Der andere Andertarzt

Die Zweige bilden einen engen Tunnel, an dessen Ende es leuchtet. Ich nähere mich dem Licht, ohne mich zu bewegen. Mir fallen die Augen zu, aber ich fühle mich erlöst. Befreit. Getragen. Ich bekomme wenig mit von der Reise. Irgendwann spüre ich reinstes, gleißendes Sonnenlicht auf meiner nackten Haut. Ich öffne knispelnd die Augen und sehe Jastus als leuchtende Gestalt vor mir. Ich kann das Gesicht kaum erkennen. Die Augen strahlen bläulich weiß wie zwei kleine Sonnen.

Als sie sich mir ganz zuwendet, verblasst das Licht, und ich kann meine Umgebung besser ausmachen. Dass ich Jastus im Jenseits begegnet wäre, hätte ich mir vorstellen können, aber ich befinde mich in Jastus’ Wohnzimmer.

“Warum bin ich nackt?”, ist die erste Frage, die mir über die Lippen kommt.

Ich spüre Jastus’ weiches Sofa unter mir. Es fühlt sich real an, und das enttäuscht mich. Habe ich alles erfahren, was ich wissen wollte? Das Gefühl, das ich nie wieder vergessen wollte, die Energielosigkeit nach der Ankunft, verblasst in mir schon, und je mehr ich versuche, es festzuhalten, desto mehr entgleitet es mir.

“Ich habe dich so vorgefunden”, antwortet Jastus.

“In dem Waldhaus?”, frage ich nach.

Jastus nickt. “Ich denke mal, das Waldholz hat deine Kleidung gefressen. Und ich hoffe, dass ist das schlimmste, was dort passiert ist.”

Ich atme schwer, obwohl ich es nicht mehr gegen fesselnde Wurzeln antun muss, richte mich auf und wickle mich in eine Decke. Dabei fällt mir auf, dass die schwarzen Linien auf meinem Körper zwar nicht weg, aber doch weniger geworden sind. Ob Jastus’ Licht doch hilft? “Was hattest du dort verloren? Wieso hast du mich gefunden?”

“Willst du dich darüber beschweren?” Jastus ist ernst, wie ich sie noch nie erlebt habe.

Ich schüttele den Kopf. “Ich möchte verstehen, in was für einer Lage ich bin. Offenbar lebe ich noch.”

“Da bin ich auch sehr froh drum. Überraschend unversehrt für die Mengen Waldholz, das ich aus dem Weg strahlen musste, um dich darunter begraben vorzufinden.” Jastus schlägt die Augen nieder, als hätte sie das sehr erschöpft. “Inger Wießner kam ins Empfangsbüro und hat gefragt, ob ihr den Reliquienbunker besichtigen könnt. Barbs hat nachgeschlagen und gemeint, es könnte zum Raumschiff gehören, zu dem du Zulassungstyp F bist, und hat mich gefragt, ob ich euch begleiten würde.” Jastus stöhnt genervt auf. “Ich habe mir schon gedacht, dass du dir mit diesem Verschwindeding selbst Zugang verschaffen würdest. Der Raum ist gefährlich. Das hast du sicher geahnt und wolltest deshalb niemanden dabei haben.” Jastus hält inne, als sie mein Stirnrunzeln beobachtet. “War das nicht so?”

“Ich habe nicht mit einer Genehmigung am selben Tag gerechnet und wollte aber direkt hinein”, erkläre ich matt. “Aber du hast recht. Wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet …” Eigentlich habe ich es gewusst. Beziehungsweise zumindest habe ich gewusst, dass ich darin allein sein will. “Doch, du hast recht, ich wollte auch niemanden dabei haben, weil mir klar war, dass ich mit gefährlich dunkelmagischen Dingen in Kontakt kommen würde.”

Jastus schüttelt langsam den Kopf über mich. “Venke! Das ist nicht ohne Grund in einem Metallbunker eingepfercht. Das ist hochgradig gefährlich!”

“Ich weiß.” Ich erwidere ihren ernsten Blick und halte ihm stand. Ich tue nicht so, als würde ich in Zukunft anders entscheiden.

Jastus seufzt abermals. “Ich habe jedenfalls klargemacht, dass der Raum nicht zum Raumschiff gehört, ihr keinen Zutritt dazu habt und ich nach dir sehe, ob dir auch nichts passiert ist, weil die Reliquien darin sehr gefährlich sind. Wießner wollte mitkommen, aber ich habe sie zurückgewiesen.”

“Heißt das, nur du hast mich gesehen, wie ich drin war?” Ich habe eine Hoffnung, die ich kaum auszusprechen wage.

Jastus nickt bedeutungsschwer. “Es weiß immer noch niemand außer mir, dass du infiziert bist, und niemand weiß, dass du da drin warst. Ich musste allerdings ein ähnliches Zahlenschloss dort einhängen. Es hat nicht denselben Code. Das wird irgendwann auffallen.”

“Ich habe weiterhin Zugang zur Ältesten Bibliothek und zum Raumschiff?”, spreche ich die Hoffnung aus. “Ich kann weiterforschen?”

Ich blicke aus dem Fenster, um die Tageszeit abzuschätzen. Meinen Praxistag habe ich verpasst. Ich denke an meine Patient*innen, die dieses Mal nichtmal einen Zettel vorgefunden haben, dass ich nicht da bin, und vermutlich lange vergeblich gewartet haben. Aber wenn ich ehrlich bin, wäre ich gesundheitlich wirklich nicht in der Lage gewesen, diesen Praxistag zu leisten.

Ich lehne mich zurück ins Sofa. “Danke, Jastus.”

Jastus senkt den Kopf. “Es ändert nichts an deinem Trennungswunsch, oder?”

Ich will zustimmen, aber ich hadere. Gefährlich lang. Ich denke darüber nach.

Wenn mich die neue Erkenntnis weiterbringt, kann ich vielleicht sagen, dass die Trennung nicht mehr für lange ist. Auf der anderen Seite, hätte Jastus mich nicht gerettet, wäre ich jetzt tot. Ich hätte niemandem mehr helfen können.

Die Wahrheit ist, dass ich nicht einen Tag länger von ihr getrennt sein möchte. Aber ich muss.

“Ich bin übermorgen auf einer Vorführung von diesem Müller. Dem Andertarzt.” Ich wickele mich enger in die Decke. “Würdest du mich dort abholen?”

Jastus hebt den Kopf, die Stirn gerunzelt. “Ist das ein ‘nein’? Du lässt zu, dass ich dir helfe?”

“Übermorgen.” Ich atme tief ein und langsam wieder aus. “Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich machen soll. Ich habe in der Waldhütte Stimmen gehört. Oder eher … Bilder gesehen, denke ich. Ich habe erfahren, wie es hier auf dem Planeten angefangen hat.”

Jastus sieht noch skeptischer aus und erhebt sich schließlich. Sie kocht Wasser auf und gießt Kaffee auf, als wäre mein Bericht ohne das Gebräu nicht zu verdauen.

Dann verlässt sie den Raum sogar, aber sie kommt rasch mit einem Satz Kleidung zurück, der nicht ausgeblichen ist, aber viel zu groß für meinen Körper.

Ich nehme sie dankbar an, schlüpfe hinein und trage nun einen beigen Pullover, dessen Ärmel über meine Hände reichen, sodass ich die Handschuhe gar nicht bräuchte.

“Mich machen Stimmen skeptisch, die Leute aus dem Wald hören”, sagt Jastus. “Ich habe schonmal eine Person aus dem Raum gefischt. Daher weiß ich, wie es darin aussieht. Sie hat auch Stimmen gehört und ist ihnen wenig später in den Wald gefolgt. Auch dort habe ich sie gefunden und wieder eingesammelt. Sie musste eingesperrt werden, weil sie jede Nacht versucht hat, in den Wald zu gelangen, und wie immer sie das geschafft hat, aber die Stadtmauer schien kein Hindernis für sie zu sein.”

“Hat sie gesagt, was die Stimmen ihr erzählt haben?”, frage ich neugierig.

“Sie hat gesagt, sie haben nach ihr gerufen. Nichts weiter.” Jastus gießt Kaffee in zwei Becher und stellt mir einen davon hin. “Sie hat die Stimmen überall gehört. Ist das bei dir auch so?”

Ich schüttle den Kopf, halte aber dann inne. “Nicht überall. Aus dem Raum am deutlichsten.” Ich umklammere meine Beine in den schlabbrigen, hochgekrempelten Hosen, als ich zugebe: “Ich bin aber auch schon nachts an der Stadtmauer gelandet. Oder im Stadtpark beim Rathaus auf dem Waldboden.”

“Im Stadtpark auf dem Waldboden?”, wiederholt Jastus. “Gut zu wissen. Dann müssen da mal ein paar Lichtwachten dran. Ich denke, das bedeutet, dass dort wieder Waldholz lebt. Es wird von unten dort hingewuchert sein. Keine erbauliche Vorstellung.”

“Wurzeln. Ja, denke ich.” Ich erinnere mich wage an meine Nächte dort. “Die feinen Wurzeln sind über mich rübergewachsen, während ich dort lag. Es war ähnlich wie im Tresor, aber weniger drastisch. Ich konnte mich immer befreien.” Gerade halte ich es nicht für Träume. Es schwankt, wann ich es für Träume halte und wann nicht.

“Venke!”, entfährt es Jastus. “Ich mache mir wirklich Sorgen.”

“Ich glaube nicht, dass mir das wieder passiert.” Ich greife nach meinem Kaffeebecher und beobachte, wie sich Jastus’ schwaches Licht in der dunklen Oberfläche spiegelt. “Ich hatte Fragen. Nun habe ich Antworten.”

“Was für Antworten?” Zwischen Jastus Augenbrauen brauen sich die Sorgenfalten zusammen.

Ich versuche, mein Erleben zu rekapitulieren. Es sind Antworten, denke ich. Dachte ich. Oder doch nicht? Die Vision hat gar nicht von dunkler Magie gehandelt. Oder?

Ich bin mir sicher, dass die Antwort eigentlich klar vor mir liegt. Es ist wie sonst auch: Du wünschst dir, dass du verschwindest, also bewirkt die dunkle Magie, dass du verschwindest. Du wünschst dir Antworten, also führt dich das Dunkle dorthin, wo du sie erhältst. Ist das so?

“Was für Antworten?”, wiederholt Jastus. “Dein Verhalten wirkt auf mich, als wärest du nicht ganz klar, als hätte die Krankheit schon in dein Denken eingegriffen. Rede mit mir!”

Ich blicke auf, sehe Jastus direkt in die Augen. “Ich fühle mich relativ klar. Das war die letzten Tage schlimmer.”

Jastus schnaubt. “Gut zu wissen.”

“Die Antworten haben sich mir noch nicht erschlossen”, gebe ich schließlich zu. “Vielleicht sollte ich doch noch einmal in den Raum gehen.”

Jastus wirft den Kopf nach hinten und ihr Kaffee schwappt dabei fast über. “Du bist unmöglich, Venke.” Sie seufzt schwer. “Ich unterstütze dich. Wenn du mich überzeugen kannst, dass dir das hilft, zu heilen, ob dich oder meinetwegen sogar nur andere, dann lasse ich dich in den Raum und beschütze dich. Keine Frage. Aber du müsstest mich schon überzeugen, dass es nicht einfach bloß das Wispern des Waldes ist, das dich kriegen will.”

Wispern. Jastus hat es ‘Wispern des Waldes’ genannt, als wäre das ein stehender Begriff. Und jetzt, wo ich ihn so höre, erinnere ich mich, dass es ein Symptom dunkler Magie ist. Ich hatte vor nun schon längerer Zeit eine Patientin, die es gehört hat und bald darauf verschwunden war. Es ist mir zu selten untergekommen. Aber ich bin Ärztin für dunkle Magie. Warum habe ich es nicht erkannt?

Aber die Bilder. “Das Wispern des Waldes hat mich gerufen, das stimmt. Das ist ein Symptom.” Ich sage es auch zu mir selbst, um es festzuhalten. Es ist ein wichtiges Argument und es fühlt sich an, als wollte etwas Dunkles in mir es schlucken und vor mir verbergen. “Aber als ich in dem Reliquienraum mit lebendem Waldholz in Kontakt gekommen bin, habe ich mehr vernommen. Ich habe aus der Sicht des Waldes gesehen, wie das Raumschiff hier gelandet ist. Und wie sich die ersten Hütten aus dem Wald für die Menschen gebaut haben.”

Jastus blinzelt und wirkt zweifelnd. “Also hat der Wald etwas Gutes für die Menschen getan?”

Ich stutze. “Ja, so kann man das sehen.”

“Das würde mich misstrauisch machen”, gibt Jastus zu verstehen. “Ich traue dem Wald nicht. Ich traue ihm zu, dass er dir Bilder in den Kopf setzt, die dich davon überzeugen wollen, dass dunkle Magie eigentlich nichts Schlimmes ist. Wie bei einem Virus, der ja auch überleben will und sich anpasst.”

“Du meinst, der Wald verarscht mich?” Ich muss unwillkürlich grinsen.

“So ungefähr”, sagt Jastus. “Ich glaube, der Wald hat nicht die Bilder gemacht, sondern du. Die dunkle Magie bewirkt, dass du Bilder siehst, die dich davon überzeugen würden, aufzugeben. Und dann träumst du die Bilder, die das mit dir machen würden. Sie kommen aus deinem Inneren.”

Woher hat Jastus eigentlich so ein gutes Gefühl für dunkle Magie?

Sie hat recht damit, dass sich die Bilder inzwischen anfühlen wie ein Traum. Ich habe etwas bessere Erinnerungen daran, vor allem an die Inhalte, als an meine ersten Ausflüge zur Mauer oder in den Stadtpark. Aber das ist auch schon alles. Es ist mir entglitten, als wäre das alles nicht wahr.

Aber es hat sich wahr angefühlt. So echt! Morgen werde ich vielleicht schon nicht mehr daran glauben.

Und was es mir sagen will, weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Aktuell fühle ich keinen starken Sog in mir, um die Fragen zu klären etwas Gefährlichs zu tun, aber ich kann mir vorstellen, dass es mich doch bald wieder packt.

Ich seufze. “Was schlägst du vor?”

Jastus wirkt, als würde etwas in ihr loslassen. Ihr Körper verliert an Anspannung. “Ich freue mich gerade sehr, dass du mich um Rat fragst. Und mit mir redest. Ob ich guten Rat habe, sei dahingestellt.” Sie holt tief Luft. “Ich fände zumindest gut, wenn du deine Pläne mit mir besprichst, bevor du einfach in den Wald oder in dunkle Räume mit Restwald spazierst. Ich kann dich da nämlich schützen. Und ich kann dir Flausen ausreden, hoffe ich. Ich verspreche im Gegenzug, dass ich dich ernst nehme und drauf ankommen lasse, dass du mich überzeugst. Es ist ja nicht so, dass ich nicht einsehe, dass du Risiken eingehen musst, um etwas über Heilung zu lernen.”

Ich liebe diese Frau einfach. Mir bleibt einen Moment die Luft weg und dann fließen mir Tränen übers Gesicht. Ich tupfe sie mit den zu langen Ärmeln ab.

“Und für heute Nacht schlage ich vor, dass ich deinem Vater noch eine Nachricht zukommen lasse, dass du hier bleibst. Ich würde mich gern um dich kümmern”, fährt sie fort. “Ich würde gern deine Haut beleuchten, weil ich wirklich glaube, dass es etwas bringt. Und wenn es nur Wärme und Vitamin D ist.”

Ich lache. “Du hast echt mehr Ahnung von Medizin, als ich je vermutet hätte! In der Andertstadt haben sie alle D-Mangel. Das halte ich durchaus für einen Risiko-Faktor bezüglich Infektion mit dunkler Magie.”

“Dann findest du meinen Vorschlag also gut?” Jastus lächelt beinahe.

In diesem Moment wird mir bewusst, dass sie es den ganzen Abend hier noch nicht getan hat. Jastus, die immer gut gelaunt ist. Sie muss eine unheimliche Angst gehabt haben, dass ich wieder gehe, wofür sie fast die Gewissheit gefühlt hat.

Aber ich bin noch nicht sicher, ob ich es nicht doch sollte.

Ich seufze. “Ich würde mich damit einverstanden erklären, mit dir bis übermorgen Abend so vorzugehen”, entscheide ich mich schließlich. “Aber ich mache keine Versprechungen, wie es danach weitergeht.”

Ich sehe, wie sich nun auch Jastus Augen mit Tränen füllen. Sie sieht weg, in ihre Küchennische, wo eine Reihe Küchenkräuter in Blumentöpfen wuchern. “Das ist beängstigend, aber mehr, als ich mir erhofft habe. Danke, dass du dich darauf einlässt.”


Später liegen wir auf einem Matratzenlager. Das tun wir immer, wenn ich übernachte. Jastus Schlafraum ist zu klein für zwei und wir wollen uns noch unterhalten, also liegen wir im Wohnzimmer auf dem Boden.

Mein Papa hat mir noch Kleidung für den nächsten Tag vorbeigebracht, nachdem er die Nachricht erhalten hat. Ich glaube, eigentlich wollte er nur nach mir sehen. Er hat erleichtert gewirkt. Vielleicht sehe ich tatsächlich gerade gesünder aus. Ich habe einen leichten Sonnebrand auf den Wangen von Jastus Behandlung.

Aber eigentlich, glaube ich, ist es eher das Kümmern als das Sonnenlicht, das mich heilt. Und Kümmern bedeutet leider, dass Jastus sich selbst in eine Aufgabe investiert, die ihr irgendwann großen Kummer bereiten wird, und das wiederum erhöht ihr Risiko, sich zu invizieren, so sehr, dass fast ausgeschlossen ist, dass sie es übersteht.

Wie auch immer ich es schaffe, aber daran denke ich im Moment nicht.

“Warum möchtest du eigentlich zu dem Vortrag vom Müller?”, fragt Jastus. “Ich dachte, du willst mit ihm nichts zu tun haben.”

“Wießner hat mich überredet.” Ich seufze. “Sie wäre alternativ zu mir gegangen. Also, zu mir in meiner Identität als Andertärztin.”

Jastus gibt einen Laut des Unbehagens von sich. “Wießner ist mir schon oft aufgefallen damit, dass sie breit gefächert und sehr aufmerksam ist.”

“Unangenehm aufmerksam”, stimme ich zu. “Und deshalb würde ich mit ihr gern zu dieser Vorführung gehen. Also, nicht gern. Aber ich glaube, dass es sonst auffällig wäre. Als Person, die die Ursprünge dunkler Magie erforscht, sollte ich daran interessiert sein.”

“Verstehe.” Jastus streichelt mir durchs Haar. “Und es macht dir Angst.”

“Woher weißt du?”

“Hm?”, macht Jastus. “Du hast mich gefragt, ob ich dich abhole, obwohl du nichts mit mir zu tun haben willst.”

Stimmt, das war offensichtlich. Ich kuschele mich an sie. Das habe ich lange nicht mehr gemacht. Eigentlich nur einmal, als ich mich relativ am Anfang unserer Freundschaft mal bei ihr in Tränen aufgelöst habe, weil mich mein Doppelleben zu sehr gestresst hat. Aber gerade fühlt es sich richtig an.

Jastus gibt einen Laut der Überraschung von sich, legt die Arme um mich und streichelt mir den Rücken. “Ich hole dich ab. Sag mir wann und wo, und ich nehme mir im Zweifel dafür frei”, verspricht sie.


Als ich am nächsten Tag wieder auf Wießner treffe, habe ich erstmal ein anderes Problem: Ich bin am Vortag einfach verschwunden. Jastus hat immerhin auf ihrem Weg, das Schloss auszutauschen, noch im Empfangsbüro mitgeteilt, dass ich gegangen wäre.

“Ich hatte noch eine Verabredung, die ich nicht mehr auf dem Schirm und fast vergessen hatte”, erkläre ich.

“Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt”, erwidert Wießner. “Jastus meinte, der Raum wäre gefährlich. Ich war mir nicht sicher, ob sie sich damit auch darauf bezog, bloß davor zu stehen. Und dann warst du weg! Du hast so neben dir gestanden, weißt du?”

“Mir ist nichts passiert.” Ich lächele und suche das Dia des Lexikons heraus, in dem Raumfahrt erklärt sein müsste.

“Du siehst tatsächlich besser aus als gestern. Es tut mir leid, dass dein anderes Projekt gestern nicht weiter vorangekommen ist.” Wießner schlägt das Notitzbuch auf und hält einen Druckstift bereit. “Ich habe den Eintrag schon gelesen, aber ich denke, es schadet nicht, es noch einmal zusammen zu tun.”


Unser erster gemeinsamer Recherchetag bringt uns gefühlt nicht weit. Aber damit habe ich auch nicht gerechnet. Eine Informatikerin und eine Historikerin, die ohne vorherige Ahnung in das Thema neu einsteigen, werden nicht gleich am ersten Tag mit einem Konzept der Recherche aufwarten.

Der zweite Tag verläuft nicht viel besser, aber das liegt auch daran, dass wir uns leicht ablenken lassen, weil am Abend die Vorführung stattfindet. Wir verabreden uns, um gemeinsam hinzugehen, und Wießner ist nervös, dass ich vielleicht nicht wissen könnte, was mich erwartet. Sie beschreibt mir Symptome und erklärt, dass er bei ihrem letzten Besuch einer Vorführung auf der Bühne einer Person etwas Dunkles aus einem kleinen Loch in der Haut gezogen hat und dass das ganze nicht unblutig abgelaufen ist.

Ich reagiere möglichst neutral und unterdrücke Aussagen wie, ich habe kein Problem mit offenen Wunden, ich bin Ärztin.


Am späten Nachmittag esse ich bei meinem Papa. Ich erzähle ihm, was ich vorhabe, und habe zwar vielleicht mit Sorge gerechnet, aber nicht mit seinem entsetzten Blick.

“Kannst du das irgendwie absagen?”, fragt er.

Ich runzle die Stirn. “Ich bin leider in einer Drucksituation und muss dahin. Aber auch, wenn ich so nicht vorgehe, habe ich wirklich keine Probleme, Operationen beizuwohnen. Das habe ich in der Ausbildung oft getan.”

“Aber nicht bei Eingriffen, wo dunkle Magie im Spiel ist”, wendet Papa ein.

“Das Prinzip ist das gleiche.” Ich puste über den Löffel warmer Nudelsuppe. Ich liebe Papas würzige Brühe.

“Ich dachte an deine Kindheit”, sagt er.

Ich verharre in meiner Bewegung, den Löffel halb zum Mund geführt. Einen Moment wird mir flau.

Ja, in meiner Kindheit hat es eine Situation gegeben, an die ich nicht denken möchte. Mir war nicht klar, dass Papa davon weiß.

Ich schiebe den Löffel in meinen Mund, fühle die angenehme Wärme der Suppe und schließe genießend die Augen. “Das ist lange her.”

Papa legt mir seine Hand auf die Schulter. “Übernimm dich nicht”, sagt er eindringlich. “Guck weg, mach die Augen zu, oder geh da doch nicht hin.”


Aber ich gehe hin. Ich nehme mir seinen Rat zu Herzen und werde mich distanzieren, so gut es geht. Wir werden auf einem Rang stehen, weit weg von der Bühne. Und es wird nicht verdächtig für Wießner sein, wenn ich mir die Augen oder Ohren zuhalte. Höchstens peinlich, aber es ist kein Drama, wenn sie mich als peinlich empfinden sollte.

Am Abend treffen Wießner und ich uns an einem Halt an den Grachten, wo wir in einer schmalen Ruderfähre zusteigen, die uns den Kanälen folgend an den Rand der Stadt fährt. Die muskulösen Ruderleute stechen die Ruderblätter ins Wasser, ziehen durch und lassen sie über der dunklen Wasseroberfläche wieder zurückgleiten. Es ist leise. Ich mag diese schnelle Fortbewegungsart gern. Nahe der Stadtmauer auf der Südseite der Stadt steigen wir aus dem wackeligen Boot. Wenn es Fahrt hat, liegt es stabil, aber wenn ich aus dem Kahn ein- oder aussteige, fühlt es sich immer an, als würde ich gleich ins Wasser fallen.

Ich war in dieser Gegend erst einmal. Die kleine Informatikerin und ich gehen gemeinsam durch die dunklen Straßen der Andertstadt nahe der Mauer. Sie kennt sich offensichtlich aus. Nur an einer Abzweigung bleibt sie stehen, sieht sich beide Richtungen an, aber entscheidet sich rasch für die linke, ohne in eine Karte zu gucken.

“Warst du hier schon oft?”, frage ich.

“Zur letzten Vorfühung. Ich habe ein gutes Gedächtnis.” Wießner schaut einen Moment in mein Gesicht. “Wäre das schlimm, wenn ich öfter in der Andertstadt unterwegs wäre?”

Ich schüttele den Kopf. “Ich habe früher in der Andertstadt gewohnt. Meine Familie hat nicht schon immer Deuts verdient.”

“Das wusste ich gar nicht!” Wießner wirkt gelöster.

Ich gewinne den Eindruck, dass sie immer noch denkt, ich würde ihre Regierungs-Loyalität prüfen. Mir kommt der Gedanke, dass es ihr vielleicht ähnlich gehen könnte wie mir. Ich habe schließlich auch Angst davor, dass sie etwas über mich rausfindet. Ob ich versuchen sollte, unauffällig vorzufühlen, ob sie vielleicht auch gar nicht so regierungstreu ist?

Aber das wiederum könnte sie panisch machen, denn das scheint ja gerade ihre Angst zu sein.

Sie hält vor einem alleinstehenden, großen Gebäude, das auf mich wie eine Lagerhalle wirkt. “Hast du eine Maske dabei?”

“Eine Maske?” Es geht um dunkle Magie, da braucht man keine Maske, das ist keine Atemwegsinfektion, denke ich. Aber das kann ich kaum sagen.

Ich taste in meiner Manteltasche und finde darin tatsächlich eine Maske. Aber nachdem ich so reagiert habe, kann ich sie einfach hervorholen?

Wießner reicht mir eine frische und lächelt. “Wenig vorbereitet, wie immer!”

Die Kritik sticht ein wenig. Aber ich schlucke es herunter und nehme die Maske an.

Ich folge Wießner in die Halle durch eine Menschenmenge, die sich auf im Raum aufgestellte Klappstühle verteilt, zu einer Treppe. Wießner öffnet eine Kette, die davor hängt, aus abwechselnd roten und weißen Gliedern, und hängt sie nach uns wieder ein. Als wir oben sind, nimmt sie die Maske wieder ab. Ich folge ihrem Beispiel. Ich bin verwirrt davon, aber dann akzeptiere ich es einfach.

“Ich bin sehr gespannt darauf, was du dazu denkst. Was weißt du eigentlich schon über dunkle Magie?” Wießner legt die Ellbögen auf das Geländer, steicht ihren blauen Zopf über ihre Schulter nach vorn und schaut mich interessiert an.

Scheiße. Ich fühle mich gestresst durch die Atmosphäre und von meiner Angst, dass sie etwas herausfinden könnte, und dann stellt sie diese Frage.

Ich denke an die Übersicht, die wir immer wieder durchgehen sollen, auf der Symptome verzeichnet sind. Dann an meine Recherche der vergangenen Wochen. Mit der kann ich vielleicht ungefährlich anfangen.

Ich stelle mich neben sie, lehne mich mit dem Rücken gegen das Geländer, um die trubelige Menge nicht so sehr beobachten zu müssen. “Weißt du, warum wir dunkle Magie so nennen?”

Wießner zuckt mit den Schultern. “Weil es so unerklärlich ist? Und halt dunkel?”

Ich runzle kurz die Stirn. “So kann man das auch ausdrücken.”

Wießner grinst breit. “Ich wusste, dass es interessant wird, mit dir zu reden! Wie würdest du es ausdrücken?”

“Ich habe zuletzt durch Fantasy-Romane quergelesen, die es auf der Erde gegeben hat. In vielen gibt es das Konzept von dunkler oder schwarzer Magie, die dem Phänomen, das wir hier erleben, nicht ganz unähnlich ist.” Ich erinnere mich, was meine Schlussfolgerung war: Infektionen verhalten sich vielleicht ähnlich zu Vorstellungen, die Erkrankte aus Fantasy kennen. Das möchte ich eigentlich nicht mitteilen.

Ich hoffe, dass die Vorführung bald losgeht.

“Und daher kamst du auf die Idee, dass wir dunkle Magie von der Erde mitgenommen haben?”, fragt Wießner.

Ich nicke nackdenklich. Denn mir geht auf, dass nach meiner Theorie die dunkle Magie in gewisser Hinsicht schon von der Erde kommt: In Form von Vorstellungen.

“Aber es ist nur in Fantasy-Büchern, richtig?”, erkundigt Wießner sich.

Ich nicke wieder und drehe mich zur Bühne um. Das Gewusel unten wird weniger. “Ja, genau, aber seltsam ist es schon. Diese Ähnlichkeiten zum Phänomen hier und jetzt.”

“Phänomen?” Wießner lacht. “Das ist ein Euphemismus, oder?”

Ich blicke sie stirnrunzelnd an. “Ich dachte, es ist eine wissenschaftliche, neutrale Betrachtungsweise.”

“Vielleicht.” Die Informatikerin wirkt plötzlich tief nachdenklich und wechselt die Stimmlage, wirkt fast abwesend. “Was meinst du, wenn es keine dunkle Magie gegeben hat, wie kamen die Fantasy-Autor*innen auf ihre Ideen?”

“Wow, das ist eine gute Frage!” Ich bin ehrlich beeindruckt. “Meine spontane Idee wäre, dass sie aufgeschrieben haben, wovor sie Angst haben, und es verbildlicht haben. Aber meine zweite Überlegung geht mehr in Richtung Moral, denke ich. Dunkle Magie hatten meistens die Bösewichte und haben damit versucht, Macht zu bekommen oder ewig zu leben oder so etwas. Am Ende wurden sie dafür bestraft. Es wurde also ihr unmoralisches Verhalten dunkel und mächtig dargestellt.”

Wießner nickt langsam und nachdenklich. “Was ja kein Widerspruch ist. Angst vor mächtigen Alleinherrschenden ist schon sehr berechtigt. Ein anderer Zusammmenhang würde sich ergeben, sollten Autor*innen an das Bild von den Mächtigen Vorstellungen geklebt haben, die ihnen sonst Angst machen.”

Mir gefällt das Gespräch mit einem Mal und ich verstehe Wießners Motivation mit mir hierher zu gehen nun besser. Ich überlege, was ich erwidern kann, aber in diesem Moment betritt Müller die Bühne.

Müller ist breitschultig, sein Arztkittel nicht weiß sondern Türkisblau. Seine glänzenden Schnallenschuhe klacken auf dem rauen Holz der Bühne, als er in die Mitte tritt und sich dem Publikum zuwendet. Bei der Bewegung fächert sich der Kittel auf, als wäre dies eine Modenschau.

Die Menge klatscht. Mein letztes vergleichbares Erlebnis war ein Konzert in einer ähnlichen Halle, daher habe ich mit jubelnden Rufen gerechnet, aber natürlich passiert hier nichts dergleichen. Es ist ein Arzt mit Prestige, aber es bleibt ein belastendes Thema. Ich spüre förmlich die bedrückende dunkle Magie, die im Publikum unterhalb von mir mit Sicherheit mehrere befallen hat.

“Sehr verehrtes Publikum! Ich danke Ihnen, dass Sie alle gekommen sind zu meiner Vorführung. Es ist nicht leicht, dem Schicksal ins Auge zu blicken und das Notwendige zu tun!”

Ich kann ihn jetzt schon nicht leiden. Also, ich konnte ihn ohnehin nie leiden, aber die Art, wie er spricht, macht etwas sehr Unangenehmes mit mir.

Die Menge aber klatscht und ich spüre, wie sie von ihm, seinen Worten und seiner Präsenz, eingenommen wird.

“Ich kann euch eine Geschichte erzählen! Eine Patientin kam zu mir mit Händen, an denen Stacheln und verwesende Haut gewachsen war. Wenn sie Blumen angefasst hat, sind diese verwelkt, sie hat das Leben aus ihnen herausgezogen. Ja, es war schlimm! Aber wisst ihr, was noch viel schlimmer ist?”

Das Publikum sitzt starr auf den Klappstühlen und einzelne schütteln den Kopf. Irgendjemand fordert ihn auf, weiterzusprechen.

Ich möchte nicht, dass er weiterspricht. Ich atme langsam ein und aus. Die Patientin, von der er spricht, war mal meine Patientin.

“Es hätte alles nicht soweit kommen brauchen!” Müller macht einen Schritt auf die Bühne zu und senkt die Stimme. “Wenn sie gleich zu mir gekommen wäre, als es noch nicht aus ihrem Körper gesprießt ist, dann hätte ich ein paar saubere, gute Schnitte gesetzt und es aus ihr herausgezogen! Ich habe inzwischen Methoden entwickelt, wie ich für die meisten Anfangsinfektionen nur noch zwei kleine Schnitte setzen muss. Ich löse das dunkle durch die Zugänge mit einem Schuss Sonnenwasser an, um es dann mit einer Pinzette aus den Adern zu ziehen!”

Sonnenwasser? Hat er da gerade Sonnenwasser gesagt?

Die Informatikerin neben mir ändert die Haltung, weshalb ich ihr einen Blick zuwerfe. Sie erwidert ihn stirnrunzelnd. “Das ist neu”, sagt sie. “Ich bin gespannt, ob er das zeigt. Weißt du, was Sonnenwasser ist?”

Ich überlege, ob es über mich etwas verrät, wenn ich meine Vermutung ausspreche, aber komme zum Schluss, dass es verdächtiger wäre, wenn ich zu meinem Interessen-Thema gar keine Antworten habe, und diese erscheint vergleichsweise ungefährlich. “Ich vermute, es handelt sich um Wasser, das mit Lichtmagie durchleuchtet worden ist.”

Ob die Idee von Seiten Müller irgendwelche Wege zu Jastus gefunden hat?

“Aber die Patientin musste ja stattdessen zu der anderen Andertärztin für dunkle Magie gehen!”, fährt Müller fort. “Glauben Sie mir, ich lästere normalerweise nicht über Kolleg*innen. Aber sie ist im Prinzip keine Kollegin. Sie hat den Titel Ärztin nicht verdient! Sie ist eine Verbrecherin!”

Ich weiß nicht warum, aber ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Ein leises Schnauben entfährt mir.

Wießner wendet sich mir wieder zu. “Das ist schon eine Ansage, oder?”, flüstert sie. “Fühlt es sich für dich auch so manipulativ an? Dieses, normalerweise mache ich das nicht, aber …? So wie Politi …” sie bricht mitten im Wort ab, weil der Arzt da unten weiterredet.

“Kommen Sie mal auf die Bühne, Sie im rosa Wollpullover!” Er deutet auf eine Person im Publikum nahe der Treppe.

Sie wirkt verdutzt, verunsichert, und nicht unbedingt, als wäre sie so begeistert davon, auf die Bühne zu treten, aber sie tut es.

“Stellen Sie sich vor, Sie kommen zu mir herein in die Praxis und zeigen mir ihren Arm.” Müller greift nach ihrem Handgelenk.

Mir gefriert das Blut in den Adern für einen Moment. Was, wenn er den Pulloverärmel den Arm emporschiebt und was, wenn sie infiziert ist? Bekommt sie dann eine spontane Operation auf der Bühne?

Müller zieht den Ärmel tatsächlich ein klein wenig hoch, aber sagt kein Wort über eine Infektion. Stattdessen spricht er nun mit einer Stimme, die eine halbe Oktave höher ist und offensichtlich mich nachäffen soll. “Oh!”, quiekt er. “Was haben wir da? Ein paar putzige Stacheln und verwesende Haut! Da geh ich lieber mal nicht dran!” Er lässt den Arm los und wischt imaginären Dreck von seinen abgespreizten Fingern. “Aber haben Sie in Ihrer Kindheit vielleicht Angst vor Igeln gehabt?”

Das Publikum lacht und ich kann nicht anders, ich finde es so albern, dass ich mitlachen muss. Obwohl ich weiß, dass die Lage toternst ist. Obwohl ich weiß, dass es Menschen davon abbringen wird, zu mir zu kommen, weil in sie nun die Idee gepflanzt ist, ich wäre nicht ernstzunehmen.

Was ist kaputt mit mir?

Ich lasse meinen Blick unauffällig zu Wießner schweifen, aber vergebens: Sie sieht mich direkt an, da geht nichts mit unauffällig. Sie mustert mich aufmerksam, der Gesichtsausdruck neutral.

Irgendwie erdet mich das. Sie scheint nicht so anfällig für diesen Erzählstil und die damit verbundenen Emotionen zu sein, und das mag ich.

“Als die Patientin mich dann Wochen später aufsuchte, blieb mir leider nichts mehr übrig, als den Arm abzuschlagen.”

Was?

Sofort hat er wieder meine volle Aufmerksamkeit. Auch die des Publikums.

Er hebt einen Mundwinkel, sein Gesichtsausdruck ist sauer. “Das wäre nicht nötig gewesen, wenn sie gleich zu mir gekommen wäre.”

“Lebt sie noch?”, entweicht es mir leise. Denn das glaube ich nicht.

Ich spüre Wießners Blick auf mir und wünschte, ich hätte mich besser unter Kontrolle.

“Gute Frage”, sagt Wießner ebenso leise und lächelt, bevor sie die Stimme erhebt und über das Publikum hinweg eben jene Frage brüllt: “Lebt sie noch?”

Mut hat sie, diese Informatikerin. Das hätte ich mich nie getraut.

Der Andertarzt schaut mit einem milden Lächeln zur Empore hinauf. “Regierungsbesuch! Darauf kann ich mir was einbilden. Herzlich willkommen, die noblen Gäste!”

Viele Blicke wenden sich zu uns hoch. Ich trete reflexartig einen Schritt zurück, halte mir den Mantel halb vors Gesicht. Da sind vielleicht Leute bei, die mich erkennen können.

Wießner dagegen lächelt ins Publikum, als hätte sie die Ruhe weg. “Lebt sie noch?”, wiederholt sie, als es wieder ruhiger wird.

“Sie hat leider nicht mehr lange überlebt”, gibt Müller bedauernd zu. “Es hat ihr ein paar weitere Wochen geschenkt, dass die Infektion nicht über den Arm weiter in ihre Brust wachsen konnte, aber sie war zu lange unbehandelt. Es war schon zu tief in ihrem Blut.”

Wießner blickt mich lächelnd an, beinahe, aber nur beinahe, triumphierend. “Da hast du einen guten Riecher gehabt”, flüstert sie.

“Haben Sie noch weitere Fragen da oben auf den Rängen?”, ruft Müller zu uns hinauf. “Ich würde Ihnen empfehlen, sie mir zu stellen und nicht mit Ihrem Kolleg*in zu bekakeln! Sie werden auf diesem Planeten keine gebildetere Person auf dem Gebiet finden als mich!”

Ich muss schon wieder ein Schnauben unterdrücken. Dieser Mann schafft mich einfach.

“Ja, habe ich!”, ruft die Informatikerin zu meiner Überraschung. “Ist dunkle Magie überhaupt heilbar?”

Wow, die Frage aller Fragen. Das, wonach ich so vergeblich forsche. Ich könnte ihr die Frage besser beantworten als Müller, aber, nunja, nicht in der Rolle ihrer Kollegin von der Regierung.

“Nein!”, sagt Müller klar und deutlich. “Die Veranlagung bleibt im Körper. Es wird das angefallene Gewebe herausgeschnitten und das Leben kann dadurch verlängert werden und die Lebensqualität signifikant verbessert. Aber es wird wiederkommen und irgendwann die lebenswichtigen Organe befallen. Leider ist eine Heilung unmöglich.” Leiser fügt er hinzu: “Eine gewisse Esoterikerin, die sich Ärztin nennt, glaubt natürlich an Wunder und Heilung!”

Tue ich nicht! Alles, was er bisher über mich gesagt hat, habe ich verhältnismäßig gut weggesteckt, aber das wühlt mich nun auf, sodass ich kaum geradeaus denken kann. Ich glaube weder an Heilung, noch glaube ich, dass es keine gibt. Ich will eben diese Frage erforschen, und natürlich sind meine Gefühle dazu nicht neutral, aber ich weiß es halt nicht. Ich komme nicht gut damit zurecht, wenn Leuten, die bei etwas unentschieden sind, je nach Stimmung eine Meinung zugeschrieben wird.

“Noch weitere Fragen? Eine dürfen Sie noch stellen! Für mehr haben wir keine Zeit, die Vorführung steht schließlich auch noch an!” Der Arzt wirkt nun abweisend und, obwohl er so weit unter uns steht, bewirkt seine Haltung und sein Ton, dass er sich über uns empfindet.

“Ja, eine! Vielen Dank!” Die Informatikeren lehnt sich wieder auf das Geländer und beugt sich gelassen vor. “Gibt es Statistiken darüber, welche Behandlungsmethoden die besseren sind? Bisher fluchen Sie sehr über Ihre Kollegin, aber weisen keine Daten vor, die ich nachvollziehen könnte.”

Es gibt keine. Ich kann es wieder nicht sagen.

Der Arzt lacht plötzlich so heftig, dass er dazu in die Hocke geht und sich mit den Händen auf den Beinen abstützt. “Ihr seid gut. Was schickt die Regierung für Leute? Soll ich das wirklich beantworten?”

Die Menge ist angesteckt von seinem Lachen. Ich dieses Mal nicht. Nicht nur, weil Wießners Frage absolut nicht unsinnig ist, sondern auch, weil die Stimmung gekippt ist und ich spüre, wie sehr die Leute jetzt Wießner mindestens für sehr fehlgeleitet hält. Wie die Menge auf Müllers Stimmung reagiert und überhaupt nicht mehr selbst nachdenkt, macht mich nervös. Wenn ich ehrlich bin, macht mir das sogar große Angst.

“Die sollen Brosdorf persönlich schicken und nicht irgendwelche Laien!”, schreit jemand im Publikum. “Aber in die Andertstadt schicken sie nur ihr halbgebildetes Fußvolk!”

Brosdorf ist unser Präsident. Er ist beliebt unter den Bürger*innen, und die meisten hohen Tiere in der Regierung, wie Jastus, auch. Aber über viele andere bekannte Gesichter, die sich nicht durch irgendetwas Respekt verdient haben, wird zuweilen sehr gelästert. Ich bekomme es in meiner Praxis manchmal mit.

Ich blicke Wießner an, ob es sie irgendwie trifft, aber sie wirkt gelassen und unberührt. “Gibt es Daten?”, ruft sie noch einmal, als sich die Menge beruhigt hat.

Sie erntet dieses Mal Kopfschütteln und leisere Kommentare wie: “Die lernt aber auch gar nichts.”

“Kind!” Der Arzt blickt zu ihr hinauf mit einem verzweifelten Lächeln im Gesicht. “Kannst du dir vorstellen, dass wir statt der Lichtwacht nicht auch einfache Leute auf die Mauer stellen könnten, die den Wald des nachts freundlich bitten, die Wurzeln bei sich zu behalten? Stell dir das doch einfach mal vor, dann weißt du, was Sache ist!” Er schüttelt den Kopf. “Für manches braucht es keine Daten.” Er hält ein Fläschchen, dass er aus seinem Kittel pflückt, mit ausgestrecktem Arm über den Boden. “Ich brauche nicht auszuprobieren, ob das wertvolle Glas zerbricht, wenn ich es loslasse. Ich lasse es! Mit Menschenleben spielt man nicht!” Den letzten Satz spricht er vehement und das Publikum ruft zustimmend, nun doch fast wie auf dem Konzert damals.

Als nächstes bittet er die Patientin auf die Bühne, die er behandeln will, und mir wird ganz anders. Es ist Ranuk. Ihre Mutter bringt sie die Stufen hinauf, wird aber vom Arzt wieder nach unten geschickt. “Eltern sind bei einer Operation eher störend.” Er lächelt freundlich.

Ranuk steht still da. Ich schaue genau hin, aber kann kein Durchscheinen ihres Körpers erkennen. Doch das Schaf erkenne ich, das sie in den Händen hält. Sie ist ganz ruhig.

Das darf alles nicht sein! Nicht Ranuk! Sie ist hier, weil ich nicht da war.

“Na du? Warst du auch bei der anderen Ärztin?” Müller beugt sich zu ihr herunter.

Ranuk nickt.

“Was hat sie mit dir gemacht? Geredet?” Er lächelt scheinheilig freundlich.

Ranuk hebt den Kopf und blickt ihm direkt ins Gesicht. Einen Moment flackert sie, aber sie hält das Schaf enger an sich gepresst und ihre Umrisse werden wieder klarer. Sie nickt wieder.

Das verdammte Schaf! Verschwinde, Ranuk, denke ich. Nicht ganz, aber werd unsichtbar, geh durch eine Wand, hau ab!

Aber Ranuk fühlt mit den unsicheren Fingern über das Fell des Schafs und bleibt vorhanden.

“Und nun kommst du zu mir, weil du verstehst, dass das keine wahre Behandlung ist. Kluges Kind!” Müller rückt einen Behandlungsstuhl zurecht, aber hält dann inne, als Ranuk den Kopf schüttelt. “Nicht?”

Ranuk sagt etwas, aber so leise, dass sie niemand hören kann. Der Arzt hockt sich zu ihr nieder und bittet sie, es zu wiederholen. Dann richtet er sich lachend zu seiner vollen Größe auf und wiederholt es für das Publikum: “Sie geht nicht zu der ollen Frau, weil diese seit einer Woche krank ist! Hat sich die Dame endlich selber infiziert?”

Das Publikum lacht auf eine unbelustigte Weise und mir dreht sich der Magen um.

Ich will aus diesem Albtraum verschwinden!

Verzweifelt blicke ich zu Wießner, die es bemerkt, sich mir zuwendet und mich verwirrt betrachtet. “Was ist los? Warst du nicht darauf gefasst, dass ein Kind operiert werden könnte?”

Es dreht sich alles. Ich fühle mich nicht mehr real.

Kurioserweise denke ich, während unten auf der Bühne meine jüngste Patientin gequält werden soll, daran, dass ich abstürze und dadurch die dunklen Adern bei mir wieder aktiver werden. Wießner könnte es sehen.

Ich lehne mich aufs Geländer und wende den Kopf ab, sodass sie von mir vorwiegend Kleidung sieht, und denke darüber nach, was ich tun kann. Was ich tun möchte!

Ich könnte als Ärztin nach unten gehen und Ranuk und Ranuks Mutter klarmachen, dass ich wieder im Dienst bin. Aber ob Ranuks Mutter im Moment Vertrauen zu mir hätte? Das Publikum hat die Stimmung des Andertarzts gegen mich wie ein Mob aufgenommen. Vielleicht käme ich nicht einmal heile zur Bühne oder würde, sobald ich mich vorstellen würde, von den aufgeheizten Leuten angegriffen, die nicht nur die Wut in sich tragen, die Müller in ihnen entfacht hat, sondern auch die Verzweiflung, die dunkle Magie mit sich bringt. Ihre Nerven sind vermutlich schon lange aufgerieben, es ist keine ungefährliche Menge.

Noch dazu würde Wießner dann Bescheid wissen und dann hätte ich keinen Zugang mehr zu wertvollen Ressourcen, die ich für meine Forschung brauche. Das würde langfristig weniger helfen. Zumindest für den Fall, dass ich etwas rausfinde, und nicht bloß auf das Wispern des Waldes hereinfalle.

Ranuk wird auf einen Stuhl gesetzt und Müller bückt sich, um ihr Fußfesseln anzulegen, aber dann ist es auf einmal totenstill. Der dunkle Vorhang, der die Bühne von einem Bereich dahinter abtrennt, bewegt sich wie in einem nicht vorhandenen Wind, und reißt plötzlich ab, als hätte ihn jemand mit einem sehr scharfen Schwert durchgeratscht.

Einen Moment frage ich mich, ob ich das war mit meiner Wut. Es wäre untypisch für meine Magie. Aber ich war es nicht.

Aus den Schatten tritt ein puppenartiges Kind. Oder eine Keramikuppe in der Größe eines Kindes, ähnlich gebaut wie Ranuk.

Müller will aufstehen, aber die Puppe ist zu schnell bei ihm, legt ihm ihre bloßen Finger an die Kehle. Finger scharf wie Klingen. Ich kann es von hier natürlich nicht erkennen, aber ich weiß es. Woher weiß ich das?

Der Kopf der Puppe dreht sich um zwei Drittel herum, unnatürlich und leise ratternd wie der Aufziehmechanismus einer Uhr, bis sie Ranuk im Blickfeld hat.

Ranuk! Nein!

“Geh!” Ich höre das Flüstern der Puppe so unnatürlich, als wäre es direkt in meinem Kopf.

Ranuk zittert, klammert sich an das Schaf, aber springt dann schließlich auf und rennt von der Bühne.

“Willst du stattdessen eine Behandlung haben?”, fragt Müller.

Er hat seine Selbstsicherheit verloren. Es klingt wie ein letzter, verzweifelter Versuch, die Oberhand zurückzugewinnen.

Als Ranuk in der Menge verschwunden ist, holt die Puppe aus und schlägt ihm mit der Rückseite der Hand den Kopf ab. Blut spritzt aus der Wunde in die Menge, der Körper kippt um und bleibt zuckend liegen.

Müller ist tot.

Die Menge schreit panisch, Klappstühle werden umgeworfen und die Menschen stoplern darüber Richtung Ausgang, während die Puppe mit ihren niemals zwinkernden Augen durch den Raum blickt, den Kopf dabei langsam drehend wie ein Uhrwerk. Ich glaube immer noch das Klicken zu hören, aber das ist bei dem Geschrei der Menge Unsinn. Es sei denn, es wird magisch übertragen.

Wießner zieht mich am Ärmel.

Ich bin wie gefroren, rühre mich nicht, merke erst jetzt, dass ich die ganze Zeit nicht mehr atme.

“Venke, wir sollten gehen!” Wießner rüttelt an meinem Arm. “Ich kann mir zwar vorstellen, dass es ein gezielter Mord auf den Arzt war, aber wir sollten uns trotzdem in Sicherheit bringen. Und uns nicht verdächtig verhalten! Wir repräsentieren die Regierung!”

Ich folge ihr fast stolpernd und wie in Trance die Treppe hinab. Immernoch höre ich in meinem Inneren den Uhrmechanismus. Außerdem beginne ich zu verarbeiten, was ich da gesehen habe: Die Keramikpuppe hatte eine schwarze Maserung in der Haut, oder in ihrer Schale oder wie man das Äußere einer Puppe nennt. Es ist dunkle Magie. Denke ich. Eine Form, die ich schon einmal gesehen habe. Damals.

Als wir am Fuß der Treppe angekommen sind, reiße ich mich los und finde einen Weg, wie ich durch eine Lücke der Menge mich gegen den Strom zur Bühne schieben kann. Das Ticken in mir wird lauter, es erinnert mich an etwas und ich muss es wissen. Ich muss mir dieses Wesen ansehen!

Als ich bei der Bühne ankomme, ist hier niemand mehr. Ich laufe die Stufen auf die Empore hinauf und schlüpfe unter dem abgeschnittenen Vorhang hindurch. Hier ist es dunkel, aber unter einer Tür scheint schwaches Licht hindurch. Ich öffne sie und befinde mich auf einem Gang. Ich höre Wasser fließen und folge dem Geräusch in ein Badezimmer. Dort, an einem Waschbecken steht sie, wäscht sich das Blut von den glänzenden, schwarz gemaserten Puppen-Fingergliedern. Sie hebt den Kopf, wir sehen uns durch den Spiegel.

Aber als sie sich zu mir umdreht, verändert sich ihr Aussehen, so rasch, dass ich es nur gerade so mitbekomme.

Mir gegenüber steht nun eine Person in meinem Alter, ebenso groß wie ich, und sie sieht mir gewaltig ähnlich, als wäre es meine Schwester.

Was ein bisschen ironisch ist, denn mein Gegenüber ist tatsächlich meine Schwester. Ich habe sie am Keramik erkannt. Das war ihre Magie. Damals …

Aber damals hat sie nie so ausgesehen, dass man sie für meine Schwester gehalten hätte, weil wir überhaupt nicht verwandt sind. Ich war adoptiert, sie nicht.

Es ist unheimlich, zu beobachten, wie die Person mir gegenüber sich meinem Aussehen anpasst. Die Haare werden lang wie meine. Vorher waren sie schulterlang, wie ich sie als Kind getragen habe. Das Gesicht wird schmaler, die Augenbrauen dunkler, so wie ich sie nun färbe. Binnen einer halben Minute steht mir mein Ebenbild gegenüber.

“Bist du meine Schwester?” Meine Stimme ist leise und brüchig wie verrostetes Glas.

Damals ist sie noch keine Puppe gewesen, sondern das dunkel geaderte Keramik hatte nur die Fingernägel betroffen, später die Finger. Die Puppe hatte auch nur vage Ähnlichkeiten mit ihr. Und ihre Gestalt ändern konnte sie auch nicht. Vielleicht ist sie es doch nicht, sondern hat nur die gleiche dunkle Magie. Aber sie wirkt so vertraut auf mich, und gleichzeitig so gefährlich, dass ich den Boden unter meinen Füßen kippen fühle.

Im Hintergrund höre ich jemanden meinen Namen rufen. Jastus’ Stimme. Scheiße, mir bleibt nicht viel Zeit für eine Entscheidung. Ist das meine Schwester? Wie finde ich es raus?

Ich muss einen Moment nicht hingesehen haben. Vor mir steht wieder die Puppe und sie hat die Hand mit der Kante zu mir erhoben, als wollte sie mich als nächstes töten. “Du bist von der Regierung? Das hätte ich dir gar nicht zugetraut!” Ihre helle, kinderhafte Stimme ist eine einzige Drohung und hallt unwirklich in meinem Kopf nach. Ihr Mund bewegt sich dabei wie von unsichtbaren Fäden gezogen.

Wieder höre ich Jastus rufen, dieses Mal von so nah, dass ich damit rechnen muss, dass sie gleich hier ist.

Scheiße, ich hätte vielleicht noch verleugnen können, dass ich von der Regierung bin, falls es der Grund für die Tötungsabsicht ist, aber bei Jastus kann ich es sicher nicht, dazu ist sie zu bekannt. Und die Puppe wirkt nicht, als würde sie lange abwägen.

Endlich erfasst mich die Angst. Ich taumele rückwärts zur Tür, und als sie einen kleinen Schritt auf mich zumacht, aber trotzdem plötzlich direkt vor mir steht, drehe ich mich um und renne davon. Ich höre klickende Schritte, aber grelles Sonnenlicht blendet uns und etwas knarzt unangenehm wie Keramik auf Stein. Ich greife Jastus am Arm, verbrenne mir fast die Finger, aber Jastus macht etwas, dass der Arm nicht so heiß ist, und ziehe sie hinter mir her ins Freie. Erst, als die Tür zur Halle hinter mir zufällt, hört das Klickgeräusch in meinem Kopf auf.

Wießner wartet. Vom Rest der Menge sehe ich kaum eine Spur. Einige Langsamere humpeln noch so schnell sie können die Straße hinab.

“Weg hier”, drängt Wießner.

Jastus nickt. “Venke?”

Ich folge den beiden. Wir rennen in Richtung der Grachten, und dann am dunklen Gewässer entlang, bis wir an einem Halt ankommen, wo eine Ruderfähre uns an Bord nehmen kann.

“Ich habe dich für nicht so mutig gehalten, muss ich offen gestehen, einer Mörderin hinterherzulaufen”, sagt Wießner, als wir nicht mehr so sehr nach Atem Ringen. “Hast du etwas herausfinden können?”

Ich schüttele den Kopf. “Sie war schon weg.”

Jastus lässt es so stehen, als wüsste sie nicht ganz genau, dass es eine Lüge ist. Ich übernachte wieder bei ihr. Dann werden wir reden.

Ich fühle mich überraschend klar, stelle ich fest.

Außer, wenn ich an die eine Frage denke, dann wird mir wieder schwindelig und unwirklich: War das meine Schwester?

“Was machst du eigentlich hier, Jastus?”, fragt Wießner.

“Venke wollte abgeholt werden. Sie kommt heute Abend noch zu mir”, erklärt Jastus ohne Umschweife.

Lebt meine Schwester doch noch?

Und warum sah sie aus wie ich?