Content Notes:

Amputierte Gliedmaßen, Eine Entsprechung zu Misantropie.


Die Schattenmuräne

Smjer

Ihm fiel nichts ein, was ein gutes Gegenstück eines Holzbeins für eine fehlende Fluke gewesen wäre. Das war der erste Gedanke, der Smjer durch den Kopf ging, als ihm klar wurde, dass er vielleicht als Pirat in die Geschichte eingehen würde. Vielleicht. Wenn Geschichtsschreibende nicht finden würden, dass Piraterie und Nixendasein sich gegenseitig ausschlössen. Ein an stereotypische Vorstellungen angepassteres Erscheinungsbild durch eine einfache Prothese am Ende seines Fischschwanzes, wo ihm besagte Flosse fehlte, wäre dahingehend möglicherweise ja zuträglich gewesen. Eben etwas in Richtung fußloses Holzbein oder Hakenhand. Eine Nixe mit einem Haken statt Heckflosse mochte schon einen makaberen Eindruck machen. Aber ein Haken am Ende des Fischschwanzes hatte einfach nicht den richtigen Flair. Vielleicht dann eher ein Rechen, eine Harke oder eine Sense.

Smjer hatte schon Prothesen ausprobiert, die einigermaßen wie eine Fluke aussahen, die sogar aus weichem, flexiblem Material waren, das dem Wasser ähnlichen Widerstand bot, wie seine Fluke es damals getan hatte. Es fehlte natürlich das Gefühl in der Fluke. Und noch so einiges war anders. Es war schon gute Technik, durchaus. Smjer hatte eine Zeitlang damit schwimmen geübt. Aber eigentlich war er auch schon vor dem Vorfall, bei dem er seine Fluke verloren hatte, nicht so übermäßig begeistert vom Tauchen und Schwimmen gewesen. Für dieses Landsvolk mochte das ungewöhnlich klingen. Dass eine Nixe nicht so gern schwamm. Aber schwimmen war ja auch nicht schwimmen. Smjers Sprache kannte dafür viele Worte. Schwimmen war so wenig schwimmen, wie laufen, gehen, spazieren oder rennen dasselbe waren. Die Schwimm-Entsprechung eines gemütlichen Spaziergangs fand Smjer jetzt gar nicht so übel. Aber für ein Spazierschwimmen brauchte Smjer keine Prothese. Zumindest nicht, wenn andere ihr Tempo für ihn ein wenig anpassten, wofür sich sein Umfeld gern die Zeit nahm. Das ging dann auch ohne Prothese. Um dazu ausreichend Schwung unter Wasser zu bekommen, war sein Körper geschmeidig und wendig genug. Robben hatten ja auch keine Fluke und tauchen lief bei ihnen super.

Smjer hatte Technik und Bauwerk studiert. Schwerpunkt Schiffsbau und Optik. Er hätte nicht unbedingt damit gerechnet, dass er als Schiffsmechanikeran auch gefragt werden würde, Teil der Crew zu werden, aber als der Bau der Schattenmuräne abgeschlossen war, deren Konzept, Entwurf und Bau zu einem großen Teil sein Verdienst war, war genau das passiert.

“Es spricht nichts dagegen, an Bord an Entwürfen für den Bau weiterer Schiffe zu arbeiten?”, fragte er.

Kamira schüttelte den Kopf. Er stellte den Nixenanteil der Crew zusammen. Es war das erste Hybridschiff der Geschichte. ‘Hybrid’ bedeutete, dass neben Nixen auch Fußvolk an Bord kommen würde. “Im Gegenteil.”, sagte Kamira. “Ein Hybridschiff zu fahren, ist für uns alle eine neue Erfahrung. Ich stelle mir vor, dass es sehr hilfreich für weitere Projekte ist, wenn die hauptverantwortliche Person für den Bau die Informationen, wie es funktioniert und wie sich das Schiff verhält, direkt miterlebt und nicht erst aus zweiter Hand erfährt.”

“Da ist was dran.”, brummte Smjer. “Dann baue ich die ganze Takelage gar nicht erst ab, mit der ich gut über das Deck tanzen kann.” Er hatte einen Haufen Seilwinden angebracht, sowie während des Baus auf fast jedem Deck einen Rollstuhl und mehrere Rollbretter platziert, um sich rasch fortbewegen zu können. Rollbretter, mit denen er sich mit den Händen auf dem Boden Anschwung gab, und die höhenverstellbar und kippbar waren. Die meisten Nixen robbten an Land, das reichte. Auf Schiffen hatten sie natürlich Rollsitze und Gurte. Auf den Schiffen, die keine Hybridschiffe waren, gab es nicht so viel Raum, der anders hätte überwunden werden müssen, weil sie eben nur für Nixen gebaut waren. Das Hybridschiff hatte Rutschen. Die Rollbretter, -stühle und Seilwinden waren eine Besonderheit, die er sich eingerichtet hatte, überall einrichtete, wo er arbeitete. Da er sich durch die Vorrichtungen an Land mehr Flexibilität eingerichtet hatte, als für Nixen gewöhnlich, wurde er manchmal auch scherzhaft als Landnixe bezeichnet. Er mochte die Bezeichnung.

“Magst du auch das Vize-Kommando übernehmen?”, fragte Kamira als nächstes.

Damit überraschte ihn Kamira noch mehr. “Was ist damit gemeint?” Er hatte eine ungefähre Vorstellung, aber wollte es genauer wissen.

“Das Kommando über die Schattenmuräne übernimmt Kapitänin Sindra.”, leitete Kamira ein.

“Ein Landsleut.”, sagte Smjer.

Viele Nixen standen dem Hybridprojekt kritisch gegenüber. Mit Landsleuten – oder Fußvolk, wie sie es oft nannten – zusammenzuarbeiten, hatte sich eher selten als gute Idee herausgestellt. Das Fußvolk war sich seiner Übermächtigkeit allein durch ihre Menge, aber auch durch die vielen gelebten Kulturen des Besitzens, nur allzu bewusst. Nicht jedes Landsvolk lebte so eine Kultur, aber die Ausnahmen waren nicht ohne Grund unscheinbarer. Und es gab auch innerhalb der Landbevölkerung starke Uneinigkeiten und Auseinandersetzungen. Politik war komplex. Es war nicht so, dass sich Nixen zwangsläufig daraus heraushalten wollten. Aber Vereinigungen hätten bereits Kompromisse dargestellt, die sie nie hätten guten Gewissens eingehen wollen. Und das Bewusstsein der Dominanz war auch bei den meisten Landsleuten da, die sich gegen das eigene System stellten und sich für Nixen interessierten. Es war oft ein wissenschaftliches Alles-Wissen-Wollen-Interesse und ein Beschützeninstinkt dabei, die in der Beziehung überwogen.

Das Hybridprojekt war aber ein politisches Projekt zum Schutz eines Kontinents vor der Vereinnahmung durch besagtes habgieriges Fußvolk, das für alle Beteiligten, auch für die Landsleute, über eine Neugierde hinausging. Die Landsleute, die sich hierfür gefunden hatten, waren von vornherein Leute, denen es um die Sache ging: die Verteidigung des Kontinents Grenlannd. Die Verteidigung der Natur und Luft-, Land- und Wasservölker dort. Ohne den Kontinent je zu besuchen, einfach mit dem Wissen, dass es dort eine schützenswerte Welt gab.

Die Landsleute verzichteten außerdem mit dem Beitritt des Projekts darauf, je wieder an Land zu gehen. Sie waren eher aus Sicherheitsgründen zu dieser Übereinkunft gekommen, weil auf diese Weise viel schwieriger verratende Informationen an Land getragen werden konnten, aber es hatte den Nebeneffekt, dass zwischen dem Fußvolk-Anteil der Crew und den Nixen ein ausgeglicheneres Machtverhältnis bestehen würde.

Smjer konnte nicht leugnen, dass er sich gewünscht hatte, Teil einer interkulturellen Crew zu werden, die Landsleute kennen zu lernen und herauszufinden, wie es war, mit ihnen zu arbeiten. Er fragte sich, welche Motive sie hatten, sich für ein Leben vollständig auf See zu entscheiden.

“Entschuldige, ich habe ab meinem Einwurf nicht mehr zugehört, weil ich in Gedanken abgedriftet bin.”, sagte Smjer.

Kamira blickte ihn milde lächelnd an. “Das habe ich bemerkt.”, sagte er. “Ich habe relativ schnell aufgehört zu reden.”

“Bist du sicher, dass ich mich für ein Vize-Kommando eigne?”, fragte Smjer.

“Eigentlich schon.”, antwortete Kamira zuversichtlich. “Ich kenne dich nun schon sehr lange.”

Das stimmte. Kamira hatte eine Ausbildung in psychologischem Beistand und Barriereabbau und hatte Smjer lange Zeit unterstützt, mit sich selbst besser zurechtzukommen. Auch das wäre schön: Die Gespräche taten ihm gut. Wenn er mit Kamira zur See führe, könnten sie sie fortführen.

“Du driftest häufiger in Gedanken ab, ja.”, fuhr Kamira fort. “Aber während der Bauarbeiten warst du immer voll bei der Sache mit einem sehr beeindruckendem Dauerfokus. Du kannst dich über einen ganzen Tag am Stück konzentrieren, wenn es nötig ist.”

Smjer nickte. “Das stimmt auch wieder. Warum bin ich gerade abgedriftet?”

“Weil du Zeit hast, dir über eine komplexe Frage Gedanken zu machen.”, sagte Kamira. “Ich glaube, wenn es nötig ist, dass du das Kommando der Schattenmuräne übernimmst, dann wüsstest du, dass zeitnahe Entscheidungen wichtig sind. Ich glaube, das könntest du sehr gut. Und niemand kennt die Schattenmuräne so gut wie du.”

Smjer grinste und nickte. “Aye.”, sagte er. Dann runzelte er die Stirn. “Sagen wir das jetzt so?”

Kamira lachte warm. “Vielleicht.”

“Ich kann das mit dem Vize-Kommando wohl machen, wenn wir einmal ordentlich darüber reden, was das genau heißt. Was dann alles in meinen Aufgabenbereich fällt, und was Leute von alleine machen.”, beschloss er.

“Natürlich.”, sagte Kamira. “Wir werden eine Einweihungsfahrt und ein paar Testfahrten machen. Erst nur wir Nixen und dann auch mit der ganzen Crew.”

“Aha.”, brummte Smjer, als ihm etwas klarwerden wollte. “Die Notmanöver werden den Landsleuten nicht verraten, bis sie gebraucht werden?”

Kamira lächelte und nickte.