Winden

\Beitext{Ranuk}

“Wenn wir zusammen baden wollen, dann sollten wir bald reingehen, denn noch ist mir vom Fahren warm genug”, stellte Ranuk klar.

“Geht ihr ma’ ohne mich.” Gaby breitete die Picknickdecke auf dem Felsen aus, der sachte zum Wasser hin abfiel und angenehm warm war, und steckte eine Mini-Regenbogenflagge am Stiel in einen kleinen Spalt daneben. Sie hatte den Ort wohl deshalb ausgesucht, damit sie dort stecken konnte.

“Gehörst du zu den Leuten, die am liebsten eigentlich doch überredet und etwas metaphorisch in den Hintern getreten werden wollen?”, fragte Emre.

Gaby lächelte. “Nein, ich fühle mich hier auf der Decke ganz wohl. Geht ihr ma’ ohne mich.”

“Dann los!”, forderte Emre Ranuk auf.

Emre zauderte nicht viel und zog sich einfach aus. Latzhose, Top und Unterwäsche. Emres Körper war an den Armen in den vergangenen Wochen nachgebräunt. Die Füße waren sehnig. Ranuk mochte sehnige Füße, stellte rie abermals fest.

Rie hatte Emre nicht lange angesehen, für die Eindrücke hatte ein rascher Blick genügt. Ranuk hatte keine Ahnung, wie sehr sich das gehörte, hinzusehen oder absichtlich wegzugucken. Sie hatten im Vorfeld verabredet, dass sie nackt baden würden, aber für Ranuk war das letzte Mal Nacktbaden etwa zwanzig Jahre her, und auch damals war rie nicht unbedingt lässig dabei gewesen. Rie überwand sich und wand sich aus der Kleidung. Ihs Körper sah auch sehr anders aus als vor zwanzig Jahren. Das Gewebe war an manchen Stellen des Körpers weniger strukturiert oder so.

“Magst du es?” Wieso fragte Ranuk das? Wie war das passiert?

“Was meinst du?”, fragte Emre freundlich.

Ranuk strich über die Haut am Oberarm, die sich besonders anders anfühlte als zu Zeiten, zu denen Selbstakzeptanz noch einfacher gewesen war. “Diese angeknitterte Haut und das Gewebe.”

“Sehr!”, betonte Emre.

Ranuk blickte Emre verwirrt an. Dass Emre etwas Motivierendes sagen würde, war ihs klar gewesen, das tat Emre immer, aber das? “Dein Ernst?”

“Ja, auf jeden!” Emre grinste. Das war kein Ausdruck, den Emre oft verwendete, aber am ehesten, wenn Emre sehr überzeugt und gut gelaunt war. “Ich habe so etwas schon immer gemocht. Vielleicht, weil ich ein Herz für Aussehen habe, das oft negativ wahrgenommen wird. Ich habe es vielleicht zunächst aus Mitleid gern, und dann dekonstruiert sich dabei mein verinnerlichtes Schönheitsdenken oder sowas und anschließend mag ich es dann einfach so sehr gern. Ich glaube, das hat sich ergeben, weil ich mit dem Orchester damals in Altenheimen gespielt habe, und die anderen Mitglieder der Band sich darüber aufgeregt haben, dass alte Leute Körper zeigen. Das fand ich schlimm und daneben. Ich glaube, da habe ich gelernt, es wertzuschätzen und nun ist es einfach da, das Mögen.” Emre stutzte und fügte weniger elanreich hinzu: “Trete ich dir mit irgendwas davon zu nahe oder erzähle unangenehme Dinge?”

Ranuk schüttelte den Kopf. Ihse Gedanken fühlten sich etwas wirr an, aber negativ war es nicht. “Vielleicht hast du schon recht, und das sind alles Ideale, an denen wir arbeiten können, bis wir was anderes schön finden, aber es ist manchmal sehr schwer”, sagte rie.

“Bei sich selbst nochmal schwerer als bei anderen, glaube ich. Man vergisst einfach nicht, mit welchem Blick die da draußen uns ansehen und werten”, erwiderte Emre. “Ich bin inter, und Leute wissen zwar vielleicht nicht, was los ist, wenn sie mich ansehen, aber sie wissen schon, dass das irgendwie nicht stimmig ist für sie. Das spüre ich schon. Bei dir irgendwie bisher aber nicht.”

Ranuk lächelte. Endlich fühlte rie sich Emre gegenüber mal nicht furchtbar schuldig. Ein Zittern, das ihsen Körper dazu brachte, sich zu winden, weil der Wind einmal kalt über die warmen Steine wehte, brachte rie zurück zu den Plänen. Die Knie taten vom Radeln immer noch ein wenig weh, aber nicht so schlimm wie neulich.

Emre hatte das Tandem wieder in Gang gekriegt. Einfach falls dabei etwas nicht klappen würde, hatten sie ausprobiert, ob es im Zeifel auf Gabys Auto montiert werden könnte. Das hatte Ranuk genug Sicherheit gegeben, mit Emre zusammen ans Meer zu radeln, in gemäßigtem Tempo. Und das hatte auch ganz gut geklappt. Nun war ihs warm und ein wenig erschöpft, aber noch motiviert genug, um die Füße ins Wasser zu stecken, oder ein wenig mehr.

Ranuk tappste vorsichtig über den warmen Stein, während Gaby das Picknick vorbereitete und nicht weiter auf sie beide achtete. Gaby hatte im Moment auch ziemlich viel mit sich selbst zu tun. Sie hatte sich kürzlich als pansexuell geoutet. Ursprünglich als bi, aber im Gespräch mit Emre und Ranuk hatte sie herausgefunden, dass sich pan noch besser anfühlte.

Ihr Mann war seid zwei Jahren tot. Seitdem hatte sie gelegentlich versucht, zu daten, aber wenig Erfolg gehabt. Erst hatte sie nur Männer zu daten versucht, aber dabei irgendwie herausgefunden, dass es ihr egal war, welches Geschlecht die Person hatte. Irgendwas hatte sie dann von einer Pride in Høppla geredet, wo sie Emre und Ranuk hätte mitnehmen wollen, aber Emre und Ranuk waren beide nicht so die Party-Personen. Also hatte Gaby eine Mini-Pride nur zu dritt vorgeschlagen, und hatte damit ein Picknick am Meer gemeint. Nun waren sie hier. Und das Regenbogenfläggchen, ein sehr einfaches, wehte im Wind.

Gaby hatte ihr Lebtag nicht so sehr damit gerechnet, queer zu sein, sich lange nicht dazugezählt und nun herausgefunden, dass sie es selbst war. Das beschäftigte sie, meinte Emre. Emre hatte mehr ein Gefühl für sowas als Ranuk.

Emre wartete geduldig im fast knietiefen Wasser ab, bis Ranuk gefolgt war. Dann fragte Emre einfach: “Willst du händchenhalten beim Weiterreingehen?” Mit so einem funkelnden Grinsen im Gesicht.

Ranuk hatte damit nicht gerechnet, aber der Gedanke fühlte sich ziemlich schnell gut an. Also reichte rie Emre die Hand. Und gemeinsam wateten sie langsam ins tiefere Wasser. Ranuk war sicher, dass Emre in Nullkommanix drin gewesen wäre, hätte Emre nicht auf rie Rücksicht genommen. Es war egal. Ranuk ertastete mit den Füßen den Stein unter sich, bis sie zu der Stelle kamen, wo feiner, weicher Sand ihn bedeckte, der dort liegen blieb, weil wasserstoffblonde Algenhärchen ihn dort gefangenhielten. Es war weicher, flauschiger Boden und Ranuk wusste nicht, ob es so einen noch einmal irgendwo auf der Welt gab. Es war so schön, ihn doch noch einmal im Leben zu spüren. Und vielleicht würde es nun mit Emre häufiger passieren, die Überwindungshürde niedrig genug sein.


Später saßen sie auf der Decke auf dem Stein, Ranuk in eine zusätzliche Decke gewickelt, die Gaby zum Glück mitgebracht hatte. Gaby versuchte Smalltalk, aber war nicht enttäuscht, dass weder Emre noch Ranuk darin besonders gut waren. Sie aßen Käsekuchen dazu, dieses Mal selbstgebackenen von Gaby. Sie hatte aus dem Kauf geschlossen, dass das eine Sache war, die ihnen wohl schmecken würde. Und hätte kaum mehr recht haben können!

“Der Kuchen ist eine Wucht”, warf Ranuk sachlich ein. Also, eigentlich nicht sachlich, aber alles, was Ranuk sagte, klang irgendwie sachlich, sogar für rie selbst.

“Das freut mich!”, erwiderte Gaby.

Ein paar Momente herrschte Ruhe, abgesehen vom Möwengeschrei und leisen Mampfgeräuschen. Ranuk wünschte sich einen Stuhl oder so etwas. Auf dem Boden sitzen ging zwar gerade, aber würde unangenehme Nachwirkungen haben.

“Du gehst gar nicht mehr gern auf Demos, Emre, oder?”, fragte Gaby.

Emre lächelte, aber es wirkte wie Masking, wie ein Lächeln, was da nur war, weil Emre ein positiveres Grundgefühl auslösen wollte, und schüttelte den Kopf. “Du hast irgendwelche Informationen über mich gehabt, noch bevor ich hierher kam, richtig?”

“Ich habe deine Anzeige damals gefunden, die ich dann Ranuk weitergegeben habe, weil ich dachte, das könnte was werden mit euch”, erklärte Gaby.

“Was werden?”, fragte Ranuk.

“Mit dem Garten, meine ich. An was anderes habe ich nicht gedacht”, behauptete Gaby.

Ranuk versuchte sie auf diese Weise zu beobachten, bei der sie meistens einknickte und noch Informationen hinzufügte. Es funktionierte auch dieses Mal.

“Also, ich dachte, ihr könntet auch persönlich zueinander passen und euch was zu sagen haben”, fügte sie hinzu. “Du hast ja außer mir keine Outernet-Kontakte, und ich weiß, dir geben die Internet-Kontakte genug, das haben wir ja mal diskutiert, aber als ich dir die Anzeige wegen Gartenarbeit empfohlen habe, ließ mich einfach nicht los, muss ich zugeben, dass ich dachte, dass du dich mit Emre vielleicht weniger alleine fühlen könntest. Weil, ja, ich weiß nicht, wie ich das richtig ausdrücke, aber ihr seid halt beide irgendwie nicht Mann und nicht Frau oder sowas.”

Ranuk fühlte sich mit der Ausdrucksweise nicht unbedingt völlig wohl, aber verzichtete auf eine Korrektur. Es war für rie zumindest dicht genug dran und Gaby wusste, dass sie sich nicht präzise ausdrückte, sondern nur eine ungefähre Informationskategorie in ungenauen Worten anriss. Mehr war gerade auch nicht wichtig.

“Woraus wurde das Gedöns ersichtlich aus der Anzeige?”, fragte Emre. “Oder hast du das einfach geschlossen, weil eben keine Information zu Geschlecht dabei stand? Außer meinem Namen vielleicht, der klassisch eher männlich gelesen wird.”

“Dein Name, also spezifisch dein Name, und die Signatur auf dem Foto, das kannte ich halt noch”, erklärte Gaby.

Emre seufzte tief und unterbrach damit Gabys Anstalten, fortzufahren. “Da habe ich versäumt, die Signatur zu entfernen. Klimaaktivismus”, sagte Emre. “Deshalb frugst du nach Demos. Weil ich solche mal angestiftet habe und etwas bekannter in der, wie nennt eins das, Szene war.”

“Und du hast aus irgendwelchen Gründen aufgehört”, stellte Gaby fest.

“BurnOut”, sagte Emre schlicht und seufzte dann noch einmal tief. “Ich kann nicht mehr.” Es klang eher wie ein einzelnes, als wie vier Wörter. “Es stresst auch ungemein” – Emre unterbrach den Satz zeitgleich mit dem Atemfluss, sodass es besonders abgehackt klang –, “Karren gegen die Wand fahren, nein mit Karacho dagegen breschen, ihr wisst, jedenfalls, lasst uns über was anderes reden.”

Ranuk überlegte, dass Gaby vielleicht deshalb wegen der Pronomen gefragt haben könnte. Aber fragte nicht nach, weil es gerade wichtig war, das Thema zu wechseln.

Leider fiel ihs nicht so sonderlich viel ein, deshalb wiederholte rie: “Der Kuchen ist eine Wucht!” Was halt auch einfach stimmte.


Ranuk und Emre beschlossen, auch den Heimweg mit dem Rad zurückzulegen. Nach einem Verdauungsspaziergang mit zu viel Kuchen im Bauch an der Wasserkante entlang, wo sie Muscheln sammelten. Emre bückte sic sehr viel häufiger. Es gab hier ziemlich hübsche Muscheln und einige weiße Schneckenhäuser mit vielen kleinen Spitzen am Gewinde. Von letzteren nur wenige. Sie hatten Glück heute, dass sie vier fanden.

Sie waren gerade angefahren und hatten das Meer noch in Sichtweite, als ein riesiger Albatros über sie hinwegsegelte. Ranuk wusste, dass es sie hier irgendwo gab, aber hatte trotzdem noch nie einen gesehen.

Wahrscheinlich war er für seine Verhältnisse nicht riesig. Albatrösse waren doch alle recht groß.

“Wow!”, sagte Emre. “Du gönnst mir hier die unrealistischsten, schönsten Erlebnisse!”

“Du bist unrealistisch!”, erwiderte Ranuk. “Wie kann eine Person wie du real sein?”

Es blieb eine Weile ruhig. Vielleicht lächelte Emre, aber Ranuk konnte das nicht sehen. Ein Teil von ihs hatte auf einmal Angst, dass Emre sich nach dieser Frage einfach in Luft auflösen könnte. Und dann wäre Ranuk allein auf einem Tandem. Aber die Vorstellung ergab keinen Sinn. Wenn Emre nur Vorstellung war, dann auch das Fahren auf einem Tandem. Dann würde das Tandem mitverschwinden.

“Eine imaginäre Person würde an meiner Stelle nun womöglich etwas ähnliches sagen wie eine reale”, stellte Emre schließlich fest. “Ich könnte versuchen, dich davon zu überzeugen, dass ich real bin. Aber wenn du willst, dass ich real bin, würde ich dasselbe als imaginäre Person auch tun.”

Die Antwort war sehr Emre, fand Ranuk. Real oder nicht, Emre war ein gelungender Charakter. Nicht nur vom Nettigkeitsgrad her, sondern auch so insgesamt. “Ich mag dich”, sagte Ranuk also.

“Ich dich auch.”


Später daheim im Haus kochte Ranuk ihnen beiden in der Küche einen Soppen. Es ging wieder. Die Küche gehörte nun Ranuk. Sie hatten sie gemeinsam aufgeräumt und geputzt, und weil sie das noch nicht eigen genug gemacht hatte, hatte Emre die Schränke darin abgeschliffen und fliederfarben gestrichen. Sie wollten noch schöne Queer-Pride-Aufkleber auf die Schränke kleben, aber erst, wenn die Farbe ein paar Tage durchgehärtet wäre. Ranuk konnte sie noch riechen.


Es war nicht wichtig, was real war. Das war ohnehin Ermessenssache. Es war wichtig, was zuverlässig Sinn und Halt im Leben gab.

Zum Leben hatte seit jeher Kultur gehört, und Kultur bestand ebenso seit jeher zum Teil aus sehr ausgedachten Dingen wie Theater, Tanz, Musik, Geschichten. Dinge waren nicht weniger wert dadurch, dass sie imaginär waren. Das halbe Leben bestand aus Imaginärem, was eben am Leben hielt. Leute, die so versessen darauf waren, Realem mehr wert zuzusortieren, dachten meistens nicht zu Ende.

Bei Geschichten verschwamm das alles besonders. Geschichten waren wichtig. Geschichten mit Charakteren. Für Ranuk waren Buchcharaktere schon immer mindestens so wichtig gewesen wie reale.

Eine imaginäre Freundschaft war nicht zwangsläufig weniger wichtig als eine reale, oder gar automatisch in irgendeiner Weise schlecht.

Wenn eine imaginäre Freundschaft die Kraft und Sortiertheit gab, einen ganzen Garten umzubasteln und eine Küche umzugestalten, einen Raum für sich zu erobern und sich selbst mehr zu genießen, dann war sie, im Gegenteil, sehr viel wert.

Es spielte vielleicht schon eine Rolle, ob Emre real war oder nicht, für die Anspielung mancher Sinne, aber es war in jedem Falle besser, als Emre nicht zu haben.

Ranuk betrat das Schlafzimmer, das sie noch nicht umgestaltet hatten. Auf dem Spiegel stand in roten, blutigen Buchstaben: ‘Du hast gar nicht so viel Humor’.

“Ey!”, beschwerte sich Ranuk.

Rie brauchte ein paar Momente, bis sich eine mögliche, freundlichere Deutung der Worte in ihsen Gehirnwindungen ergab: Ranuk hatte in der Tat nicht so viel Humor. Rie hätte einen Charakter wie Emre vielleicht gar nicht erfinden können. Oder doch?