Stranden und wandern
Jurin
Sie gingen weiter am Strand entlang, aber nun langsamer. Jurin fühlte sich nicht unbedingt wohl. Sie hatte jedes Wort ernst gemeint, aber es hatte sich auch angefühlt, als hätte sie sich und ihre Hilfsbereitschaft in den Vordergrund gedrängt, wo eigentlich Salın sein sollte, und auch, als hätte sie nicht ausreichend Ahnung, worauf sie sich da einließ.
Sie stellte die Frage, vor der sie Angst hatte, – und es war eine ganz andere Angst als das Ungeheure an tiefem Wasser: “Was für Folgen hat mein Verhalten für dich, wenn du deine Eltern wiedertriffst?”
“Nichts Gutes”, antwortete Salın. “Möchtest du wissen, ob ich mir von dir deshalb anderes Verhalten gewünscht hätte?”
Jurin nickte. “Ja, das würde ich gern wissen.”
“Nein”, sagte Salın in einer überraschend gelassenen Bestimmtheit. “Ich habe mich dazu entschieden, mit meinen Eltern ein Mindestmaß von ‘gutem’ Verhältnis aufrecht zu erhalten.” Sie umrandete das Adjektiv mit mit den Fingern in die Luft gemalten Gänsefüßchen. “Ich möchte keinesfalls beschließen, dass irgendeine Person, die ich mit zu ihnen nehme, sich für mich Deira fügt. Deira wird mit Sicherheit ständig über dich herziehen, aber das werde ich schon aushalten. Ich finde es irgendwie sogar erleichternd.”
“Erleichternd?” Jurin runzelte die Stirn.
“Weil ich mir deswegen a) um dich nicht so viele Gedanken machen muss. Zumindest habe ich die Vorstellung, dass du dich deshalb weniger meinetwegen in Gefahr für deine mentale Gesundheit begibst. Und b) du gesehen hast”, erklärte Salın. “Wie erkläre ich das? Also, ich meine, mein Herzwesen, das eigentlich auf heute übernachten wollte, sieht die Probleme alle nicht.”
Jurin senkte eine Augenbraue, sodass nur noch die andere erhoben war. “Es gibt Herzwesen, die dich dort besuchen, die nichts mitkriegen?”
“Ich glaube, es sieht schon alles viel weniger deutlich aus, wenn das Kennenlernen damit anfängt, dass du halt eine Umarmung über dich ergehen lässt, weil sie nicht so schlimm ist. Und solche Sachen”, überlegte Salın. “Vielleicht habe ich bisher auch nicht die aufmerksamsten Leute heimgebracht.”
“Ich weiß nicht, ob ich belustigt oder schockiert sein soll”, murmelte Jurin und überlegte, dass ihr verzweifeltes Kicherwimmern, das ihr entfuhr, vielleicht beides war.
“Es tut mir von meiner Seite aus übrigens auch leid, dich da reingezogen zu haben”, hielt Salın fest. “Vielleicht habe ich nicht damit gerechnet, dass du das so viel abkriegst, gerade weil üblicherweise sonst keine Person, die ich mit Nachhause nehme, sieht.”
“Mach dir keine Gedanken darüber”, beschwichtigte Jurin. “Ich wusste schon, dass ich mich auf was vielleicht nicht so Gutes einlasse.”
Sie wichen einer Gruppe Passierender aus. Der Strand wurde hier voller. Sie erreichten allmählich wieder den Rand des Zentrums Minzters. Jurin überlegte, ob sie anbieten wollte, umzukehren für mehr Alleinzeit mit Salın, aber eigentlich sollte sie sich wirklich bald bei Mauk melden. Sie hatte am Abend zuvor noch eine knappe Nachricht geschrieben, wo sie schlafen würde.
“Wie lange hast du, bis dein Zug fährt?”, fragte Jurin.
“Welcher? Der nach Niederwiesenbrück oder der, mit dem du mich auf ein Date mit hinnehmen willst?” Salın schmunzelte.
Jurin erwiderte das Lächeln. “Ersterer.”
Salın blickte auf ihren Taschenrechner. “In etwa viereinhalb Stunden. Fällt das Date ins Wasser?”
“Das war mein Plan”, erwiderte Jurin. “Ich würde Schwebebahn – das ist ja im weitesten Sinne Zug – mit dir auf die andere Seite von Minzter in eine schöne Badebucht fahren und dort Zeit mit dir und Mauk verbringen, wenn du magst.”
“Ein Date zu dritt?”, fragte Salın.
Jurin konnte keine Enttäuschtheit ausmachen und zuckte mit den Schultern. “Ich habe eigentlich eh kein romantisches Konzept von Date.”
“Hm”, machte Salın.
Jurin beobachtete sie, aber konnte immer noch nicht ausmachen, was für Gefühle Salın wohl gerade haben mochte. “Enttäuscht es dich?”
“Nein, nein!”, widersprach Salın in einem beschwichtigenden Tonfall. Es wirkte, als wäre ihr das nichtmal in den Sinn gekommen. “Ich möchte gern einen Strandtag mit dir und Mauk machen. Ich weiß nicht, wann ich meinen letzten Strandtag hatte …” Sie grinste Jurin an. “Ich habe mich gefragt, ob ich ein Konzept von einem romantischen Date habe. Oder was ‘romantisch’ für mich heißt. Oder was ‘romantisch’ für irgendwen heißt. Bist du sowas wie romantic repulsed?”
Jurin verfiel in lautes Lachen und wusste nicht einmal so genau warum. Es war so präzise getroffen! “Das Label muss ich mir merken, wenn mir das nächste Mal jemand einen Minzstrauß schenkt!”
Sie grinsten sich einige Momente an und es war irgendwie vielsagend.
“Habe ich Minze von dir bekommen, weil du einen romantischen Moment zerstören musstest?” Salıns Augen verschwanden fast hinter Lachfältchen.
In Jurin machte sich kurzzeitig die ernsthaftere Stimmung von Linoschkas Verletztheit und ihrer Scham breit. Sie nickte. “Es sollte nichtmal von ihrer Seite einer werden, habe ich im Nachhinein vielleicht verstanden, aber ich bin, wie du sagst, eben romantic repulsed. Die Abwehr war in dem Moment zu stark in mir, um Verständnis aufzubringen, dass es vielleicht anders gemein sein könnte.”
Salın nickte. “Ich mag Minze sehr. Wirklich. Es ist ein robustes, immer frisches Gewächs und sehr verzehrungswürdig, wie ich. Aber ich werde dir nie Minze schenken. Verstanden!” Sie salutierte.
Jurin kicherte über letzteres. Sie ging nicht darauf ein, dass Salın sich verzehrungswürdig genannt hatte. Und sie stimmte nachdenklich, dass sie das Versprechen, von ihr nie Minze geschenkt zu bekommen, nicht erfreute. Es war trotzdem nichts, was sie gewollt hätte, aber das Versprechen des Gegenteils eben auch nicht.
Mauk wartete auf sie an der Haltestelle, von wo aus der Pfad zwischen harzigen Sommerweiden und Landpappeln hindurch zum Strand hinabführte, den Mauk und Jurin am Vortag schon genommen hatten. Der Strand lag dicht am Windschwingenhaus, in dem heute Nacht nur Mauk übernachtet hatte. Sie half Jurin und Salın, dabei, das Gepäck in einem Schrankhaus neben der Haltestelle zu verstauen.
“Hast du im Bett geschlafen?”, begrüßte Jurin sie.
Mauk grinste ohne eine Spur Schuldbewusstsein im Gesicht. “Du warst zu weit weg, um mich zu was anderem zu zwingen.” Sie trug ein rotes, schmales Halsband mit je einem stabilen Ring vorn und hinten, an denen das Stück Stoff befestigt war, das mit ein wenig Interpretationskunst ihr Kleid genannt werden mochte. Auf ihrer linken Seite bildete es einen Ärmelausschnitt, der bis zu ihrer Badehose herabreichte. Auf der anderen war es mit drei Schleifen zusammengebunden, die einfach nur aufgezupft hätten werden müssen, um Mauk innerhalb nichtmal einer Minute komplett zu entblößen.
Salın starrte sie wie verzaubert an. “Du bist Mauk?”
Mauk nickte mit einem breiten Grinsen im Gesicht. “Jap. Und du Salın.” Sie brauchte nicht zu fragen, weil sie Salın auf der Bühne gesehen hatte, fiel Jurin ein.
“Ziehst du dich gern anzüglich an?”, fragte Salın.
“Stellst du gern direkte Fragen?”, konterte Mauk.
Salın kicherte. “Stört’s dich?”
“Nein.” Mauks Ton wurde seidenweich und warm. “Und ja, ich ziehe mich gern auf diese Weise an. Auch wenn ich es eher vorzüglich statt anzüglich nennen würde. Und ich frage mich, warum das Wort ‘anzüglich’ für einen Kleidungsstil gebraucht wird, der weder aus Anzügen besteht noch besonders angezogen ist.”
“Weil er anziehend ist?”, riet Salın.
Jurin feierte innerlich das Gespräch der zwei, aber fand, sie könnten das ruhig auf dem Weg zum Strand hinab tun. Also setzte sie sich in Bewegung und freute sich, dass die beiden einfach folgten.
“Findest du mich also anziehend?”, fragte Mauk.
“Ein wenig.” Salın betonte es mehr wie eine Frage.
“Nur ein wenig? Wie kann ich deinen Nerv besser treffen?”, erkundigte Mauk sich.
Salın kicherte, aber blieb um eine Antwort verlegen.
Sie erreichten eine schmale Treppe, die einen längeren Bogen des offiziellen Wegs abkürzte, und Jurin nahm selbige. Dahinter erblickte sie das Meer, wie es in der Mittagssonne glitzerte und zum Baden einludt. Hier waren nicht so viele Leute, und so sehr Jurin Trubel oft nicht so viel ausmachte, so sehr war sie auch froh, dass sie hier diesen abgelegeneren Strandabschnitt nahmen.
“Du magst auch BDSM, oder?”, erkundigte Mauk sich bei Salın.
Jurin kicherte. “Du denkst auch an nichts anderes.”
“Manchmal denke ich auch an Kinks, die nicht so sehr in BDSM fallen”, protestierte Mauk. “Und manchmal denke ich sogar ans Schlafen, wenn ich überraschend eine Nacht allein verbringe.”
“Du Luder!” Jurin drehte sich um und versuchte, sich vor ihr aufzubauen, was nicht die leichteste aller Übungen war, weil sie zwei der schmalen Stufen tiefer stand und auf diese Art nur fast so weit hochreichte wie Mauk. So standen sie sich gegenüber und Jurin überlegte, was sie machen wollte.
“Traust du dich nicht?”, provozierte Mauk.
Jurin legte ihr einen Finger aufs Kinn und drückte den Fingernagel sachte hinein. “Als ob, soweit kommt’s noch.” Jurin drehte sich auf dem Absatz um und stieg die Treppen weiter hinab.
“Ihr spielt schön”, kommentierte Salın überraschend.
“Also stört dich nicht, wenn wir spielen?”, versicherte sich Mauk mit ungewöhnlich ernstem Tonfall.
“Im Gegenteil”, sagte Salın. “Ich fände schön, dabei sein und zuschauen zu dürfen.”
Jurin konnte nicht anders, als breit zu grinsen, was niemand der anderen sah. “Hast du Grenzen, Salın? Gibt es Dinge, die du eher nicht sehen willst?”
“Och, ich denke, die Öffentlichkeit wird ausschließen, dass ihr gewisse Dinge macht”, überlegte Salın.
Mauk kicherte. “Ich bin mir nicht sicher, was Jurin irgendwie doch hinbekommt, zu tun, ohne, dass es jemand mitbekommt”, warnte sie.
“Ach was, ich würde das Risiko eingehen”, sagte Salın. “Also, ich würde nicht nur, ich tu’s. Hab ich ein Safe Word?”
“Wir spielen meistens ohne Safe Words, aber ‘nein’ heißt ‘nein’ und so weiter”, teilte Jurin mit. “Wenn du sagst, wir sollen aufhören, hören wir auf. Wenn du auch noch ein Safe Word möchtest, sag an!”
“Nein, das passt so für mich.” Ein Lächeln oder eine Fröhlichkeit sprach aus Salıns Stimme, und Jurin freute sich irgendwie, dass das nach diesem Morgen ging.
Sie erreichten die Dünwiesen und gingen die letzten Schritte zum Strand. Er war wirklich überraschend leer. Nur ein weiteres Grüppchen Orks hatte sich nah an der Wasserlinie rechts des Strandzugangs niedergelassen. Ein paar Kinder, die wahrscheinlich dazugehörten, plaschten im Wasser und spielten Seepferdchen oder so etwas. Zumindest trug eines der Kinder ein Pferdegeschirr und ein anderes schrie “Hüa!”. Jurin hörte sie nur kaum bis hier über die Entfernung des breiten Strandes und gegen den Wind. Dann würden sie sich wohl links niederlassen und sich auf diese Art nicht in die Quere kommen. Jurin stampfte durch den Sand voran und beschloss dann doch, noch um die Strandnase herumzuwandern, weil sie keine Lust hatte, sich zu sehr beobachtet zu fühlen.
Mauk schnaufte ein wenig, als Jurin anhielt und sich noch einmal kurz umblickte. Sie stellte fest, dass sie sich gerade mit offenen Haaren nicht wohlfühlte, also holte sie ihr Zopfband aus ihrer Rocktasche und band das Haar zusammen. Sie war sich durchaus bewusst, wie sie aussah, und dass sie einen stabilen Stand im Boden hatte. Es war ein Anblick, den viele dominant und ansprechend lasen, und der sich auch tief in sie hinein so anfühlte. Sie wandte sich um und erblickte Mauk, die Hände auf die Knie gestützt und rasch atmend, dahinter Salın. Wieder fiel es Jurin schwer, Salın zu deuten, aber vielleicht musste sie das auch gar nicht. Salın trug ein Kleid, das dem Kostüm vom Vortag gar nicht so unähnlich war, fiel Jurin auf, bloß hatte es weniger Bausch.
Sie fokussierte sich wieder auf Mauk. “Stiefel.”
“Du hast Stiefel, das ist richtig.” Mauk kicherte.
Jurin nahm mit besagten Stiefeln zwei Schritte auf Mauk zu und stand auf diese Art direkt vor ihr, – über ihr. Oft liebte Jurin, dass Mauk eine Glatze trug, aber gerade hätte sie sie gern an den Haaren hochgezogen. Stattdessen griff sie in den Ring an ihrem Hals.
Mauks Kopf folgte nicht so freiwillig. “Es sind durchaus schöne Stiefel. Aber vielleicht lässt du mich noch ein wenig meine eigenen nackten Füße angucken?”
“Ich habe echt nicht so gute Laune”, sagte Jurin. “Ich habe kein Problem damit, sie an dir auszulassen.”
“Du kriegst also eh, was du willst”, meinte Mauk und grinste. “Entweder, weil ich direkt tue, was du willst. Oder weil du an mir Wut auslassen kannst. Da nehme ich doch lieber letzteres.”
Jurin zückte ein sehr kleines Taschenmesser und ließ zeitgleich Mauks Halsring los.
Die Wirkung war beachtlich, auch wenn sie gar nichts mit dem Messer tat. Mauk stützte sich nicht wieder auf den Knien ab, sondern ihr Blick haftete darauf. “Was hast du vor?”
Jurin zuckte mit den Schultern. “Nicht viel?” Sie legte kurz abschätzig den Kopf schief. “Wobei … Ich könnte dir damit eine sehr kleine Verletzung zufügen.” Sie berührte Mauk am Kinn, wo sie sie vorhin schon mit dem Nagel berührt hatte, aber dieses Mal nur mit der Fingerkuppe. “Dort.”
“Damit ich das Blut nicht sehe?”, mutmaßte Mauk.
Jurin grinste schief. “Das. Und du kämst auch nicht mit der Zunge dran, um es zu schmecken.”
Mauk streckte die Zunge heraus, um mit ihr Jurins Finger zu erreichen, aber kam nicht dran. “Wie ich dich kenne, wirst du mir die Hände fesseln?”
Jurin nickte. “Für die nächsten vier Stunden. Es sei denn …” Sie führte den Satz nicht zu Ende und machte lediglich eine minimale Geste mit dem Kopf in Richtung ihrer Stiefel.
Sie öffnete sehr langsam das Taschenmesser, aber sie war nicht einmal halb damit fertig, als Mauk auf die Knie sank und sich an den Schnallen ihrer Stiefel zu schaffen machte. “Geht doch”, sie klappte das Messer wieder ein und beachtete Mauk nicht weiter. “Salın! Möchtest du eigentlich heute nur zugucken?”
Salın nickte.
“In Ordnung”, sagte Jurin. “Ich werde aus dir aber auch nicht ganz schlau, muss ich zugeben. Also, nicht, weil ich erwartet hätte, dass du mitspielst. Ich wüsste aber gern, auf welche Art du dich so eingebunden ins Miteinander fühlen könntest, wie du es gern wärest. Hast du Bedürfnisse?” Jurin gab Mauk, ohne hinzusehen, ein beläufiges Zeichen, dass sie sich aufrechter hinknien möge, damit sie sich auf ihrer Schulter abstützen konnte, während sie ihr den ersten Stiefel auszog.
Salın trat zaghaft einen Schritt auf Jurin zu und atmete tief ein und aus. “Okay, dann äußere ich jetzt Bedürfnisse, ja?”
Ah, diese Schwierigkeit, dachte Jurin, und lächelte. “Das wäre exzellent.”
“Ich hatte mir unter Strandtag vorgestellt, dass wir im Meer baden, Sandburgen bauen vielleicht, planschen, rumliegen und so etwas. Ich weiß gar nicht genau, ich habe sowas so lange nicht mehr gemacht”, wiederholte sie. “Ich finde jetzt auch total spannend, euch zuzusehen und, hm, sozusagen zu lernen. Nicht, weil ich auch so spielen will, sondern weil ich einfach gern herausfinden mag, was Leute so gut finden.”
Jurin nickte. “Mein Plan war, dieses Luder gefügig zu machen, dann aber einen Strandtag zu verbringen, der sich kaum von unkinky Strandtagen unterscheidet, außer, dass ich mir gelegentlich mal einfordern kann, ein Eis gebracht zu bekommen oder so etwas. Passt das?”
Salın nickte freudig mit so raschen, kurzen Bewegungen, dass Jurin es am liebsten ein Nickerchen genannt hätte, aber das Wort war schon anderweitig vergeben. “Und …” – sie blickte Jurin direkt in die Augen – “und, wenn du es auch schön fändest, dann würde ich dich gern heute noch einmal küssen.”
Jurin löste den Blickkontakt nicht, als sie das Gewicht auf den nun nackten Fuß verlagerte, um Mauk das Ausziehen des anderen Stiefels zu ermöglichen, und hob einen Mundwinkel. “Das kannst du haben.”
Salın trat noch einen Schritt heran, sodass ihre Beine Mauk berührten und zwischen sich und Jurin einquetschten. “Du magst also gern Brat-Spiele?”
Jurin schnaubte, – über den Witz und auch darüber, dass Salın gemeint hatte, nicht in das kinky Spiel verwickelt werden zu wollen und die Grenze dafür mal wieder anders zu empfinden schien als Jurin. “Sehr.” Jurin verfiel unterbewusst in diesen halb raunenden Tonfall. Sie hätte Salın über Mauk hinweg küssen können, und es hätte ihr durchaus gefallen, aber sie tat es doch nicht. Sie steckte in einem Mindset, das, hätte sie Salın nun geküsst, sie als untergeordnet wahrgenommen hätte. “Auch Brett-Spiele. Wenn du magst, würde ich dich zu einem unkinky Brett-Spiele-Abend einladen.”
Mauk hob den Kopf so schwungvoll, dass er gegen Jurins Knie stieß. “Du meinst in die Linoschka-WG?”
“Dachte ich, ja. Gibt’s da ein Problem?”, fragte Jurin.
Mauk grinste frech. “Du musst Salın echt mögen.”
Jurin zuckte mit den Schultern. “Na und?”
Mauk kicherte und versuchte die Hände zu heben, aber eine davon landete dabei irgendwie unter Jurins nacktem Fuß. Sie atmete zischend ein, als Jurin die Hand mit dem Fußballen in den Sand hinein presste. Zwischen zusammengepresten Zähnen gab sie dennoch von sich: “Ich sag ja gar nichts dazu.”
Jurin befahl Mauk die Handtücher auszubreiten, während sie sich entkleidete.
Salın betrachtete sie dabei nachdenklich, aber zog sich schließlich ebenfalls aus. Aus ihrem Handgepäck grub sie ein zartgelbes Badekleid aus, aber bevor sie es anzog, drückte sie Jurin Sonnencreme in die Hand.
“Erotisch oder, hm, was ist das Gegenteil? Disrotisch?”, erkundigte sich Jurin.
“Egrünisch?” Salın kicherte. “Letzteres jedenfalls, wenn du kannst.”
“Kein Problem.” Jurin füllte die Hände mit Sonnencreme und schmierte Salın damit den bereitgehaltenen Rücken ein. Sie war fast selbst von sich überrascht, dass sie nicht einmal Flashmomente von erotischen Ideen hatte.
“Glaubt Mauk, dass du dich in mich verliebst?”, fragte Salın.
Jurin massierte Salın leicht den Rücken, worauf diese wohlig seufzte. “Sowas in der Art, denke ich. Aber nur aus Frechheit, um mich zu ärgern.”
Sie schwammen und planschten, jagten sich im Wasser. Als Salın sich auf Jurins Rücken schwang, konnte Jurin sie kaum abschütteln, und das überraschte sie fast ein bisschen. Salın war wirklich viel kräftiger, als sie aussah. Und auf Jurins Rücken stellte Salın ein ausreichend großes Handicap dar, dass es für Jurin kein Leichtes mehr war, Mauk zu fangen und unterzutauchen.
Jurin überlegte, Salın loszuschütteln, indem sie länger tauchte, als Salın die Luft anhalten konnte. Das funktionierte schließlich. So standen sie sich im hüfttiefen Wasser gegenüber und rangen beide nach Atem. Nah standen sie sich. Salın schloss den Abstand zwischen ihnen, sodass Jurins nackter Körper gegen ihr Badekleid drückte. Der weite, kurze Rock schwamm in den Wogen auf, was sehr hübsch aussah.
Jurin legte die Hände an Salıns Hüften. Sie fühlte so gern Körper durch dünne Schichten nassen Stoffes hindurch. Vielleicht sogar viel lieber noch als nackte Haut. “Soll ich dich küssen, bevor Mauk uns umwirft?”
Salın nickte auf die selbe aufgeregte Art, wie vorhin, was Jurin immer noch gern Nickerchen genannt hätte. Sie fuhr mit ihren Händen über den nassen Stoff, bis sie Salın eng an sich pressen und halten konnte und küsste sie auf den salzigen Mund. Sie leckte das Meerwasser aus ihren Lippen, merkte, den Moment, in dem Salın in diesen anderen Aggregatszustand kippte, den Jurin so gerne auslöste. Sie hielt sie immer noch eng umschlungen, als Mauk ihnen die Beine wegzog und sie beide im Wasser landeten.
Später lagen sie zu dritt auf ihren Handtüchern nebeneinander, – Mauk mit dem Kopf zu Jurins und Salıns Füßen, um sie zu massieren. Die Sonne wärmte ihre Haut, ohne sie zu verbrennen. Jurin war eigentlich gar nicht so der Typ dafür, am Strand herumzuliegen und zu entspannen, aber gerade war es so schön, dass sie es am liebsten nicht schon in einer halben Stunde aufgehört hätte. Vielleicht wurde sie alt. Sie grinste innerlich über diesen Gedanken.
“Ich würde mich gern zu einem Brett-Spiele-Abend einladen lassen”, sagte Salın. “Und es ist genauso in Ordnung, wenn du dich umentscheidest und lieber doch nicht willst.”
Jurin lächelte. “So sehr ich auch keinen Rückzieher machen möchte, entlastet das doch. Und vielleicht ist das überhaupt der Grund dafür, dass ich dich einladen möchte.”
Jurin hatte eigentlich vorgehabt, nachdem sie erst Salın und dann Mauk in den Zug gesetzt hatte, selbst ein Stück in den Norden zu fahren und dann vier Wochen in den Ampen herumzuwandern, um am Ende in Geesthaven zu landen. Aber sie brauchte dringend den Workout jetzt schon und zudem eine andere Art von Bewegung als das Wandern in einem Gebirge: Sie suchte spät am Abend den nächstbesten Fahrradladen auf, wo überraschend doch noch eine Person anwesend war, die ihr beim Auswählen eines Rads mit Rat zur Seite stand. Jurin brauchte das eigentlich nicht, aber ein zweites Urteil gab ihr doch mehr Sicherheit. Sie packte ihr Gepäck in Satteltaschen um, die sie im gleichen Laden gegen ihren Rucksack eintauschte. Sie waren windschnittiger als die letzten, die sie gehabt hatte, und das merkte sie schon auf den ersten Kilometern, die sie noch nicht so schnell radeln konnte, weil die Stadtstraßen sich nicht dafür eigneten.
Sobald die Enge der Stadt hinter ihr lag und der Fahrradweg sich breit an einem Fluss entlang bis in die Ferne ausstreckte, wo sie beleuchteten Gegenverkehr sehen würde, Minuten bevor sie reagieren müsste, erhöhte sie das Tempo, bis sie die Grenzen ihrer Muskelkraft spürte, und raste durch die Nacht. Im Boden des Radwegs waren blauen Steine eingelassen, die Tageslicht tankten und in der Nacht leuchteten. Desweiteren bot dieser Boden ein Notfall-EM-Feld, das bei entsprechender Ausrüstung, die ein Gegenfeld aufbauen könnte, einen Unfall abfedern könnte. Sie trug entsprechende Unterwäsche mit dem dafür gemachten feinen Gedräht darin, das sie sich ebenfalls aus dem Laden mitgenommen hatte.
Jurin atmete Fahrtwind, spürte ihn in den zusammengebundenen Haaren und unter ihr Oberteil greifen. Sie roch die Sommerblüte. Sie spürte die Wärme, die die Böschung gespeichert hatte und nun ihre nackten Beine entlangstreifte. Und sie genoss, dass die Nachtkälte hereinfiel.
Salıns Familie, eigentlich Salıns ganze Situation hatte sie hilflos wütend gemacht. Sie gestand sich ein, dass sie auch deshalb beschlossen hatte, ab Minzter aufzubrechen, weil dann Niederwiesenbrück noch vor ihrem Ziel und nicht dahinter liegen würde, sodass sie vielleicht einen Abstecher bei Salın machen könnte, um zu sehen, wie es ihr ginge. Zudem war sie bisher noch nie in den Elsterwiesen geradelt. Es war ein weites Flachland mit mittelmaerdhischer Vegetation. Dazu gehörten Kräuter wie Rosmarin oder Timbarin, allerlei Obstbäume, Wurzelgemüse und Mehlgurken. Es sollte hier in der Gegend überhaupt kein Problem sein, sich für eine Mahlzeit aus der Natur zu bedienen. Aber Jurin hatte es noch nie probiert.
Wenn sie über Niederwiesenbrück fahren würde, dann gehörte dazu eine Fährüberfahrt über das Atlameer, überlegte Jurin, sonst wäre es ein Umweg. Aber auch das schien ihr ein gutes Abenteuer.
Noch war sie sich nicht sicher, ob sie überhaupt einen Abstecher nach Niederwiesenbrück machen wollte. Sie wollte es sich bloß offen halten.
Sie hatte eigentlich wenige Stunden vor Morgengrauen eine Herberge in einem Zehn-Häuser-Dorf erreichen wollen, um dort zu schlafen, aber sie merkte vorher, dass sie erschöpft und müde war, und statt nach einer Trinkpause weiterzuradeln, schlief sie einfach an Ort und Stelle auf dem weichen Boden neben der Radstrecke. Dafür war sie allerdings zum Sonnenaufgang wieder wach und radelte weiter, als die Ruhelosigkeit von ihr Besitz ergriff.
Sie liebte das Reisen und die Geschwindigkeit. Sie liebte es, durch eigene Körperkraft ganze Kulturregionen zu durchqueren. Es kam ihr mit diesen modernen Rädern fast ein wenig geschummelt vor, und doch war es einfach etwas ganz anderes, als die selben Strecken mit einem Zug zurückzulegen. Die Aufmerksamkeit war eine andere.
Gegen frühen Nachmittag fühlte sie sich in ihrem Körper endlich wieder Zuhause. Er war schweißüberströmt, innerlich gut durchgeheizt, aber widersprüchlicherweise kühl auf der glühenden Haut. Jurin kannte, wenn sie eine Stunde durchschwamm, dass ihr Gesicht selbst im kalten Wasser wie fiebrig glühte, nur, dass es sich nicht krank sondern durch und durch lebendig anfühlte.
Sie verweilte eine gute Stunde einfach auf dem Rücken im Gras und blickte in den blauen Himmel, über den dünne, weiße Wolken entlangwanderten, so langsam, dass Jurin ihre Bewegung nicht ausmachen konnte. Sie richtete sich wieder auf, als eine der Wolken ihr ungewollten Schatten spendete. Während sie eine ausgestellte Karte studierte – mehr aus einer Nostalgie für Karten als aus Notwendigkeit heraus –, trank sie ihre Flasche leer und bemerkte, dass das wohl hieß, dass sie entweder eine gute Stunde ohne Wasser weiterradeln müssen würde oder eine Viertelstunde zurück, weil der Weg dort den Fluss verlassen hatte und erst dann einen neuen Fluss erreichen würde.
Sie hatte sich gerade für das Risiko der längeren Strecke entschieden, als sie jemand beim Namen rief.
“Jurin! Warte!”
Jurin hatte keine Lust, zu schreien, also machte sie deutlich, dass sie vom Rad wieder abstieg.
Es näherte sich ihr ein schwer beladenes Fahrrad mit Anhänger, das auf diese Weise eher langsam vorankam, aber sie natürlich doch recht zügig erreicht hatte. Die Person war ja schließlich schon in Hörweite gewesen.
Jurin betrachtete den Elben. Ähnlich groß wie sie, aber braunes Haar in dichten Wellen, ein wenig spröde. “Fluse?”
Die Person lachte und stieg vom Rad. “Julipp”, korrigierte der Elb. “‘Er, sein’ und so weiter. Bin nicht sicher, ob ich noch Fluse genannt werden will.”
“Julipp also!” Jurin bestätigte den Namen und unterdrückte, eine versichernde Frage danach zu stellen, ob er aber doch die gleiche Person war, die sie zuletzt vor wievielen Jahren gesehen hatte? “Wie lange ist das her?”
“Ich war das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, 22, und davor 15, glaube ich”, überlegte Julipp. Er überlegte überraschend wenig lang.
Jurin kicherte. “Und als du 15 warst, wolltest du mich heiraten.”
Julipp lachte herzlich. “Ich fand dich halt cool!”
“Ich war 20! Oder?” Jurin versuchte zu rechnen.
“21”, korrigierte Julipp.
“Du bist echt gut mit Zahlen!” Jurin kicherte. “Oder du stellst einfach wirklich überzeugte Behauptungen auf.”
“Du warst mein Jugend-Crush, da weiß wesen sowas.” Julipp hatte Lachfältchen, die ähnlich wie bei Salın fast die ganzen Augen dahinter verschwinden ließen, was aber sicher auch am Gegenlicht lag.
“Kommst du inzwischen damit klar, dass da mit mir nichts läuft?”, erkundigte Jurin sich vorsichtshalber.
Julipp nickte, zwar mit einem Grinsen im Gesicht, aber doch unverkennbar ernst. “Ich habe keine Crush-Gefühle mehr für dich. Es war eine gute Zeit, auch, wenn es vollständig unerwidert von dir war, was bestimmt auch gut so war, aber die ist vorbei.”
“Für mich war es etwas skurril”, erwiderte Jurin.
Vielleicht, weil das Thema erschöpft war, suchte Julipp den Moment aus, um sich aus seinem Gepäck eine Trinkflasche zu entnehmen und zu trinken. Er hatte auf der anderen Seite der Satteltaschen eine zweite Flasche. Jurin versuchte, nicht zu auffällig dorthin zu linsen.
“Hättest du Lust, das Fræy-Fest heute Abend mit mir zu begehen?”, fragte Julipp, und dieses Mal lag eine Ernsthaftigkeit in seinem Anliegen, dass da zuvor noch nicht gewesen war.
Es wäre nicht das erste Mal, dass sie das Fræy-Fest miteinander begehen würden. Sie waren, als Jurin selbst noch jugendlich gewesen war, häufiger ein Stück zusammengereist. Vermutlich, als Julipp so um die acht gewesen war, waren es mehrere aufeinanderfolgende Sommer gewesen. Julipp und Jurin waren irgendwie wohl sogar blutsverwandt über ein paar Ecken. Jurin wusste es nicht genau. Aber sie waren in zwei damals eng verbandelten Familien großgeworden.
Jurin erinnerte sich an damals, als sie an Feuern zusammengesessen hatten. Es war eine schöne Zeit gewesen, die sie sich manchmal zurückwünschte. Aber sie schloss so etwas wie Kind- oder Jugendlichsein mit ein, und das war sie nicht mehr. Und das wiederum war eigentlich auch sehr gut.
“Ja, gern”, sagte Jurin. Sie hätte lieber überzeugter oder begeisterter geklungen. Aber irgendetwas stimmte sie an diesem Plan eben auch nostalgisch und traurig.
“Ich bin wahrscheinlich viel langsamer als du. Wolltest du heute noch ein Ziel erreichen?”, erkundigte Julipp sich.
Den Gedanken hatte Jurin auch schon gehabt. “Eigentlich schon, aber das wird dann halt jetzt durch einen neuen Plan ersetzt.”
Julipp lachte. “So flexibel wäre ich auch gern im Kopf.”
Nachdem Jurin doch von Julipps Wasser getrunken hatte, machten sie einen groben Plan, wo sie heute Nacht ihr Lager aufschlagen würden. Es war wirklich kein elaborierter Plan: Julipp hatte im Anhänger ein großes Zelt dabei. Sie könnten einfach irgendwo halten, wo es besonders schön wäre.
Jurin war froh, dass sie sich bis hierher körperlich schon so ausgelastet hatte, denn neben Julipp herzuradeln fühlte sich eigentlich kaum nach Bewegung an. Es war trotzdem schön. Jurin mochte die Sonne auf der Haut und das sanften Dahinrollen im Freien.
Sie unterhielten sich über Kindheitserinnerungen, über ihre Eltern, über das Spiel und über die Vereinbarkeit des Lebens als Windschwinge mit der Teilhabe an sozial sesshafteren Gruppen. Sie kamen zum Schluss, dass es einen wandelnden Hackspace geben sollte, – eine Gruppe, die sich für Technik und Programmieren begeisterte, die aber umherreiste, damit die Sesshaften mal in das gleiche Problem rennen würden wie Windschwingen.
Bei Abenddämmerung bauten sie das Zelt auf und richteten davor eine sichere, kleine Feuerstelle her. Sie hatten auf dem Weg schon ein paar herabgefallene Zweige eingesammelt, nicht nur fürs Feuer, sondern auch für das Ritual.
Das Fræy-Fest war das Fest des Zurücklassens und Verbrennens. Dabei wurden in Holz Sätze eingeritzt, die wesen unangenehm verfolgten. Vielleicht etwas, was jemand Schlimmes gesagt hatte, oder eine Diskriminierungserfahrung. Die Gefühle dazu wurden in den Raum gestellt und mit den anderen, die das Fest begingen, geteilt, und dann zusammen mit dem Stück Holz verbrannt, um sich davon zu befreien und es zurückzulassen.
Jurin wusste, dass ein Stock der zwei, die sie zu verbrennen gedachte, um Salıns Mutter gehen würde, und sie fand es ein starkes Stück, dass seit dem Zeitraum, dass sie das Ritual das letzte Mal begangen hatte, eins der Ereignisse, das sie verbrennen würde, erst so wenige Tage her war. Sie hätte es sich dabei leicht machen und Deiras Spruch verbrennen können, ob sie Salın auch ja nicht entführen würde. Es wäre etwas, was Julipp einfach verstanden hätte. Aber es war nicht, was Jurin am meisten erzürnte. Stattdessen ritzte sie ‘Mein Haus, meine Regeln’ in den Stock.
In den zweiten, entrindeten Stock ritzte sie eine einzelne Rose. Sie hatte vor zwei Jahren eine Freundschaft angefangen, die sie einfach als schön empfunden hatte. Und dann, wie aus dem Nichts, hatte ihr das Herzwesen eine Rose geschenkt als Zeichen ihrer romantischen Beziehung, – Jurin könne ihr da nichts vormachen. Es hatte keine Möglichkeit gegeben, das in einer Weise zu klären, die für Jurin den Konflikt aufgelöst hätte, worauf Jurin schließlich den Kontakt abgebrochen hatte. Interessanterweise trauerte sie der Freundschaft nicht nach. Aber verletzt hatte es doch.
Als sie fertig waren, zündeten sie das Feuer an und sprachen über ihre Sprüche. Julipp hatte einen, der besagte: ‘Du benutzt deine chronische Erschöpfung als Ausrede, uns nicht so oft sehen zu müssen.’
“Oh, ich kann mir vorstellen, dass das weh tut”, murmelte Jurin.
Julipp blickte sie lange an, fast finster.
Jurin atmete tief durch. “War ich das?”
Julipp lachte fast, aber schüttelte den Kopf. “Du hast nur nichts dagegen gesagt damals. Du warst dabei.”
“Es tut mir leid”, sagte Jurin ernst. “Ich war damals noch nicht so sensibel.”
Zu Jurins Überraschung lehnte Julipp seinen Kopf auf ihre Schulter und sie legte den Arm um ihn. “Ich nehme die Entschuldigung an. Es erleichtert nach all den Jahren so, weißt du?”
Jurin drückte ihn kurz enger an sich. “Ich weiß es nicht”, gab sie zu. “Aber es ist schön.” Sie seufzte leise. “Ich habe in den letzten Jahren eine Menge über meinen verinnerlichten Ableismus gelernt und ihn hoffentlich zu großen Teilen entlernt, aber manchmal überrollt mich doch glatt die Scham, da weiß ich auch nicht. Es tut mir wirklich leid.”
“Die chronische Erschöpfung kommt bei mir durch eine Neurodivergenz, durch die ich Reize ganz schlecht filtern kann. Ich mag Soziales, aber es ist mir gleichzeitig eigentlich immer zu laut. Nicht nur auditiv”, erklärte Julipp.
“Oh, da kenne ich inzwischen ein paar, denen es so ähnlich geht”, fiel Jurin ein.
“Ich weiß”, murmelte Julipp. “Im Spiel-Kontext, oder? Du machst jetzt Spiel-Orga und legst darauf wert, dass das Spiel sogar offen für Leute wie mich sein könnte, wenn ich das richtig mitkriege.”
“Ich versuch’s”, bestätigte Jurin.
Julipp löste sich wieder von ihr und griff nach einem ihrer Stöcke. “Was hat es mit der Rose auf sich?”, erkundigte er sich.
Jurin blickte in die Funken, die dicht vor ihnen in den Abendhimmel stoben, während sie erzählte.
“Du bist also aro!” Julipp lachte. “Das wird der einzige Grund sein, warum du mich damals nicht wolltest. Der einzige!”
Jurin kicherte. Ihr war klar, dass er scherzte.
“Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, hast du davon erzählt, dass du viel mit anderen rummachst”, erinnerte Julipp sich.
“Willst du was in Frage stellen hier?” Jurin konnte nicht vermeiden, ein bisschen verärgert zu klingen.
“Nein!”, beeilte sich Julipp zu sagen. “Der Hintergrund ist, dass ich gern verstehen würde. Ich bin sehr sicher romantisch, und interessanterweise monoamor. Aber mein Liebscht ist sich komplett unsicher, ob as vielleicht aro ist.”
Jurin entspannte sich, streckte den Rücken durch und blickte in den Sternenhimmel. “Ich sollte mir endlich mal angewöhnen, nicht alles sofort als möglichen Angriff zu verstehen. Dass es darum geht, dass du selbst eine Einordnung willst, wäre ebenso naheliegend gewesen. Es ist für manche echt schwierig, sowas über sich rauszufinden.”
“Für dich nicht?”, fragte Julipp. “Oh, und du musst natürlich gar nicht drüber reden.”
Jurin zuckte mit den Schultern. “Ich hab kein Problem damit.” Ein unwillkührliches Lächeln trat in ihr Gesicht, als sie einen Anfang für das Gespräch fand. “Aktuell denke ich viel über Salın nach, und es gibt schon ein paar in meinem Umfeld, die mich deshalb für verknallt halten.”
“Und das nervt?”, riet Julipp.
“Würde es.” Jurin zuckte abermals mit den Schultern. “Aber von Mauk kann ich das ab.” Sie holte tief Luft, um ernster weiterzusprechen. “Ich habe aber eben auch bestimmt einen Monat sehr intensiv über Fee nachgedacht. Wir haben zwei Wochen oder so miteinander getanzt, nachdem Fee mich einmal kräftig zur Schnecke gemacht hat. Zurecht. Ich habe damals mein Weltbild umkrempeln müssen.”
Julipp kicherte. “Oh ja, dass berechtigte Kritik samt Messenger lange beschäftigt, glaube ich.”
“Aus ähnlichen Gründen habe ich mal eine Weile Rosa Pride-Away nicht aus dem Kopf kriegen können”, fuhr Jurin fort. “Wie das so ist, wenn jemand dich öffentlich auseinandernimmt, und du über Jahre die Schultern zuckst und denkst, lass die Leute reden, und dann feststellst, scheiße, sie hat Recht.”
Julipp brach dieses Mal in lautes Gelächter aus. “Gibt es auch Leute, die dich nicht loslassen, die dich nicht zusammenfalten?”
Jurin blickte ihm grinsend ins Gesicht und nickte. “Nurek zum Beispiel. Ich mag, wie ungefiltert sie ist. Ich hatte mich bis dato für recht ungefiltert gehalten und habe versucht, sie mir eine Weile zum Vorbild zu machen. Sie ist sanfter dabei.”
Julipp nickte langsam. “Was für eine Art Kontakt hattest du zu ihr?”
“Freundschaft?” Jurin sortierte ihren Zopf über die Schulter nach vorn. “Also, damals kannten wir uns noch kaum, aber wenn du wissen willst, ob ich mit ihr rumgemacht hätte: Nein. Sie war und ist in einer monoromantischen Beziehung und findet Rummachen im Allgemeinen eklig. Ich habe nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet. Mein Interesse, rumzumachen, geht erst mit Konsens wirklich los.”
“Und wenn Konsens da ist, machst du mit wem auch immer rum?”, erkundigte Julipp sich.
“Diese Formulierung, rummachen, ey! Ich habe die so ewig nicht mehr verwendet!” Jurin lachte etwas peinlich berührt und schüttelte den Kopf. “Ja, also, wenn es verspricht, irgendwie interessant zu werden, schon. Bei manchen fühlt es sich besser an, dann länger. Bei anderen fühlt es sich langweiliger an, da mache ich es vielleicht nur einmal. Mit manchen fühle ich mich einfach nicht so wohl. Zum Beispiel dann, wenn es für sie nicht ohne Romantik als Ergänzungsmittel geht. Es ist aber auch oft sehr random und ändert sich zudem schnell.”
“Würdest du mich küssen?”, fragte Julipp.
“Ja”, antwortete Jurin und betonte es eher als Frage. “Jetzt, wo du keinen Crush mehr hast, schon, denke ich. Ist das eine Bitte?”
“Nein, nein!” Julipp wich lachend ein Stück zurück. “Mehr Neugierde. Entschuldige!”
Jurin zuckte mit den Schultern. “Kein Ding. Dann hab ich auch kein Interesse.”
“Aber wenn du magst, würde ich heute Abend im Zelt gern kuscheln gegen die Kälte. Ohne irgendwas Heißes. Also, einfach wie früher.” Julipp klang fast verlegen.
Jurin nickte. “Sowas hatte ich mir auch vorgestellt”, sagte sie weich. “Wie früher eben. Einfach aneinandergekuschelt bis zum Einschlafen erzählen, was es zu erzählen gibt.”
“Jaaa!” Julipp lehnte sich wieder an Jurin an. “Das wäre schön.”
Auch wenn Jurin ihn über so viele Jahre nicht gesehen hatte, liebte sie Julipp, das wusste sie. Julipp war Familie. Ein Gefühl für Familie hatte Jurin. Aber wann immer jemand ihr von romantischer Bindung genauer erzählt hatte, war es ihr zu eng gewesen, als könnte sie nicht atmen. Sie hatte nie das Bedürfnis gehabt, sich auf eine Person für immer festzulegen. Im Gegenteil, es sträubte sich in ihr alles dagegen.
“Mit Salın ist das tatsächlich ein bisschen ähnlich wie mit Nurek”, überlegte Jurin. “Salın ist ungefiltert und trägt eine ständige lebensfrohe Lebendigkeit mit sich herum, als müsste sie damit ausgleichen, dass ein Teil von ihr innerlich im Moment tot sein muss.”
“Das klingt dramatisch.” Julipp griff nach Jurins Hand und sie schloss ihre um seine.
“Das ist es.” Jurin seufzte und war froh um die Hand. “Salın ist in einer missbräuchlichen Beziehung.”
“Scheiße”, flüsterte Julipp ohne Zögern.
Jurin spürte die Wahrheit dieser Worte erst jetzt so richtig, als sie sie aussprach. “Grauenvoll”, flüsterte sie. “Und das dritte, was mich an Salın nicht loslässt, ist ein Kontrastprogramm: Sie küsst richtig gut. Also, zu meinen Kussbedürfnissen passend, meine ich.”
Julipp lachte und Jurin lachte mit. “Ich kann voll verstehen”, sagte Julipp, “dass du ständig an sie denken musst. Und dass romantische Gefühle dafür überhaupt nicht gebraucht werden.”
Jurins andere Hand strich über das erste ihrer Stöckchen. “Lass uns die Vergangenheit verbrennen. Und dann wie früher kuscheln.”