Mutwillige Zumutungen

\Beitext{Ranuk}

Ranuk hatte sich durchaus Gedanken darüber gemacht, ob es eine gute Idee wäre, eine Person um Hilfe zu bitten, mit ihsem ganzen Kram fertig zu werden. Ihs Umfeld bestand im Wesentlichen aus Online-Kontakten, die rie auch gern genug hatte, sie im Outernet treffen zu mögen, wenn rie denn mobil gewesen wäre. Die Kontakte waren fast alle zwischen 20 und 50 Jahre jünger als Ranuk. Das ergab sich so, wenn eine ältere Person herausfand, dass sie nicht-binär war, und dann in diesem Internet nach Kontakten für Austausch darüber suchte. Rie war diesen Frühling 67 geworden. Rie mochte all die Kontakte, hatte darunter innige freundschaftliche Beziehungen, aber rie konnte auch nicht sagen, dass es ihs nichts ausmachte, so viel älter zu sein.

Eins hätte meinen können, dass unter den Kontakten viele ihs hätten helfen können, aber trotz des Age Gaps waren die meisten ihser Kontakte nicht unbedingt besser in der Lage, schwere Arbeit zu verrichten, geschweige denn hatten sie Energie. Es war nicht nur eine queere, sondern auch eine behinderte Community, in die rie hineingewachsen war. Und das war auch schön. Trotzdem hätte rie sich das bei so zwei bis drei Personen überlegen können, ob rie um Hilfe bitten sollte, und hätte sie wahrscheinlich auch bekommen. Aber rie hatte sich dagegen entschieden.

Rie war zu dem Schluss gekommen, dass rie sich eben nie überwinden könnte, eine noch so vertraute Person in ihse Räume zu lassen. Nicht in dem Zustand. Rie hätte vorher wenigstens etwas der Arbeit selbst erledigen wollen, etwa sich des Papiermülls entledigen, der sich stapelte, gegen den rie nicht ankam, oder die seit Jahren zugestaubten Ecken wischen wollen, die vermutlich hochgradig ungesund waren, aber an die rie einfach nicht dran kam. Der Zustand wurde allerdings eher schlimmer als besser.

Interessanterweise fand rie die Idee, eine fremde Person zu fragen, einfacher, als eine Person aus ihsem Umfeld zu fragen. Einfacher. Komparativ. Immer noch meilenweit entfernt von einfach.

Ranuk setzte sich erschöpft an den Schreibtisch, nachdem rie all die Spiegel gewischt hatte. Das einzige, was in diesem Haushalt sehr regelmäßig sehr sauber war. Vom Schreibtisch aus konnte rie hinaus in den Garten schauen. Wenn sich das Garten nennen konnte. Ein einziger gemähter Streifen führte durch hohes Gras und ausgewucherte Hecke hindurch zum Schuppen. Mehr schaffte rie nicht.

Es war eigentlich zu schönes Wetter, um vorm Computer zu hängen und Escube zu spielen. Aber was sonst tun. Eine von den vielen Aufgaben wohl. Und sei es, den Weg zum Schuppen noch einmal zu mähen. Aber dafür müsste rie das Kabel aus dem Schuppen schleppen und durch Teile des Hauses verlegen. Und rie war so erschöpft, dass wenn dabei was nicht so liefe, wie gewünscht, es zu einem mentalen Breakdown führen würde.

Rie schleppte sich doch noch einmal nach unten, einfach um sich die Sache anzusehen. Manchmal half das schon, damit für den Zeitpunkt, zu dem rie dann das Mähen in Angriff nahm, ein bisschen mehr Energie da war, weil der Kopf schon passend orientiert war.

Auf dem Rückweg kam Ranuk am Flurspiegel vorbei. ‘Tu es!’, stand darauf, in weniger dramatischen Lettern. Oben links, fast zurückhaltend und vielleicht ein bisschen flehend.

“Aber ich müsste dann eine fremde Person in ein Haus lassen, in dem du mit Blut Nachrichten an jeden freien Spiegel schreibst”, erwiderte Ranuk freundlich. “Damit wirst du dann ja nicht aufhören, nehme ich an?” Inzwischen konnte sich das nur noch auf Emre beziehen, oder?

Rie setzte sich an den Computer und öffnete den Link noch einmal. Rie war nur mäßig skeptisch, dem Geist zu trauen. Auch wenn sich noch nie ein Rat als negativ herausgestellt hatte, ließ rie sich natürlich nicht herumkommandieren, aber auf einen “Vorschlag” des Geists hin, sich die Sache noch einmal ansehen, konnte nicht schaden.

Emres Text hatte sich nicht geändert. Es gab einen Button, auf dem ‘Kontaktieren’ stand, den Ranuk drückte. Einfach erstmal ausprobieren, was sich dann öffnete, sich die Sache genauer ansehen. Die AGB war als eine der Standard-AGBs markiert, die Ranuk von aktivistischen Portalen schon kannte. Das war immerhin gut. Eine Seite, die sich klar an progressiv anti-kapitalistische Standards hielt.

Das Kontaktformular sah auch sehr langweilig aus. Rie trug ihse Mail-Adresse ein und begutachtete dann das große graue Feld, in das rie ihse Nachricht tippen könnte. Aber was tippte eins da? Die Wahrheit? Dass alles, was Ranuk zu “bieten” hätte, eine Zumutung wäre?

Rie tippte ‘Zuumuutung’ ins Nachrichtenfeld, einfach so, mit einer leicht übertriebenen Anzahl ‘u’s. U war ein guter Buchstabe. Rie wollte zwei Zeilenumbrüche hinzufügen, einfach um noch ein wenig in dem Eingabefeld zu brainstormen, drückte dafür wie für Chat-Programme gewohnt Shift + Enter, und schickte auf diese Weise ungewollt die Nachricht ab. Es war ja eben kein Chat-Programm.

Ihs Körper brauchte einen müden Moment um zu reagieren, bis er heiß anlief und sich durch und durch schämte.

Nun musste Ranuk wohl oder übel eine Nachricht hinterherschicken und den Mist aufklären. Einfach schreiben, dass es ein Versehen gewesen wäre? Die Schuld gar auf den Computer schieben? Irgendwas hinterherschicken, das nahelegte, dass rie ein Bot wäre? Aber das wäre gelogen. Vielleicht spielte das keine Rolle, aber irgendwie wollte Ranuk ehrlich sein. Weil die Anzeige auch sehr ehrlich geklungen hatte.

Noch während Ranuk sich Gedanken machte, kam bereits eine Rückmail von Emre. Die Popup-Nachricht zeigte den Text mit an, auf den Emre reagierte: ‘Zuumuutung’.

Meinst du, dass ich oder meine Anzeige eine Zuumuutung wäre, oder dass du mir etwas zuumuuten willst. Außer dieser Nachricht, meine ich?

Emre

Die Scham ließ kaum nach, aber ein Schmunzeln schlich sich dazwischen. Ranuk überlegte, dass eine rasche Nachricht besser wäre, als eine gut durchdachte. Zumal eine gut durchdachte vielleicht auch weder ihse Stärke wäre, noch etwas, was rie vor morgen hinbekommen hätte.

Entschuldige.

Rie übernahm das duzen. Und fügte dem Satz dann doch noch ein ‘bitte’ hinzu.

Meine Mail, mein “Angebot” und ich wären alle zusammen genommen eine Zumutung. Ich hatte eigentlich nicht geplant, das abzuschicken.

Ranuk

Rie schickte die Nachricht kurz und schmerzlos ab. Ihs Kopf fragte rie in leuchtenden Buchstaben: Was zum Slik machst du da?

Die Scham beruhigte sich weiterhin kaum. Atmen. Langsam ein- und ausatmen. Vielleicht gleich doch eine Runde Escube zocken. Das beruhigte. Es überraschte Ranuk allerdings nicht, von dem Ansinnen von einer weiteren Mail abgelenkt zu werden.

Erzähl trotzdem, wenn du magst. Und wenn du das ernst meinst. Ich kann ja selbst entscheiden, ob ich ablehne. Tu gern so, als wäre nichts zu unverschämt.

Emre

Ranuk seufzte. Nun also die Lage kurzfassen. Rie konnte nicht leugnen, dass Emre nette und einladende Nachrichten schrieb.

Ich weiß nicht, ob ich mir schon das Label messy geben darf. Jedenfalls habe ich ein kleines Haus mit Grundstück und jeder Menge Chaos. Mein Traum ist, daraus etwas zu machen, was sich mehr nach mir anfühlt. Wahlweise auch einfach nach was anderem als nach meinen verstorbenen Eltern, die hier mal gewohnt haben.

So etwas wäre doch sogar hoffentlich auch dann verständlich, wenn dabei der Hintergrund nicht bekannt war, dass sie kein gutes Verhältnis zueinander gehabt hatten. Den Geist – im mehr metaphorischen Sinne – der Eltern aus dem Grundstück treiben zu wollen, weil Emotionen, wahlweise einfach Trauer, daran hingen, war doch recht normal, oder? Der hier hausende Geist würde sich dann sicher auch wohler fühlen. Hoffte Ranuk.

Rie machte einen Absatz – dieses Mal, ohne ausversehen schon abzuschicken –, und führte fort:

Die Unverschämtheit besteht nicht nur in der Dimension des Chaos’, sondern auch darin, dass ich niemanden in mein Haus lasse. Das ist mein Privatreich. Ich habe einen Schuppen im Garten, der eine Spüle mit Wasseranschluss hat. Aber auch zugewuchert, undicht und vollgerümpelt ist.

Meine merkwürdige Nachbarin meinte, ich könne das trotzdem als Camping-Dings vorschlagen. Ich bin nicht davon überzeugt.

Daher: Zuumuutung. Was ich so meinte, aber eigentlich nicht hatte abschicken wollen.

Ranuk

Emre antwortete doch bestimmt schon bald wieder. Vielleicht auch so eine Computer-Ratte. Reichte das W-LAN bis zur Hütte? Wahrscheinlich. Sonst ließe sich sicher was mit Freifunkroutern basteln. Ranuk grinste, weil die Überlegungen zu unsinnig erschienen.

Wie sieht das mit einem Klo aus?

Emre

Ähm, ja. Da war kein Klo. Und im Haus gab es auch nur eines. Und da waren Spiegel drin. Das ging nicht. Es sei denn…

Zur Erinnerung: Du meintest, ich solle so tun, als wäre nichts zu unverschämt.

Es gibt keins in der Hütte, aber es gibt eines im Haus. Würdest du dort nur mit verbundenen Augen aufs Klo gehen?

Ranuk

Ranuk musste grinsen, weil es so eine harte Unverschämtheit war.

Bei deiner Einleitung dachte ich schon, du wolltest mir einen Pisspott oder eine Bettpfanne vorschlagen. Und auch das hätte ich erwogen.

Mit Augenbinde sollte machbar sein.

Unsere Nachrichten sind so kurz, da fände ich irgendwie ein Chat-Programm übersichtlicher. Hast du Diner, shortspread oder record? Würde das für dich passen?

Emre

Wow.

Ranuk saß einige Momente fast fassungslos da. In ihs bildeten sich Sätze, um zu reagieren, die besagte Fassungslosigkeit in Worte rahmten, aber rie hatte gleichzeitig das Bedürfnis, Emre ohne unnötige Ausflüge in ihse Emotionswelt den Wunsch zu erfüllen, zu einem der Chat-Programme zu wechseln. Um Emre wenigstens in einem Punkt entgegen zu kommen, während Emre quasi alles bot. Aber was, wenn sie gerade so in ein Chat-Programm umgezogen waren und sich dann herausstellte, dass das nichts wurde? Was ja immerhin wahrscheinlich war.

Nun, es gab ja auch die Funktion, sich wieder zu entkontakten. Im Zweifel zu blocken. Das wäre nicht das Ende der Welt.

record, Ranuk#9872638

Ranuk

record hatte die Möglichkeit, mehrere Nicknames mit einer Kennnummer zu speichern, die für Ranuk derselbe Account waren, aber für die andere Seite jeweils eine von mehreren Identitäten.

Es brauchte kaum eine Minute, bis im entsprechenden Programm eine Nachricht von Emre erschien, die einfach nur aus Hi bestand.

Ranuk atmete noch einmal mit geschlossenen Augen bewusst ein und aus, ein etwas verstörtes, halbes Grinsen im Gesicht, von dem rie nicht sicher war, ob es dahingehörte, bevor rie sich in den Chat stürzte.

Ranuk: Es bleibt eine Zuumuutung. Ich weiß nicht, ob ich das über mich bringe. Das war alles so nicht geplant.

Emre: Das Wort Zumutung (ich schreibe es zur Abwechslung mit nur drei ‘u’) könnte auch so etwas wie Mut zusprechen heißen. Wie Zutoasten, nur dass es eine Ansprache, um Mut zu machen, ist und nicht ein Toast zu Ehren einer Person bei einem Fest.

Ranuk: Du meinst, ich mutiviere dich irgendwie?

Emre: Ich jedenfalls bin mutwillig.

Ranuk grinste unwillkürlich etwas überzeugter. Das war netter Humor, fand rie. Ehe rie sich auf das Antworten konzentrieren konnte, sah rie, dass Emre schon wieder tippte. Also wartete rie.

Emre: Ich finde es bis jetzt gut, dass du mich angeschrieben hast. Ich würde eigentlich am liebsten bei einem Haufen Arbeit helfen, der nicht so verkopft ist und bei dem ich schnell Veränderungen sehe. Und am liebsten einer Person, die es nicht so leicht hat, an entsprechende Hilfe zu kommen. Ich bin außerdem ein bisschen Team-scheu. Und ich bringe einen BurnOut mit, was mich nur so semi-attraktiv macht, bei Leuten, die zeitkritische Arbeit haben.

Ich mag Herausforderungen und seltsame Einschränkungen durchaus, wenn sie nicht zu krass sind. Wenn du also magst, lass uns schauen, ob wir kompatibel sind. Wohnst du am Meer?

Ranuk: Aktuell habe ich eher das Gefühl, du machst mir Mut, statt umgekehrt.

Emre: Wirkt es?

Ranuk seufzte. Rie sollte es vielleicht tatsächlich drauf ankommen lassen.

Ranuk: Meer, bzw Ozean, liegt etwa eine halbe Stunde zu Fuß von hier, mit meinen müden Füßen zumindest. Die nächste größere bekannte Stadt ist Høppla in Skandern.

Emre: Hui, das ist wirklich weit nördlich.

Ranuk: Dicht am Polarkreis. Im Sommer wird es hier nachts nur recht kurz dunkel. Im Winter dagegen tags nur recht kurz hell.

Emre: Ich bin in Nyanberg geboren und habe da bis zum Studium gelebt. Studium war in Minzter für drei Jahre, was ich teils mochte, weil es am Meer war, aber auf der anderen Seite war es mir im Sommer viel zu heiß. Für den Job bin ich dann nach Fork gezogen.

Ranuk: Große Großstädte. Dagegen ist selbst Høppla ein Kaff. Du arbeitest dich langesam nach Norden. Wobei selbst Fork sich von hier aus nach tiefstem Süden anfühlt. Hast du überhaupt wintertaugliche Kleidung oder müsste ich dir was leihen?

Emre: Gibt es in Høppla keine Läden?

Ranuk: Schon, aber weil es so weit ab vom Schuss ist, ist das Pflaster hier recht teuer. Dafür ist die Qualität recht gut. Aber ich würde dir vermutlich raten, wenn du dir was anschaffen willst, das vorher in Fork zu tun, abgesehen vielleicht von einem ordentlichen Regenmantel.

Emre: Regnet es viel?

Ranuk: Sagen wir, es wettert viel. Es gibt hier Sonnentage, oft gut Wind, und wenn Regen, dann richtig, und im Winter viel Schnee. Allgemein einfach eine gefühlt größere Auswahl Wetter als im Süden, nur durchschnittlich wohl kühler als alles, was du kennst.

Unterhielten sie sich über das Wetter? War das dadurch definitionsgemäß Smalltalk?

Emre: Darauf freue ich mich. Mir ist ohnehin immer zu warm.

War nun schon abgemacht, dass Emre käme?

Ranuk: Das war das Wetter. Was für Faktoren sind für dich noch wichtig.

Emre: Ich müsste rausfinden, wie ich hinkomme. Und ich hätte schon gern vorher ein paar genauere Informationen dazu, was mich erwartet. Unter anderem vielleicht Fotos von der Hütte und eine grobe Idee, ob und wie ich es provisorisch dichten kann. Ich möchte nicht direkt mit feuchten Träumen anfangen.

Ranuk: Äh.

Emre: Oh shit, ich wollte ein Wortspiel falsch verwenden, und habe vergessen, darauf zu achten, worauf das anspielt. Es tut mir sehr leid! Das war echt ungünstig und überhaupt nicht geplant.

Ranuk: Dann sind wir quit mit den Peinlichkeiten?

Dieses Mal brauchte es ein paar Momente, bis Emre wieder tippte. Ranuk stellte sich vor, wie Emre sehr heiß und unbehaglich würde, und fügte vorsichtshalber, einfach falls es so wäre, schnell noch zwei Sätze hinzu.

Ranuk: Wegen der Mail mit dem Inhalt ‘Zuumuutung’, meine ich. Ich nehme dir nichts übel, wie sollte ich, nach dem ganzen Mutwillen?

Emre: Ü

Ich habe den Eindruck, du versuchst mir zuzutrosten.

Ranuk: Wirkt es?

Was bedeutet Ü?

Emre: Ein Ü eignet sich als übertrieben grinsender Smily.

Das konnte Ranuk nicht leugnen. Rie hob für sich eine Augenbraue und grinste gleichzeitig.

Ranuk: Ü

Und dann ließ Ranuk zu, die Überlegungen nicht mehr für komplett abwegig zu halten.

Ranuk: Ich kann dir Bilder schicken. Ich habe außerdem ein altes Zelt, das vermutlich schon sehr kaputt ist, aber die Bodenplane könnte als provisorische Dichtung taugen. Mir kommt es immer noch wie eine Unverschämtheit meinerseits vor. Aber vielleicht gewöhne ich mich ja noch dran.