Die Andertärztin
Ich weiß, was Krähen sind. Es hat hier auf der Esde auch mal welche gegeben. Das Raumschiff, das mit unseren Vorfahren vor etwa 250 Jahren auf diesem verfluchten Planeten gelandet ist, hatte auch Tiere an Bord gehabt. Schafe, Schweine, Hühner, Tauben, andere Nutztiere, und aus irgendwelchen Gründen, die ich allerdings nicht weiß, auch Krähen.
Aber die Krähen wurden schneller von der dunklen Magie inviziert als die Menschen.
Ich glaube eigentlich, dass Magie kein guter Begriff für die Phänomene ist. Ich glaube an wissenschaftliche Erklärungen, und Magie ist so ein Fantasy-Wort, das so klingt, als gäbe es keine. Aber so sind sie halt, die Menschen. Sie benennen Dinge so, wie sie eben assoziieren, was auch immer das für Bedeutungen hat, die sich dadurch in ihre Auffassungen schleichen.
Alle Lebewesen, die hier auf der Esde gelandet sind, haben im Laufe der Zeit mehr oder weniger stark etwas entwickelt, das mit dem Stand der Forschung zum Zeitpunkt der Landung schlechter umschrieben werden konnte als mit Beschreibungen aus Fantasy-Romanen. Manche Menschen konnten mit ihren Körpern Wärme erzeugen, mehr Wärme als bei hohem Fieber, und es hat ihren Körpern nicht geschadet. Bei manchen waren es Heilfähigkeiten. Und manche konnten das auf diesem Planeten Wertvollste und Unentbehrlichste hervorbringen: Licht. Echtes Sonnenlicht. Diese Kräfte nannten die Menschen naheliegender Weise helle Magie.
Und all die Phänomene, die Menschen eher krank machen, die dunklen Adern unter der Haut, die verschlingenden und vernichtenden Kräfte, die mehr den Mensch als der Mensch die Kraft kontrollierten, nannten sie dunkle Magie.
Die Krähen, schwarz wie sie waren, waren sehr schnell mit der dunklen Magie infiziert worden und hatten die Stadt geisterhaft heimgesucht. Sie waren über die Menschen hergefallen und hatten sie grausam getötet … es muss schrecklich gewesen sein. Und gerade am Anfang eines Bevölkerungsprojekts eines neuen Planeten kann eine solche Heimsuchung das Ende der Menschheit bedeuten.
Es hieß, die Menschen haben den Kampf gewonnen und die dunklen Krähenmonster getötet. Aber vielleicht sind einige aus der Stadt geflohen und haben sich anderswo im Wald niedergelassen, der außer der Stadt und dem Meer den ganzen Planeten bedeckt.
Es steht nirgends in der jungen Geschichtsschreibung der Esde, dass auch nur einer der Vögel entkommen wäre, und in den letzten hundert Jahren ist von keiner Sichtung berichtet worden. Aber der große schwarze Vogel, der draußen auf dem Dach des Gebäudes gegenüber hockt und geisterhaft ins Fenster meiner Praxis starrt, erzählt eine andere Geschichte.
Eine alternative Erklärung für die Erscheinung könnte sein, dass ich doch selbst der dunklen Magie unkontrolliert anheimgefallen bin. Denn verstörende Visionen können Anzeichen davon sein. Aber eigentlich glaube ich das nicht. Dazu nehme ich die Welt ansonsten noch viel zu klar wahr.
Es wäre trotzdem gut, jemanden zu fragen, ob sier die Krähe auch sieht, die es mitsamt ihrer ungewöhnlichen Größe schafft, unauffällig zu sein. Still. Aber es ist schwer, in dieser Stadt zuzugeben, dass es für einen selbst zu spät sein könnte. Vor allem als Ärztin für dunkle Magie. Und so eine bin ich.
Vor meiner Praxis, einem kleinen Haus am Rande des Andertmarkts, hat sich eine Schlange gebildet. Sie ist viel zu lang für den Tag. Ich verteile Schildchen mit Uhrzeiten, die je eine halbe Stunde auseinanderliegen. Unter einer halben Stunde braucht man mit einer Behandlung bei einer Infektion mit dunkler Magie gar nicht erst anzufangen. Zumindest wenn man die Sache ernst nimmt, was ein gewisser anderer Arzt in der Stadt nicht tut.
Nur ein Drittel der Leute bekommt ein Schildchen. Dabei gehe ich zum einen danach, wer diese Woche bereits einen Termin bei mir hatte, aber auch – muss ich gestehen – nach Überlebenschancen. Bei der alten Dame vom Stadtrand kann ich absehen, dass sie mit meiner Hilfe nur zwei Tage länger überleben wird als ohne. Bei dem Kind, das jede Woche zu mir gebracht wird, sehe ich eine Chance auf vollständige Heilung. Daher hat es den letzten Termin für heute erhalten, damit ich mir gegebenenfalls mehr Zeit nehmen kann.
Der erste Patient ist zuvor noch nie bei mir gewesen. Er ist ängstlich, als er mir in die Praxis folgt. Das sind sie am Anfang alle. Bei manchen lässt es nach, wenn sie anfangen, mir zu vertrauen.
Ich ziehe die Vorhänge zu, damit dieser verdammte Vogel nicht hineinstarren kann. Der dünne, eigentlich lichtdurchlässige Stoff weht leicht im Wind. In der Mitte der Stadt stehen tagsüber Menschen auf Türmen, die in Sonnenlicht erstrahlen, aber ihr Licht reicht kaum hierhin auf den Antertmarkt oder in die anderen Randviertel, wo die niedere Bevölkerungsschicht lebt und wirtschaftet. Und das viel zu geringe Tageslicht der entfernten Sonne schafft es nicht, den Raum durch die Vorhänge ausreichend zu erhellen, dass ich arbeiten und meine Patient*innen sich wohlfühlen können. Also zünde ich zwei Glanzfackeln an, bevor ich meinen neuen Patienten auffordere, sich hinzusetzen. Ich lese das an seine Brust gepinnte Schild noch einmal, auf dem sein Name steht, sowie Pronomen, Bezeichnungen und Titel, um mir eine Akte für ihn anzulegen.
“Ich bin Venke Lilia. Ich bin Ärztin für dunkle Magie.” Ich setze mich ruhig mit der Pappmappe ihm gegenüber hin.
Der Patient blinzelt und räuspert sich. “Ich bin Odil Müller. Ich war letzte Woche bei dem anderen Arzt. Bei Herrn Braack. Ich weiß, Ihre Praxis ist überlaufen, aber ich würde gern trotzdem zu Ihnen wechseln.”
So etwas kommt nicht zum ersten Mal vor. Ich nicke, ohne eine Miene zu verziehen. Herr Braack ist der Arzt, an den ich vorhin gedacht habe, der verstörende Mittel einsetzt und seine Patient*innen damit zügig abfertigt. Er hat keine Ahnung, was er damit anrichtet. Ich weiß eigentlich auch nicht, ob meine Wege wirklich helfen. Eigentlich weiß niemand, ob etwas gegen dunkle Magie wirklich hilft. Herr Braack ist leider anderer Überzeugung.
“Wie äußert sich die dunkle Magie bei Ihnen”, frage ich, als mein Patient nicht weiterspricht.
Er zieht den Ärmel seines Leinenhemdes hoch und zeigt mir seinen Unterarm. Schwarze Linien haben sich unter der Haut gebildet. So fängt es häufig an. Tatsächlich kenne ich nur einen Fall, bei dem ich ein anderes Symptom gesehen habe, ohne dass dieses zuerst da war. Aber an damals möchte ich gerade nicht denken.
Eine relativ frische Narbe verheilt schlecht an der linken Seite des Unterarms. Die Fäden sind noch nicht gezogen.
Man kann die Haut aufschneiden und die dunklen Linien mit einer Pinzette entfernen. Ich habe das auch mal getan. Das schwarze Etwas verhält sich wie glibschige Würmer unter der Haut, die sich herausziehen lassen. Aber sie kommen rasch nach.
Ich rutsche zum Patienten heran, lege seinen Arm behutsam aber bestimmt auf ein Kissen, das in seidiges Fell eingenäht ist. “Ich werde nicht operieren”, verspreche ich. “Was Herr Braack getan hat, war nicht nötig. Aber es ist nützliche Information für mich, wenn Sie mir erzählen, wie sich die OP angefühlt hat.”
Dem Patient steht – wenig überraschend für mich – nun das Grauen ins Gesicht geschrieben. Die meisten wollen verständlicherweise nie wieder an eine unbetäubte OP zurückdenken. Sie erleben diese Behandlung wie in einer anderen Welt.
Ich rücke die kleinen Fläschchen mit Flüssigkeiten auf dem Beistelltisch zurecht. Sie machen den Eindruck, als handele es sich um sehr wertvolle Medizin, weil sie in Glasfläschchen gefüllt sind, und Glas ist rar. Es existieren nur die Restbestände aus dem Raumschiff. Der Planet bietet keine Ressourcen zur Herstellung von Glas.
“Damit ich entscheiden kann, wie ich Sie richtig behandle, ist es leider unentbehrliches Wissen für mich. Es tut mir leid, dass sie da noch einmal durchmüssen.” Ich lege meine kühle Hand an seine behaarte Haut neben der Narbe und senke den Blick darauf, als wäre sein Arm etwas sehr Wertvolles. Und das ist er natürlich auch.
Er holt tief Luft und berichtet davon, wie es sich angefühlt hat, als der Quacksalber Braack ihm einen Stressball aus Weichholz gegeben hat, den er fast kaputtbiss, als der Arzt ihn operiert hat. Er hat nicht darauf vertraut, dass der Skalpel wirklich sauber ist und hat sich hilflos gefühlt.
Ich nicke. “Es ist schwer, wenn man nicht vertrauen kann”, sage ich verständnisvoll.
Ich habe ihn noch nicht an dem Punkt, dass er es bei mir tut. Aber es ist, was ich brauche.
Ich blicke auf in sein Gesicht. Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen, denn die Folge ist, dass er verkrampft versucht, weniger verzweifelt zu wirken. Seine Augen sind feucht.
“Weinen Sie ruhig”, sage ich. “Wir haben hier den Raum dafür. Niemand schaut zu.” Nur der verdammte Vogel, hätte ich die Vorhänge nicht zugezogen. Meinen Gedanken zum Trotz betone ich: “Nur ich. Und Sie haben allen Grund dazu. Ihnen ist Grausames widerfahren.”
“Ich will stark sein!”, flüstert er. “Für meine Kinder.”
Ich nicke langsam und lächele ein wenig, nur ein klein wenig. “Das werden Sie sein. Das sehe ich Ihnen an”, behaupte ich und sage dann sanft aber bestimmt: “Aber für mich müssen Sie es nicht.”
Einen Moment denke ich, ich hätte ihn verloren. Mir ist an dieser Stelle mal passiert, dass ein Patient einfach zugemacht und mich gefragt hat, ob ich dazu da wäre, die Infektion zu heilen oder ihn zu entblößen. Aber leider hängt meiner Meinung nach beides zusammen.
Herr Müller aber atmet zitternd und bringt ein zartes “danke” hervor.
Das ist fast genauso gut wie eine Träne.
Ich greife nach dem Glas, das Jastus mir gegeben hat. “Das ist Wasser, das mit Sonnenlicht durchwirkt ist”, erkläre ich. Ich öffne das Glas und tauche einen Pinsel hinein. “Das wird die dunkle Magie in Ihnen auflösen können. Aber dunkle Magie ist nicht nur eine Infektion des Körpers, sondern auch des Geistes. Fühlen Sie dabei in Ihren Arm hinein und spüren, wie das Licht aus dem Wasser durch ihre Haut dringt und das Dunkel darin lichtet und auflöst.”
Der Patient sieht mich irritiert an. “Wie soll ich Licht fühlen?”
“Ich fange einfach langsam an und Sie fühlen ganz intensiv in Ihren Arm hinein. Erzählen Sie mir, was Sie fühlen”, bitte ich. “Ich bin mir sicher, dass Sie es begreifen werden, wenn wir beginnen. Kann es losgehen?”
Er nickt.
Ich fahre sehr langsam mit dem Pinsel über seine Haut. Ich achte darauf, dass er hineinlesen kann, dass er etwas Besonderes ist und mir etwas bedeutet. Ich streiche über die Stellen, wo es darunter dunkler ist, aber schon durch das Gespräch nicht mehr so kotrastiert schwarz wie vorhin. “Es ist erst kalt, aber dann, hoffe ich, spüren Sie noch etwas anderes.”
“Ja!” Er wirkt mit einem Mal sehr erleichtert. “Ich fühle es! Es prickelt ein bisschen.”
Die Leute beschreiben das Gefühl ganz verschieden. Für manche ist es warm, manche nennen es elektrisierend. Ich spüre es überhaupt nicht. Aber das müssen meine Patient*innen nicht wissen.
Der Patient zahlt zwei Andert und geht, ohne eine weitere Narbe am Körper zu tragen, ohne schwarze Linien unter der braunen Haut und mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Ich hätte das Geld nicht gebraucht, aber ich muss es nehmen, um ernst genommen zu werden. Er hat gelöst gewirkt, als er mir die Muttern in die Hand gelegt hat.
Er ist nicht zuversichtlich, aber er hat Hoffnung, und das ist die wichtigste Medizin gegen die dunkle Magie. Er hat von mir die Empfehlung bekommen, jeden Tag einen Spaziergang an der Lichtwacht vorbeizumachen, die Arme ins Licht zu halten und zu fühlen. Ich glaube, wenn er sich daran hält, wird er mindestens einen Monat keine neuen Symptome entwickeln.
Aber das ist nur eine Auswertung meiner empirischen Erfahrung und kein Resultat einer Studie. Dennoch, glaube ich, baut meine Behandlung auf diese Art auf besserer wissenschaftlicher Grundlage auf als die von Braack. Ich kenne diesen Mann nicht, aber ich habe so viel Leid gesehen, das er in meine Patient*innen geschnitten und gebrannt hat, dass ich ihm ewiges Elend wünsche.
Meine nächste Patientin wartet sicher schon draußen, aber ich brauche einen kleinen Moment für mich. Ich ziehe den Vorhang zurück, um in die Ferne zu schauen und die vom flimmerdnen Fackellicht angestrengten Augen zu entspannen. Ich bin ein wenig weitsichtig, aber kann die Sehschwäche noch mit den Augenmuskeln ausgleichen.
Der schwarze Vogel starrt mich wieder an, als habe er lauernd auf diesen Moment gewartet.
“Was ist an mir so interessant?”, frage ich halblaut.
Aber das Tier krächzt nicht einmal.
Mein vorletztes Patienty kommt nicht. Als ich das Warten aufgebe, mache ich mir kurz einen Vorwurf: Ich hätte dy ein Schildchen für einen früheren Termin geben sollen. Der Moment am Morgen, als ich dy das Brettchen in die schwachen Hände gegeben habe, dyr Blick voll Sorge, den ich als ein Problem mit der Zeit gedeutet habe, als ich zur nächsten Person getreten bin, und die Entscheidung, das aber nicht noch einmal zu ändern, spielt sich noch einmal sehr lebendig in meiner Erinnerung ab. Liams Infektion ist bereits fortgeschritten und dy hat mir gestanden, damit das Haus manchmal nicht verlassen zu können. Hoffentlich schafft dy es zum Ende der Woche zu meinem anderen wöchentlichen Praxistag. Dann bekommt dy den ersten Termin.
Ich mache mir einen Vorwurf, dyr Not zwar erkannt, doch unter dem Druck der Situation übergangen zu haben. Aber ich kann nicht alles richtig machen. Das habe ich über die letzten Jahre bitter gelernt. Ich übe, auf mehr zu achten, aber wenn es entschieden ist, akzeptiere ich, wie es gekommen ist.
Ich räume ein wenig auf und betrachte dabei meine Fläschchen. Jedes hat eine eigene Geschichte, wie ich daran gekommen bin.
Das Fläschchen mit dem Lichtwasser ist inzwischen fast leer. Es hat heute gute Dienste geleistet.
Ursprünglich war das Wasser mal nur für mich bestimmt gewesen. Jastus hat es mir geschenkt.
Ich werde so schnell den Moment nicht vergessen, in dem ich Jastus gestanden habe, dass ich Andertärztin für dunkle Magie bin. Das entsetzte Gesicht meiner besten Freundin, die blanke Angst hineingeschrieben. So habe ich sie noch nie gesehen. Und ich hätte auch nie erwartet, dass sie als Lichtwacht dunkle Magie so haltlos fürchtet.
Vier Nächte in der Woche steht sie auf der Stadtmauer und leuchtet gegen den Wald an, der seine Äste besonders dann lebendig wie Schlangen nach der Stadt ausstreckt, wenn nichtmal das spärliche Licht der entfernten Sonne ihn lähmt. Der Wald mag das Sonnenlicht nicht. Zur Lichtwacht werden jene angehalten, die besonders reine Lichtmagie ausstrahlen können, um die wilden Auswüchse des Waldes im Zaum zu halten und damit die Stadt zu sichern. Er würde andernfalls binnen weniger Tage die Stadt unter- und überwuchern. Inzwischen vermutet man in der dichten Schwärze des Waldes auch die Quelle der dunklen Magie.
Jastus, eine der mächtigsten Personen der Stadt, die die Sonne in sich trägt, nicht nur als Magieform sondern auch in ihrem Gemüt, fürchtet die dunkle Magie, als säße sie ihr direkt im Nacken? Ich hätte es für unmöglich gehalten, aber da habe ich mich geirrt.
Als ich ihr von meiner zweiten Identität als Andertärztin erzählt habe, hat sie mich hilflos angesehen, als hielte sie mich für verloren. Am nächsten Tag hat sie mir das Fläschchen aus dem Raumschiff gebracht, das sie mit Wasser gefüllt und dann die ganze Nacht belichtet hat.
Jastus ist mir gegenüber nun weniger überschwänglich. Immer wieder dringt ihre Sorge zwischen ihrer Leichtmütigkeit an die Oberfläche. Aber eigentlich mag ich sie so lieber. Ich muss noch ergründen, warum.
Ranuk, die meinen letzten Termin für heute bekommen hat, ist zwölf. Ich sehe bei ihr eine Chance auf vollständige Heilung? Ich hatte da noch nicht gesehen, wie sie heute aussieht. Vermutlich hätte ich bei der Terminvergabe Schlüsse daraus ziehen sollen, dass sie bei 18°C in einem Mantel verhüllt worden war.
Nachdem ich die besorgte Mutter, die ihr Kind am liebsten nicht einen Moment aus den Augen gelassen hätte, überredet habe, vor der Tür zu warten, zieht Ranuk den dünnen Mantel aus. Sie ist blass. Und damit meine ich nicht, dass ihre Haut einen bleicheren Farbton hätte. Eigentlich wirkt ihre Erscheinung eher dunkler als sonst und auf irgendeine Art unwirklich, die mich im Innersten sorgt. Dass sie durchscheinend ist, erkenne ich erst, als sie vor den Fackeln steht, nachdem sie den Mantel an die Garderobe daneben gehängt hat.
Sie streckt die Hand aus, aber als ich ihr meine entgegenhalte, gleiten ihre Finger durch meine hindurch. Ich spüre bloß einen milden Widerstand unter der Haut.
“Du kannst mich nicht in den Arm nehmen.” Ranuks Kopf hängt schwer herunter, als sie sich auf den Stuhl setzt.
In den letzten zwei Terminen hat sie einfach direkt am Anfang losgeweint. Diesmal ist sie still.
Ich kann es verstehen. Was hilft es, zu weinen, wenn man dabei nicht gehalten werden kann. “Schauen wir mal”, sage ich weich. “Wann ist es denn passiert?”
“Als Papa …” – sie bricht abrupt ab und flüstert den Rest – “mich schlagen wollte.” Dann wiederum betont sie: “Das tut er eigentlich nie!”
Natürlich verteidigt sie ihren Papa. Aber ich glaube, sie versucht auch zu verdrängen, dass es eben doch so drastisch gekommen ist.
“Warum wollte er dich schlagen?” Dass ich das einfach frage, als wäre es normal … Manchmal denke ich, mit mir stimmt auch was ganz gewaltig nicht. “Vielleicht ist es gar nicht so wichtig. Was hast du gefühlt?”
“Er war einfach wütend. Ich weiß nicht mehr, was er geschrien hat. Er wollte, dass ich meine Wärmemagie mehr übe.” Ranuk nimmt sich ein Kuschelschaf aus der Schublade der kleinen Kommode neben dem Behandlungsstuhl und drückt es an sich. Sie zögert, bevor sie meine zweite Frage beantwortet. “Ich wollte einfach nur weg!”
Das ergibt Sinn. “Und dann warst du ein bisschen weg.”
Ranuk weint beinahe, aber hält es dann doch zurück. Ihre Finger dringen durch das Kuscheltier. “Ich habe Angst, dass ich ganz verschwinde”, flüstert diese sich piepsig überschlagende Kinderstimme.
“Dann brauchen wir für dich einen Anker in dieser Welt”, sage ich.
“Ich mag aber auch, manchmal durch Wände gehen zu können.” Ranuk macht sich ganz klein, als wäre das etwas Unerhörtes.
Ich lächele. “Das ist ziemlich cool, oder?”
Das Lächeln steckt Ranuk an und ihr Körper entspannt sich ein wenig. “Ja, schon!”
“Dunkle Magie hat manchmal auch was Reizvolles”, erkläre ich. “Aber es wäre wichtig, dass du es kontrollieren kannst. Kannst du das?”
Ranuk schüttelt den Kopf. “Muss es gar nicht weggeheilt werden?”
Ich seufze und setze mich endlich ihr gegenüber hin. “Glaubst du, dass es noch geheilt werden kann?”
Ranuk sitzt da, als hätte ein Schock sie getroffen. Vielleicht hat sie noch nie darüber nachgedacht, dass die Möglichkeit bestehen könnte, dass sie unheilbar krank ist. Aber sie ist schnell wieder gefasst. Ihre Finger streicheln das Schaf und sie scheint gar nicht zu merken, dass sie es wieder kann. “Was, wenn nicht? Wird es mich verschlingen?”
Ich schüttele den Kopf, obwohl ich mir nicht so sicher dabei bin. “Menschen können lernen, sich mit ganz verschiedenen Krankheiten zu arrangieren und damit leben zu lernen. Du müsstest allerdings nicht ganz verschwinden wollen.”
Ranuk wird wieder durchsichtiger, dieses Mal so sehr, dass ich die Lehne des Stuhls durch sie hindurchsehen kann und das Schaf ihr durch die Hände gleitet. Es bleibt auf dem Stuhl liegen, an derselben Stelle, wo auch Ranuks Oberschenkel ruhen.
“Du willst manchmal schon eigentlich ganz verschwinden, richtig?” Ich spüre Angst in mir aufsteigen, die ich sorgfältig betrachte, damit sie mich nicht überwältigt. Ich möchte den Moment nicht erleben, in dem ich Ranuks Mutter mitteilen muss, dass sich ihr Kind in meiner Praxis in Nichts aufgelöst hat. Es mag ein egoistischer Gedanke sein, aber die Idee dieser Situation in meinem Kopf lässt das kalte Grauen unter meiner Haut entlangfließen.
“Manchmal schon.” Ranuks Augen werden feucht. Zu ihrer eigenen Überraschung wird sie stofflicher und pflückt das Schaf aus ihrem Körper, bevor es darin feststecken könnte.
Ich weiß nicht, ob das passiert wäre. Die Vorstellung belustigt mich unpassender Weise einen Moment.
“Und für diese Momente müssen wir einen Anker suchen, an dem du dich festhalten kannst”, wiederhole ich.
Wir haben lange geredet und nach etwas gesucht. Am Ende hat Ranuk das Schaf mitgenommen. Aber dass es nicht in jeder Situation ausreichend stützen kann, konnte ich schon in der Sitzung beobachten. Immerhin konnte ich Ranuk am Ende der Sitzung im Arm halten und sie konnte weinen.
Mit ihrer Mutter habe ich auch noch einen Moment geredet. In unserem nächsten Termin möchte ich mit ihnen beiden zusammen reden.
Wenn ich es mir recht überlege, besteht ein großer Anteil meiner Behandlung in therapeutischen Gesprächen. Meine derzeitige Vermutung ist, dass Menschen mit psychischem Leid anfälliger für Infektionen mit dunkler Magie sind, und es daher ihrer Krankheitsabwehr hilft, ihre Psyche zu stabilisieren. Ich vermute, eine Psychotherapie würde ihnen eigentlich sehr helfen. Aber leider bin ich dafür nicht ausgebildet. Überhaupt gibt es diesen Beruf seit mehr als hundert Jahren nicht mehr auf diesem Planeten, und ich weiß nicht, warum. Es ist meine Absicht, das herauszufinden, und vieles mehr.
Und der Beruf, den ich wählen musste, um an die Quellen für dieses Wissen zu gelangen, ist ausgerechnet das Schreiben von Schulbüchern nach Verfassungs-Richtlinien, die ich schon eher als Propaganda einschätze. Ich hasse diesen Beruf. Ich mag die Recherche, aber ich hasse, was ich Kindern vorsetzen muss, damit ich sie betreiben darf.
Es wird schon dunkel draußen, als Lorist mich abholt. Ich habe aus einem strategischen Grund noch nicht gepackt: Ich möchte, dass er, während ich packe, in meinem Praxiszimmer aus dem Fenster sieht. Das tut er auch, aber sagt nichts über eine ungewöhnliche Erscheinung.
Ist es vielleicht schon zu dunkel?
Ich trete ans Fenster, aber dort, wo dieser verdammte Vogel den ganzen Tag gehockt und mich beobachtet hat, ist nichts als das nackte Hausdach von Gegenüber. Und irgendwie erschreckt mich seine Abwesenheit mehr als die ständige Präsenz dieses Federviehs.
“Was ist los? Hast du einen Geist gesehen?” Lorist lacht, wird aber sofort wieder ernst. “Entschuldige, das ist nicht lustig, wenn ich bedenke, dass du dir den ganzen Tag Schicksale von Menschen angesehen hast, die womöglich tatsächlich dunkle Geister sehen. Oder fast schon sind.”
Ich nehme wortlos meine Arzttasche und verlasse die Praxis.
Lorist folgt mir. “Bist du mir böse?”
“Nein.” Es kommt schroffer aus meinem Mund, als ich es will. “Nein, bin ich nicht.”
Nachdem ich die Tür verschlossen habe, blicke ich mich gründlich um. Als ich den Krähenvogel auf dem Hausdach gegenüber gesehen habe, wusste ich immerhin, wo die unheilvolle Erscheinung war. Jetzt habe ich das Gefühl, sie könnte überall sein oder mich von hinten angreifen.
Ich sehe einen Schatten auf einer Birke am Rande des Marktplatzes. Aber als ich genauer hinsehe, schweifen die lang herabhängenden Ästchen bloß im feinen Wind und formen Bilder.
“Dir geht es echt nicht gut.” Lorists besorgte Stimme dringt nur schwer in meinen Kopf vor.
Sollte ich ihm trotzdem von meiner Vogelerscheinung erzählen? Ich hatte mir vorgenommen, mit ihm gemeinsam aus dem Fenster zu schauen und zu fragen, ob er die Krähe auch sehen kann. Aber weil der Vogel da nicht mehr war, werde ich entsprechend auch nicht herausfinden können, ob er nur für mich sichtbar ist. Was für Erkenntnisse kann es mir bringen, wenn ich ihm meine Sinneswahrnehmung anvertraue, wenn wir sie nicht prüfen können?
Ich merke, wie mir die Angst die Sinne raubt. Ich fühle mich, als ob ich nur durch einen Tunnel hindurchdenken kann und nicht im Stande bin, zu greifen, was ich eigentlich will, oder was überhaupt Sinn ergibt.
Was Sinn ergibt.
Was Sinn ergibt, wäre – darauf habe ich mich eigentlich trainiert – mich genau so zu behandeln wie meine Patient*innen. Sprich: Mich trösten zu lassen. Und das ist scheiße hart.
“Mir geht’s beschissen”, sage ich. Viel zu leise. Ich hole tief Luft und versuche es erneut: “Mir geht es richtig schlecht!” Aber irgendwas in mir hat noch zu viel Angst, Jorist dieses Gefühl einfach offen entgegenzuschleudern, und hält es in mir gefangen. Er hat es nicht verdient. Kalt kriecht es unter meiner Haut.
“Was ist denn passiert?”, fragt er.
Wir kennen uns noch nicht so lange. Wir haben vor ein paar Monaten herausgefunden, dass er seinen Laden auf dem Andertmarkt ganz in der Nähe meiner Praxis hat, und dass wir den gleichen Heimweg haben. Zumindest ist sein Heimweg Zweidrittel von meinem. Seitdem begleitet er mich an meinen Praxistagen, also zweimal in der Woche, bis zu seinem Haus, was mir sehr guttut. Denn ich habe es nachts im Dunkeln nach einem langen Tag in der Praxis nicht selten mit der Angst zu tun.
“Der letzte Fall hatte es in sich.” Eigentlich weiß ich nicht, was ich erzählen soll. Ich fange einfach irgendwo an und hoffe, dass ich bald etwas gegriffen kriege, was ein Ventil öffnet, sodass ich loslassen kann. “Ein Kind. Ich hoffe, ich sehe sie nochmal wieder.” Meine Stimme bricht.
Lorist nimmt mich in den Arm. Er riecht nach Kiefernholz. Er verkauft wertvolle Möbel in seinem Laden. Er arbeitet mit verschiedenen Holzsorten, die hier auf der Esde nicht heimisch sind. Kiefer riecht am meisten durch.
Er streichelt mir über den Rücken, aber ich spüre es kaum. Ich will nicht, dass Ranuk verschwindet. Ich will … ich will, dass die ganze Welt verschwindet!
Ich erschrecke mich vor diesem Gedanken und versuche schnell, etwas anderes zu denken. Konkret dieser Gedanke ist gefährlich.
“Ich will, dass es aufhört”, flüstere ich.
“Das kann ich verstehen. Ich auch.” Florist streichelt mir immer noch über den Rücken.
Es fühlt sich seltsam an. Als wäre es ein Schauspiel.
Aber ich tue ja auch nur so, als würde ich fühlen. Ich tu’s gar nicht. Noch nicht so richtig.
“Ich glaube, ich bin nicht so gut im Trösten.” Florist seufzt.
Ich ziehe mich aus der Umarmung heraus und gehe still neben ihm her durch die Dunkelheit der Stadt. Ich bin zunächst einen Moment sehr wütend auf ihn. Ich weiß, dass er es nicht verdient hat, aber ich bin wütend, dass er sich nicht traut, etwas zu tun, was er eigentlich tun möchte. Und ich weiß nichtmal, was es ist.
Ich atme tief und merke als nächstes, dass es mir doch etwas leichter um die Brust ist. Mir geht es besser. Übergangslos beschließt irgendwas in mir, dass es an der Zeit ist, über meine Interessen zu reden. “Ich habe zuletzt viel über Geld-Währungen gelesen. Auf der Erde gab es lange Währungen, die an sich wertlos waren. Sie waren nur kompliziert zu fälschende Zettel, für die ein Gegenwert in Form von Gold in der Bank lag. Man hat also dann statt mit dem Gold mit den Zetteln bezahlt und so getan, als wäre es Gold wert. Irgendwann ist alles aus dem Ruder gelaufen und die Sache mit dem Gegenwert hat nicht mehr funktioniert, aber am Anfang war das das Prinzip.”
Lorist lacht laut und es schallt durch die ruhige Gasse, durch die wir gerade spazieren. “Du bist unverbesserlich! Gerade dachte ich noch, du erzählst mir gleich, du wärest selbst infiziert und nun geht es um deine Geschichts-Nerderei! Hast du das in wieder diesem Wikipedia-Buch gelesen?”
Ich grinse erwischt. “Irgendwomit muss man ja die Nacht erhellen. Zumindest in einem drin!”
Aber während ich das sage, sehe ich die Häuser klarer gegen den dunkelgrauen Himmel. Die Krähe sehe ich nirgends und bin mir sicher, dass sie nicht da ist. Tatsächlich bin ich in diesem Moment sicher, dass sie doch nur für mich existiert.
Ich bin verwirrt von mir selbst, weil mich der Gedanke eher ängstigen als beruhigen sollte, während das Gegenteil der Fall zu sein scheint.
“Ich habe auch in einem anderen Buch gelesen, aber das Wikipedia-Buch fasst es einfach gut zusammen!”, schwärme ich. “Es ist so ein beeindruckendes Gefühl: Dieses Buch wurde vermutlich von mehr Menschen geschrieben, als heute überhaupt leben! Ist das nicht cool?”
Lorist geht nicht darauf ein. Er hat im Gegensatz zu mir keinen Zugang zu einer Wikipedia-Buch-Ausgabe, aber Geschichtsbücher, die auch er in der Schule gehabt hat, geben oft dieses Buch als einzige Quelle an. “Gab es dieses Papiergeld schon im Mittelalter oder erst in der Endzeit?”, fragt Lorist. “Im Raumschiff gab es dann keins, oder?”
“Im Raumschiff gab es keins”, bestätige ich. Die andere Frage war nicht, was ich recherchiert habe, aber am Rande habe ich dazu gelesen. “Im Mittelalter waren als Währung noch echte Goldmünzen verbreitet. Das ist etwas vereinfacht, aber ich bin nicht in den Details drin.”
Lorist holt eine Mutter aus seiner Tasche und spielt mit ihr zwischen den Fingern herum. “Vielleicht wäre der Andert in Münzform sogar praktischer, aber ich muss gestehen, ich mag dieses Design.”
Ich kichere. “Ich auch. Und ich mag, dass die Muttern, als Originale aus dem Raumschiff eben, verschieden groß, aber alle gleich viel wert sind.”
“Man könnte zehn größere zusammenschmelzen und elf kleinere erstellen. Gießt man Muttern? Oder werden sie gepresst?”, überlegt Lorist und steckt seinen Andert wieder ein.
“Könnte man. Aber macht man nicht.” Ich fühle, dass ich den Faden, den ich verfolgen wollte, völlig verloren habe. “Ich frage mich, warum?”
“Weil wir hier alle so ehrlich sind!”, scherzt er. Aber dann stellt er doch ernsthafte Überlegungen an. “Ich denke, es ist nicht so einfach, das zu tun. Man bräuchte dafür ziemlich viel Raum und Hitze und Maschinen, das würde vielleicht auffallen.”
“Hmhm”, stimme ich zu. “Könnte sein.”
“Ich glaube, wenn es eine Fabrik gäbe, die Muttern in Münzen umformt, wäre das Risiko größer, dass was gefälscht wird”, überlegt er weiter. “War das das, worauf du hinaus wolltest?”
Ich kichere verzweifelt. “Nein, gar nicht! Aber es war auch interessant.”
“Worauf wolltest du hinaus?”
“Ich finde den Andert interessant im Vergleich zu sowohl Papiergeld als auch zu Goldmünzen”, sage ich, “weil er selber wertvoll ist, anders als Papiergeld, weil die Eisenmuttern die Restbestände aus dem Raumschiff sind und daher endlich. Aber es besteht auch kein Bedarf, auf Papier zu wechseln, weil Eisenmuttern nicht als Schmuck zweckentfremdet werden.”
“Hm.” Lorist wirkt einen Moment nachdenklich. “Ich sehe schon manchmal Leute mit Muttern als Schmuck herumlaufen.”
“Gold war als Schmuck sehr beliebt! Das haben viele getragen.” Ich merke, wie mein Enthusiasmus mich zu einer übertriebenen Aussage verleitet hat, und korrigiere mich. “Zumindest einige.”
“Ich glaube trotzdem nicht so recht, dass das der Grund ist, warum auf Scheine gewechselt wurde.” Lorist holt den Andert doch wieder aus der Tasche und betrachtet ihn. “Eher, was ich vorhin meinte: Du magst am Andert, dass die Muttern verschieden groß sein können. Aber wenn Münzen geprägt werden, vermute ich mal, müssten die Münzen identischer werden. Ich denke, in den Goldmünzen musste das Gold darin rein und geeicht sein, weil sonst wirklich Leute anfangen zu fälschen. Das Gold verdünnen oder so.”
Wir sind an Lorists Haus angekommen und bleiben vor seiner Tür stehen. Ich muss ihm recht geben. Das ist eine gute Argumentation. Aber zugleich wirkt sie, als könnte ich sie gerade nicht richtig greifen und die Dunkelheit schleicht sich wieder tiefer in die Nacht. Sie dringt in meine Gedanken. “Das ist ein guter Gedanke.”
Lorist nimmt mich kurz zum Abschied in den Arm.
Als er mich loslässt, fühle ich mich verloren. Mir ging es bis gerade besser, aber ich weiß, sobald ich alleine bin, wird die Angst zurückkehren. “Lass mich heute nicht allein!” Die leise Bitte ist mir entwischt, bevor ich sie aufhalten kann.
Lorist nimmt meine Hand in seine. “Tue ich nicht.”
Mehr sagt er nicht. Er schlägt einfach die Richtung ein, in der ich wohne, und wir gehen auch den Teil des Wegs zusammen.
Ich merke, dass ich angefangen habe zu weinen. Lorist merkt es nicht. Ich bin so gerührt davon, dass dieser Mann nach so wenigen Monaten Bekanntschaft so sehr für mich da sein möchte.
“Ich habe das Bedürfnis, klarzustellen, dass ich dich einfach nur nach Hause bringe, weil du Angst hast”, sagt er. “Weil du das möchtest, oder brauchst. Nicht, weil ich was von dir will. Da steckt keine romantische Absicht oder Hoffnung hinter.”
Wenn ich vorhin noch Wut auf ihn hatte, ist sie spätestens jetzt verflogen. Das fühlt sich groß an. “Danke. Ich … danke. Ich habe mich selten so sicher gefühlt.”
“Das macht mich froh!” Das Lächeln auf seinem Gesicht kann ich selbst in der Dunkelheit ausmachen.
Meine Wohnung liegt im inneren Kreis der Stadt, also nicht mehr in der Andertstadt, und kostet deshalb Miete. Alle Räume und Wohnungen in der Anderstadt werden planwirtschaftlich vergeben. Die Wohnungen im Zentrum, die um das Raumschiff herum oder in selbiges hineingebaut worden sind, kosten zwei bis fünf Deuts in der Woche. Deuts erhält man vom Staat über ein Vertrauenspunktesystem. Wenn man Regierungsarbeit macht, findet regelmäßig eine Vertrauensbewertung durch den Ethikrat und die Verfassungsprüfung statt. Ich bekomme Punkte, wenn meine Ethik dem Ethikrat verfassungskompatibel erscheint und wenn meine eigene Verfassung in einem ausreichend gutem Zustand ist, also im Prinzip, wenn ausgeschlossen ist, dass ich mit irgendeiner Person in Kontakt gekommen wäre, die mit dunkler Magie inviziert ist, geschweige, wenn ich es selbst wäre.
Mein Geständnis an Jastus, dass ich Andertärztin für dunkle Magie bin, war deshalb sehr heikel. Jastus als langjähriges Mitglied des Stadtschutzes müsste mich eigentlich verraten. Mit dieser Zweitidentität dürfte ich niemals auch nur in die Nähe der Prüfer*innen treten. Aber ich vertraue ihr.
Aktuell erhalte ich zwei Deuts in der Woche und kann für mich und meinen Papa eine Wohnung am Rande des Zentrums mieten. Beziehungsweise, ich muss, wenn ich ernstgenommen werden möchte. Ich hoffe, dass sich der ganze Quatsch ausgezahlt haben wird, wenn ich morgen das erste Mal das Raumschiff betreten darf.
Ich verabschiede mich von Lorist und steige die drei Stockwerke hinauf. In dem Moment, in dem die Tür unten ins Schloss fällt, fühle ich mich allein. Und bedroht. Aber es würde mich wundern, wenn die Krähe ins Treppenhaus gelangt wäre, selbst dann, wenn sie nur eine Vorstellung ist. Und trotzdem habe ich Angst vor jedem dunklen Winkel, in dem ich nicht erkennen kann, was dort lauern könnte.
Meine Finger zittern, als ich den Schlüssel versuche, ins Schloss zu stecken. Er fällt mir aus der Hand und landet mit einem unwirklichen Holzklirren des Waldes auf dem Boden. Das Haus ist aus Waldholz gebaut, wie die meisten Häuser in der Stadt. Das ist im Zentrum nicht anders als in der Andertstadt. Lorist hat seines aus Eichenholz gebaut und manchmal frage ich mich, ob ihn das vor dunkler Magie schützt.
Papa öffnet die Tür, als ich den Schlüssel aufhebe, und ich bin so erleichtert, das warme Licht aus der Wohnung ins Treppenhaus fluten zu sehen. Es riecht nach Eintopf. Ich freue mich auch, endlich was in den Magen zu bekommen. Auf Papas Kochkünste kann ich mich verlassen.
Nur Minuten später sitzen wir am Tisch in der Wohnküche und essen gemeinsam. Papa fragt, wie mein Tag war. Ich versuche, optimistisch zu klingen. Ich möchte nicht, dass er sich sorgt. Aber seine altvertraute, warme, tiefe Stimme tröstet mich trotzdem.
Im Bad fülle ich das Gläschen von Jastus mit Leitungswasser wieder auf, damit sie es für mich kommende Nacht durchleuchten kann. Jastus freut sich sehr, etwas beisteuern zu können. Ich stelle es vorübergehend auf die Ablage unter dem Badfenster ab.
Aber während ich meine Zähne putze, ergreift mich blanke Wut darauf. Ich liebe Jastus, das steht außerfrage. Aber das Wasser hat maximal einen Placebo-Effekt. Ich weiß es eigentlich. Es ist schön, dran zu glauben, ergibt auch beinahe Sinn, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es einfach nur Wasser ist und bleibt.
Immerhin tue ich meinen Patient*innen damit nichts Gefährliches an. Aber ich wünschte, ich hätte ein effektives Mittel und würde nicht ein Drittel meiner Behandlungszeiten mit Lügen verbringen, damit es den Leuten besser geht. Ich wünsche mir, meine Freundin nicht anzulügen. Ich wünsche mir, dieses Fläschchen hätte es nie gegeben, denn jetzt kann ich damit nicht mehr aufhören.
Ich spucke aus und spüle mir den Mund, und als ich wieder aufsehe, ist das Fläschchen verschwunden. Dort, wo es war, wabert etwas Dunkles, Schwarzes im Raum. Mein Magen zieht sich zusammen, als hätte ich in ihm auch ein Nichts erzeugt.
So etwas ist mir vor ein paar Monaten das erste Mal passiert und seither nicht wieder. Scheiße. Das ist nicht gerade der beruhigendste Auswuchs dunkler Magie. Um genau zu sein habe ich diese Form bei meinen Patient*innen noch nie gesehen.
Ich schließe resigniert die Augen. Öffne sie wieder. Schiebe meinen Ärmel hoch. Unter der Haut bewegen sich dunkle Linien wie Tinte. So viele. Ich schließe die Augen wieder und lehne mich gegen die Wand. Ich fühle die schwarze Kälte unter der Haut fließen. Ich habe es den ganzen Tag schon gespürt, aber wollte es nicht wahrhaben. Plötzlich bricht es einfach aus mir heraus und ich fange still an zu weinen. Das ich inviziert bin, weiß ich schon lange, aber bisher habe ich das Wochenende immer nutzen können, um mich für die Woche zu erholen. Diesmal ist es Montag und es fühlt sich an, als würde mich das Dunkel kalt von innen einschnüren. Meine Gedanken fühlen sich an wie nasse Würmer, die ich nicht ganz im Griff habe.
Papa klopft. “Alles in Ordnung bei dir?”
Ich werfe ein kleines Handtuch über die Stelle, an der das schwarze Loch wabert. Ich rechne halb damit, dass das Tuch darin verschwindet, aber stattdessen legt es sich darüber, als wäre darunter nur die harmlose Ablage. “Ja! Ich brauche noch ein bisschen!”
“Ich bin da für dich”, antwortet Papa.
Er hat das Weinen gehört. Die kühlen Würmer unter der Haut regen sich deshalb unangenehm. Das Gefühl raubt mir für einen ausgedehnten Moment vollständig die Fähigkeit, zu denken und ich stehe einfach nur da.
Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen ist, als ich mich und meine Gedanken wieder bewegen kann.
Ich nehme das Handtuch von der Ablage, beuge mich vor und betrachte den Schaden. Das schwarze Loch ist verschwunden. Das wertvolle Gläschen ist fort. Und in der Ablage fehlt ein Stück, als hätte ich dort einen Feuerball hindurchgebrannt.
Ich greife nach dem Blumentopf, der links vom Fenster steht, um das Loch damit erstmal vor Papa zu verbergen, nicht wissend, wie das lange gutgehen soll, aber als ich dabei den Kopf anhebe, blicke ich direkt in ein schwarzes Krähenauge. Das Tier ist riesig. Es hat die schuppigen Krallen, die dick wie meine Finger sind, um die Fensterbank gebogen. Der spitze Schnabel ist auf mich gerichtet. Es mustert mich von oben herab, und dann spannt es die riesigen Flügel, streift damit meine Wange, und lässt sich nach hinten in die Tiefe fallen.
Ich berühre meine Wange mit den Fingern. Dort, wo die Federn sie berührt haben, fühle Tod und Verwesung unter meiner Haut. Mein ganzer Körper zittert, als ich die Fensterläden für die Nacht schließe.
Wie ich nach dieser Begegnung noch schlafen soll, ist mir ein Rätsel.