sex haben? Sondern einfach das, was wir jetzt haben, weitermachen, solange es schön ist?”, fragte Jurin.

Salın wehrte sich gegen den inneren Drang, zu widersprechen, weil das doch unmöglich sein konnte, was Jurin wollte. “Ich fühle mich so unausausreichend”, flüsterte sie, aber schob dann doch ein leises “Ja” hinterher. “Ich möchte keinen Sex.”

Jurin strich ihr sanft durchs Haar. “Dann passiert das auch nicht”, versprach sie.

Salın entwich ein Schluchzen, das ihr viel zu laut vorkam, und zugleich fühlte sie die Entspannug eines entlastenden, befreienden Gefühls, von dem sie sich nicht erinnern konnte, es in einer Beziehung mal gefühlt zu haben. “Es tut mir leid. Dass ich mich schon wieder so zerlege. Du bist schon irgendwie wütend, oder? Dass ich so bin.”

“Ich bin wütend.” Jurin sagte es ganz ruhig. “Das irgendwelche Leute auf diesem Planeten daherkommen und dir das Gefühl rauben, oder dir die Möglichkeit wegnehmen, das Gefühl zu haben, wertvoll zu sein.”

Irgendwo unter ihnen rauschte das Meer. Salın spürte den Drang, irgendwie zu verschwinden. Ihr wurde die Situation zu viel. Sie wurde sich selbst zu viel und konnte sich nicht vorstellen, dass es für Jurin nicht auch so war. Sie hatten doch gerade erst die Freundschaft beschlossen. Es könnte so schön sein, von Meer umgeben mit diesem Gefühl im Wind zu kuscheln. Aber der Fluchtreflex ließ nie lange auf sich warten. Deshalb vertraute Salın sich normalerweise nie an. Und wenn doch, war es der Anfang vom Ende.

“Ich habe oft das Gefühl, Leute beachten mich kaum, solange ich fröhlich herumhopse, aber dann, wenn ich irgendwie zeige, dass ich verzweifelt bin, fühlen sie sich verpflichtet, für mich da zu sein”, flüsterte Salın.

Jurin seufzte leicht. “Ich glaube, du hast in deinem Leben so viel Mieses abbekommen, dass es sich schwer anfühlen muss, dich mit all dem, was du bist, einer Person sozusagen zuzumuten. Aber du kannst dich mir gern zumuten. Ich habe die Kraft. Ich bin so privilegiert abled, dass es sich oft unfair anfühlt, und ich würde gern … ach ich weiß nicht, ich bin auch ein bisschen überfordert damit, wie ich dir klar machen kann, dass sich das immer noch richtig für mich anfühlt, hier mit dir. Und gern auch die nächsten zehn Tage.”

“Wärest du, wenn ich mich nicht gemeldet hätte, direkt weitergereist?”, fragte Salın.

“Ja, aber ich kann gut mit Planänderungen umgehen”, versprach Jurin.

Salın atmete tief ein und aus, um sich zu beruhigen und fühlte Jurins tröstliche Körperwärme. “Ich wollte auch immer mal reisen. Ich habe mich gefragt, ob ich Windschwinge sein könnte, und würde mich da gern mal reinfühlen. Ich bin jetzt im Moment völlig unvorbereitet, aber so generell, könntest du dir vorstellen, mich mal mitzunehmen?”

Jurin strich ihr durchs Haar und küsste sie auf die Stirn. “Ja, kann ich”, sagte sie. “Lass uns das gern morgen besprechen. Und je nachdem, wieviel Vorbereitung du brauchst, kannst du auch direkt mitkommen, wenn du willst. Es geht mit der Fähre rüber und dann durch die Ampen oder an der Küste entlang – das habe ich noch nicht entschieden – nach Geesthaven.”

  1. Das Equivalent zu 24/7 in einer Welt, in der Tage 20 Stunden und Wochen 7-9 Tage haben.