Prolog {#prolog .unnumbered .prolog}
Der Wald ist still. Das Geäst wartet. Dunkelheit ruht leise zwischen den Wurzeln, bis sich die Tore der Stadt öffnen und das daraus hervorquellende Licht jene in einem nahen Umkreis davon verdrängt.
Geduldig harrt das Holz, als weiß leuchtende Menschen andächtig aus den Toren treten, den leblosen Körper eines Kindes auf einer Trage aufgebart. Die acht Menschen, die die Nachhut bilden, schimmern bloß sachte in der Dunkelheit, aber die vier, die mit der Trage vorweg in den Wald hineinschreiten, überstrahlen die Wipfel, leuchten samt ihrer weißen Gewandung hell wie die Sonne! Für einen kurzen Moment ist Tag in diesem sonst immerdunklen Wald.
Der Wald wartet.
Die Menschen legen die Kinderleiche auf dem weichen Erdboden zwischen den Wurzeln ab. So haben sie es immer getan. Sie beobachten, wie die Dunkelheit schon vorsichtig an der zarten Gestalt leckt. Nachdem sie ihre Last losgeworden sind, treten sie erleichtert zurück, die hell leuchtenden Menschen hinter die anderen.
Und als das Licht dadurch eingedämmt wird, regen sich die Wurzeln und Zweige. Sie bewegen sich wie Würmer, verschlingen sich ineinander, weben einen Wurzelteppich über das tote Kind.
Der Wald nimmt das Kind an.
Die Menschen senken ihre Häupter und danken dem Wald. Sie beten zu ihm, bitten darum, dass er im Gegenzug zum Tod, den sie ihm als Tribut dalassen, das Dunkel bei sich behalte und die Stadt verschone.
Der Wald nimmt sich vom Tod, was er gebrauchen kann. Doch die Bitte versteht er nicht. Als die Menschen den Wald verlassen und die Tore der Stadt hinter sich geschlossen haben, kriecht die tiefe Dunkelheit zurück ins Wurzelwerk und der Wald erwacht zu neuem Leben. Das Harren endet. Das Holz macht sich still an sein Tageswerk.