Ein unerwarteter Anruf

Der vierte Tag der Woche, Mandostag, überlegte Myrie, würde wohl ihr Lieblingswochentag werden. Sie war morgens motiviert genug, schon früh aufzustehen, und mit der Wandergruppe loszuziehen. Die Gruppe war kleiner als beim letzten Mal. Merlin war dabei, aber weder Ponde noch Daina. Ihr Lieblingsork Olge und die zwei Lobbuds waren da, der Zwelb aber nicht.

Die zwei Lobbuds waren offenbar gut befreundet und unterhielten sich beim Wandern, Olge ging allein, immer etwas vor oder hinter der Gruppe, und Myrie lief neben Merlin, der guter Stimmung war und vor sich hinsummte. Er konnte sehr gut summen, fand Myrie. Es klang warm und freundlich.

Heute stiegen sie einen Pfad entlang, der sich am Waldrand entlang um den Berg schlängelte. Er gefiel Myrie sehr gut. Ab und an war er komplett von dichtem Wald umgeben. An einigen Stellen führte er an einem Bach entlang, und manchmal brach er aus den Bäumen hervor und sie hatten freie Sicht auf den hohen Berg, der sich neben ihnen in den Himmel erstreckte. Es war der einzige Berg weit und breit, und ein besonders hoher. Amon Krknschnock erklärte ihnen, dass es nur einen sehr steilen Pfad bis nach oben gab, der auch an zwei Stellen so senkrecht war, dass man das Erklimmen dort eher als klettern als als wandern bezeichnen würde, und dass sie bedauerlicherweise niemals während der Wanderstunden ganz hinauf klettern würden, weil es einfach zu lange dauern würde.

“Irgendwann würde ich gern mal da oben raufklettern und runterschauen.”, sagte Merlin sehnsüchtig zu Myrie.

“Wirklich?”, fragte Myrie. Es überraschte sie etwas. Merlin hatte nie zuvor davon erzählt, dass er gern klettern würde. Aber auf der anderen Seite war er auch hier in der Wandergruppe.

“Ja, wirklich. Ich genieße auch gern mit Fadja die Aussicht von Bergen. Und du und sie habt beide gesagt, in der Realität sei es durch so eine Art Nebel anders als in den meisten Virtualitäten. Außerdem stelle ich es mir unglaublich schön vor, so eine Aussicht zu haben, nachdem man sich die Höhe durch Körperarbeit errungen hat.”

“Das ist es. Es ist sehr entspannend, dieses Ausruhen und Schauen.”, bestätigte Myrie.

“Siehst du diesen dunklen Fleck auf dem Berg ganz oben?”, Merlin deutete auf die Bergspitze.

Myrie schaute dem Arm entlang nach oben und suchte den Berg ab. Ihr fiel oft schwer zu finden, was andere zeigten, aber Merlin hatte Geduld und beschrieb den Ort sehr genau.

“Das könnte vielleicht ein Felsspalt oder eine Höhle sein.”, überlegte Myrie.

“Ja, das habe ich auch gedacht. Dort würde ich gern mal eine Nacht verbringen, glaube ich.”, sagte Merlin.

“Oh, dann solltest du dir einen warmen Schlafsack zulegen. Das ist sicher sehr kalt in der Nacht da oben.”, sagte Myrie. Dann fiel ihr ein: “Oh, ich habe ja meinen Schlafsack im Wald gelassen. Ich denke, ich bestelle eben einen neuen.”

Myrie kam sich albern vor, dass gerade gesagt zu haben und dann gleich mit Omantra zu sprechen, und überlegte schon, ob sie das Bestellen einfach im Kopf behalten würde, bis sie wieder in der Schule war, doch wieder half ihr Merlin aus diesem unangenehmen Gefühl heraus.

“Bestellst du mir einen mit?”, fragte Merlin, und so fiel es Myrie leichter.

“Omantra, ich würde gern zwei neue Schlafsäcke geliefert bekommen. Einen für mich, und einen für Merlin. Von der gleichen Sorte, wie die letzten.”

“Darf ich von Merlin oder Merlins KI seine Größen übermittelt bekommen?”, fragte Omantra.

“Darf sie deine Größen von dir oder deiner KI bekommen?”, fragte Myrie.

“Ja. Von meiner KI.”, sagte Merlin.

Myrie fragte sich, ob diese Zustimmung reichte, oder ob er seine Lern-KI dabei haben müsste. Aber Omantra erklärte ihr, dass das nicht nötig sei. Omantra hatte eine Aufnahme der Konversation gemacht, die sie an Merlins Lern-KI zur Autorisierung schicken konnte. Das hatte dieser gereicht, um die Größen zu übermitteln. Sie würden das Paket am Lantag Abend bei ihrer Abreise bekommen. Es würde mit dem Zug geliefert werden, der Myrie am Lantag nach Hause bringen würde. Sie würde sich ihren Schlafsack im Zug vor der Abfahrt aus der Lieferkiste entnehmen können, während Merlins dann zur Schule hinaufführe, der über das Wochenende dort bleiben würde.

In diesem Augenblick brach die Sonne hinter dem Berg hervor und tauchte alles in helleres Licht. Die Luft war so herrlich feucht und kalt, die Bäume warfen nun lange Schatten und der Berg wirkte dunkler.

“Aber noch müssen wir da wohl warten, bis wir da hochsteigen können, schätze ich. Ob mit Schlafsack oder ohne. Noch dürfen wir nicht selbst loswandern. Vielleicht führt ja mal ein Wochenendausflug dahin.”, überlegte Merlin.

“Oder wir fliegen durch einen anderen Unfug von der Schule. Dann dürfen wir.”, fügte Myrie hinzu. Sie dachte an Daina, und dass ihre Aktionen in der letzten Unterrichtsstunde sicher nicht erlaubt gewesen waren.

Merlin hob die Brauen und sah sie an. “Planst du was?”, fragte er herausfordernd.

“Nein!”, sagte Myrie hastig.

“Also meinst du eher spontanen Unfug?”, überlegte er weiter. “Aber dann sollten wir darüber vielleicht jetzt nicht beratschlagen, sonst wäre er nicht mehr spontan.”


Der Unterricht an diesem Tag bestand aus Mathematik bei Henne Lot, Physik bei Ara Seefisch, die sie beide seit ihrem gemeinsamen Gespräch nach ihrer Flucht lieb gewonnen hatte, und nach der Mittagspause Literatur bei Lyria Rune. Sie las ihnen Geschichten vor über die sie hinterher sprachen. Passend zum Geschichtsunterricht fing Lyria Rune mit der ersten aufgeschriebenen Version der Ringkönig-Chroniken von Joronalda Tollkühn an. Ursprünglich waren es wohl ein loser Haufen Einzelgeschichten gewesen, die aber inhaltlich vage aufeinander aufbauten, und durch Wiedererzählen einige Jahrhunderte weiter gegeben wurden. Joronalda Tollkühn hatte sie erstmals gesammelt, sie in eine bis auf Weiteres chronologische Reihenfolge gebracht und etwas ausgeschmückt. Ihr Werk bestand zwar immer noch aus einer Reihe an einzelnen Kurzgeschichten, aber der Zusammenhang zwischen diesen war so deutlich besser ersichtlich, und es war eben die erste aufgeschriebene Form.

Aus diesem Werk las ihnen Lyria Rune in dieser Literaturstunde die erste Kurzgeschichte mit ihrer wundervollen Erzählstimme vor. Sie rollte das r, aber verschliff es gleichzeitig mit etwas, was wie ein l klang. Myrie konnte es nicht nachahmen und wusste auch nicht, wie sie es hätte besser beschreiben können, aber es klang wunderschön. Sie saß in diesem Unterricht still und mit geschlossenen Augen da und genoss, während Lyria Rune las.


Der Nachmittag war wieder frei. Myrie ging wie am Tag zuvor auf dem Schulgelände und im Schulgebäude spazieren, um es besser kennen zu lernen. Anschließend organisierte sie sich wieder einige Frühstücksstäbchen um sie dann auf ihrem Bett zu verspeisen, während sie die Gebärdensprache weiter erlernte. Inzwischen konnte sie schon einige Sätze damit erzeugen, aber noch war sie weit davon entfernt, sinnvoll kommunizieren zu können.

Auch dieses Mal, als sie das Zimmer betrat, erzeugte Merlin angenehme Klänge und Melodien. Da der Unterricht heute keinen EM-Anzug erfordert hatte, trug sie gar keinen und sie fragte sich kurz, wie sie die virtuelle Stange benutzen könnte, ob sie sich dafür erst umziehen müsste. Dann fielen ihr die Handschuhe ein, die sie ja noch hatte. Sie streifte sie über, hoffte, dass sie ausreichen würden, und hatte Glück. Sie schwang sich hinauf und verkroch sich in die Ecke, wo sie ruhig vor sich hinübte und zu Abend frühstückte.


Am nächsten Vormittag hatten sie zunächst das Erdkunde ähnliche Fach Terrestik bei Lalje Brock, dem Lobbud, der bereits Modellieren unterrichtet hatte. Der Unterricht war überraschend spannend. Sie sprachen über die Entstehung der Berge und über Gesteinsschichten. Lalje Brock hatte sogar Steine mit in den Unterricht gebracht. Myrie überlegte, dass Lalje Brock wahrscheinlich sehr interessiert an Steinen sein musste und wohl deshalb Brock hieß.

Sie hatten anschließend eine zweite Stunde Biologie bei Julov Floster, die eben so langweilig war, wie seine erste und anschließend den Unterricht, auf den Myrie am zweitgespanntesten gewesen war: Geschöpfe.

Amon Krknschnock empfing sie wieder vor dem Schulgebäude um mit ihnen ein Stückweit in den Wald zu gehen. In diesem Unterricht waren sie nur zu sechst und Myrie freute sich ziemlich, als sie überrascht feststellte, dass sie alle Namen kannte. Außer ihr waren Merlin, Hermen, Daina, Sarina und Ponde da.

“Oh, ich kenne ja schon einige von euch!”, freute sich Amon Krknschnock und lächelte Merlin und Myrie an. “Einige Tapfere unter euch haben gestern morgen schon einen Morgenspaziergang mit mir gemacht. Nun, dennoch ist es sicher gut, wenn wir uns noch einmal einander vorstellen. Für die, die mich schon kennen, und meinen Namen vergessen haben, ich bin Amon Krknschnock, und für die Neuen unter euch, und die, die vergessen haben, dass sie mich überhaupt je gesehen haben, ich bin Amon Krknschnock.”

Er machte eine Pause zum Luftholen.

“In diesem Unterricht ist es, anders als beim Wandern, jedoch wichtig,”, fuhr er dann fort und er klang ernst dabei, was er bislang selten tat, “dass ihr mich nicht Krknschnock nennt. Das Aussprechen von harten und zischenden Lauten erschreckt die Tiere. Wir müssen gleich auch noch schauen, welche von euren Namen wir nicht nehmen dürfen. Nennt mich einfach Amon.”

Dann ging er die Namen der anderen durch, aber er war mit allen Namen einverstanden. Nur bei Ponde und besonders bei Sarina hatte er länger darüber nachgedacht.

“Nun, ich dachte, wir nehmen bis zum Winter vornehmend Geschöpfe durch, die von den meisten als besonders niedlich wahrgenommen werden. Folgt mir bitte in den Wald.”


Anders als beim Wandern, sang er nicht, als sie sich in den Wald hineinbegaben, und war insgesamt darauf bedacht, nicht so viele Geräusche zu machen. Er sprach vereinzelt einige der Lernenden an, wie sie vermeiden konnten, zu Knacksen, oder dass sie nicht laut sprechen sollten.

Sie hatten an der Stelle den Wald betreten, an der Merlin und sie den Wald mit Henne Lot verlassen hatten. Ein schmaler Waldweg führte dort hinein und zwischen den Bäumen entlang zum Haus der Muhme. Sie erwartete die Gruppe, an ihrer Seite eine wollige Schnuge. Myrie hätte erwartet, dass die anderen entzückte Geräusche von sich geben würden, oder wenigstens einige. Das war bislang in ihren spärlichen Lerngruppenerfahrungen der Fall gewesen, wenn Lernende niedliche Wesen sahen, wie diese Schnuge. Aber niemand gab einen solchen Laut von sich. Als Myrie sich umsah, konnte sie aber doch feststellen, dass ihre Mitlernenden eher begeistert als gelangweilt aussahen. Sogar Hermen sah staunend aus, bis er merkte, dass Myrie ihn beobachtete, dann wurde sein Blick wieder zu seinem gewohnten, den Myrie als überheblich empfand.

“Das ist eine Schnuge. Schnugen sind wollige Tierchen, die einen guten Orientierungssinn haben und ziemlich schlau sind, zumindest in mancher Hinsicht. Eigentlich sind sie so scheu, dass wir nur schwer eine zu Gesicht bekommen könnten, wenn wir nicht eine einfingen. Und wir fangen keine Geschöpfe! Aber der Muhme”, – Amon Krknschnock deutete auf die Muhme –, “ist es gelungen durch viel Rücksicht und Freundlichkeit eine Herde Schnugen für sich einzunehmen, die nun mit ihr befreundet und weniger scheu ist. Über Schnugen wollen wir auch noch reden, aber heute nehmen wir ein anderes Waldgeschöpf dran.”, sagte Amon Krknschnock leise und fügte hinzu: “Ich werde nun ein wenig mit der Muhme sprechen. Sie ist stumm, daher werde ich das mit den Händen tun.”

Tatsächlich hob er nun beide Hände und machte mit ihnen Zeichen, und die Muhme antwortete in derselben Weise. Myrie stellte schnell fest, dass sie eine andere Gebärdensprache lernte, bei der nur eine Hand genutzt wurde, aber einige Gesten kamen ihr bekannt vor und unwillkürlich machte sie eine davon nach. Sie bedeutete Haus. Die Muhme hielt inne und richtete den Blick auf Myrie.

“Haus? Willst du mir etwas sagen?”, fragte Omantra zeitgleich in ihrem Ohr.

Das waren zu viele Anfragen auf einmal und Myrie fühlte sich überfordert. Die Muhme machte nun einige Gebärden nur mit einer Hand, während sie Myrie ansah, aber Myrie war das alles viel zu schnell. Sie lernte ja auch die Gesten zu machen und nicht sie zu lesen. Sie formte die Geste für ‘nein’, um wenigstens Omantra zu antworten. Und die Muhme wandte sich wieder an Amon Krknschnock, der sich auch zu ihr umgedreht hatte.

“Die Muhme fragt, ob du eine einhändige Gebärdensprache lernst.”, gab er dann an Myrie weiter.

Sie nickte ängstlich.

Wieder kommunizierten die Muhme und Amon Krknschnock miteinander.

“Sie bietet dir an, mit dir zu üben.”, gab Amon Krknschnock weiter. “Sie würde dich dazu zu festen Zeiten vom Schulgelände aus abholen.”

Das klang nett. Weniger, weil Myrie Lust gehabt hätte, noch eine interaktive Unterrichtseinheit in ihnen Stundenplan zu bauen, oder weil es sie das Kommunizieren geübt hätte, sondern weil sie auf diese Weise mehr Zeit außerhalb des Schulgeländes verbringen würde.

Aber wann hätte sie Zeit dazu? Myrie versuchte sich panisch ihren Stundenplan ins Gedächtnis zu rufen, und fragte sich dann gleichzeitig eindringlich, ob sie das wirklich so nett fand. Eigentlich schon, aber es hieß auf der anderen Seite auch nicht, dass sie frei neues Gelände erkunden konnte, und sie hätte weniger Zeit allein herumzuschlendern. Aber auf der anderen Seite war es wirklich verlockend etwas runter vom Schulgelände zu kommen und in den Wald hinein, ein bisschen weiter weg von allem. Aber eben nicht allein. Aber vielleicht wäre es okay, wenn sie dabei nicht sprechen musste, zumindest nicht mit Stimme.

“Du musst das nicht jetzt entscheiden.”, sagte Amon Krknschnock. “Vielleicht ist einfach alles noch ein bisschen viel, und du willst das erst später anfangen. Dann komm einfach zu mir und wir klären das.”

Myrie nickte.

Die Muhme führte mit Amon Krknschnock gemeinsam die Gruppe weiter zu einem weiteren Häuschen mit eingefallenen Gipswänden und einem Ziegeldach, oder etwas, was einmal ein Ziegeldach gewesen war. Amon Krknschnock führte sie hinein, und sie mussten sich ganz schön in diesen kleinen Raum hineinquetschen. Es war kaum möglich, niemanden zu berühren, und Myrie fühlte sich überhaupt nicht wohl. Sie sah zu, dass sie in eine Ecke kriechen konnte, wo an einer Seite Wand war und auf der anderen Seite Merlin. Es war kein Zufall, dass er dort war. Er hatte die Panik in ihrem Gesicht gesehen und ihr geholfen, diesen Platz zu finden, stand nun schützend neben ihr.

“Dies ist ein Flederfluff.”, sagte Amon Krknschnock und er sprach nicht extra leise. Nur eben so leise, wie er die ganze Zeit, seit sie in den Wald aufgebrochen waren, gesprochen hatten.

Da er nirgends hinzeigte, wusste Myrie nicht sofort, wo sie hinschauen sollte. Eigentlich gab es hier nicht viel zu sehen, außer der aufgebrochenen Wand, wo Sand herausrieselte, einigen krummen Nägeln, dem Erdboden, denn Dielen oder sonstigen Bodenbelag hatte das Haus nicht, einen Ameisenhaufen in der anderen hinteren Ecke, einigen lose herumliegenden Ästen, einem halb zusammengebrochenem, leeren Holzregal und einem Bett, auf das die gleichen Eigenschaften zutrafen. Und dann sah sie es. In dem Bett lag ein Wesen mit langen, sehr weichen, schwarz glänzenden Haaren oder vielleicht sehr dünnen Federn, das ihr vielleicht bis zur Hüfte gegangen wäre, hätte es gestanden. Es war fast kugelrund. Myrie war sich gar nicht sicher, ob es wirklich so groß war. Eigentlich bestand es nur aus Haaren, die elektrisch aufgeladen schienen und einander gegenseitig abstießen. Fluff war eine sehr treffende Beschreibung, aber das Fleder erschloss sich ihr noch nicht ganz. Myrie fragte sich, wie lang die Haare wohl waren, denn abhängig davon war vermutlich nur ein recht kleiner Teil Tier darin. Allerdings lugten am Fußende des Bettes zwei lange Ohren aus dem Knäuel, und wenn sie genau hinschaute, konnte sie auch einen kleinen Kopf mit ebenfalls langen Haaren sehen. Die Haare das Kopfes ließen irgendwie Raum für zwei dunkelgraue Augenlider, die geschlossen waren. Eine lange Nase schaute aus dem Gesichtshaar heraus, die eine kleine, ledrige, schwarze Spitze hatte.

“Flederflüffe sind Tiere, deretwegen ihr euch überlegen solltet, ob ihr wirklich bei offenem Fenster schlafen wollt. Ihre liebsten Tätigkeiten sind Schlafen und Kuscheln. Sie wechseln etwa einmal am Tag oder in der Nacht den Schlafplatz und schlafen am neuen dann bis zu neun Zehntel des Tages. Sie lassen sich nur sehr schwer überreden, in der Zeit doch noch einmal ihren Schlafplatz zu wechseln. Man kann sie zwar packen und rauswerfen, aber sofern sie irgendeine Möglichkeit haben, kehren sie dann wieder zurück. Sie sind findig dabei, sie können dann auch womöglich durch die Tür kommen. Und lässt man ihnen gar keine Möglichkeit, fangen sie oft bis zu eine Stunde lang an zu Kreischen, und hoffen, dass man den Nerv verliert und sie wieder hereinlässt.”, erklärte Amon Krknschnock. “Aber auf der anderen Seite, haben sie nichts dagegen einzuwenden, wenn in ihrem Bett noch jemand schläft. Manche meiner Lernenden lassen absichtlich abends ein Fenster offen, in der Hoffnung, ein Flederfluff verirrt sich in ihr Bett, mit dem sie dann nachts Kuscheln können.”

“Das lassen wir bitte.”, sagte Hermen an Sarina, Merlin und Myrie gewandt.

Myrie fragte sich, ob er es in Wirklichkeit okay fände, mit einem Flederfluff zu kuscheln, aber ihm das aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen peinlich war.

“Nun, es ist eure Entscheidung, aber als Hilfe der Entscheidungsfindung könnt ihr diesen hier gern anfassen und streicheln.”

Mit diesen Worten trat Amon Krknschnock vor, drehte den Flederfluff leicht zur Seite, und entfaltete ein paar ledrige Flügel auf seinem Rücken. So ergab sich also der andere Teil der Bezeichnung Flederfluff.

“Können sie fliegen?”, fragte Ponde.

“Wenn es nicht regnet, können sie das.”, antwortete Amon Krknschnock, “Bei Regen allerdings saugen sie sich voll und können bloß auf ihren Füßen herumlaufen.”

Er legte auch eins der Füßchen frei, um es ihnen zu zeigen. Dann winkte er Ponde und Daina zu sich, die den Flederfluff vorsichtig anfassten, Ponde deutlich vorsichtiger als Daina. Als nächstes waren Hermen und Sarina dran und zum Schluss Myrie und Merlin. Myrie fühlte sich sehr unbehaglich dabei, vor Publikum ein Wesen zu streicheln oder zu untersuchen, und deshalb berührte sie den Flederfluff zwar mit Neugierde, aber nur so viel wie nötig um eben diese grob zu stillen. Der Körper war in der Tat nicht viel größer als ihr Kopf, eher kleiner, und die Haare allein gaben dem Tier sein voluminöses Aussehen. Sie waren so lang, wie ihr Unterarm und standen einfach überall außer am Kopf senkrecht vom Geschöpf ab. Am Kopf bogen sie sich leicht nach unten. Wenn man genau hinhörte, gab der Flederfluff ein leises, zufrieden wirkendes Brummen von sich, wenn man ihn streichelte, ähnlich wie bei einer Katze, aber viel leiser.


Nach dem Unterricht ging Myrie nicht einmal mehr ins Zimmer sondern direkt zum Bahnhof. Zwar hatte sie noch etwas Zeit, aber sie war viel zu nervös, genau wie bei der Hinfahrt, dass bei der Abfahrt etwas anders laufen könnte als geplant. Und so, obwohl sie die Treppen genommen hatte, musste sie noch fast eine Stunde warten, bis sie der Zug nach Hause fuhr. Der Bahnhof füllte sich erst eine Viertelstunde vor Abfahrt des Zuges allmählich mit Myrie unbekannten Lernenden und Lehrkräften. Nur Julov Floster und den Zwelb kannte sie, aber wollte mit beiden nicht sprechen. Und als der Zug bereits einfuhr erschien Olge noch aus dem Treppenhaus. Aber Olge hatte das erste Mal, als sie sich begegnet waren, so gereizt darauf reagiert, als Myrie bloß geguckt hatte, dass Myrie zu große Angst hatte, Olge anzusprechen, geschweige denn sich auch zu ihr zu setzen. Außerdem waren die Kapseln, die sie nach Hause bringen konnten, nicht die gleichen, wie die, die für Olge passend waren, wie sich herausstellte. Zumindest saß Olge in keiner davon. Es waren dieses Mal nur zwei. In einer der beiden saß eine Person und Myrie setzte sich in die andere leere. Bevor der Zug abfuhr, rollte noch eine Kiste in ihre Kapsel, aus der sie sich ihren Schlafsack nehmen sollte. Dann, als auch diese Kiste den Zug zusammen mit den anderen Bestellungen für die Schule verlassen hatte, fuhr der Zug ab. Myrie bat Omantra, ihr eine halbe Stunde vor dem Ausstieg zu signalisieren, dass es soweit war, setzte sich ihre VR-Brille auf, und übte Gebärdensprache. Im Hintergrund hörte sie leise Musik, die ihr Merlin empfohlen hatte. So verlief die Fahrt, fast wie im Fluge.

In Byrglingen holte ihr Papa sie ab und schloss sie in die Arme. Er schaukelte sie dabei hin und her, was sie halb unterbewusst begonnen hatte und was sie beruhigte.


Sie stiegen gemeinsam die Treppen aus dem Bahnhof empor zur Oberfläche und Myrie schwärmte von dem langen Treppenhaus zum Ehrenberg-Internat, die vom Bahnhof dort empor stiegen. Als sie im alten Holzhaus ankamen, hatte Ahna gerade eine neue Kreation gedruckt und sie aßen gemeinsam. Aber irgendwie war es seltsam anders als früher, fand Myrie. Es war zwar schön, wieder hier zu sein, aber nun, wo sie einmal tausende von Metern weg gewesen war, fühlte es sich beinahe so an, als wäre sie zu Besuch. Sie mochte das nicht. Es fühlte sich etwas fremd an, und wenn das Gefühl nicht wegginge, wie sollte sie sich dann je wieder zu hause fühlen? Denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass das in der Schule der Fall werden könnte.

Da es sehr spät war, ging sie direkt nach dem Essen ins Bett. Sie schlief trotz des seltsamen Gefühls, das auch nicht besser wurde, als sie ins Bett stieg, sehr tief und gut, und war schon im Morgengrauen hellwach. Leise stieg sie aus dem Bett und ging in die Küche, um sich etwas zum Frühstücken in eine Dose zu packen, bevor sie zu einer Morgenwanderung aufbrach.


Der Boden unter den nackten Fußsohlen fühlte sich vertraut an und auch der Geruch des Morgentaus roch nach diesem alt bekannten Ort. Und während sie an der Glukka entlangwanderte, kehrte das Heimgefühl endlich wieder zurück. Sie war glücklich, endlich wieder allein, fernab von Leuten zu sein und sich körperlich auslasten zu dürfen, kaltes Wasser auf der Haut zu spüren, und an ihre Grenzen zu gehen. Auf einem Felsplateau, auf dem sie schon einige Male gerastet hatte, machte sie Halt, und frühstückte, während die Sonne allmählich aufging. Sie legte sich in ihren neuen Schlafsack, weil es noch recht kalt war, und sie ihn ausprobieren wollte, und schaute den Wolken am Himmel zu, einfach so. Nichts trieb sie an, und sie war einfach glücklich.

Sie hatte sicher schon eine Stunde dort gelegen, wenn nicht etwas mehr, und hätte es nicht verkehrt gefunden, wenn sie noch eine weitere dort einfach weitergelegen hätte, doch in diesem Moment spürte sie eine vertraute Wärme an ihrem Handgelenk, mit der sich Omantra bemerkbar machte.

“Daina fragt an, ob sie mit dir sprechen darf.”, sagte Omantra in ihrem Ohr.

Das war neu. Niemals hatte sie jemand anderes als Familienmitglieder angerufen. Sie war zugleich neugierig und ängstlich. Sie kannte Daina doch kaum. Und mit einer Person zu telefonieren, die ihr so fremd war, kam ihr unheimlich vor, vor allem, weil sie das Gesicht dazu nicht sehen konnte, oder die direkten Reaktionen nicht. Aber sie könnte es ja probieren, und vielleicht abbrechen, wenn es schlecht wäre, überlegte Myrie.

“Soll ich ihr sagen, dass du nicht möchtest?”, fragte Omantra.

Myrie machte die Geste für nein.

“Möchtest du den Anruf entgegen nehmen?”, fragte Omantra.

Myrie zögerte noch einmal kurz, dann gab sie durch eine andere Geste ihr Einverständnis.

“Hi, Myrie!”, hörte sie Dainas Stimme.

Sie klang freudig und etwas aufgeregt. Myrie lächelte. Dann aber sagte Daina nichts mehr und es blieb still in der Leitung. Myrie fragte sich, was sie sagen sollte.

“Bist du da?”, fragte Daina.

“Äh, ja.”, sagte Myrie.

“Ah, gut! Ich wollte fragen, ob du Lust hättest, dich heute mit uns zu treffen. Wir haben vor, eine Etappe Schatzvulkan zu zocken.”

Was in aller Welt sollte sie darauf antworten. Was war Schatzvulkan? Wer waren wir? Gefühle überfluteten sie und sie hatte nur den Gedanken, dass es zu viel war. Aber dann beruhigte sie sich wieder ein Stück weit.

“Ich habe keine Ahnung, was Schatzvulkan ist.”, sagte Myrie.

Wenn sie wüsste, was das war, könnte sie das vielleicht eher entscheiden.

“Du hast noch nie von Schatzvulkan gehört? Oder meinst du nur, du hast es noch nie gespielt. Es ist schon ein recht bekanntes Abenteuer.”, fragte Daina.

“Ich habe noch nie davon gehört.”, murmelte Myrie kleinlaut.

“Oke.”, sagte Daina und zog dabei die letzte Silbe etwas länger, als müsste sie nachdenken. “Es ist ein semirealistisches Etappenabenteuer. Kannst du mit dem Begriff was anfangen?”

Myrie schüttelte den Kopf, bis ihr einfiel, dass Daina das ja nicht sah, und verneinte dann.

“Es ist ein Abenteuer, dass, nun ja, in Etappen eingeteilt ist, also so Abschnitte, verstehst du?”

“Was meinst du mit Abenteuer in diesem Zusammenhang?”

“Äh, ein Spiel, ein Abenteuerspiel. Also so mit Kämpfen und Hindernisse überwinden, zum Beispiel durch Klettern, und Geschicklichkeitsparkouren mit dem Ziel etwas zu finden oder zu erreichen. In diesem Fall einen Schatz zu finden. Soweit klar?”

Daina war geduldig. Myrie glaubte, einigermaßen begriffen zu haben, worum es sich handelte. Vielleicht hatte sie sogar so etwas in der Art vor ein paar Jahren mal probiert, aber es hatte sie völlig überfordert und ihr nicht sonderlich viel Spaß gemacht. Besonders gegen Monster kämpfen war nicht so ihrs gewesen. Sie war sich nicht sicher, ob sich daran etwas geändert hatte. Und vor allem hatte sie Angst, dass sie Daina nur ein Klotz am Bein sein würde, dass Daina verstehen würde, dass mit Myrie nicht viel anzufangen wäre, wenn sie mitspielte, und dann kläglich scheiterte und womöglich der ganzen Gruppe zum Nachteil würde. Auf der anderen Seite wollte sie Daina kennen lernen, konnte aber womöglich in Dainas Augen auch uninteressant werden, wenn sie einfach ablehnte. Außerdem war Myrie auch neugierig. Am besten, sie sammelte noch mehr Informationen für die Entscheidung und warnte vor.

“Ich habe sowas vielleicht einmal probiert, zu spielen. Das ist aber lange her. Ich hatte mit dem Kämpfen Schwierigkeiten und bin eher unsicher, ob du oder ihr da wirklich Spaß mit mir haben würdet.”, gab sie also zu bedenken.

“Dazu sind wir ja zu mehreren. Das Kämpfen übernehmen dann eher Theodil und Gafur und teilweise auch ich. Ich dachte, du könntest uns mit deinen Kletterkünsten behilflich sein. Außerdem brauchst du keine Angst zu haben, uns zu enttäuschen. Wir probieren eine Etappe mit dir aus und gucken, ob du die Gruppe gut ergänzt, und wenn es nicht klappt, klappt’s halt nicht und wir spielen danach wieder ohne dich und ich spiele dann vielleicht mal was anderes mit dir. Vielleicht stellt sich ja auch raus, dass du lediglich Training brauchst. Dann würde ich mit dir trainieren und du würdest dann später wieder einsteigen. Also wenn du Lust hast. Wenn du keine Lust hast, dann natürlich nicht.”

“Also klettern kann ich wohl.”, überlegte Myrie, aber die Unsicherheit war deutlich in ihrer Stimme zu hören. Sie versuchte Ordnung in ihrem Kopf zu machen, eine sinnvolle Entscheidung zu fällen. “Ich habe immer noch nicht so wirklich eine Vorstellung, auf was ich mich einlassen würde.”, sagte sie schließlich.

“Dann komm doch am besten zu mir und ich erzähle dir mehr dazu? Oder du probierst es einfach aus, was soll schon Schlimmes passieren.”, schlug Daina vor.

Wenn du wüsstest, dachte Myrie im Stillen.

“Was meinst du mit zu dir kommen?”, fragte sie aber stattdessen.

“Ähm, also du gehst in dein Spielzimmer und nimmst meine Einladung an, in meine Virtualität zu gehen. Es ist ein langweiliger Raum mit Sofa und so.”, erklärte Daina. Sie war dabei beinahe ein bisschen harsch.

“Ich bin gerade nicht in der Nähe eines Spielzimmers.”, sagte Myrie eingeschüchtert.

“Oh. Ist das Kaff, in dem du wohnst, so winzig, dass nicht einmal jeder Haushalt ein Spielzimmer hat?”, fragte Daina und sie sprach dabei wieder gelassen.

“Unser Haushalt hat mehrere Spielzimmer sodass wir eigentlich immer ein Spielzimmer allein nutzen können, nur mein Papa hat kein eigenes. Der geht nicht gern in Virtualitäten, nur, wenn er mit seinen Kindern telefonieren möchte. Und dann ist ja auch immer eins frei, weil ja das entsprechende Kind nicht da ist. Aber ich bin gerade nicht zu Hause.”, entgegnete Myrie.

“Wo bist du denn?”, fragte Daina interessiert.

“Im Gebirge.”, sagte Myrie.

“Theodil, sie ist gerade nicht in der Nähe eines Spielzimmers, weil sie im Gebirge ist. Ist das nicht cool?”, fragte Daina. Sie richtete sich offenbar an eine andere Person.

Myrie wurde heiß und wagte nichts mehr zu sagen. Konnte diese andere Person sie hören, schon die ganze Zeit?

“Theodil meint, wenn du uns hier nicht einen vom Schnorch erzählst, dann könntest du ein Gewinn für uns sein. Das sag ich ja schon die ganze Zeit.”, sagte Daina.

“Kann Theodil mich hören?”, fragte Myrie.

Wenn er sie die ganze Zeit schon hatte zuhören können, schadete diese Frage auch nichts mehr.

“Nein, dazu müsstet ihr euer gegenseitiges Einverständnis bekunden.”, sagte Daina. “Er hört nur meine Seite des Gesprächs bislang.”

Myrie atmete erleichtert auf. Sie wusste eigentlich gar nicht genau, was sie dagegen hatte, dass eine fremde Person sie hören könnte. Es würde sie lediglich sehr anstrengen. Aber besonders hätte sie wohl der Umstand gestört, dass es ohne ihr Wissen passiert wäre.

“Oh, Theodil sagt er wäre einverstanden, dass du ihn hörst.”, sagte Daina.

“Du müsstest mich also nun hören.”, hörte Myrie eine ruhige Stimme, die tiefer war, als sie es erwartet hätte, aber auch nicht außerordentlich tief.

“Bist du auch damit einverstanden, dass Theodil dich hört?”, fragte Daina.

Myrie überlegte kurz. Aber nun, da sie Theodil hörte, hatte sie das dringende Gefühl, es wäre sehr unhöflich, es andersherum abzulehnen.

“Oke.”, sagte sie.

“Sag noch einmal was.”, forderte Daina sie auf.

Was sollte sie denn sagen. Nun, da gleich zwei sie hören würden, war Myrie ziemlich nervös. Sie begann schon wieder, heißen Schweiß auf dem Gesicht zu spüren, der sofort abkühlte. Wäre sie nicht in ihrem Schlafsack gewesen, hätte sie sicher kurz gezittert.

“Hat sie kein Einverständnis gegeben?”, fragte Theodils Stimme.

Er fragte sachlich und schien nicht verärgert. Vielleicht hätte sie sich das doch erlauben können.

“Doch hat sie.”, widersprach Daina.

“Ich bin nur so nervös.”, gab Myrie schließlich zu. “Mit zwei Leuten reden ist anstrengend.”

“Ich kann dich vielleicht beruhigen, Myrie. Theodil ist nicht die redsamste Person.”, sagte Daina.

“Myrie. Das ist ein schöner Name.”, sagte Theodil in seinem ruhigen, weichen Tonfall.

Er sprach den Namen, wie Lyria Rune, mit dem gerollten r, dass gleichzeitig etwas von einem l hatte. Und der Name klang etwas länger, wenn er ihn sprach, als würde er jede Silbe einzeln etwas mehr betonen, als es sonst Leute taten. Und das klang ziemlich schön, fand Myrie.

“Der Name stammt aus den Meervolkstrukturen. Es ist eine verschliffene Form von Marlyrie und bedeutet so viel wie Meeresgesang oder Meereslied. Für das Meervolk gehörte zu dem Begriff Gedicht auch, dass es eine Melodie hatte. Teils sind die alten Gedichte des Meervolks sogar ohne Sinn ergebende Texte oder sogar ganz ohne Texte, rein melodisch, und werden von einem Chor gesungen.”, erzählte Theodil weiter.

“Und nun werde ich direkt Lügen gestraft.”, sagte Daina. “Also meistens ist Theodil recht still, es sei denn, er findet es passend, andere an seinem unendlichen Wissen teilhaben zu lassen.”

“Aber das ist interessant.”, erwiderte Myrie. “Das wusste ich nicht.”

Ihr gefiel ihr Name plötzlich noch viel mehr und sie fragte sich, was Heddra wohl mit dem Meervolk zu tun gehabt hatte, oder ob sie einfach den Namen schön fand. Ob sie auch Meeresvirtualitäten gern gehabt hatte? Wahrscheinlich, aus den Erzählungen ihres Papas schließend, nicht. Heddra hatte insgesamt reichlich wenig Elektromagnetisches in ihrem Leben verwendet. Vielleicht war sie aber mal real am Meer gewesen. Ja das war nicht unwahrscheinlich.

“Weißt du Ähnliches über den Namen Heddra?”, fragte Myrie.

“Also ich weiß etwas über den Namen Heddra, aber Ähnliches ist das nicht.”, antwortete Theodil.

“Was weißt du denn?”, fragte Myrie.

An sich hätte sie das sicher selbst recherchieren können, oder Omantra fragen können, aber es war gerade so schön, einfach die Person zu fragen, die ihr etwas über ihren Namen erzählt hatte. Sie war bisher nie auf den Gedanken gekommen, über Namen nachzuforschen.

“Der Name Heddra taucht als erstes in der Geschichte zur Zeit der großen Orkkriege auf.”, begann Theodil zu erzählen. “Heddra, die Brutale, hat ein Heer angeführt, dass zum einen dafür bekannt ist, über eine Dauer von mehreren Jahrzehnten Dörfer dem Erdboden gleich gemacht zu haben, und sogar ein paar nicht ganz kleine Städte, und zum anderen dabei, wie ihr Name sagt, außerordentlich brutal zu sein. Sie war geschickt in der Planung und gut im Einschätzen, ob sie einem Dorf gewachsen waren oder nicht, und sie hat gern gequält und gefoltert. Nicht etwa, um Informationen zu erhalten, das war nur ein Nebeneffekt, sondern weil sie die Schreie liebte und die Geräusche und…”

“Mach es nicht zu ausführlich, sonst kriegen wir Alpträume.”, unterbrach ihn Daina.

Myrie war dankbar dafür. Von dieser kurzen Beschreibung würde sie wahrscheinlich schon unschön träumen oder zumindest in hässlichen Gedanken gefangen sein, sobald sie dieses Gespräch in ihrem Innern wiederholen und aufarbeiten würde.

“Ah, richtig. Da war ja was. Nun, aber zu eurer Beruhigung, es hat noch einige Heddras gegeben.”, fuhr er nun fort. “Meine Lieblings-Heddra hat ganz im Gegensatz zu Heddra, der Brutalen, eine Friedensbewegung angeleitet. Sie war ebenfalls ein Ork und hat zur Zeit der großen Friedensbewegungen auf der einen Seite stets versucht, zunächst zwischen Elben und Orks eine Kommunikationsbasis zu etablieren, später dann auch zwischen Menschen und Orks, und auf der anderen Seite hat sie ganz schön getrollt.”

“Das Orks Trolle sind, ist ja allseits bekannt.”, sagte Daina, – Myrie war das mal wieder keineswegs bekannt und sie war sich nicht ganz sicher, was damit gemeint sein sollte. “Aber lass uns doch mal zurück zum Thema kommen, nicht?”

“Sicher.”, sagte Theodil. “Also ich bin hier noch bis am frühen Nachmittag Jahrzehnt der Fraktalfrösche zocken. Wir können gern irgendwie warten, bis Myrie am Start ist, wenn das nicht erst heute Nacht der Fall ist.”, sagte Theodil.

“Myrie ist sich noch nicht ganz sicher, ob sie will.”, entgegnete Daina.

“Ja, da war ja was. Vielleicht macht ihr das bis zum frühen Nachmittag aus, und wir klären dann, abhängig von der Entscheidung, ob wir Myrie mitnehmen, oder wieder nur zu dritt sind?”, fragte Theodil.

“Von mir aus geht das klar. Myrie, wie lange brauchst du denn zu deinem Spielraum, und möchtest du mit mir über Weiteres reden und dann vielleicht entscheiden, mitzumachen?”, fragte Daina.

Das waren ein ganz schöner Haufen Fragen, in denen so viel Unsicherheit steckte. Aber Myrie gab sich große Mühe, alles in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen und zu beantworten.

“Ich brauche vielleicht eine Stunde, wenn ich mich beeile. Und dann denke ich, können wir uns gern in deiner Virtualität treffen und darüber sprechen. Das ist ja noch nichts Endgültiges, oder?”, sagte sie schließlich.

“Genau. Oke. Dann melde dich einfach bei mir, wenn du da bist. Ja?”, sagte Daina.

“Oke.”, antwortete Myrie.

Sie zitterte am ganzen Körper, als sie sich aus ihrem Schlafsack schälte, um aufzubrechen, so aufgeregt war sie. So konnte sie unmöglich sicher dort hinunterklettern. Daher machte sie ein paar Atemübungen und Achtsamkeitsübungen um sich zu beruhigen. Sie durfte nur nicht so viel Zeit damit verschwenden, sie hatte sich für in einer Stunde angemeldet. Die Zeit war schon knapp bemessen und baute darauf auf, dass alles halbwegs glatt lief. Dieser Druck, den sie sich machte, half natürlich wenig beim Fokussieren auf ihre Übungen. Schließlich bat sie Omantra um Hilfe und die KI erklärte ihr erst einmal, dass Sicherheit vor Pünktlichkeit ginge und sie sicher nicht genau eine Stunde versprochen hatte, bevor sie ein paar weitere Fokussierungsübungen einleitete.


Als Myrie auf sicherem Boden ankam, war schon viel zu viel Zeit vergangen, und Myrie rannte den Bach entlang zum Haus zurück. Sie rannte sonst eigentlich nur für kleine Sprints oder aber, wenn sie wütend oder übermäßig emotional war, und dann auch nur um diese Emotionen abzubauen und nicht um ein bestimmtes Ziel in einer bestimmten Zeit zu erreichen. Das Rennen hatte den Nebeneffekt, dass es gegen ihre Aufregung etwas half, aber nicht gegen die Angst, weil die komplizierte Situation noch vor ihr und nicht hinter ihr lag. Sie rannte sozusagen auf sie zu und nicht von ihr weg. Und so lernte sie während des Rennens das Gefühl kennen, richtig aus der Puste zu sein, und wie die Belastung in ihren Beinmuskeln zerrte, und gab aber das erste Mal in ihrem Leben über längere Zeit dem Drang nicht nach, aufzuhören und sich auszuruhen. Da Omantra auch nicht Stopp sagte, schienen ihr Puls und ihr Blutdruck dabei noch im Rahmen zu sein.

Schweißnass erreichte sie das Haus, in dem sie groß geworden war, und stürmte hinein. Sie stolperte direkt weiter in ihr Spielzimmer, und machte die Tür zu, gerade noch wahrnehmend, dass Ahna aus der Küche kam, die sie wohl begrüßen wollte. Das musste warten.

Sie zog sich eilends ihren EM-Anzug an, der noch ordentlich gefaltet in einer ihrer Taschen verstaut gewesen war, weil sie nicht damit gerechnet hatte, ihn heute zu brauchen, und stülpte sich die VR-Brille über.

“Omantra, kannst du Kontakt zwischen mir und Daina herstellen?”, fragte Myrie.

“Bin dabei.”, antwortete Omantra.

Myrie bewunderte immer wieder Omantras Fähigkeit zu entscheiden, wann sie ‘können’ im Sinne von einfach nur hypothetisch können meinte, und wann sie die Umsetzung direkt wollte.

“Bist du nun im Spielzimmer?”, fragte Daina.

“Ja.”, antwortete Myrie atemlos.

“Möchtest du zu mir in mein virtuelles Zimmer kommen?”, fragte Daina.

Sie klang dabei beinahe ehrerbietig, wie Leute in Ahnas Filmen, die sich Eheversprechungen machten. Zumindest war das der beste Vergleich, der Myrie dazu einfiel.

“Ja.”, sagte Myrie.

Im nächsten Augenblick stand sie in einem quadratischen Raum, ähnlich groß wie ihr Viererzimmer in der Schule, nur, dass nicht vier Betten darin standen, sondern zwei Sofas und ein großer Schreibtisch, so groß, dass zwei Leute daran Platz finden konnten. Fast senkrecht zum Schreibtisch waren vier Textflächen angebracht, die auf schwarzem Hintergrund in größtenteils mattgrüner Schrift ein Textmuster zeigten. Einige Worte waren fett, andere andersfarbig, aber im wesentlichen war es ein grünes Schriftbild. Keine Zeile war besonders lang und der Text ergab ein hübsches Muster, wie ein Gedicht, aber Myrie verstand kein Wort von dem, was da stand.

Vor den Textflächen waren auf dem Schreibtisch mächtige Tastaturen eingelassen, so überladene, wie Myrie sie nie zuvor gesehen hatte. Und vor dem Schreibtisch auf einem der beiden Schreibtischstühle, die dort standen, saß Daina im Schneidersitz. Zumindest nahm Myrie an, dass es Daina war, wer hätte es sonst sein sollen. Aber sie sah gar nicht richtig aus, wie Daina. Sie wirkte wie ein Mensch in Lobbudgröße und mit Lobbudfüßen. Ihre Haare hatten eine ähnliche Farbe wie in der Realität, vielleicht eine Spur rötlicher, aber sie waren etwas länger und in einem strammen Dutt zusammengefasst.

Von der Zimmerwand, die sie bisher noch nicht betrachtet hatte, drang eine leicht unangenehme Geräuschkulisse zu ihr. Eine dominante Stimme sprach in der Art, wie Moderierende sprechen. Myrie hatte nie wirklich Sinn für so etwas gehabt. Sie wendete den Kopf dorthin, wo sie durch die Wand auf eine dreidimensionale Kulisse sehen konnte. Ein Elb in einem die weiche Figur betonendem Glitzerkostüm, vielleicht gerade erwachsen, hing kopfüber von der Decke, an einem Mechanismus, der sich langsam drehte, vielleicht eine Umdrehung in der Minute. Die Person war damit beschäftigt, mit verbundenen Augen ein hölzernes Logikpuzzle zu lösen. Wenn es fertig zusammengesteckt wäre, würde es in eine Öffnung passen, die vor ihr war, die sie aber nicht sehen konnte. Vielleicht hatte sie sie vorher ertastet. Myrie vermutete, dass sie vielleicht fallen gelassen werden würde, wenn sie nicht rechtzeitig fertig wäre, und dass ihr geholfen würde, wenn sie den Gegenstand in die Wand gesteckt hätte. Myrie fing sofort an, mitzufiebern, und konnte ihre Augen nicht vom Spektakel lösen. Ihr war klar, dass es sich insgesamt um eine Reportage handelte.

“Ist das live?”, fragte Myrie.

“Ja! Ich liebe es! Es ist einer der vielseitigsten und herausfordernsten Wettkämpfe überhaupt. In dem Teil hier geht es darum, dass eine Spielgruppe ein Spiel durchspielen muss, das eine andere Spielgruppe entwickelt hat!”, schwärmte Daina.

In diesem Moment ließ der Elb ein Einzelteil seines Logikrätsels fallen.

“Oh Mist.”, sagte Daina, klang dabei aber fast sachlich.

“Das ist wohl daneben gegangen! Auf ein Neues für Danael Streichholz.”, sagte die Moderation, und noch während Danael samt Seil herunterfiel, wechselte die Szene zu einem Raum, in dem die moderierende Person saß und in deren Hintergrund verschiedene Gucklöcher in andere Welten waren. “Aber dieser Rückschlag gibt uns Gelegenheit kurz von einer weiteren Gruppe zu berichten, die es geschafft hat, eine Teilnahmeurkunde zu ergattern! Wir begrüßen Lunosch Limbus und seine Mutter, die ihn begleitet, weil er noch nicht einmal volljährig ist! Das wird ein junges Jahr in der neuen Runde des Spiels!”

Daina machte eine Geste und die Wand schloss sich. Es war plötzlich völlig still. Wahrscheinlich war es normal still, aber durch den Kontrast zu dem Moment davor, empfand es Myrie als stiller als lange zuvor, sogar stiller als im Gebirge. Da war wenigstens Wind, Geraschel und Vogelgeschrei zu hören.

“Was willst du wissen?”, fragte Daina und betrachtete Myrie. Aber bevor sie eine Antwort bekam, fuhr sie schon mit einem anderen Thema fort: “Du siehst ja fast genauso aus, wie real. Darf ich an dir ein wenig herumbasteln?”

“Äh, kann dabei was passieren?”, fragte Myrie irritiert. Sie fühlte sich von beiden Fragen überwältigt.

“Nein. Du kannst jederzeit dein Einverständnis widerrufen, dass ich an deinem Erscheinungsbild basteln darf, und du kannst jederzeit dein jetziges wiederherstellen.”

“Oke. Dann darfst du.”, sagte Myrie.

Das war spannend. Sie hatte ja schon oft versucht, ihr Äußeres so anzupassen, dass sie vielleicht eher akzeptiert würde in neuen Virtualitäten mit anderen. Einmal hatte sie ihre Schwester daran basteln lassen, aber die kannte sie ja auch gut, wie sie war. Sie war außerdem sogar der Meinung, dass Myrie sich am besten auch so gab, wie sie war. Aber Daina kannte sie kaum und hatte von sich aus Interesse da etwas dran zu arbeiten.

Daina war schnell. Myrie hatte nie jemanden so schnell und mit so gezielten Bewegungen etwas so Kompliziertes wie das Anpassen einer äußeren Erscheinung bewerkstelligen sehen. Daina änderte nichts an ihrer Körpergröße oder ihrer Statur. Auch nicht an der Konsistenz ihrer Haut. Aber sie änderte die Farbe ihrer Kleidung auf einen rötlich braunen Farbton. Ihre Haare entfernte sie ganz. Ihr Gesicht machte sie etwas glatter und runder und ihre Augen dunkelrot. Sie fügte ihrer Weste Ärmel hinzu, die aber durch einen breiten Schlitz trotzdem die Schulter freiließen. An den Rändern der Kleidung brachte sie hellere, abstrakte Muster an. Dann ergänzte sie zu dem Gürtel mit dem Seil, das Myrie sogar in der Virtualität dabei hatte, einen zweiten Gürtel, der sehr robust wirkte, und einige steife Schlaufen nach außen bildete, in denen Daina dahineinpassende Gegenstände ergänzte: Einige Flaschen und ein kurzes, scharfes Messer, sowie ein handliches kleines Beil.

Die ganze Zeit über konnte sich Myrie in einem Spiegel sehen, der sie nicht etwa nur von vorn, sondern jeweils aus Dainas Blickwinkel zeigte. Sie sah nun aus, wie ein kleiner, verteidigungsfähiger Ork, fand Myrie. Irgendwie gefiel ihr das. Es war so verwegen. Ihre Gesichtszüge wirkten düsterer, ihr Blick hatte im entspannten Zustand schon etwas Bedrohliches an sich.

“Gefällt es dir?”, fragte Daina.

Myrie nickte. Endlich konnte sie nicken und musste die Antwort nicht aussprechen.

“Kannst du diesen Rucksack tragen, oder ist der zu schwer?”, fragte sie und deutete auf einen Rucksack neben Myrie, der gerade materialisierte.

Myrie hob ihn an, stellte fest, dass er schon nicht ganz leicht war, aber dass es wohl ginge, und setzte ihn auf. Sofort machte sich Daina daran, ihn anzupassen, bis er perfekt saß, ohne sie dabei zu berühren. Myrie hörte eine Tür aufgehen, während Daina um sie herum ging, und blickte sich um, aber der Raum hatte keine Tür.

“Kannst du denn wenigstens wenn du da bist, Zeit mit mir verbringen?”, hörte sie Ahnas Stimme und wusste, dass es die Realität war, in der die Tür aufgegangen war.

“Später, ich bin angerufen worden.”, sagte Myrie.

“Jemand aus deiner Familie?”, fragte Daina, die keine Ahnung hatte, was in Myries Realität passierte.

Myrie nickte.

“Nun, ich würde sagen, du bist ausgestattet. Wenn du so kurz nach Mittag wieder aufschlägst und mitmachen willst, würde ich mich freuen. Und solange kannst du ja deine Familie beglücken.”

“Aber ich weiß doch immer noch nicht, worauf ich mich einlasse!”, erwiderte Myrie.

Sie hörte, wie die Tür wieder geschlossen wurde und lugte kurz unter ihrer Brille hindurch, um zu sehen, ob Ahna wirklich weg war, oder die Tür nur von innen geschlossen hatte. Aber sie war gegangen.

“Mach dir da nicht so viele Gedanken. Probier es einfach. Wenn es nichts für dich ist, loggst du dich halt wieder aus. Ich bin dir dann nicht böse, und die anderen zwei können dir ja egal sein, ihr kennt euch ja nicht.”, sagte Daina.

“Es ist mir aber nicht egal. Ich kann so vieles nicht so gut. Was, wenn ich nur ein Klotz am Bein bin.”, zweifelte Myrie.

“Dazu ist es ein Teamspiel. Alle von uns können irgendwas besser und etwas anderes schlechter. Es ist so gedacht, dass wir einander unterstützen, und du hast krasse Fähigkeiten, die uns weiterhelfen können, das habe ich gesehen!”, motivierte Daina weiter.

“Was meinst du denn außer klettern?”

“Klettern ist nicht einfach irgendwas langweiliges, einfaches. Das ist schon hart großartig! Aber du hast auch mega Reflexe. Du bist mit enormer Wucht aus hoher Höhe gefallen und hast dir ungefähr nichts getan.”

“Fallübungen.”, murmelte Myrie.

“Sag ich ja.”, sagte Daina. “Mega Reflexe!”

“Und die bringen euch was?”, fragte Myrie immer noch skeptisch, aber auch irgendwie gespannt.

“Ja!”, antwortete Daina. Sie war wieder ein klein wenig genervt.

“Oke.”, erklärte sich Myrie einverstanden. “Ich probiere das.”

“Super!”, rief Daina glücklich. “Dann bis nachher!”