Die älteste Bibliothek
Ich wache aus einem Albtraum auf, in dem ich meine Mutter umgebracht habe. Ich brauche einen Moment, um mich daran zu erinnern, dass ich es nicht gewesen bin. Manchmal wünschte ich, ich hätte es getan, aber das ist kein guter Gedanke. Ich richte mich auf. Es ist eigentlich noch nicht meine Aufstehzeit, aber ich möchte nicht in diesen Traum zurück.
Schwaches Sonnenlicht einer wenige Häuserblöcke entfernten Lichtwacht fällt durch die Ritzen der Fensterluke. Ich öffne sie und ein leichter, warmer Wind weht herein. Von einer Krähe keine Spur.
Ich fühle mich leicht zittrig, als hätte ich am vergangenen Tag körperliche Schwerstarbeit geleistet. Ein Blick auf meinen Unterarm verrät mir, dass die schwarzen Linien nicht weg, aber doch blasser geworden sind. Sie bewegen sich träge im schwachen Schein der Lichtwacht und ich spüre es wie Würmer unter der Haut. Ein längst vertrautes Gefühl.
Ich kleide mich an und gehe zu Papa in die Wohnküche, der am Küchentisch sitzend bei einem Kaffee angestrengt Zeitung liest. Er ist stark weitsichtig und kann die Buchstaben allerhöchstens erahnen, aber seine Finger tasten von der Rückseite über die durchgepressten Buchstaben und ergänzen die fehlende Information. Trotzdem ist er langsam und es schmerzt mich, zu sehen, wie er Tag für Tag mehr Anstrengung für seine Lese-Leidenschaft aufbringen muss. Ich hoffe für ihn, dass wir irgendwann das Privileg erhalten, eine der wenigen Brillen aus dem Restbestand im Raumschiff leihen zu dürfen.
Er legt die Zeitung ab, als er mich hört. “Es hat wieder eine Entführung gegeben.”
“Wieder ein Mensch, kurz bevor er der dunkle Magie erlegen wäre?”, frage ich und setze mich dazu. Ich nehme mir eines der frisch gebackenen Brötchen, nach denen die ganze Wohnung riecht.
“Jap. Eind Kind diesmal.” Er schiebt mir einen Brief hin und streift dabei meine Finger mit seinen.
Ich behalte den Hautkontakt länger bei als nötig. Es ist tröstend. Ich muss an Ranuk denken und hoffe, dass es bei dem Bericht in der Zeitung nicht um sie geht. Aber die Stadt ist groß und die Infektionszahlen steigen. Es ist nicht wahrscheinlich.
“Lies!”, fordert Papa mich lächelnd auf. “Ich habe da so eine Ahnung.”
Ich öffne das helle Rindenpapier, auf den die Lettern ‘Venkjara Lilia’ besonders tief hineingedrückt worden sind. Das nachgedunkelte Holz ist in den Vertiefungen der Buchstaben fast schwarz. “Erlaubnis: Älteste Bibliothek. Zulassungstyp F: Raumschiff Wohnbereich”, lese ich vom Zettel vor, der darin steckt. “Ich habe vergessen, was Typ F bedeutet, aber …” Ich springe auf und werfe fast Papas Kaffee um. “Ich darf endlich ins Raumschiff!”
Ich möchte mich wieder hinsetzen, aber Papa meint, ich möge noch ein bisschen herumhopsen. Ich folge dem Rat und freue mich einfach so sehr, dass ich dieses überwältigende Gefühl kaum fassen kann. Seit Jahren arbeite ich auf diesen Tag zu!
“Wirst du heute schon gehen?”, fragt Papa, der seine Kaffeetasse umklammert hält, aber breit lächelt.
“Auf jeden Fall!” Ich setze mich nun doch endlich wieder und gieße mir auch einen kleinen Schluck Kaffee in einen Waldholzbecher ein. “Eh sie mir die Erlaubnis wieder entziehen!”
Es gibt Bibliotheken in der Stadt, in der ich seit einem halben Jahr wegen meines Berufs als Schulbuchschreiberin alle Bücher leihen darf, darunter auch das Wikipedia-Buch. Es wurde noch in der Anfangszeit auf der Esde aus der Datenbank des Raumschiffs abgeschrieben und ein paarmal gedruckt, bevor die Überzahl der Bordcomputer nach und nach ihren Geist aufgaben. Es gibt noch ein paar wenige funktionierende Bordcomputer, aber sie werden kaum betrieben, damit sie für wichtige Fälle noch möglichst lange halten. Viele der elektronisch gespeicherten Bücher sind daher derzeit nicht einsehbar und das Wikipedia-Buch als eines der dicksten, daraus übertragenen Bücher, gilt als bestes Nachschlagewerk aus der Endzeit auf der Erde.
Im Raumschiff gibt es eine Bibliothek, die aus jenen nicht-digitalen Werken besteht, die die Menschheit damals vor ungefähr 350 Jahren beschlossen hat, von der Erde mitzunehmen. Sie wird die Älteste Bibliothek genannt. Vielleicht ist es die älteste Bibliothek der Welt, aber mindestens auf diesem Planeten. Und ich wollte sie schon immer erkunden. Für beide meiner Berufe und auch einfach, weil ich Bibliotheken leidenschaftlich liebe.
Die meisten Bücher dort liegen in Dia-Form vor und können mit magisch betriebenen Projektoren gelesen werden, das weiß ich. Aber einige Werke sind sogar in der alten, lateinischen Schrift in Papierform mitgenommen worden. Gedruckt mit Tinte, also auf ganz andere Weise als unser Press-Druck-Verfahren, bei dem es keine Extra-Farbe braucht, sondern bloß den Druck scharfer Lettern oder eines spitzen Stifts. Zu diesem Verfahren wurde eine neue Schrift entwickelt, die sich auch als Blindenschrift eignet. Das braucht eine bibliophile Bevölkerung auch, von der etwa ein Zehntel stark fehlsichtig und ohne Brille unterwegs ist.
Das ist ungefähr alles, was ich über die Älteste Bibliothek weiß, aber das wird sich heute ändern. Es sei denn, jemand kommt auf die Idee, meine Arme anzusehen.
Vielleicht hat mein Papa den Schatten in meinem Gesicht bemerkt. “Du bist krank, nicht wahr?”, fragt er. “Ich habe das Loch entdeckt.”
Ein eiskalter Schauer läuft mir den Rücken herunter. Die Verfassungsprüfung sieht vor, dass ich mit keinem Menschen in Kontakt kommen soll, der infiziert ist, wenn ich der Regierung nahestehe, weil Ansteckung über bloße Berührung für möglich gehalten wird. Das wage ich sehr zu bezweifeln. Ich glaube aber schon, dass sich die Infektion überträgt, wenn sich Menschen nahestehen. Ich habe schon lange Angst, dass ich meinen Papa invizieren könnte, und nun, wo er mir offenbart, dass er davon weiß, umso mehr.
“Venke, sorg dich nicht”, sagt er in ganz ruhigem Ton.
Mir entweicht ein verzweifeltes Schnauben. “Als ob das möglich wäre.”
Er legt seine warmen, dicken Finger auf meine. “Dir ist als Kind schon passiert, dass Gegenstände ins Nichts gesogen wurden, und es ist wieder weggegangen. Ich habe Vertrauen in uns, dass wir es auch diesmal schaffen. Aber hör mir zu!”
“Als Kind schon?”
Meine Mutter wurde ermordet, als ich neun war, und es wäre nie dazu gekommen, wenn ich nicht infiziert gewesen wäre. Die schwarzen, sich bewegenden Würmer in den Unterarmen – ich habe sie auch damals gehabt. Daran erinnere ich mich. Aber ich habe die Zeit danach, als Papa mich bei sich aufgenommen hat, nur in verschwommener und sprunghafter Erinnerung.
“Ich wusste nicht … Mir war nicht klar, dass damals Dinge verschwunden sind!” Ich merke, wie sich mein Körper verkrampft. “Ich hätte in ein Kinderheim in Quarantäne gemusst, wenn ich so fortgeschritten erkrankt war, oder nicht?”
“Doch. Hättest du.” Er rutscht zu mir herum und nimmt meinen zitternden Körper in seine Arme. “Aber ich habe bemerkt, dass es zurückgegangen ist und habe es verschwiegen. Ich habe geglaubt, dass du bei mir am besten aufgehoben bist.”
Ich wusste das nicht. Mein Körper schmiegt sich wie von selbst an Papas. “Papa”, flüstere ich. Ich fühle mich plötzlich wie ein kleines Kind in einem zu großen Körper.
Er streichelt mir über den Rücken. “Keine Angst”, flüstert er. “Du hast damals so eine schwere Zeit durchgemacht. Ich wollte dich beschützen. Und ich beschütze dich auch jetzt. In Ordnung?”
“Wie willst du mich denn beschützen?” Mein erwachsenes, verzweifeltes Ich wird wieder lauter. “Ich werde doch nicht einmal bedroht! Nicht mehr als alle auf diesem Planeten.”
“Aber du übernimmst dich”, sagt er. “Zwei Tage Ärztin sein ist zu viel für dich im Moment.”
In mir wehrt sich alles gegen diese Behauptung. “Nein!” Ich kann doch meine Patient*innen nicht im Stich lassen. Tatsächlich habe ich darüber nachgedacht, ob ich einen weiteren Tag dazunehme. “Ich will doch vor allem in die Bibliothek und ins Raumschiff, um nach den Ursprüngen der dunklen Magie zu forschen und herauszufinden, ob es dort mehr Wissen gibt, das mir bei der Heilung helfen kann. Was bringt mir das, wenn ich nicht Ärztin sein kann? Was bringt das alles?” Meine Stimme überstürzt sich und Tränen laufen mir die Wange herunter in Papas Pullover.
“Es bringt eine Menge”, sagt er. “Aber du bringst bald niemandem mehr was, wenn du über deine Grenzen gehst.” Ruhiger spricht er weiter: “Ich sage ja nicht, dass du aufhören sollst. Vielleicht kannst du auch besser weitermachen, wenn du neue Erkenntnisse aus dem Raumschiff mitbringst. Aber erstmal muss du kürzertreten.”
Ich sehe ein, dass er recht hat. Mein Körper verliert an Spannkraft und ich hänge einfach in seinen Armen, während Papa mir etwas vorsummt und mir über den Rücken streichelt wie früher.
Ich habe nie gedacht, dass dieser alte Mann mir wirklich noch helfen kann. Ich dachte, es würde sich jetzt allmählich umdrehen. “Danke, Papa.”
“Ab nun reden wir offen darüber, ja?” Es klingt nicht wie ein Befehl, sondern wie eine Bitte.
Als ich das Haus verlasse und mich dem Raumschiff nähere, dass zentral in der Stadt alle Gebäude überragt, fühlen sich meine Wangen immer noch feucht an. Der Tag erscheint mir heller als sonst und ich weiß nicht, ob die konturlose Wolkendecke heute dünner ist oder ob der Eindruck bloß meiner helleren Wahrnehmung entspringt. Aber es könnte auch sein, dass in Raumschiff-Nähe mehr Lichtwachten auf Türmen stehen und die Stadt erleuchten.
So oder so. Ich lächele. Und sehe mich um.
Auf einem blickdichten Gartenzaun im Eingang zu einer Gasse, in der es tatsächlich Schatten gibt, hockt die Krähe, unsichtbar für die meisten Blicke, und starrt mich an. Hätte sie sich doch gestern in den Tod gestürzt! Aber eigentlich wünsche ich keinem Lebewesen zu sterben – ich bin Ärztin. Solange es nicht selbst mordlüstern wird. Und bei dieser Krähe bin ich mir nicht sicher.
Ich betrete das Südbüro, in dem eine routinemäßige Verfassungsbegutachtung durchgeführt wird, bevor ich erstmals das Raumschiff betreten darf.
“Ah, Venke Lilia!”, begrüßt mich die Empfangsbeamte, deren Namen ich ärgerlicherweise vergessen habe. “Es ist soweit?”
“Ja!” Ich kann nicht verhindern, übertrieben breit zu grinsen, als ich ihr den Brief auf den Tisch lege, die Arme nicht zu sehr streckend, damit der Ärmel meines Hemdes keinesfalls hochrutscht.
Sie sieht sich den Brief an und nickt. “Venkjara. Ist das dein vollständiger Name? Ich stelle noch ein paar Fragen. Das kennen Sie schon.”
“Ja.” Ich setze mich. Ich fühle mich nervös, und das hat nicht nur mit der unruhig glibbrigen Bewegung unter meiner Haut zu tun, sondern auch damit, dass mir so unwirklich erscheint, dass es jetzt endlich soweit sein kann.
“Hatten Sie seit unserem letzten Gespräch Kontakt zu einer mit dunkler Magie infizierten Person oder haben Sie selbst Symptome?” Sie schiebt mir wieder die Liste hin, auf der verschiedene Symptome aufgelistet und mit Zeichnungen veranschaulicht sind.
Ich schaue mir die Liste gründlich an. Ich könnte einige Symptome ergänzen – zum Beispiel mein eigenes – und denke mir Skizzen dafür aus. Auf diese Art wirke ich aufmerksam lesend, obwohl mir nichts davon neu ist. Ich schüttle dabei den Kopf. “Nichts”, sage ich. “Ich kann natürlich nicht wissen, ob ich auf der Straße Menschen begegne, denen ich das ein oder andere Symptom nicht ansehe.” Es fällt mir inzwischen viel zu leicht, zu lügen.
“Das kann niemand.” Die Beamtin lächelt. “Kommen wir zur nächsten Frage:”Ich nehme an, dass Ihre Recherche-Interessen nicht nur den Schulbüchern gilt?”
Ich fühle mich kalt erwischt und versuche es zu verbergen. Wissen Sie doch um meine Absicht, zu dunkler Magie zu forschen? Das wirkt im Zusammenhang mit der ersten Frage unwahrscheinlich. “Was meinen Sie?”
“Sie träumen doch nicht schon seit Kindheitstagen davon, Schulbücher zu schreiben, oder nicht?” Sie holt meine Bewerbungsmappe hervor, legt sie richtig herum für mich auf den Tisch und deutet auf einen Paragraphen.
Ich brauche sie nicht zu lesen, ich erinnere mich, dass ich davon geschrieben habe, dass ich schon als Kind davon geträumt habe, die Älteste Bibliothek irgendwann einmal besuchen zu dürfen.
Und leider war als Kind schon ein Kerngrund dafür, über dunkle Magie zu forschen. Ich muss mir etwas einfallen lassen. “Ich interessiere mich für Geschichte.” Das ist nicht einmal gelogen. “Zuletzt habe ich über Währungen gelesen und das hat mich einfach begeistert, mir darüber Gedanken zu machen!” Allerdings habe ich zu dem Thema für die Schulbücher gelesen und wäre nicht von selbst auf die Idee gekommen. Das Gefühl, wilder Freude, etwas zu lernen, war allerdings echt.
Die Beamtin lächelt. “Interessieren Sie sich auch für Raumfahrt?”
Ich nicke verwirrt. “Sicher!”
“Nicht Ihr Kerninteresse, merke ich.” Sie rückt mit ihrem Stuhl näher an den Tisch und beugt sich zu mir vor, als würde ich nun Teil einer Verschwörung werden. “Ich werde Sie trotzdem bitten, weil Ihre bisherigen Recherchen 1A sind und wir ihren Blick für Details gebrauchen können: Die Regierung entwickelt an Plänen, wie wir einen Teil der Menschheit retten und auf einen anderen Planeten bringen können, bevor die dunkle Magie uns alle vernichten kann. Und wir möchten Sie bitten, auch über Raumfahrt zu recherchieren. Versuchen Sie, herauszufinden, was es dafür braucht und ob unsere Ressourcen das hergeben!”
Ich atme tief durch. Das ist ein Auftrag! “Ich werde mein Bestes geben. Ich …” Im Traum habe ich nicht über diese Möglichkeit nachgedacht, dass dieses Raumschiff wieder startklar gemacht werden könnte. Oder ein anderes gebaut? Es scheint so außer jeglicher Reichweite und ich habe auch keine Lust, den Rest meines Lebens in einem geschlossenen Raum zu verbringen. “Ich muss mich erstmal an die Idee gewöhnen.”
“Behaupten Sie nicht, Sie hätten noch nie darüber nachgedacht!” Die Beamte packt meinen Bewerbungsbrief wieder in eine gut sortierte Kiste mit hängenden Akten.
“Ich muss tatsächlich zugeben, dass aber eben dies der Fall ist”, sage ich. Es ist eine Wahrheit, die ich teile, weil die Regierung auch misstrauisch wird, wenn man zu viel mit ihr dacour ist. “Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Lage, aus der Menschen damals die Erde verlassen haben, eine ganz andere war. Dunkle Magie ist ein Phänomen der jüngsten Geschichte und findet in der Erdgeschichte kaum Erwähnung.”
“Kaum?” Die Beamtin hebt die Augenbrauen. “Gar keine, oder nicht?”
“Ich denke, Sie haben Recht, aber manche Quellen lassen auch andere Schlüsse zu”, sage ich. “Es sind zweifelhafte Quellen, aber ich möchte trotzdem einen Wahrheitsgehalt nicht vollkommen ausschließen.”
“Sie drücken sich so vorsichtig aus, weil Sie Wissenschaftlerin sind, nehme ich an. Sie wissen eigentlich, dass die dunkle Magie aus dem Wald kommt. Hoffe ich.” Die Beamtin wirkt nicht nur strenger als zuvor, sondern auch irgendwie ängstlich angespannt. Sie wartet ein Nicken meinerseits ab. “Das wäre sonst eine Katastrophe! Das hieße, dass wir der dunklen Magie nicht enfliehen könnten, nicht wahr? Wenn wir sie von der Erde mitgenommen hätten?”
Ich denke noch zu wenig im Flucht-Szenario, stelle ich fest. Den Gedanken hatte ich nicht. “Ich denke nicht, dass es das heißt. Selbst im unwahrscheinlichen Fall, dass wir die Erkrankung von der Erde mitgenommen haben sollten, heißt das nicht, dass wir den selben Fehler nochmal begehen müssen. Es wäre bloß sehr wichtig, dass wir gründliche Untersuchungen anstellen, wen wir mitnehmen können.” Ich hasse es, diese grauenvolle Aussage zu tätigen, aber auf dieses Mindset habe ich mich mit meinem ersten Beruf eingelassen.
“Bitter, aber wahr.” Die Beamtin nimmt einen frischen Bogen Rindenpapier. “Ich setze Forschung über dunkle Magie mit auf Ihre Liste. Ich möchte, dass Sie herausfinden und hoffentlich ausschließen können, dass die dunkle Magie schon vor der Landung auf der Esde existiert hat.”
Mir bleibt einen Moment die Luft weg. Das ist grandios! Ich muss nicht heimlich nebenher versuchen, meinem Hauptinteresse nachzugehen, sondern es ist mein Auftrag! “Sehr gern”, sage ich, als wäre es nicht gerade gefühlt mein Geburtstag. “Zum anderen Thema, bezüglich des Verlassens der Esde, wüsste ich gern weitere Details zum Vorgehen. Die Recherche würde sehr verschieden ausfallen abhängig davon, ob wir bei Null anfangen oder nicht, und davon … so ein Unternehmen ist sehr vieldimensional, wo es am meisten mangelt.”
“Das technische Know-How fehlt uns vor allem”, eröffnet die Beamtin.
“Raumfahrttechnik?” Ich kann nicht vermeiden, die Augenbrauen skeptisch zu heben. “Sie trauen mir ja was zu! Denken Sie, dass ich ohne weitere Ausbildung ein tiefes Verständnis davon erlangen kann?”
“Wir stellen Ihnen eine Informatikerin zur Seite.” Die Beamtin blättert in einem Kalender. “Ich werde Sie nächste Woche miteinander bekanntmachen. Inger Wießner ist ihr Name.”
“Eine?” Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Erdler damals das Raumschiff mit nur einer Person mit Computer-Kenntnis startklar bekommen haben.
“Die beste. Und zugegebenermaßen gibt es in dieser Stadt derzeit auch bloß drei”, teilt die Beamtin mit. “Sie ist nicht infiziert, die anderen beiden leider schon. Sie glaubt, dass helle Magie uns bei einem Start helfen kann.”
Ich nicke. “Ich glaube, sie muss es. Das ist eine der energiereichsten Ressourcen, die wir hier haben.”
Die Beamtin lächelt. “Wegen solcher Einschätzungen glaube ich, dass Sie hervorragend für die Arbeit geeignet sind.”
Ich muss zugeben, dass das Lob ein Gefühl in mir anregt, das ich selten habe, und das ich deshalb nicht gleich benennen kann. Es ist Stolz. Aber es schwimmt in einem See aus Angst, mein Doppelspiel nicht gut hinzubekommen oder gnadenlos an der Aufgabe zu scheitern.
Nun gut, die Menschheit von der Erde wird auch nicht an einem Wochenende geplant haben, wie sie den Planeten verlassen kann. Von mir wird sicher nicht allzu bald eine Antwort erwartet.
Meine Hauptarbeit, Schulbücher zu schreiben, wirkt, als würde sie zu einem Nebenjob verkommen und durch eine Aufgabe ersetzt werden, die mich zwar mit weniger Ekel gegen mich selbst, aber dafür mit großer Angst erfüllt. Außerdem vermute ich, dass ich dadurch regierungsnäher arbeite, und auch das ist etwas, was ich eigentlich vermeiden wollte. Und zu guter Letzt bekomme ich eine Kollegin, mit der ich zusammenarbeiten soll. Ich hatte gehofft, eigenbrötlerischer recherchieren zu können.
Ein junger Praktikant führt mich durch den Südeingang ins Raumschiff. Es ist ein Loch, das des Nachts von einem runden, massiven Metalldeckel verschlossen wird. Dafür, dass er über dreihundert Jahre alt ist, sieht er erstaunlich gut aus.
Der Gang ist nicht groß, aber der junge Mann und ich haben nebeneinander Platz. Der Boden ist aus Holz. Das macht mich stutzig. “Ist das Original? Das Material sieht aus wie Waldholz.”
“Es lag hier Teppichboden aus”, erklärt der Praktikant. “Hier an der Ecke ist eine Stelle erhalten.”
Ich sehe den schmalen Gang hinab, den er mir zeigt. Der Teppich ist hellblau und aus Wolle, aber geschlängelte Pfade fehlen darin, die wie große Holzwurmrillen aussehen. “Schafswolle?”
“Ich glaube, schon.” Der Praktikant liest ein Schildchen. “Ja. Schafswolle, geknüpft. Er war auf Haltbarkeit ausgelegt, aber die Baumschlangen haben ihn zerfressen.”
“Die Baumschlangen?”
Der Wald auf diesem Planeten verteilt sein Erbgut, indem die Jungbäume sich über den Waldboden bewegen und sich woanders niederlassen, wo sich ihre Wurzeln mit dem Wald neu verbinden. Diese beweglichen Bäume werden auch Baumschlangen genannt. Aber ich habe nie davon gehört, dass sie Wolle fressen.
Der Praktikant setzt sich wieder in Bewegung. “Ja, am Anfang sind sie in das Raumschiff eingedrungen und haben gefressen, was nicht schnell genug weglaufen konnte”, erklärt er. “Ich vermute, damals hat es schon Infektionen gegeben, auch wenn es keinen Biss dafür braucht. Die Anfangszeit war dunkel und kaum jemand hat etwas aufgeschrieben.”
Er hat mich einen weiteren Gang entlang geführt und biegt nun in einen Raum ein, über dem Bibliothek in der alten lateinischen Schrift auf einem Schild prangt, das verdächtig nach Milchglas aussieht. Es hat wenig Kontrast. Ich vermute, dass das Glas mal geleuchtet hat.
Ich habe Jahre auf diesen Moment hingearbeitet und für einen Moment bin ich enttäuscht. Ich kann nicht so recht greifen, warum. Ich habe keinen mystischen Ort erwartet und auch keine riesigen Hallen voller Bücher. Der Raum hat immerhin einige Regale. Bügel aus Metall sind unten und oben vor die Bücher geklappt. Natürlich: Die Bücher bleiben ohne Gravitation sonst nicht an ihren Plätzen.
Allein, wenn ich mir vorstelle, den Rest meines Lebens ohne Gravitation durch das Weltall zu reisen, zwischen mir und dem Nichts nur eine dicke Metallwand, wird mein Mund ganz trocken und mein Magen fühlt sich wie neben mir an. Ich hätte diesen Raum gern ohne die Vorstellung kennenengelernt, dass es nicht nur die älteste, sondern auch die einzige Bibliothek in meinem Leben werden könnte.
Dann wiederum: Wenn die Rakete die Esde wieder verlassen wird, werde ich nicht dabei sein, sofern ich nicht einen Weg finde, von meiner Infektion vollständig zu heilen.
Der Praktikant zeigt mir ein Regal mit gefühlt tausenden langen Registerschubladen, in denen Dias eingehängt sind. Er zeigt mir, wie ich den Projektor betätige, der mit Lichtmagie funktioniert. Ich wundere mich, weil ich immer dachte, Licht könne nicht gespeichert werden, aber es gibt ein Spiegelleitsystem, dass genügend Licht von der Lichtwacht hierherleitet, die ohnehin um und im Raumschiff verteilt steht.
“Was heißt eigentlich, dass ich für den Wohnbereich Zulassungstyp F habe?”, frage ich.
“Oh!” Der Praktikant holt ein Büchlein hervor, aber noch bevor er hineingesehen hat, antwortet er. “Sie dürfen unter Aufsicht einer Lichtwacht von Rang 0 oder 1 den Wohnbereich besichtigen. Sie dürfen nichts mitnehmen, aber alles ansehen.” Er schlägt im Buch nach und liest einige Namen von Lichtwachten vor, die dafür heute in Frage kämen, mich zu begleiten.
“Jastus!”, wiederhole ich. “Ist erlaubt, dass es eine Freundin ist?”
“Muss ja niemand wissen.” Der Praktikant grinst. “Aber ist auch erlaubt, glaube ich. Soll ich nach Jastus schicken?”
“Gern!” Ich schaue die Regale entlang und beginne etwas zu realisieren. “Die Bibliothek darf ich unbeafsichtigt betreten?” Das war mir gar nicht klar! Ich hatte damit gerechnet, dass der Praktikant in einer Ecke zusehen würde.
“Ja, klar! Das ist doch Ihr Job!” Er wendet sich ab, aber am Eingang, der auch rund ist, dreht er sich noch einmal um. “Oder glauben Sie, so ein unerfahrener Praktikant wie ich hätte mehr Rechte als Sie?”
Ich fühle mich sofort entspannter, als ich allein bin. Mir guckt niemand über die Schulter. Ich kann mich selbst zurechtfinden lernen.
Für die Dia-Bücher gibt es ein paar übergeordnete Dias: Ein Verzeichnis mit bloß Titeln und ein alternatives Verzeichnis, in dem zusätzlich zu den Titeln noch ein kurzer beschreibender Text steht. Das Wikipedia-Buch ist hier nicht dabei. Das finde ich interessant. Ich dachte, die Menschen von damals haben wichtige Quellen, die auf der Erde nicht in gedruckter, sondern bloß elektronischer Form vorlagen, ebenfalls in Dias geschrieben, weil die Lebensdauer von Dias unbegrenzt ist, die von Computern, um elektronische Bücher zu lesen, aber nicht. War das Buch den Menschen damals doch nicht wichtig genug?
Stattdessen finde ich viele Fachbücher und ein sehr ausführliches Lexikon verzeichnet. Letzteres ist viel schwerer zu lesen als das Wikipedia-Buch, wie ich exemplarisch an einem Abschnitt über Währungen feststelle. Irritierend.
Ich lese im Lexikon über Wikipedia nach und lerne, dass Wikipedia als Quelle einen schlechten Ruf hatte, verstehe aber nicht so recht, warum. Weil die vielen Leute, die das Wissen zusammengetragen haben, nicht so verlässlich waren, wie wenige Einzelpersonen, die dafür bezahlt wurden, also ein anderes Interesse dabei hatten, als Wissen zusammenzutragen?
Ich merke, dass ich mich in ganz anderen Fragen verloren habe und versuche, mir einen Überblick über den Rest der Bibliothek zu verschaffen, um darauf aufbauend zu planen, wie ich bei den Recherchen wenigstens halbwegs systematisch vorgehe. Ich weiß nicht, wieviel Zeit ich bereits hier verbracht habe, aber ich schaue mich um, weil ich das vage Gefühl habe, die Krähe könnte mir hierher gefolgt sein. Aber mir fällt nichts Ungewöhnliches auf.
Ich bewege mich die Regalreihen entlang und betrachte die alten Bücher. Mir fällt auf, dass weiter hinten in der Bibliothek das Waldholz aufhört und der Teppich zum Vorschein kommt. Hier ist er heile. Auch die Bücher, die weit unten in den Regalen stehen, sind unberührt und heile. Ganz hinten stehen einige Bücher in Glaskästen. Sie lassen sich einfach öffnen, aber ich habe Hemmungen. Wahrscheinlich sollen die Bücher hier vor Feuchtigkeit geschützt werden. Aber reicht dafür Glas?
Ich habe den Eindruck, dass sich der Raum aber insgesamt sehr trocken anfühlt. Ob es ein immer noch funktionierendes Filtersystem gibt? Aber wie? Ich beschließe, die Bücher hinter Glas erstmal dort zu belassen.
Mein Blick bleibt an einem Regal hängen, das nicht voll ist und in dem die Bücher anders aussehen. Sie sind verschiedener, aber auch verspielter? Einige sind Ringbücher. Sie sehen fast alle sehr zerlesen aus.
Über dem Regal sehe ich den Schriftzug ‘Tagebücher’. Das erklärt es. Und, bei der alten Erde, das sind die Erstquellen, die ich unbedingt erforschen möchte.
Ich schaue, ob sie irgendwo beschrieben oder gelabelt sind, um mich für eines zu entscheiden, aber ich finde nur Namen mit Geburts- und Todesdatum. Sonst nichts.
Die Jahre sind in der Zeitrechnung nach Christus angegeben. Ich schließe die Augen, um mich daran zu erinnern, wie sich das umrechnet. Anschließend schaue ich nach Büchern, die kurz vor der Ankunft geschrieben worden sind. Davon suche ich mir eines mit kurzer Lebensdauer aus. Anna Schneider ist gerade mal 17 geworden, und als ich die letzten Seiten überfliege, klingt es für mich nach ausgearbeiteten Suizidplänen.
Damit möchte ich mich konfrontieren. Es erscheint mir ein vielversprechender Anfang, von einer Person zu lesen, die nach meiner Theorie hochgradig infektionsgefährdet war. Ich stelle einen Platzhalter in die Lücke, drehe mich um und stehe unmittelbar Jastus gegenüber.
Ich lasse fast das Buch fallen und springe einen halben Satz zurück. “Wie lange bist du schon hier?”
“Eine Weile.” Jastus grinst.
Ich liebe Jastus, gerade spüre ich es ganz deutlich. Ich falle ihr um den Hals und sie erwidert die Umarmung. Ihr Körper ist warm.
“Ist etwas passiert?”, fragt sie.
Schon, denke ich. Aber ich habe ihr nicht erzählt, dass ich infiziert bin, also erzähle ich ihr auch nichts von der Krähe oder davon, dass mir die Kontrolle über meine Erkrankung im Moment entgleitet. “Ich darf endlich ins Raumschiff!”
“Das macht mich sehr froh.” Jastus löst die Umarmung auf.
Sie überragt mich um einen Kopf. Ihre Kleidung ist weiß wie bei allen Lichtwachten – nicht, weil es eine Uniform wäre, sondern weil der Stoff über die Zeit ausbleicht, wenn sie Nächte hindurch UV-Licht ausstrahlen.
Jastus nimmt mir das Tagebuch aus der Hand, öffnet die erste Seite und liest die wenigen Worte, mit den Fingern unter den Buchstaben entlangfahrend. “Da stehen die Koordinaten drin, wo Anna geschlafen hat. Willst du es dir ansehen?”
“Auf jeden Fall!” Ich stelle mir vor, die Zeilen in dem Raum zu lesen, wo sie vermutlich entstanden sind. Vielleicht kann ich mich dadurch dann noch besser in das Leben der letzten Jahre an Bord hineinfühlen.
Ich folge Jastus durch die Tür. Die große Frau muss sich durch die runden Löcher zwischen den Gängen bücken, um sich nicht zu stoßen. “Gab es damals keine Leute, die so groß waren, wie ich?”, flucht sie. “Das denke ich jedes Mal, wenn ich irgendwen hier entlangführe.”
“Sie haben sich waagerecht bewegt”, wende ich ein. Meine Finger gleiten über die Griffe in den Wänden, an denen man sich entlanghangeln und abstoßen konnte. Der zerfressene Teppich ist wohl nur vor und nach der Reise wirklich relevant gewesen.
Wir steigen eine schmale Treppe hinauf in einen Bereich des Raumschiffs, der über mehrere Stockwerke hinweg fast nur beengte Wohnräume beinhaltet. Ich habe es mir irgendwie größer vorgestellt. Aber zum einen haben in diesem Raumschiff nur etwa die Menge Menschen Platz gehabt, die in ungefähr zwei Schulen in die Klassenräume passen würden, und zum anderen sind die Schlafräume mit je sechs Betten wirklich winzig. Es gibt auf jedem Stockwerk einen ebenfalls kleinen Essens- und Gemeinschaftsraum mit ein paar Tischen. An den hölzeren Tischbeinen, die mit dem Boden verschraubt sind, sehe ich dann wieder zahnlose, fast armdicke Bissrillen oder Aussparungen wie jene im Teppich.
Jastus führt mich aber ein paar Stockwerke hinauf zu einem bestimmten Schlaufraum, über dem die Koordinaten aus dem Tagebuch angebracht sind. Die einzelnen Stockwerke sind barrierefrei und es gibt auch einen Aufzug, um die Stockwerke zu wechseln, aber er ist nicht in Betrieb.
Der Raum, in dem Anna geschlafen hat, hat keine Fenster. Ich stelle mir das Leben hier grauenvoll und unerträglich vor. “Wie haben die Menschen das überlebt?” Ich stelle die Frage leise, mehr mir selbst.
Jastus legt sich auf eine der Matrazen, die immerhin gerade ausreichend lang für sie ist. Sie tastet nach den Gurten. “Bedrückend. Haben sie sich hier nachts festgegurtet, damit sie nicht wegschweben?”
“Nachts?” Mir geht ein Licht auf. “Ich nehme an, sie haben in Schichten geschlafen. Dann war der Raum vielleicht nie voll belegt. Oder vielleicht waren sogar Betten mehrfach belegt.”
“Oder es wurden mit Sonnenlichtlampen Tagesrhythmen nachgeahmt”, schlägt Jastus vor.
“Könnte auch sein. Ich will das alles unbedingt wissen!”
Ich suche Annas Bett, das das mittlere gegenüber von Jastus ist. Ich kann mich gerade so hineinsetzen, aber würde ich meinen Rücken durchstrecken, würde mein Kopf am Bett über mir anstoßen. Ich schlage das Tagebuch auf und lese passenderweise die Worte: “Ich sitze im Bett. Zwei Quadratmeter eigener Boden. Sonst nichts.” Das legt zumindest nahe, dass Betten nicht auch noch geteilt wurden.
“Ich nehme an, es ist keine erbauliche Lekture?” Jastus verschränkt die Arme hinter dem Kopf.
Ich sehe erschreckt auf. Wie konnten mich diese paar Worte bereits so in eine andere Zeit ziehen, dass ich Jastus schon halb vergessen habe. “Überhaupt nicht”, stimme ich zu. Ich sehe zu Jastus entspannter Gestalt, die mir irgendwie unwirklicher vorkommt.
“Wenn du möchtest, kannst du laut lesen”, schlägt sie vor. “Oder leise, ganz wie du willst.”
“Fragst du, weil du lieber etwas Leichtmütiges hören möchtest?” Meine Hand streicht über die Bettwäsche, die erstaunlich gut erhalten ist. Die Matratze fühlt sich durchgelegen an, obwohl hier die meiste Zeit wahrscheinlich kein Menschengewicht mittels Gravitation hineingedrückt hat.
Jastus schüttelt den Kopf. “Wenn ich mir Bücher aus der Bibliothek ausleihe, sind es tatsächlich oft Schauermärchen. Und die lateinische Schrift fällt mir schwer zu lesen, also komme ich selten in den Genuss der Lektüre aus der Ältesten Bibliothek. Lies ruhig!”
Ich atme tief und blättere durch das Tagebuch. Anna hat erst mit 15 zu schreiben angefangen und auch nicht jeden Tag geschrieben. Die Schrift ist groß, dünn, etwas nach links geneigt und ordentlich. Ich lese die Seiten quer und picke schließlich einen der letzten Texte heraus, die noch nicht nach konkreter Suizidplanung klingen.
“Drei gute Dinge des Tages. Drei, nur drei. Herr Kamiński hat mir diese Übung nochmal ans Herz gelegt. Ich wünschte, Therapeut*innen würde was Realistischeres einfallen.”
Therapeut*innen? Es hat an Bord Psychotherapeut*innen gegeben, wird mir klar, und zwar nicht nur als Mitreisende, sondern welche, die ihren Beruf auf der Reise ausgeübt haben. Oder war es eine Person, die die Kompetenz hatte und es aus Freundlichkeit getan hat? So klingt der zweite Satz aber nicht.
“Mir fällt leider überhaupt nichts ein. Das Essen hat mir nicht geschmeckt. Ich habe keinen Appetit. Ich habe keine Lust auf die Leute hier. Auf niemanden. Ich habe mich mit Mama nochmal gestritten. Ich will hier weg. Am liebsten würde ich einfach die Tür aufmachen und dass wir alle hier herausgesogen werden und Ende!”
Ich merke gar nicht, wie ich aufhöre, laut vorzulesen. Als wäre es zu schlimm, um ausgesprochen zu werden. Eigentlich, stelle ich fest, möchte ich auch lieber ohne Jastus hier sein. Der Gedanke, dass Jastus hier ist, hält mich davon ab, mich voll in den Text zu stürzen. Und ich muss ständig gegen den Wunsch ankämpfen, mich mit ihr zu unterhalten, statt meine Arbeit zu tun.
Anna Schneider hat tatsächlich Fantasien, bei denen ich im Zusammenspiel mit einer Infektion mit dunkler Magie zusammen fatale Symptome erwarten würde.
Ich blättere im Tagebuch weiter, als ich allein bin. Hier geht es schon darum, wie sich Anna umbringen wollte. Zwischen ihren Plänen finden sich aber auch noch ein paar Seiten, die die Stimmung auf dem Raumschiff beschreiben.
“Niemand lächelt je. Oder wenn, dann hysterisch. Meine Schwester versucht es manchmal, aber es ist so unecht. Sie ist innerlich schon längst verdorrt. Ich habe sie mal geliebt. Nun bedeutet sie mir nichts mehr. Und ich bedeute ihr auch nichts. Ich habe ihr von meinen Plänen erzählt. Sie hat darauf die Schultern gezuckt und gemeint, interessiert sie nicht. Ich habe sie gefragt, ob sie mich noch liebt. Aber hier liebt niemand niemanden mehr. Die ständige Nähe führt dazu, dass Nähe als etwas Schreckliches empfunden wird. Dadurch ist Liebe in diesem Raumschiff nicht mehr möglich.”
Es muss so schrecklich gewesen sein. Ich spüre mich voll in dieses Mindset hinein und weiß einfach, dass ein Verlassen des Planeten keinen Sinn ergibt. Die dunkle Magie ist nicht die schlimmere Wahl als das!
Natürlich weiß ich nicht sicher, ob Anna Schneider nicht Symptome verschwiegen hat, aber so ehrlich wie der Text an manchen Stellen ist, vermute ich, hätte ich es bis jetzt herausgelesen: Anna Schneider hat sich schlimmer gefühlt als die meisten meiner schwer erkrankten Patient*innen, aber keine Symptome dunkler Magie gehabt.
Mir kommt der Gedanke, dass ein Tod durch dunkle Magie vielleicht nicht so viel anders ist als ein Suizid.
Von diesem Planeten zu fliehen, erscheint mir jedenfalls noch aus einem weiteren Grund keine Lösung. Wenn auch nur eine infizierte Person an Bord ist, was sich schon bei tausend Menschen sicher nicht vermeiden lässt, wird die Infektion hier wie die leckende Dunkelheit des Waldes alle erfassen. Sie werden dahinsiechen und sterben, innerhalb kürzester Zeit.
Eine Seite weiter sieht die Schrift viel ordentlicher aus, als handele es sich um etwas Wichtiges.
“Ich lese die ersten Zeilen meines Tagebuchs noch einmal …”
Ich lege den Finger ins Buch, um dasselbe zu tun, und danach hierhin zurückzuspringen.
Auf der Seite nach der mit den Koordinaten steht nur ein einziger Spruch, der mir wohlvertraut ist:
Wo’s Schatten gibt, vergiss das nicht, gibt’s ganz bestimmt auch Licht, sonst gäb es ja den Schatten nicht.
Mama hat ihn mir manchmal aufgesagt, wenn ich sehr niedergeschlagen war.
Ich schlage das Buch wieder auf der Seite auf, wo ich vorher war, um weiterzulesen.
“Ich habe mir eine Variante ausgedacht: Wo’s Leben gibt, vergiss das nicht, gibt’s ganz bestimmt auch Tod, sonst gäb es ja das Leben nicht.”
Ich schlucke. Das ist ein schöner Spruch. Er macht auf eine finstere Art Hoffnung in mir. Ich merke, wie mir die Tränen in die Augen steigen, während ich die letzten Zeilen des Tagebuchs lese:
“Die Variante gibt mir ein gutes Gefühl. Denn das heißt, wenn ich sterbe, dann habe ich auch gelebt. Sonst hätte es ja keine Möglichkeit gegeben, zu sterben.”
Ich blättere um, aber alle weiteren Seiten sind leer.
Ich lasse mich vom Bett herab und möchte den Raum verlassen, hadere an der Tür, als hätte ich irgendetwas vergessen. Ich blicke mich um, ob ich vielleicht eine Tasche abgelegt habe, aber der Raum wirkt nicht, als wäre hier etwas, was hier nicht hingehört.
Als ich die Treppe erreicht habe, erinnere ich mich, was fehlt: Jastus.
Jastus!
War mein Wunsch, das Tagebuch allein lesen zu wollen, so stark, dass ich meine beste Freundin verschwinden lassen habe?
Ich drehe auf dem Absatz um und gehe zurück, aber der Raum sieht aus, wie ich ihn verlassen habe. Ich sacke zu Boden.