Offenbarungen

“Ist es dunkle Magie?”

Jastus’ Stimme dringt durch eine dicke Nebelwand aus Panik in mein Gehirn vor. Ich sehe wieder in den Raum mit den sechs Stockbetten.

Jastus schwingt die Beine über die Bettkante der Liege, auf der sie sich vorhin hingelegt hat, und kommt zu mir herüber. “Ich weiß, du möchtest sicher deinen ersten Tag im Raumschiff voll auskosten, aber ich glaube, eine Pause bei einem Kaffee auf meinem Dach wird uns beiden guttun.”

Ich nicke, ohne es wirklich zu registrieren, kann keinen klaren Gedanken fassen. Jastus ist da? Ich folge ihr und bekomme vom Weg dabei nicht so viel mit.

Jastus wohnt knapp zehn Gehminuten vom Raumschiff entfernt in einem Haus mit einem Garten auf dem Dach. Hier baut sie eigenen Kaffee an, der Dank ihrer Lichtmagie blüht. Sie pflückt einige der reifen Früchte von den Kaffeepflanzen, während ich auf ihrem Dachsofa im warmen Sonnenlicht einer nur einen Häuserblock entfernten Lichtwacht sitze und mich vom Schrecken erhole. Ich weiß, man soll nicht direkt in Lichtwachten schauen, wenn sie leuchten, aber mein Blick haftet unverwandt auf der strahlenden Gestalt, bis Jastus in mein Sichtfeld tritt.

“Lass uns reden.” Jastus bringt eine Kanne Wasser mit der bloßen Hand zum Kochen und schüttet sie in eine Stampfkanne mit gemahlenem Kaffee.

Ich nicke und frage mich, wie ich dieses Gespräch eröffnen kann. Jastus ist wohlbehalten wieder da und viel gefasster als ich, obwohl sie mit meiner dunklen Magie in Berührung gekommen ist, auf drastische Art, und sie sich überdies vor dunkler Magie fürchtet. Ist das wirklich Jastus? Aber mein Wissenschafts-Ich hat eine Frage formuliert, die unbedingt ausgesprochen werden möchte: “Wie war es, weg zu sein? Wie hat es sich angefühlt?”

“Ich war nicht weg, du hast mich nur nicht wahrgenommen”, beruhigt mich Jastus.

“Das klingt, als wäre auch in deiner Wahrnehmung ein Loch, sodass sich deine Erinnerung von vor dem Verschwinden zu der danach nahtlos zusammenfügt”, folgere ich.

Jastus runzelt die Stirn und setzt sich neben mich aufs Sofa in einen gedrehten Schneidersitz, sodass sie mich ansehen kann. “Ich war nicht weg, Venke.”

“Doch”, beharre ich. “Meine dunkle Magie bewirkt, das Dinge verschwinden. Du hast es nur anscheinend nicht mitbekommen.”

“Ich habe alles mitbekommen, ich war nicht weg. Du hast …” Jastus hält inne. “Deine dunkle Magie? Du bist infiziert?”

Ich dachte, wir wären nun hier, weil sie das herausgefunden hat. Aber wenn Jastus nichts von ihrem Verschwinden mitbekommen hat, dann hätte ich es nicht offenbaren müssen. “Das wollte ich nicht”, murmele ich und sage dann lauter: “Ich wollte nicht, dass du es weißt. Du bekommst durch dieses Wissen jetzt Schwierigkeiten.”

Jastus Körper verliert alle Spannkraft. “Das ist das geringste, worum ich mich sorge. Du bist … ich will dich nicht verlieren, Venke. Kannst du dich heilen? Moment. Du lässt Dinge verschwinden? Das Symptom kenne ich bisher nicht, sondern nur, dass man selbst verschwindet. Bist du sicher, dass dir nicht bloß unter dem Stress, dem du dich aussetzt, mehr Dinge verloren gehen und du nur denkst, dass es dunkle Magie ist?”

Ich schüttle den Kopf. “Es ist sicher, dass es eine Infektion ist. Es hinterlässt für eine Weile schwarze Löcher, wenn …” Ich erinnere mich an die Situation im Raumschiff zurück. “Anscheinend nicht immer. Als ich dich verschwinden lassen habe, hat es keine solche Erscheinung gegeben.”

“Venke, ich wiederhole mich, aber ich war nicht weg! Ich habe die Fähigkeit, nicht wahrgenommen zu werden”, eröffnet sie mir. “Ich wollte dich fragen, ob du das für dunkle Magie hältst, und weil du nicht nur sehr erschreckt, sondern auch krass schockiert warst, dachte ich, du hast das schon geschlossen.”

Wie vom Donner gerührt sitze ich da. Die Offenbarung meiner Freundin trifft mich auf verschiedenen Ebenen. Erstmal bin ich erleichtert, dass ich sie wirklich nicht habe verschwinden lassen. Dann bin ich verblüfft darüber, was sie mir da gesteht. Sie hat Sorge, selbst infiziert zu sein, aber ist sich nicht sicher.

“Ich verstehe nun, wo dein Schock eigentlich herkommt. Und es trifft mich tief”, sagt sie. “Aber eigentlich wollte ich dir nur zeigen, dass ich eine merkwürdige Magieform habe, von der ich mich schon lange gefragt habe, ob es dunkle Magie ist. Und du bist Ärztin, daher dachte ich, ich vertraue mich dir an und frage dich mal.” Verschämt fügt sie hinzu: “Ich kann dich nicht in Anderts bezahlen und mag nicht, wenn man sowas einfach als Freundschaftsdienst fordert, daher schiebe ich es schon eine Weile vor mir her.”

Jastus wendet sich der Stampfkanne zu und presst den Griff nach unten. Der Kaffee riecht wundervoll, als sie ihn eingießt. Obwohl Papa den Kaffee von ihr bezieht, schmeckt er hier bei ihr irgendwie noch edler.

Ich wechsle in meinen Modus als Ärztin. “Darf ich mir deine Arme ansehen?”

Jastus stellt die Kanne wieder ab und streckt mir ihre Arme entgegen. Ich schiebe ihre luftigen Ärmel nach oben und untersuche die Adern. Keine davon ist ungewöhnlich dunkel. Bei meinen Patient*innen habe ich selbst ohne ihre Arme anzusehen bei jeder Begegnung schon ein Gefühl von etwas Dunklem. Bei Jastus nicht. “Hm”, sage ich. “Ich halte für möglich, dass es sich nicht um dunkle Magie handelt. Beschreibe mir genauer, wie es sich anfühlt und was du dabei denkst.”

“Eigentlich nichts Besonderes.” Jastus nimmt sich ihren Kaffebecher und lehnt sich zurück, während sie mich aufmerksam beobachtet. Nachdem sie einige Zeit nachdenken konnte, sagt sie: “Eigentlich ist es umgekehrt. Wenn ich wahrgenommen werden will, denke ich, dass ich mich präsentieren und zeigen muss. Sonst sieht mich niemand.”

“Also, wenn du nicht aktiv möchtest, dass ich dich sehe, nehme ich dich nicht wahr?” Was Jastus beschreibt, klingt wie nichts, wovon ich schonmal gehört hätte. Außer vielleicht … “Seit wann hast du das?”

“Schon immer.” Diese Antwort kommt prompt. “Ich dachte früher, das wäre bei allen Menschen so. Ich habe mich gefragt, warum so viele Menschen gesehen werden wollen, wenn sie durch die Straßen gehen, oder ob in Wirklichkeit viel mehr Menschen unterwegs sind, als ich wahrnehme.”

Ich grinse unwillkürlich für einen Moment. “Wie hast du herausgefunden, dass es bei anderen anders ist?”

“Ich weiß es nicht mehr genau.” Jastus nippt an ihrem Kaffee. “Nach und nach. Ich habe mich nicht getraut, darüber zu reden, weil ich schon mitbekommen habe, dass ein Symptom dunkler Magie ist, selbst zu verschwinden. Aber es hat sich anders angefühlt bei mir. Ich hatte Angst, dass man mich wegsperrt, und ich wusste irgendwie, dass das nicht nötig ist, sondern ungefährlich, was ich habe. Aber allmählich bin ich mir doch nicht mehr so sicher.”

Ich greife endlich auch nach meiner Tasse und atme den Geruch ein. Dabei schließe ich einen Moment die Augen und fühle einfach das Sonnenlicht in meinem Gesicht. Es ist schön hier bei Jastus. “Es ist sehr untypisch für dunkle Magie”, sage ich schließlich. “Wie du schon sagst: Es klingt, als würdest du gar nicht verschwinden, sondern nur nicht wahrgenommen werden.”

“Genau.” Jastus wirkt nicht glücklich und seufzt. “Das war anders, als meine beste Schulfreundin damals verschwunden ist. Sie hat sich irgendwann einfach aufgelöst und war nicht mehr da.”

Ich verlasse mein Ärzt*innen-Mindset und fühle mich hinein, was Jastus durchgemacht haben muss. “Hast du deshalb so große Angst vor dunkler Magie.”

Jastus nickt sorgenvoll. “Ich will dich nicht verlieren. Was kann ich tun, um dir zu helfen?”

“Dich nicht verrückt machen”, antworte ich. “Ich glaube, dunkle Magie erfasst den Körper mehr, wenn die Sorgen größer sind.”

“Wie lange bist du schon infiziert?”, fragt Jastus.

“Seit der Kindheit. Als ich neun war, ließ es sich nicht mehr verbergen. Es war eine dunkle Zeit.” Ich sage es so trocken, als würde es mich nicht berühren. “Aber ich bin noch nicht fertig mit meiner Analyse deiner Magie. Denn auch, wenn sie sehr anders aussieht, gehört das Verändern der Wahrnehmung anderer durchaus unter typische Symptome. Dabei geht es meistens eher darum, dass andere etwas Verstörendes wahrnehmen, was nicht da ist, aber verstört hat mich dein Verschwinden schon.”

Jastus zögert mit einem schiefen Grinsen, bevor sie mich korrigiert. “Ich bin nicht verschwunden.”

“Ich weiß.” Ich nehme einen Schluck Kaffee und merke, wie ich ruhiger und gelassener werde. “Ich muss dir leider sagen, dass ich es nicht klar einordnen kann. Sicher gibt es auch Graubereiche. Möchtest du sehen, wie es bei mir aussieht?”

Jastus nickt. “Ich bin für dich da. Ich möchte alles sehen, was du bereit bist, zu teilen.”

Vielleicht sollte mich das sehr berühren, dass sie so sehr für mich da sein möchte. Aber stattdessen merke ich, wie sich etwas in mir zurückzieht, um eben nicht gesehen zu werden.

Trotzdem schiebe ich meinen Ärmel hoch und zeige die sich bewegenden, dunklen Linien unter der Haut, die so dicht darunter liegen, dass sie diese wölben. Nach dem Vorfall im Raumschiff sind sie um einiges aktiver geworden, als sie es heute morgen noch gewesen sind. “So in der Art sehen üblicherweise die ersten Symptome aus. Nicht so stark. Und die hast du nicht.”

Jastus sieht den Würmern furchtlos zu.

Ich hätte Ekel und Schrecken bei ihr erwartet, aber stattdessen nimmt sie meinen Arm und streichelt über die Haut. Ihre Hände leuchten dabei und fühlen sich angenehm warm an.

Ich schließe die Augen und gebe mich dem Glauben hin, dass es hilft. Aber als ich sie wieder öffne, ist kein Unterschied zu sehen.

“Glaubst du, dass es für dich eine Heilung gibt?”, fragt Jastus.

Ich will ihr so gern Mut machen. Aber ich möchte ehrlich sein. “Es ist brenzlich. Der derzeitige Stand der Forschung sagt, nein. Aber ich habe meine Lebenserwartung damit schon weit überschritten und habe die Hoffnung, einen Heilungsweg zu finden.”

Ich sehe, wie sich Jastus’ Augen mit Tränen füllen. Sie wendet ihren Blick von mir ab und über die Häuserdächer hinweg.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich entziehe ihr meinen Arm und nehme stattdessen ihre warme Hand in meine.

“Fängt es immer mit dem Kram in den Armen an?”, fragt Jastus schließlich. “Oder gibt es Fälle, in denen es anders verläuft.”

“Mir ist nur einer bekannt”, sage ich. “Und jetzt, wo ich von deiner Ausprägung höre, frage ich mich, ob das auch ein Graubereich war. Ich weiß darüber zu wenig. Ich habe noch nichts davon gehört. Aber helle Magie ist eindeutig anders.”

Jastus nickt. “Das ist sie. Sonst hätte ich es sicher nicht so sehr verborgen all die Jahre.”

Wir schweigen einen Moment. Jastus nimmt sich wieder ihren Kaffeebecher und schaut in die Ferne. Sie wirkt ruhiger, aber immer noch traurig. “Wie ist der Fall verlaufen, der anders war? Hatte er Ähnlichkeiten mit meinem?”

Ich habe so lange nicht mehr daran gedacht. Oder eher so, wie ich Jastus nicht wahrgenommen habe, die aber trotzdem da war. Der Fall hat mich immer begleitet, ist mir immer präsent, aber ich schaue nicht hin.

Als ich mich jetzt nochmal zurückversetze in die Situation, in der Jastus verschwunden ist, wird mir klar, dass ich nämlich nicht ein leeres Bett gesehen habe. Es war nur so normal, so wie es sein sollte, wenn niemand da ist, der da nicht hingehört.

Ich merke, wie sich meine Wahrnehmung ungenau anfühlt, wenn ich in die Situation zurückdenke. Ich mag es nicht. Es erinnert mich zu sehr an meine nebelige Wahrnehmung, wenn mich die dunkle Magie zu sehr einholt und mein Gehirn verdunkelt.

Ich erinnere mich nicht gern an den Fall zurück. “Meine Schwester. Der andere Fall ist meine Schwester.”

“Du musst nicht davon erzählen, bei der Erde!” Jastus stellt den Kaffebecher weg und bietet mir eine Umarmung an.

Ich schüttele den Kopf. “Ich habe sie damals verloren.”

“Es muss so schlimm für dich gewesen sein. Du hast mir nicht einmal erzählt, dass du eine Schwester hattest!”, sagt Jastus.

Der Wind weht und raschelt in den Blättern einer Birke in einem nahen Park. Ansonsten ist es ruhig.

“Ich hatte eine Schwester. Ich habe sie am selben Tag verloren wie meine Eltern.” Ich habe diese Geschichte noch nie jemandem erzählt. Und ich merke, wie ich es auch jetzt nicht will. Wieder spüre ich, wie etwas in mir sich verschließt. “Eigentlich sind wir nur Halbgeschwister, oder nichtmal das. Wir sind nicht blutsverwandt. Ich wurde adoptiert.”

“Von den Eltern, die gestorben sind, bevor du von deinem Vater dann wieder adoptiert wurdest?”, fragt Jastus. “Was ist mit deinen leiblichen Eltern?”

“Die habe ich nie kennengelernt. Ich wurde mit zwei adoptiert, daran kann ich mich nicht erinnern.” Dieser oberflächliche Teil der Geschichte fällt mir leichter zu erzählen. “Ich wurde adoptiert, weil meine Eltern nach meiner Schwester kein weiteres Kind bekommen haben. Aber man darf zwei haben und meine Mutter fand, dann sollte sie auch zwei haben. Ich glaube, für sie war ein Hauptgrund, dass es sonst nicht gut aussieht.”

“Dass es sonst nicht gut ausieht?” Jastus verzieht angewidert das Gesicht. “Du warst ein Statussymbol?”

Der Ausdruck trifft mich unerwartet dann doch. “Ja, ich glaube schon.” Ich fühle die Würmer unter der Haut anschwellen und kriechen, sodass es nicht nur unangenehm spannt, sondern sogar schmerzt. “Ich habe erst spät verstanden, dass es etwas Schlechtes ist. Sie war sehr stolz darauf, dass ich in allem gut war, und deshalb habe ich mich angestrengt.”

“Möchtest du wirklich keine Umarmung haben?”, fragt Jastus. “Das klingt grauenvoll.”

Ich blicke auf. Ich fühle mich leicht irritiert. Ich wusste, dass es nicht okay von meiner Mutter war. Aber grauenvoll? Das erscheint mir ein großer Ausdruck. Ich unterdrücke den Impuls, zu behaupten, dass es so schlimm nicht war. “Sie hatte es auch nicht gut”, sage ich stattdessen. Ich klammere meine kälter werdenden Finger um meinen warmen Becher.

Jastus gießt mir noch mehr ein, sodass er auch oben wieder warm wird. “Ich liebe dich, Venke. Du bist der wichtigeste Mensch in meinem Leben. Und ich möchte so gern mehr für dich da sein. Erzähl davon, wenn es hilft. Es ist nicht zu viel für mich.”

Wenn du wüsstest, was da noch alles ist, denke ich. Aber ich glaube schon, wenn ich es erzählen könnte, dass Jastus … ich weiß es nicht.

Ich hole tief Luft und atme langsam wieder aus. “Meine Schwester hat viel früher erkannt als ich, dass meine Mutter nicht der uneingeschränkt beste Mensch auf der Welt ohne jeden ernsthafen Fehler ist. Ich hatte die Theorie entwickelt, dass sie sich deshalb so viel früher infiziert hat als ich.”

Jastus nickt langsam. “Wie sah ihre Magie aus?”

Ich überlege, ob ich etwas davon erzählen kann, aber ich schüttele den Kopf. “Jastus, ich kann nicht.”

Als Jastus dieses Mal den Kaffee abstellt, weiß ich nicht einmal, ob sie mir ein drittes Mal ihre Arme angeboten hätte, aber ich schmiege mich trotzdem an sie. Ich fühle mich sofort ruhiger, als wäre das alles, was ich erlebt habe, nicht mehr wahr. “Wenn du nicht infiziert bist, dann bist du jetzt zumindest gefährdet, dich bei mir anzustecken”, sage ich. Es hätte nie passieren dürfen. “Du warst zu nah dran, glaube ich. Ich würde mit dir gern einen Präventivplan erarbeiten.”

Ich weiß nicht, wie mir das passieren konnte, aber ich schlafe ein, so plötzlich, dass ich nicht einmal eine Antwort mitbekomme.


Als ich einige Stunden später wieder erwache, weiß ich, was ich tun muss. Ich kenne zu viele Fälle, in denen nahestehende Personen sich infiziert haben. Die Evidenz ist klar. So grässlich das ist, ich muss meine Freundschaft mit Jastus auflösen – und auf möglichst unschmerzhafte Weise für sie, was ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Ich spüre ihre warme Hand in meinem Haar. Sie streichelt sanft, wie sie es noch nie getan hat, als wüsste sie, was kommen muss. In jeder ihrer Bewegungen steckt so viel Behutsamkeit, als wäre ich zerbrechlich. Ich fühle mich geliebt. Aber sie weiß es noch nicht. Sie wird klammern, das ist mir klar.

Ich lasse mir Szenarien durch den Kopf gehen, in denen ich einen Streit vom Zaum breche, der nichts mit meiner Krankheit zu tun hat. Am ehesten kommt in Frage, zu behaupten, dass ich merken würde, dass sie was von mir wolle, und mir das zu eng wäre. Aber ich weiß, dass es nicht weniger wehtun würde als die Wahrheit. Zudem würde sie mir das nicht abkaufen.

Also entscheide ich mich für die Wahrheit, seufze schwer und richte mich auf.

Jastus zieht ihre Hand zurück. “Du bist wach.”

“Ja.” Mir fällt es so schwer, die richtigen Worte zu treffen. “Wir müssen uns verabschieden.”

Sie betrachtet mich mit leicht gerunzelter Stirn. “Ich hoffe, du willst nur zurück zum Raumschiff.”

Ich schüttle den Kopf. “Ich möchte den Abschied von dir schön gestalten, aber ich bin Ärztin und ich weiß, dass es leider keine andere Möglichkeit gibt, dich zu schützen, als Abstand von dir zu nehmen. Zumindest solange, bis ich einen Weg gefunden habe, mich zu heilen.”

“Venke, mach keinen Quatsch.” Die Skepsis in ihrem Gesicht verwandelt sich in Wut.

“Ich mach keinen Quatsch. Ich will das nicht, verlass dich drauf. Aber …” Es ist so verdammt hart. “Du müsstest eigentlich jetzt schon deinen Beruf aufgeben mit deinem Wissen über mich.”

“Das ist mir egal!” Jastus fällt es sichtlich schwer, nicht zu schreien. “Dann bin ich halt nicht mehr Lichtwacht. Ich komme mit dir in die Praxis und leuchte da, wenn das hilft. Nimm mich als deine Kollegin! Ich habe zwar keinen Plan von Medizin und Heilung, aber mir sagt man die reinste Lichtmagie der Wacht nach!”

Das stimmt. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, ausgerechnet mit Jastus eine Freundschaft anzufangen, die für diese verdammte Regierung eine Trophäe ist.

Jastus schiebt mir ein Fläschchen über den Tisch zu, das da vorhin noch nicht gestanden hat. “Du hast mir das Wasser nicht wieder zum Durchleuchten gegeben, aber als du geschlafen hast, habe ich ein Neues erstellt.”

Ich möchte es auf dem Boden zerschmeißen. Das wertvolle Glas. Vielleicht wäre es besser, es zu tun, bevor ich es anders vernichte. Stattdessen platzt die Wahrheit aus mir heraus. “Es bringt nichts!” Ich schaue in Jastus’ störrisches Gesicht. “Zumindest mir nichts. Es hat denselben Effekt, wie ganz normales Wasser. Es gibt ein Gefühl von Sauberkeit und Kümmern, und alles weitere ist Placebo. Es wirkt bei mir überhaupt nicht.”

Jastus Körper verliert alle Spannkraft. “Als ich deine Arme mit Licht behandelt habe, hat sich was getan.”

Ich schüttele den Kopf. “Ich dem Moment haben sich die Linien weiter nach innen verzogen, weil sie das Licht nicht mögen, aber sie gehen nicht weg. Danach waren sie wieder da wie vorher.” Ich verzichte darauf, ihr meine Arme wieder vorzuführen, weil es unter der Haut flimmert und schmerzt. Ich habe die Befürchtung, dass es viel schlimmer aussieht als vorhin, womöglich manche der wurmaritgen Linien aus der Haut herausplatzen könnten. Ich habe einmal einen Fall gesehen, wo dadurch ein Patient verblutet ist.

“Dann sag mir, wie ich dir helfen kann.” Jastus Stimme ist kaum mehr als ein eindringliches Flüstern.

“Einsehen, dass wir uns trennen müssen.” Ich sage es ruhig wie der Tod.

“Nein.”

“Du musst es leider akzeptieren.” Ich nehme meine Tasse, um den letzten Schluck kalten Kaffees zu trinken, aber Jastus Hand berührt die Tasse und wärmt ihn wieder auf.

“Ich akzeptiere es aber nicht, Venke.” Die Wut kehrt zurück. “Ich würde es akzeptieren, wenn ich wüsste, dass es dein tiefster innerer Wunsch ist, und nicht bloß deine Angst um mich.”

“Das ist dasselbe.” Mit einem Mal füllen sich meine Augen mit Tränen. Ich hatte gefasst bleiben wollen, aber ich schaffe es nicht ganz. Ich atme langsam und sehe weg. Halb erwarte ich, die Krähe zu sehen, aber sie ist nicht da.

“Du lässt nur schwer Leute an dich ran”, sagt Jastus. “Ich möchte für dich da sein. Wann verstehst du das?”

“Ich weiß, dass du das willst. Aber es geht nicht!” Es platzt laut aus mir heraus, und ich muss mich anstrengen, das nächste nicht so laut zu sagen, dass Leute es in den umliegenden Häusern hören. “Aber was bringt es denn? Wenn du stirbst. Oder wenn ich verschwinde und du durch den Scheiß aus deiner Kindheit nochmal durchmusst.”

“Ich möchte lieber erleben, dass du in meinen Armen verschwindest, und dich da durchbegleiten, als dass du jetzt gehst!”

Ich wende mich wieder Jastus Gesicht zu. Tränen laufen über ihre Wangen. Sie meint es ernst.

Aber das tue ich ihr nicht an. “Ich finde einen Weg zu heilen. Und es wird mir helfen, dabei zu wissen, dass ich dich nicht gefährde”, argumentire ich. “Ich kann mich dann voll darauf konzentrieren. Verstehst du?”

Jastus schüttelt den Kopf. “Nein. Das ist wie zu sagen: Ich nehme deine Hilfe erst an, wenn ich sie nicht mehr brauche.”

Irgendwas in mir spürt einen Moment sogar, dass sie recht hat. Dann ist der Klang dieser Stimme wieder verschwunden, tief in meiner Sicherheit, dass das nicht geht. “Ich kann nicht”, flüstere ich.

“Das ist ehrlicher”, sagt Jastus. Sie macht mehrfach den Mund auf, um noch etwas zu sagen, aber schweigt doch.

Es wird trocken in mir. Ich fühle nichts mehr. “Ich komme zurück, wenn ich kann”, sage ich. “Ich habe zu viel Angst im Moment. Ich halte die nicht aus.”

Jastus nickt und verzieht die Lippen. “Bitter. Dass du das so aussprichst, und es ist genau, was ich wahrnehme, was die Wahrheit ist. Aber aus deinem Mund klingt es wie eine Lüge.”

Ich weiß schon, warum ich diese Frau liebe. Sie sieht mich. Obwohl ich mich nicht zeigen will, weiß sie eigentlich irgendwie schon oft mehr, was mit mir los ist, als ich selbst. Und sie spricht es aus. Sie liegt nicht immer richtig, aber es ist immer hilfreich, dass sie sagt, was sie denkt.

Ich seufze schwer. “Kannst du es so akzeptieren?”

Sie schüttelt ganz leicht den Kopf, weniger überzeugt als vorhin. “Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll.” Sie atmet schwer. “Mein Vorschlag ist, wir beschließen heute gar nichts.”

Ich denke darüber nach, aber es kommt für mich nicht in Frage. Ich glaube nicht, dass ich mich umentscheiden werde. Ich habe den Abbruch in mir drin schon vollzogen. Und egoistischerweise möchte ich ein schönes Ende, so eines, wie heute, wo sie mich so liebevoll gestreichelt hat. Ich schüttele den Kopf. “Nein, Jastus. Ich möchte dich nicht einen Tag länger gefährden.”

Jastus schnaubt verbittert. Sie steht auf und geht. Lässt mich allein.

Aber nur Momente später realisiere ich, dass sie sich keinen Meter entfernt hat.

“Entschuldige”, sagt sie. “Ich dachte kurz, es wäre eine gute Idee, dir zuzusehen, wie du reagierst, wenn du denkst, ich wäre weg. Aber ich möchte dir die Entscheidung nicht abnehmen, wie du dich mir zeigst.”

Ich schaue sie irritiert an und realisiere erst verspätet, was sie da versucht hat. Ich stehe auf, um mich zu verabschieden. “Ich wünsche dir, dass du bald eine Person kennenlernst, die dir geben kann, was du brauchst.”

Jastus gibt einen ächzenden Laut von sich. “Venke, scheiße!” Sie atmet wutschnaubend aus. “Ich hatte mir den Tag, an dem ich dir mein Geheimnis anvertraue, echt anders vorgestellt.”

Wir stehen uns gegenüber. Schweigen. Ich kann es mir vorstellen und es tut mir unfassbar leid. Es liegt nicht an ihr oder dem Geheimnis. Es ist wirklich mies gelaufen.

Wenn ich sachlich und kontrolliert reagiert hätte … Wenn ich ihr nicht zu voreilig erzählt hätte, was mit mir los ist. Wenn ich dann, als es passiert ist, mehr an mich gehalten hätte, statt ihr von meiner Schwester zu erzählen.

Wie bei meinen Patient*innen halte ich mich nicht lang an meinen Fehlern auf, die ich gemacht habe. Es ist schlimm gelaufen. Es ist nicht meine Schuld – ich kann mich auch nicht immer zusammenreißen und nur perfekt kontrolliert agieren. Es wäre früher oder später passiert. Es konnte nicht gut gehen zwischen Jastus und mir. Die Freundschaft war von Anfang an zu nah.

“Es tut mir leid”, sage ich. Rühre mich nicht vom Fleck.

“Gehen musst du schon selbst”, antwortet Jastus. “Aber bitte wisse, dass du immer wiederkommen darfst. Jederzeit. Und dass, so sehr du willst, dass du mir egal wärest, so bist du es eben aber nicht. Ich liebe dich und wünsche mir, dass du mir irgendwann mit deinen Problemen die Tür einrennst, und wenn es das letzte ist, was wir erleben.”

Ich nicke. “Wenn die Welt untergeht, komme ich wieder, um es mit dir zu erleben.”


Als ich ihr Haus verlassen habe, weine ich. So kann ich nicht direkt nach Hause gehen. Und auch nicht gesehen werden. Es ist nicht gut in der Stadt um Rückzugsorte bestellt. Dabei muss ich ans Raumschiff denken, wo die Lage einfach so viel schlimmer war.

Ich gehe in den Stadtpark, in dem es ein paar Bäume gibt, die sich zwar kaum Wald nennen können, aber trotzdem ein wenig Privatsphäre bereithalten.

Es ist nicht meine Schuld? Das habe ich mir vorhin noch erzählen können. Jetzt lähmen mich bittere Schuldgefühle, als ich unter einem Nadelbaum zu Boden sinke. Ich lege mich einfach hin. Fühle nicht einmal die spitzen Nadeln in meinem Körper. Nur Leere. Oder Wut auf mich, Hass auf mich. Schuld. Dann wieder Leere.

Ja, in dieser Situation war ich vielleicht einfach fehlbar. Aber ich hätte es früher nicht sein dürfen. Ich hätte die Freundschaft nie so eng werden lassen dürfen. Ich hatte Albträume, aus denen ich schweißgebadet erwacht bin, die mir gezeigt haben, wohin das führt. Ich habe es gewusst und trotzdem geglaubt, ich könne den Tanz zwischen Nähe und Abstand mit Jastus hinbekommen. Es war von Anfang an ein Trugschluss, weil ich so sehr wollte. Ich habe es gewusst und trotzdem zugelassen.

Möge mich der Boden einfach auffressen. Ich bin müde.


Ich gleite in unangenehme Träume über, in denen riesige Würmer über mich drüber und aus mir rauskriechen, oder in mich hinein, und als ich aufwache, bin ich fast von Erde bedeckt. Ich setze mich hin und zerreiße dabei ein paar dünne Wurzeln, die über meinen Körper gewachsen sind. Ich hätte keine Sekunde länger schlafen dürfen.

Verzweifelt versuche ich mich daran zu erinnern, ob ich hätte gewarnt sein sollen. Leg dich nicht im Wald auf den Boden! Aber dieser Warnspruch gilt eigentlich für den Wald da draußen, außerhalb der Stadt, den ohnehin niemand je betritt, außer die Lichtwachen, um Menschen zu bestatten, wie es seit jeher Tradition ist. Anfangs war es einfach, um bei einer kleinen Ziviliation die Leichen außerhalb der Wohnbereiche zu bestatten. Der Wald hat sie gefressen oder zumindest vergraben. Man weiß es nicht. Heute führen wir diese Tradition fort, in der Hoffnung, der Wald würde uns im Gegenzug in Ruhe lassen. Wir opfern ihm unsere Toten, denn Tod ist, was er sucht.

Ich habe es irgendwann mal hinterfragt, aber habe jetzt keinen Kopf dafür. Ich wurde gerade beinahe selbst bei lebendigem Leibe gefressen, und das innerhalb der Stadt.

Einen Häuserblock weiter frage ich mich, ob ich mir das alles nur einbilde. Ich bin so ruhig. Alles ist so unwirklich. Am Mantel, den ich trage, merke ich, dass ich einfach immer noch träume. So einen besitze ich nicht.

Ich hänge ihn zu Hause an den Haken und gehe den Dreck von meinem Körper duschen, bevor ich ins Bett gehe. Mein Papa fragt, was los ist, aber ich sehe nicht ein, ihm Morgen alles nochmal erzählen zu müssen, wenn wir uns wirklich begegnen und nicht bloß im Traum. Er ist mit Kehrblech und Besen im Flur zugange, was auch ein eher seltsames Bild ist.

Ich verscheuche die Krähe nicht, die mich auf dem Fenstersims erwartet, als ich mein Zimmer betrete. Ich weiß nicht, warum, aber sie zieht mich heute an. Ich trete langsam auf sie zu, strecke die Hand aus, halte inne, als das riesige Tier zuckt, fahre fort, als es wieder ruhig ist, und berühre das Gefieder. In meinen Fingern fühle ich Verwesung.

“Bist du gekommen, um mich zu holen?”, frage ich.

Die Krähe verharrt still, krächzt leise, und schließlich nickt sie.

“Ich bin noch nicht bereit”, höre ich mich sagen.

Die Krähe schaut mich an, schaut auf meinen nackten Körper. Die schwarzen, sich windenen Linien sind nicht mehr nur in den Armen. Ich fühle sie überall und sehe sie im fahlen Licht der Nacht.

Unsere Blicke begegnen sich wieder. Die Augen der Krähe glanzlos. Tot.

Die Krähe nickt noch einmal, als hätte sie verstanden, und lässt sich nach hinten fallen.

Ohne mich.