Die einzige Informatikerin

Es vergehen einige Tage, an denen ich mich überwiegend in der Ältesten Bibliothek verschanze – selbst am Wochenende. Ich weiß, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt. Meinen zweiten Praxistag in der Woche sage ich ab, wie ich es Papa versprochen habe. Ich bin zu sehr ins Ungleichgewicht mit mir selbst geraten, um das Lecken der Dunkelheit in mir im Griff zu haben. Manchmal finde ich mich im Pseudo-Wald wieder oder vor Jastus’ Haustür und erinnere mich nur vage, wie ich da hingelangt bin, ohne es selbst zu steuern. Einmal bin ich vor der Stadtmauer zu mir gekommen, mit dem Ansinnen, die Stadt zu verlassen, in den Wald der Dunkelheit.

Es wird knapp.

Die Älteste Bibliothek ist nicht nur deshalb ein guter Ort, weil ich Hoffnungen habe, hier Antworten zu finden, sondern auch wegen ihrer Ruhe. Im Raumschiff ist es beengt und still und das passiert auch mit meinen Ängsten und Gefühlen: Sie haben hier wenig Platz und sie sind still, fühlen sich nicht an wie Gebrüll in meinem Körper.

Die Recherche fällt mir schwer. Ich drifte ständig ab und Bilder meines Abschieds von Jastus drängen sich mir auf. Das schlechte Gewissen. Die Schuldgefühle. Manchmal denke ich, Jastus steht direkt hinter mir. Und ich weiß jetzt, dass sie es könnte. Aber wenn ich mich wieder mehr im Jetzt verankert fühle, weiß ich, dass sie das nie tun würde.

Ich vermisse sie so.

Ich finde heraus, dass die meisten Inhalte über dunkle Magie vor der Landung in alten Fantasy-Büchern vorkommen. Ich kann verstehen, dass die dort beschriebenen Phänomene namendgeben für das geworden sind, was wir heute erleben. Aber meistens folgen sie in den Büchern festen Regeln: Bösewichte wollen ewiges Leben erreichen oder jemanden von den Toten zurückholen, geraten dabei in Versuchung und gehen einen verruchten Handel ein: Sie bekommen dunkle Magie, verkaufen dafür aber ihre Seele oder so etwas. Es geht für sie nie gut auf. Das Fazit ist immer, ein ewiges Leben zu verlangen oder jemanden von den Toten zurückzuholen, ist gegen ein heiliges Gleichgewicht oder etwas in der Art und ihr Handel hat bitterböse Folgen.

In der jetzigen Realität ist es am ehesten vergleichbar damit, dass die Menschheit, oder Teile davon, sich nach der Zerstörung ihres eigenen Planeten herausgenommen hat, einen neuen zu besiedeln. Aber ich glaube an keinen Fantasy-Bestrafungshintergrund.

Und doch finde ich die Ähnlichkeiten, die dunkle Magie in den fiktionalen Werken hat, mit dem Phänomen in dieser Stadt frappierend.

Fiktionale Werke kommen ja auch nicht von irgendwo. Ich kann davon ausgehen, dass es zu den Darstellungen eine reale Vorlage gegeben hat, aber beim Versuch, das Phänomen auch durch alte, voresdliche Realitätsberichte erklärt zu finden, komme ich allerhöchstens auf vereinzelte biblische Berichte, in denen jemand den Teufel gesehen haben will, oder auf Texte, die psychotische Symptome beschreiben. Nach tagelanger Recherche stelle ich fest, was mir eigentlich auch schon der Tagebuchtext verraten hat: Es gab vor der Landung keine dunkle Magie. Die Ähnlichkeiten zu Vorstellungen aus Fantasy-Texten kommt nicht daher, dass es Erleben dieser Art real gegeben hätte. Ich vermute den Zusammenhang inzwischen umgekehrt: Dass menschliche Vorstellungen beeinflussen, wie dunkle Magie sich auswirkt, und Fantasy-Texte entsprechend die Erscheinungen, die wir heute erleben, inspirieren.

Das sollte vielleicht überprüfbar sein, wenn ich meinen Patient*innen neue Ideen, wie dunkle Magie aussehen könnte, unterjubeln würde, ob ich in Folge auch so etwas beobachten könnte. Aber das ist kein Gedanke, den ich gerade verfolgen möchte.

Meine bisherige Recherche war ermüdend und enttäuschend, obgleich sie mir viel Freude gemacht und mich in ihren Bann gezogen hat. Ich merke, wie ich wieder klarer denken kann. Ich muss trotzdem ständig befürchten, dass mir die Dunkelheit meiner Erkrankung ins Gesicht geschrieben steht und ich bald den Zugang zur Bibliothek verliere, wenn man mich so sieht.

Mein nächster Schritt ist, herauszufinden, wann und wie das mit den Infektionen angefangen hat, aber über die Anfänge auf diesem Planeten ist wenig aufgeschrieben worden.

“Muss man Handschuhe tragen, um die Bücher hier anfassen zu dürfen?”

Die fremde Stimme reißt mich aus meinen Gedanken und ich lasse beinahe das Buch fallen. Ich drehe mich herum. Vor mir steht neben dem Praktikanten von neulich, der sie hierher geführt hat, eine eher kleine Person mit einem langen Zopf, der ihr über die Schulter hängt. Ihre Haare sind sattblau.

“Ich bin Inger Wießner”, stellt sie sich vor. “Wir arbeiten wohl jetzt zusammen. Du bist die Historikerin?”

Ich wurde noch nie als Historikerin bezeichnet. Ich war bisher die Schulbuchschreiberin. Es fühlt sich gut an. “Ja. Mein Name ist Venke Lilia.” Ich taste nach dem Schild auf meinem Pullover, aber es heftet dort keines. Ein Schild mit Namen, Anrede, Titel und Pronomen zu tragen ist nur in der Andertstadt in beruflichen Kontexten üblich. “Ich muss zugeben, ich habe mich auf dieses Treffen zu wenig vorbereitet.”

“Das macht nichts.”

Ich beobachte, wie Wießners Blick meinen Bewegungen folgt.

“Wo bekomme ich Arbeitshandschuhe?”, wiederholt sie.

Der Praktikant sieht verwirrt aus und auch er schaut mich erwartungsvoll an.

Ich schüttele lächelnd den Kopf. “Ich habe mich selbst entschieden, die wertvollen Bücher nicht mit bloßen Händen anzufassen. Das ist keine Pflicht.”

Die Wahrheit ist, dass auch meine Handflächen inzwischen oft schwarze Linien aufweisen und einige Stellen im Pulsaderbereich blutig sind, weil sie daraus wohl in den letzten Tagen sogar hervorgebrochen sind. Ich kann mich nicht erinnern, beziehungsweise, meine Erinnerung hat etwa die Qualität eines halb vergessenen Albtraums.

Ich muss zusehen, dass ich mir ein sinniges Buch aussuche, um es auszuleihen, damit ich eine Ausrede habe, sie anzubehalten. Vielleicht nehme ich einfach das, was ich in der Hand halte, das ich allerdings schon über hundertmal gelesen habe.

“Ich bringe beim nächsten Mal welche mit”, sagt Wießner. “Wollen wir uns zusammensetzen und einen Plan erstellen?”

“Braucht ihr mich noch?”, fragt der Praktikant, und als wir beide ablehnen, verschwindet er durch das Türloch der Bibliothek.

“Wir haben hier nicht so recht Platz zum Sitzen, aber wir könnten rausgehen”, schlage ich vor. “Ich würde gern noch einen Gedanken zu Ende denken und ein Buch mitnehmen.”

Die Informatikerin betrachtet mich skeptisch. “Mitnehmen?”

Ich überlege, dass es tatsächlich seltsam anmuten mag, dass ich die Bücher zwar nur mit Handschuhen anfasse, aber sie nach draußen ins Wachtlicht tragen würde. “Dieses Buch ist ziemlich robust.” Ich halte das Buch hoch, das ich in der Hand halte. Es ist das erste Buch, das auf diesem Planeten entstanden ist. Es ist aus dickem Rindenholz, das sich nicht gut blättern lässt, aber robust ist es wirklich. Leider steht darin fast nichts Brauchbares.

“Oh, achso.” Die Informatikerin tritt näher und schaut mir über die Schulter. “Interessantes Buch. Aber ich meinte eigentlich … Du hast eine uneingeschränkte Befugnis für die Bibliothek? Ich habe nur Zulassungstyp C. Ich darf nichts mitnehmen.”

An die Möglichkeit habe ich echt nicht gedacht. “Oh. Ja, habe ich.”

“Das Privileg muss ich mir wohl noch erarbeiten.” Wießner lächelt und klopft mir auf die Schulter, was ein unangenehmes Wuseln unter der Haut auslöst. “Kannst du mir die Bibliothek noch kurz erklären? Dias gibt es hier? Bevor wir uns vielleicht im Rathausturm ins Café setzen und einen Plan erarbeiten, mein ich.”

“Klar!” Das kann ich leisten. Ich muss viel vorsichtiger sein, mich nicht irgendwie zu verraten. Aber eine Vorstellung der Ältesten Bibliothek ist eine gute Möglichkeit, einen soliden Eindruck zu machen.


Wir sitzen auf einem riesigen Balkon des Rathausturms bei einem Heißgetränk und schauen über die Stadt. Eine Lichtwacht sitzt leuchtend hinter einem Wandschirm, sodass sie uns nicht blendet, aber wir das gespiegelte Sonnenlicht auf der Haut spüren können. Es wärmt besonders mein Gesicht, aber ich fühle es sogar durch meine Kleidung. Vermutlich arbeitet die Lichtwacht dort noch an etwas anderem, während sie uns Licht spendet. Ich trinke einen Kaffee mit aufgeschäumter Milch, Wießner einen grünen Tee, den sie sehr zu genießen scheint.

“Was ist das für ein Buch?”, fragt sie.

Jetzt, wo ich damit im Rathauscafé sitze, habe ich doch Bedenken, dass ich es nicht mitnehmen durfte. Aber es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt besser, dafür Ärger einzustecken, als die Ausrede für meine Handschuhe zu verlieren.

“In den ersten Wochen nach der Landung hat hier fast niemand geredet. Und geschrieben wurde noch weniger”, erkläre ich. “Das ist das einzige Schriftstück aus den ersten fünfzig Jahren.”

Wießner betrachtet es und runzelt nachdenklich die Stirn. “Erst dachte ich, fünfzig Jahre sind nicht viel”, sagt sie. “Das ist, weil fünfzig Jahre vor zweihundert Jahren für mich nicht so lang wirkt. Aber fünfzig Jahre ohne Neuerscheinung? Das ist schon heftig.”

Ich nicke. “Ja, vor allem für einen Geschichts-Nerd wie mich ist das eine sehr magere Ausbeute an Quellen.”

“Das glaub ich!” Wießner lacht, aber ihr Körper bleibt dabei ruhig, die schmalen Finger mit den blau lackierten Nägeln um die Tasse geschmiegt. “Ist es denn relevant für das Projekt, Esde verlassen? Oder forschst du noch an etwas anderem?”

Mir ist vorhin schon aufgefallen, dass sie mich duzt. Dann duzen wir uns hier wohl. Mir soll es recht sein.

Ich überlege, ob meine Recherche vor dem Hintergrund Raumfahrt auch Relevanz haben könnte. “Ich forsche an etwas anderem”, gebe ich schließlich zu. “Ich habe einen zweiten Auftrag erhalten, nämlich auszuschließen, dass dunkle Magie schon vor der Landung auf der Esde, also im Raumschiff oder schon auf der Erde, existiert hat. Mein bisheriges Ergebnis ist, nein, aber in dem Fall sollte sie nach der Landung neu gewesen sein, und mich interessiert, wie sie entstanden ist oder sich entwickelt hat.”

“Gefährliches Gebiet.” Wießner nippt an ihrem Tee, aber entscheidet sich dann doch, lieber noch eine Weile über die Oberfläche zu pusten. “Aber nicht uninteressant. Und wohl ziemlich wichtig. Nicht, dass wir das Zeug mitnehmen.”

“Genau”, sage ich. “Zudem wäre natürlich auch hilfreich, zu wissen, was für Systeme des Raumschiffs nach der Landung noch funktioniert haben.”

Wießner lacht. “Ach was, ich seh doch, dass du dein anderes Projekt gern noch abschließen möchtest. Da brauchst du keine Ausreden für.”

Ich trinke einen Schluck Kaffee. Er schmeckt nicht halb so gut wie der bei Jastus.

Jastus.

Ich schließe die Augen, atme, hoffe, dass meine Tränen nicht sichtbar sind. Das kann ich gerade nicht gebrauchen.

Warum tut es so weh? Jastus ist gar nicht soweit weg, und es ist doch nur, um sie zu schützen. Wir haben nichtmal wirklich Streit. Oder?

“Vielleicht hast du recht”, gebe ich zu. “Ich denke, dass es für das Raumfahrt-Projekt einen Mehrwert haben kann, dass ich mein anderes Projekt noch abschließe, aber es ist nicht der Grund.”

“Ich weiß, was ein Hyperfokus ist”, sagt Wießner. “Du wirkst spontan, als würdest du das auch kennen.”

Ich kichere, weil es mir nur zu wohlvertraut ist, und das sage ich auch. Sie ist mir schon sympathisch, diese Informatikerin.

“Ich muss zugeben, dass mich das Thema auch interessiert”, sagt Wießner überraschend. “Ich war mal bei einer Vorführung von dem einen Andertarzt. Du auch?” Sie holt eine Andertzeitung aus ihrer Tasche und streicht sie glatt.

Eine Andertzeitung! Und sie weiß was von Andertärzt*innen! Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken – und noch etwas bewegt sich dort an meiner Wirbelsäule entlang.

Ich schüttele den Kopf. “Ich bin verwundert, dass du dort warst und gleichzeitig für die Regierung arbeitest. Das erscheint mir nicht ganz zulässig.”

“Doch war es”, widerspricht Wießner. “Ich habe schriftlich mit diesem Arzt korrespondiert und gefragt, wieviel Abstand zur Bühne oder zu infizierten Menschen er bei dem Vortrag möglich machen kann. Das Konzept habe ich dann der Verfassungsprüfung und dem Ethikrat vorgelegt mit einem Antrag, der ein halbes Jahr später genehmigt wurde. Mit guten Gründen darf ich nun vom Rang aus zusehen, wo ich weiter weg vom Publikum bin, als beim Spazieren auf der Straße von vermutlich infizierten Menschen.”

Du sitzt gerade sehr dicht einem infizierten Menschen gegenüber, denke ich. “Das ist ganz schön viel Aufwand, um zu so einer Veranstaltung gehen zu können. Es muss dich wirklich interessiert haben.”

Wießner betrachtet mich eine Weile. Ist es Angst in ihrem Gesicht? Sie nickt langsam. “Ich hatte gehofft, du würdest verstehen. Und vielleicht, dass du mich übermorgen begleiten würdest?” Sie deutet auf einen Artikel in der Andertzeitung. “Ich hatte es nicht eingeplant, nochmal zu einem Vortrag zu gehen. Aber ich würde mich schon gern darüber mit einer Person austauschen, die dazu auch mehr Wissensdrang als Schrecken fühlt.”

Ich ziehe die Zeitung zu mir rüber. Das Papier hat eine schlechtere Qualität als das der Zeitung, die mein Papa jeden morgen liest. Die Anzeige ist nicht lang. Andertarzt Müller wird eine Behandlung öffentlich abhalten und dabei über die Notwendigkeit und Effiktivität des Bekämpfens aufklären. “Über die Notwendigkeit einer Behandlung einer Krankheit aufklären. Kurios.”

“Es gibt Schönheitsstudios, in denen dunkle Magie eingesetzt wird, um das Erscheinungsbild von Leuten zu beeinflussen. Viele nehmen es in Anspruch, um mehr Schönheitsidealen entsprechend auszusehen.” Wießner macht eine elegante Bewegung mit ihren Fingern an ihrer Tasse. “Es gibt wohl schon durchaus Menschen, die erst verstehen, dass es eine Krankheit ist, wenn sie die Kontrolle verlieren.”

Ich habe bald kaum Kontrolle mehr über übrig, denke ich bitter. “Das mit den Schönheitsstudios wusste ich nicht”, sage ich wahrheitsgemäß und schüttle langsam den Kopf. “Was Leute alles für Schönheit einsetzen, ist schon heftig.”

Ich fühle mich an ein Märchen erinnert, in dem eine Frau dunkle Magie einsetzt, um jung und schön zu wirken, und dafür irgendwann den Preis zahlt. Das ist doch ganz schön nah an dem, was Wießner mir darlegt. So nah, dass ich schon wieder fast daran glaube, mich in meiner Recherche geirrt zu haben und dass es dunke Magie doch schon auf der Erde gegeben hat. Einen kurzen Moment werde ich eingesogen von der Geschichte und vergesse das diesseits, und als ich wieder zu mir komme, schaut mich Wießner wieder so aufmerksam an. Ich hoffe, es war nichts zu sehen. “Wie bist du eigentlich dazu gekommen, Informatikerin zu werden?”

“Die Regierung bietet immer drei Plätze und es hat mich interessiert.” Wießner schaut nachdenklich am Wandschirm der Lichtwacht vorbei in die Ferne. “Ich mochte in der Schule Mathe sehr gern, und ich hatte immer den Traum, eine Rechenmaschine aus Holz zu bauen.”

“Ich habe keine Vorstellungen. Würde so etwas gehen?”

“Schon.” Sie wendet sich wieder mir zu und lächelt schief. “Aber es würde sehr viel Raum einnehmen, um keinen anderen Zweck zu haben, als cool zu sein. Ich forsche aber schon seit einer Weile an einem anderen Modell, aber das muss jetzt leider ein Nebenprojekt werden. Oder, wenn wir die Esde verlassen …” Sie schweigt plötzlich.

Irgendwie wirkt sie traurig, denke ich. Ob sie auch eigentlich gar nicht von hier weg möchte?

Ich sollte aus mehreren Gründen nicht zu vertraut mit ihr werden, auch wenn sie mir gefällt. Erstens: Zu einer hohen Wahrscheinlichkeit hat sie ihren Posten, weil sie kein Problem darin sieht, der Regierung in den Arsch zu kriechen, und da wäre es unpraktisch, wenn sie rausfinden würde, dass ich schon eins damit habe. Zweitens: Wenn sie rausfindet, dass ich infiziert bin, würde sie mich zu hoher Wahrscheinlichkeit verraten, selbst wenn sie keine Arschkriecherin bei der Regierung wäre, nämlich, weil sie wahrscheinlich Anstreckungsketten durchbrechen möchte. Sie mag interessiert an dunkler Magie sein, aber sie trifft Vorkehrungen und handelt regierungskonform. Drittens: Sollte auch das nicht das Problem darstellen, dann möchte ich sicher kein zweites Szenario von einem Freundschaftsabbruch durchziehen müssen, wie jetzt mit Jastus, und dann ist es besser, wenn wir uns von vorn herein nicht nahe kommen.

Eine professionelle Distanz wird das sicherste und beste sein.

“Wenn wir die Esde verlassen, müsstest du wieder mit ganz anderen Ressourcen arbeiten?”, rate ich also.

“Ich würde nicht einmal erleben, dass wir andere Ressourcen erreichen”, widerspricht sie. “Aber dafür dürfte ich mit den vorhandenen Bordcomputern hantieren.”

“Das stimmt wohl. Beides.” Ich seufze tief.

Wießner holt einen Kalender und ein Notizblock aus der Tasche. Den Kalender schlägt sie als erstes auf. “Kommst du nun mit zur Vorführung?”

Ich habe eigentlich keine Lust, mir irgendwas, was dieser Müller macht, anzutun. Aber wenn ich behaupten würde, dass ich dort nichts Neues lernen würde, dann müsste ich eine gute Begründung dafür haben.

“Es gibt auch noch eine andere Andertärztin.” Wießner unterbricht meine Überlegungen mit diesen furchtbar beängstigenden Worten. “Müller hält nichts von ihr, weil sie Hemmungen hat, das Nötige zu tun, und einen ganzen Blumenstrauß an Tinkturen oder gar Wegreden probiert, aber alles ohne Effekt. Da hatte sich jemand gemeldet und behauptet, sie habe ihn geheilt. Und Müller hat darauf manipulativ abwertend reagiert, ungefähr mit den Worten ‘Dann kannst du ja gehen!’. Das hat mich skeptisch gemacht. Die andere Andertärztin würde ich deshalb auch gern mal kennenlernen, auch wenn sie auf den ersten Blick esoterisch erscheint, aber die macht keine Vorführungen.”

Was soll ich darauf denn sagen? “Ich muss mir das durch den Kopf gehen lassen.”

“Leider hast du dafür nicht viel Zeit”, sagt Wießner. Eine Spur Enttäuschung oder Angst klingt dabei durch. Ihr ist es wirklich wichtig. “Der Antragsweg wird zwar sicher nicht ein halbes Jahr für dich brauchen, weil er für mich ja schon durchgegangen ist und du sogar den Auftrag hast, dazu zu forschen, aber ich würde schon einrechnen, dass es knapp wird, den bis übermorgen durchzuhaben.”

Ich nicke nachdenklich. Ich überlege gerade, ihr vorzuschlagen, uns erstmal um das andere Thema, Raumfahrt, zu kümmern, und zu einer späteren Vorführung zu gehen – Müller wird leider sicher nicht zum letzten Mal eine veranstalten –, als sie mir das ausschlaggebende Argument gibt.

“Wir könnten natürlich auch so tun, als wäre jemand von uns infiziert, und der anderen Ärztin einen Besuch abstatten. Ihre Praxis ist von heute Nachmittag bis Abend offen.”

“Lass uns erstmal zu der Vorführung gehen. So eine Undercover-Mission ist mir nicht so geheuer.” Und ist sie erlaubt? Aber das frage ich jetzt nicht. Denn wenn ich das frage, entstehen womöglich Pläne.

Die Informatikerin lächelt und trägt den Termin im Kalender ein. “Ich freue mich schon. Schön, dass du mitkommst.”

Etwas daran ist mir auf sehr drastische Art unheimlich. Ich kann nicht greifen, was genau. “Lass uns ein grobes Brainstorming zu unserem Rechercheplan zum Thema Raumfahrt machen!”, schlage ich vor, um das Thema zu wechseln.

“Gern!” Wießner lächelt und schlägt das Notizbuch auf. “Wieviel Ahnung hast du denn schon von Raumfahrt?”

“Reichlich wenig.” Ich kichere verzweifelt.

“Ja, schon klar, aber wie würdest du diese Aufgabe angehen?”, bohrt sie nach. “Hast du dir noch gar keine Gedanken gemacht?”

Das habe ich tatsächlich nicht, aber ich mag es nicht zugeben. Also versuche ich, Struktur in das wenige, was ich weiß, zu bekommen. “Mir ist bekannt, dass die meiste Zeit der Reise einfach passiert: Wir gleiten durchs All ohne Antrieb.” Ich warte ein Nicken der Informatikerin ab. “Die Schwierigkeiten bestehen also vor allem beim Anfang und Ende der Reise, in der Berechnung von Planetengravitation und so, und wie wir von der Esde wegkommen, und woher wir den Treibstoff dafür bekommen.”

Wießner lacht wieder. “Du hast dir wirklich noch keine Gedanken gemacht, oder?” Sie hat mich erwischt und grinst schief auf mein beschämtes Nicken hin. “Aber deinen spontane sind sie ganz gut. Fahr fort!”

“Außerdem müssen wir das Raumschiff wieder dicht kriegen, oder irgendwie rausfinden, ob es noch dicht ist.” Ich runzle die Stirn. Die Vorstellung, wie uns auf der Reise zunehmend die Luft entweicht, schnürt mir die Lunge zu. “Hast du auch solche Angst, an der Aufgabe zu scheitern?” Habe ich das gerade wirklich gewagt, zu fragen.

Wießner mustert mich aufmerksam.

Dieser Blick, dem wenig zu entgehen scheint, wird noch mein Ende sein. Ich atme langsam, und hoffe, dass die dunklen Linien immer noch nicht ihren Weg in mein Gesicht finden.

“Ich habe auch Angst, zugegeben.” Sie sagt es distanziert. “Aber die kritischen Aufgaben kommen später. Jetzt arbeiten wir erstmal daran, überhaupt anzufangen.”

Ich nicke. “Du hast recht.” Ich spüre, wie meine Hände zittrig sind, als ich nach meiner Kaffeetasse greife. Dabei stelle ich fest, dass ich heute erstaunlich lang konzentriert und klar bin. Das ist gut. “Ich denke, ich würde beim Lexikon starten und dort über Raumfahrt lesen. Vielleicht ist es in diesem Punkte sogar mal hilfreicher als das Wikipedia-Buch.”

“In Mathe-Fragen ist dieser ansonsten super Wälzer tatsächlich weniger hilfreich als Fachbücher! Ich habe mich ja schon oft gefragt, warum sie ein monsterdickes Buch mit Winzschrift erstellt haben, statt mehrere Bände zu drucken.” Wießner schüttelt verständnislos den Kopf.

“Sie haben ursprünglich geplant, nicht nur die deutsche Fassung zu Papier zu bringen, und dann für jede Sprache ein Buch zu haben, aber es hat keinen Sinn ergeben, weil hier niemand mehr eine andere Sprache spricht”, erkläre ich. So richtig sinnvoll erscheint mir das aber sogar unter dem Gesichtspunkt nicht. Mir ist auch bekannt, dass sie gefiltert haben und nicht alle Einträge im gedruckten Buch gelandet sind, damit es noch irgendwie handhabbar ist, aber ich hätte lieber eine vollständige Fassung in zehn Bänden, aber in besser lesbar, gehabt.

“Ich spreche Englisch”, widerspricht Wießner. “Du nicht?”

“Nicht so gut”, gebe ich zu. “Ich wollte das immer mal besser lernen, aber es fällt mir schwer.”

“Ich habe ein Wörterbuch und ein Fantasy-Buch geliehen, das im Raumschiff gefunden wurde. Per Anhalter durch die Galaxis, heißt es auf Deutsch. Ist kurios.” Wießner trinkt ihren Tee aus. “Informatik zu studieren ohne Englisch zu verstehen, ist aber ein Ding der Unmöglichkeit.”

“Du hast ein Buch aus dem Raumschiff mitgenommen?”, frage ich. “War das nicht etwas, was du nicht darfst?” Vielleicht sollte ich aufhören, meine Fragen danach, ob sie alles regierungskonform tut, so direkt zu stellen.

“Ich darf einen Antrag auf das Leihen einzelner Bücher stellen. Ich war dazu nichtmal selbst in der Bibliothek. Ich habe ein englischsprachiges, fiktionales Buch mit Raumfahrtbezug bestellt, und dieses bekommen.” Wießner öffnet das Notizbuch. “Zurück zum Thema: Du meintest, wir sollten das Raumschiff-Lexikon für den Einstieg nehmen?”

“Ja, dachte ich mir. Ich denke, wenn es speziell für die Reise mit dem Raumschiff erstellt worden ist, dann wird es darin vielleicht auch gute, etwas komplexere erste Übersichten geben, und Quellenangaben, mit denen wir dann weitermachen können.”


Als wir wieder zurück zum Raumschiff gehen, regnet es. Ich stecke das hölzerne Buch nicht ganz rechtzeitig unter meinen dünnen Mantel, es hat ein paar Tropfen abbekommen. Verdammt möge ich sein. Ich werde unachtsam.

Kurz bevor wir den Westeingang des Rausschiffs erreichen, der näher am Rathaus liegt als der Südeingang, den ich sonst immer nehme, höre ich ein Wispern wie aus vielen leisen Stimmen. Ich sollte es ignorieren, aber es kommt mir vertraut vor und meine Neugierde ist zu groß, was es zu bedeuten hat. Ich verharre und blicke mich um.

Wießner steht schon im Eingang aber bemerkt mein Halten. “Was ist los?”

Ich lausche gebannt in den Regen. Ich höre das leichte Prasseln auf dem Metall des Raumschiffs und von einem seltsamen Gebäude, das daneben steht und mir bisher nie aufgefallen ist, aber da ist noch etwas. Ich kann es nicht greifen. Als ob es mir persönlich etwas mitteilen wollte, auch wenn ich nicht einmal Wörter erfassen kann.

Ist es meine Krankheit?

“Ich dachte, mich hätte jemand gerufen. Muss mich verhört haben”, sage ich. “Was ist das eigentlich für ein Klotz?” Ich deute auf das metallene Gebäude, angrenzend ans Raumschiff, aus schiefen Metallplatten zusammengeschweißt. Es ist offensichtlich aus Raumschiffmaterial und genauso offensichtlich nicht Teil des Raumschiffs.

Wießner zuckt mit den Schultern. “Es kam mir auch immer seltsam vor. Ich habe mal gefragt und eine nicht sehr klare Antwort gekriegt, dort lagerten Reliquien aus der Anfangszeit. Oh! Darüber forschst du ja gerade! Sollen wir es uns ansehen?”

Ich nähere mich dem fast würfelförmigen Bau. Er hat eine Tür, die im Gegensatz zu jenen im Raumschiff rechteckig ist wie normale Türen, aber es gibt keine Türritzen. Wie von selbst lege ich meine Hand auf das Metall, und es ist, als würde etwas darin Kontakt zu mir aufnehmen wollen. Ich blinzele verwirrt.

Die Tür hat kein eingebautes Schloss, dafür einen sehr robusten Riegel mit einem Vorhängeschloss. Es ist ein Zahlenschloss. Ob ich in diesem seltsam wachen Zustand einfach die richtige Kombination raten könnte? Ich fühle in meine eine Hand an der Tür, lege die Finger der anderen an die Rädchen des Schlosses. Aber mir kommt keine Eingebung. “Kannst du so etwas knacken?” Ich höre meine eigene Stimme wie aus einer anderen Welt.

Wießner tritt an mich heran und nimmt das Schloss in die Hand. “Ich denke schon. Vielleicht. Ich habe zumindest darüber gelesen, wie das geht.” Sie lässt es los und wechselt den Tonfall zu einem viel realerem. “Venke, wir sollten hier keine Schlösser knacken!”

Sie hat mich bei meinem Vornamen genannt. Sollte ich das bei ihr auch tun? “Du hast recht.” Ich versuche mich erst einmal wieder zu erden, aber es gelingt mir nicht.

Ich atme tief durch und möchte mich von dem Gebäude lösen, aber ich kann nicht. Ich muss da hinein! Ich brauche Antworten! Und mir ist, als würde ich hier endlich welche finden können. Ich habe nicht mehr viel Zeit.

Ich nehme all meinen Mut zusammen und riskiere, dass Wießner irgendetwas hiervon im Ethikrat verrät und ich meine hartverdienten Deuts verliere. “Würdest du es trotzdem tun? Ich bin mir sicher, dass es genehmigt würde, aber das würde Zeit brauchen, schätze ich. Und ich würde mein anderes Projekt gern schnell abschließen, um Zeit für die Raumfahrt-Geschichte zu haben.”

Wießner betrachtet mich mit gerunzelter Stirn. Der Regen hat ihre blauen Haare dunkler gefärbt. “Das fragst du jetzt nicht, weil du testen willst, ob ich bereit bin, gegen Regeln zu verstoßen? Mir ist aufgefallen, dass du wirkst, als habest du ein Regelbuch gefressen und fändest frevelhaft, sollte ich davon abweichen.”

“Oh. Nein.” Ich grinse verlegen. Mist. Das, was ich befürchtet hatte, ist passiert. “Ich habe ein Regelbuch quasi gefressen, das stimmt. Ich war mehr erstaunt, was alles im Rahmen der Regeln möglich ist.”

Wießners Stirn bekommt noch mehr Falten. Sie schüttelt schließlich den Kopf. “Ich mache das nicht, ohne eine Genehmigung. Ich werde jetzt zum Empfangsbüro gehen und fragen, ob wir im Rahmen unserer Recherche schon ohne weiteren Antrag hineingehen dürfen. Sonst stelle ich einen Antrag. Passt dir das?”

Mir bleibt wohl nichts anderes übrig. Ich nicke. “Du hast recht. Kommst du dann direkt wieder?”

“Du willst hier warten?” Wießner lächelt endlich wieder. “Du wirkst ein bisschen besessen, aber ich kann nicht behaupten, dass ich das mit einem Hyperfokus nicht auch schon gewesen wäre.”

Ihre Worte hängen mir nach, als sie durch den Westeingang das Raumschiff betritt, weil der kürzeste Weg zum Empfangsbüro an der Ältesten Bibliothek vorbeiführt.

Besessen.

Das ist auch ein typisches Wort im Kontext dunkler Magie. Aber wenn ich in mich hineinfühle, kommt es mir nicht so vor. Ich fühle mich zwar, als würde mir die Kontrolle über meine Verfassung und meine Wahrnehmung entgleiten, aber nicht, als würde ein anderes Wesen diese übernehmen oder mich kontrollieren.

Ich seufze, fühle in meine Hand, die am Metall der Tür ruht, und schließe die Augen. Gerade im Gespräch mit Wießner war es leiser, nun höre ich die Stimmen wieder mehr. Hören ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck. Oder doch? Das Wispern ist nicht nur im Außen, sondern auch in mir drin. Vielleicht bin ich noch nicht besessen, aber es passiert mir gerade? Vielleicht ist mein Körper durch die fortschreitende Krankheit nun nicht mehr fähig, sich dagegen zu wehren? Vielleicht will ich es sogar, in der Hoffnung, dass es ein Wesen oder eine Entität mit Antworten ist.

Ich versuche meine Hand von der Metalltür zu lösen, aber ich kann nicht. Ich glaube, dass es meine Faszination ist, die mich nicht lässt. Aber vielleicht ist es auch …

Das Schloss. Wießner kann es knacken. Aber wenn sie die Erlaubnis bekommt, bekommt sie sicher auch den Zahlencode. Es enttäuscht mich beinahe. Ich hätte ihr gern beim Knacken des Schlosses zugesehen.

Ich könnte es einfach verschwinden lassen.

Mir entgleitet etwas, und es fühlt sich nicht wie Kontrolle an, sondern wie Vernunft. Ich verliere meinen Fokus darauf, zu tun, was von mir erwartet wird. Zu tun, was unauffällig ist, was wichtig wäre, um weiterhin Zugang zum Raumschiff zu behalten.

Ich fühle, wie wichtig mir das ist, zu erfahren, was ich in diesem Raum vorfinden kann, und dass auch nur einen Tag länger auf eine Antragsgenehmigung zu warten, mir zu lang ist. Wießner wird für heute keine Erlaubnis mehr erhalten, ich kenne das System.

Ich betrachte das Schloss und wünsche mir, – ich fordere –, dass es verschwindet. Ich forme den Wunsch sorgfältig aus und beobachte, wie es erst nur noch die Idee eines Schlosses ist, als hätte man zu lange eine Landschaft im Gegenlicht angeschaut und dann die Augen geschlossen, und dann verschwunden ist. Es überrascht mich kaum, dass kein schwarzes Loch dort wabert, wo es gewesen ist.

Ich öffne die Tür einen Spaltbreit und schiebe mich in den dunklen Raum. Nur das Licht durch den Spalt fällt herein. Ich öffne die Tür nicht weiter. Ich brauche das Licht nicht. Ich weiß, was sich hier befindet.

Meine nackten Füße betreten den Waldboden, erfühlen die Wurzeln, die in Türnähe nur vereinzelt aus dem Grund brechen. Sie sind erdig und bewegen sich wie die Linien unter meiner Haut. Ich weiß nicht, wie, aber sie vermitteln mir den Weg. Ich fühle ihr Leben durch meine Fußsohlen und das Wispern wird lauter. Immernoch verstehe ich kein Wort. Aber ich weiß, dass ich weiter hineintreten soll.

Also folge ich den Stimmen. Irgendwo in meinem Hinterkopf vernehme ich einen Fetzen Vernunft, der mir sagt, ich solle nicht auf dunkelmagische Stimmen hören. Aber es fühlt sich richtig an. Für den Moment. Als würde ich hier das erfahren können, was ich brauche, um dunkle Magie heilen zu lernen. Vielleicht zu einem hohen Preis. Für etwas, was eine Entsprechung davon ist, die eigene Seele zu verkaufen. Aber wenn ich damit Menschen retten kann, will ich ihn zahlen.

Wenn ich hier je wieder herauskomme. Wenn ich überlebe und nicht von der Erde gefressen und verdaut werde.

Aber was bedeutet mein Leben, wenn ich meinem Beruf nicht gerecht werden kann. Und würde ich, wenn ich jetzt entkäme, noch lang genug leben, um anders an Antworten zu kommen?

Ich trete ins Dunkel. Die schwere Tür gleitet zu und ich sehe überhaupt nichts mehr. Und doch, ich weiß immer noch genau, was sich hier befindet.

Ich balanciere über Wurzeln und Geäst, das warm und rindig – aber überraschend weich für Holz – unter meinen baren Füßen liegt, in die Mitte des Hauses. Denn ein Haus aus lebendem Holz ist es. Eines der ersten Häuser auf diesem Planeten. Ich berühre den Eingang mit meinen nackten Fingern und wundere mich, wo meine Handschuhe geblieben sind. Erst in dem Moment fällt mir auf, dass ich eigentlich auch Schuhe getragen habe, aber dies ist kein Ort für Schuhe. Dies ist ein Ort einer tiefen, grenzenlosen Verbindung.

Das Haus hat keine Tür, nur den Eingang, der sich aber hinter mir schließt. Es besteht aus einem Geflecht aus Wurzeln und Ästen. Es ist angenehm warm hier drin. Nur das Flüstern ist dunkel geworden. Klarer auch, aber es trägt den Klang einer ermüdeten Not in sich. Ich setze mich auf eine Bank, die sich für mich formt, als hätte die Höhle meine Gedanken gelesen, und berühre eine erdige Wurzel, die sich mir entgegenschiebt. Instinktiv ziehe ich sie an meine Brust, wo mein Herz langsam pocht, als wäre es müde.

Sofort, als würde eine neue Realität meine überblenden, fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt. Es erfüllt mich mit Schwindel, was ich wahrnehme und ich lege mich auf die Liege, die mich in Erde und weiche Wurzeln einbettet und mit dem Wald verbindet.

Ich erinnere mich nun plötzlich wieder an meine Ausflüge der letzten Nächte, an den Stadtrand oder in die Baumansammlung im Park. Auch dort war schon das Wispern gewesen, aber so leise, dass ich es nicht einmal so bezeichnet hätte. Es war wie ein kläglicher Versuch gewesen von dem, was hier gerade passiert. Aber dieses Mal fühle ich mich, als ob ich in der Lage sein werde, mir merken zu können, was ich erlebe. Ich werde mein neues Wissen später noch haben, wenn es ein hinterher gibt.

Ich kämpfe nicht dagegen an, als ich schwaches Sonnenlicht sehe, sehe, wie das Raumschiff landet, der Wald dafür zur Seite weicht, aber manche der Bäume vom schweren Metallungetüm zerdrückt werden. Es schmerzt ein wenig, aber es ist aushaltbar.

Ich sehe Menschen aus dem Raumschiff treten. Einige rennen, einige schleichen, viele wirken … ich kann es nicht in Worte fassen. Niemand wird diesen Moment in Worte fassen können. Aber ich fühle es.

Ich gleite von Mensch zu Mensch, sehe sie aus der Perspektive der Bäume, und fühle etwas, was der Wald über die Menschen gespeichert hat. Die Müdigkeit und Erschöpfung aus einer Jahrhundertreise. Jeder Mensch fühlt anders, aber sie können nicht mehr, sie sind am Ende, und niemand hat die Kraft, jetzt aus Nichts etwas aufzubauen. Obwohl der Planet nicht kalt ist, frieren sie, liegen zitternd am Boden. Und der Wald formt aus seinem Holz Hütten über sie. Hütten wie diese, die letzte der ersten Hütten auf diesem Planeten.

Das war der Anfang.

Es gibt keine Schriftstücke aus der Zeit, weil ihnen die Sprache fehlte. Die Menschen, die diesen Planeten besiedelt haben, haben mit einem Mal beim Verlassen des Raumschiffs die Fähigkeit, Laute zu formen, verloren. Es war still und bedrückend, und gleichzeitig ein Neuanfang, für den jegliche Kraft eigentlich fehlte, der deswegen aber nicht weniger passiert ist. Eine Befreiung, die über die Fähigkeiten des Befreiens ging, und doch geschehen musste.

So wie der Wald sie am Anfang aufgefangen hat, tut er es jetzt auch mit mir. Ich bin erschöpft vom Fühlen des Leids damals. Ich werde nie wieder der gleiche Mensch wie vorher sein. Und nie die Gefühle, die ich gerade verstanden habe, in adequate Worte fassen können. Ich werde sie in mir tragen, tief in mir verborgen. Antworten, die ich niemals aussprechen können werde, weil die Sprache versagt. Oder weil sie mich ermüden wie die Menschen damals und der Wald mich beerdigt. Ich fühle die Wurzeln, wie sie um meinen trägen Körper kriechen. Sie sind warm und bilden einen Kokon um mich herum. Sie fesseln meine Handgelenke und Füße, meinen Torso, dringen wie Äderchen in meinen Körper, aber als sie meinen Hals erreichen, erfasst mich doch ein Gefühl aus dem Diesseits, nur unscheinbar: Panik.

Ich muss es schaffen, jetzt mit meinem neuen Wissen den Bunker zu verlassen, in dem die Regierung das letzte lebende Holz in der Stadt eingesperrt hat. Das Geäst muss zurück in den Wald. Es ist ein lebendiges Wesen, gefährlich für den Menschen, aber ich bin Ärztin und möchte jedes Leben schützen. Nur habe ich keine Chance, gegen die Wurzeln anzukämpfen.

Dann verlasse ich den Bezug zum Hier und Jetzt wieder, aber auch den zur Vergangenheit vor etwa zweihundertfünfzig Jahren. Ich bin so müde. Die Wurzeln um meinen Hals stören mich nicht mehr, wenn ich den Kopf nicht versuche zu heben. Irgendwo in der Ferne höre ich angenehme Laute, die fast Musik sind, als das Holz sich auch über meinen Kopf wickelt, die feinen, weichen Wurzeln in meine Ohren kriechen. Das Gestrüpp wächst durch meine Zehenritzen und zwischen meinen Fingern entlang, dringt unter meine Kleidung und hält mich fest. Ich kann mich nicht mehr bewegen und gebe mich hin, entspanne mich und merke, wie eine andere Art Schlaf mich einholt. Der Schlaf der Ewigkeit. Und ich werde Teil des Waldes.